Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1610 (6.8.1923)
- Date
- 1923-08-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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MM W«, Montatz Wiener MoPWttrzjeitULg. S. AuDst 1993 Mmmtt -k 8«gend der Kongreß? Parlamentarismus, Sitzungen, Jntervietvs und fo foTt, find, dies nicht alles Dinge, vor denen wir' unksere jungen Menschen, die wir doch vor allem zu guten Merkchen heranreifen lassen wollen, nicht warnen sollten? Was kann ein jugendlicher von all dem politischen Getriebe begreifen; der Jugend wollen wir Fertiges als „Migcbrachtes" helmlbringen. Die Jugend soll lernen, dann wird sie schon begreifen, daß sie <S nicht nötig hat, am Kongreß „vertreten"' JÄ ftiu. Viole unserer Führer denken, und sprechen fo und sie Hab?» recht. Nur vergessen sie, daß unsere Jugend reicht mit der Jugend der anderen Volker so ohne Ueberlegniig verglichen werden darf. Wir leben noch nicht im eigenen Lande, rinser Parlament. kann sich noch nicht ans Dingo beschränken, wie das eines Volles, das unter normalen Bedingungen lebt. Unsere jungen Menschen evwarton von den führenden Männern ihre Zukunft, denn sic sind bereit, als Soldaten mit «Telle und Pflug auf ihren Posten gestellt zu werden und durchzrchalteu trotz Hunger und Not. 'Schon hören wir wöchentlich den Bericht!?:: Ehalitzim -aus Erez Israel. Keine Verzweiflung, doch oft unverkennbares Nichtverstehen der Säumigkeit in der Galutb. Die Jungen ustd Mädels in der Galuth, sie haben Berufe nn-^?•$?&?», andere ergriffen, alles mn als nützliche Menschen in Erez Israel zu b-estchen. Sill diese horchen angstvoll und gespannt auf Ae Tagung des Kongresses. — Werden Wrmder geschechndk — Kaum. — Vielleicht doch? — Wer Mw vor zehn. Jcchren an die politischen Erfolge von heute'gegitaM. — Auch Är zehn und mehr Jahren kämen Jugendliche zum KonM-eß aus aller Herren Länder, und Basel war für die meisten ein Erlebnis, dessen Bedeutung kaum in Worte zu fassen ist. Waren es die Worle, die Beschlüsse oder gar die Erfolge? Keineswegs. Die Begeisterung und der jugendliche Wille, seine Ideale fast in Wrr-klich'eu verwandelt zu sehen, die ließen eine gefestigte und aufopferungssähige Jugend hennkechren. diicht die Debatten und Reden, sondern das Zusammenkommen der vielen Gleichgesinnten machte damals di« Wirkung auf die. kommende Generation. Freilich dürfe« tze Delegierten nicht vevgaffM, daß ihre ganze Arbeit den jungen Menschen gehören muß. lind dies scheint manchen von uns mit Sorge Mt etf8H«n, der von den kleinlichen Winkelzügen hier mb dort hhrt, der die Berichte liest, in denen die JngeybaEt Woh^bÄvu.ßt toraefchwi-egen wird, und rr must staunen, daß z. B. der deutsche Bericht d« Arbeit des Blau-Weiß, der fast ein Dvistel d?§ Keren Hajesjod in Deutschland aufgebracht hat, uneriwähitt läßt, oder gar von uns in Oesterröi-ch, wo zwar von den „kleinsten K nderu" die Rede ist, die Studentenschaft' söwM als auch d'e Ar-ben der Jugendgruppen aber ,wergessen" wird.' Sicher, dis .Herren sind orientiert über die Konstreßproblemc, sie werden entscheiden über dies oder jenes. Aber es geht um die Zukunft des jüdischen Volkes. Wenn sic beimkabren, so miigan sie wie Heryl sucht nach Basel sagen krmnm: .-Kamen wir nur zuisomuren, um zu weinen, Reden zu halten und anzuhören? .Mi glaube, wir haben in Basel auch etmc? getan." Tie Jungen, sie werden cmshorchen. die Führer mögen sich bewußt sein, daß eine Verantwortung auf ihnen ruht, und daß die jahrhundertealte Nervosität und Unbändi-gkeit des jüdischen Volkes keinen „europäischen" Parlamentarismus verträgt. Einigkeit macht stark, und Cuicrtvei'6eteient hat stets mir „Manschet" versucht, wir fürchten, er ist nicht mähr „Antizionist", und auch das tväre ein Unglück für uns. Nur ehrlichen, aufrechten Menschen n ächz »streben darf fitr die kommende Generation Geltung haben. Ben M o r ch c ch a i. Zwischen unserem in Karlsbad beschlossenen .Programm und unserer täglichen Ver«inSa«LeiL besteht eine unerträgliche Kluft, die in irgendeiner Äeise 'überbrückt werben muß, wenn wir nicht an innerer Halbheit und Inkonsequenz zugrunde gehen wollen. Wir müssen einsehen, daß in Karlsbad — über die mehr oder minder glückliche Fassung kann man streiten — igr Prinzip die einzig folgerichtige Konsequenz aus unserer nationalen Einstellung gezogen worden ist, daß diese Konsequenz eine grundlegende Aenderung unserer täglichen Arbeit fordert, und daß eine Intensivierung unsrer Erziehungsarbeit der Beschlußfassung folgen muß, töemt nicht die jüdische Turn- und Sportbewegung ihren inneren Wert verlieren soll. Bisher begnügten wir uns in jüdischer Hinsicht mit der ^»rdepung des .Bekenntnisfes der Zugehörigkeit zum jüdischen Bdlke. Darüber hinaus glaubten wir, mit einem rein technischen guten Betriebe auch unsere weiteren jüdischen Ausgaben erledigt zu haben. Wir zeigten stolz den Mogen-David bei sportlichen Wettkämpfen und meinten, wir seien Kämpfer für die -Wiedergeburt unseres Volkes allein durch dieses offene Bekenntnis. Aber ist ein Bekenntnis ausreichend, wo nur zielbewußtes Wirken, entschlossene Tat Helsen kann. Gewiß ist dieses offene Bekennen ein ungeheurer Fortschritt, ein menschliches Plus gegenüber der assimilatorischen Einstellung einer unerwünschten Anbiederung oder gar einer feigen Mimikry. Die Tatsache der Existenz einer jüdischen Turn- und Sportbewegung auf gefühlsmäßig nationaler Grundlage ist für jeden, der eine Zukunft b^s jüdischen Volkes wüDcht, wertvoll, da sie ein Lebenszeichen jüdischen Bvllstnms ift. Aber ist diese Leb'ensäuKerung nicht eher ein Aufflackern alter Lebensgeister als ein Zeichen der Erneuerung? Der Traum von dex Wiedergeburt unseres Volkes wird sich als eine trügerische Fat« Mbrgana erweisen, wenn es nicht gelingt, die immer schneller fortschreitende Auflösung unseres Volkes, die Assimilation, zum Stillstand zu bringen. Mit jedem Jahr lockert sich mehr das Band, das rnrsere Menschen mit ihrem Volkstum verbunden hat, wir werben immer unjüdischer, die Wurzeln nyzeres Volkstums verdorren und vertrocknen, und übrig bleibt der entwurzelte haltlose Mensch, der mit dem nachten BeivnMein seiner jüdischen Abstammung von der Gesellschaft in Acht getan und' den.härtesten seelischen .Angriffen btjr Umwelt ausgesetzt ist. Diesen Airgrifferr ist Fair Hagil' adi. Eine Erzählung für unsere Kleinen. Hebräisch von Isaak Herzherg, übersetzt von den Geschwistern Lebensohn. „Bielen Tank dir. pnfchutÄigcZ Täubchen, für deinen guten Willen, allein den Brief kann ich dir nicht über-, geben, denn ich selbst muß den König anflehen, daß er-sich unser erbarme. Wenn du aber Lust hast, kannst du mit mir gehen." „Gerne," antwortete die Taube und flog vor ihm her. So setzte Jair seinen Weg fort, BegMtet von der Daube und der Eidechse. . Zu Mttaq, als die. Sonne gleich einer - brennenden Kugel ihre glühenden Strahlen auf die Erde sandte.und der Weg immer steiler, immer schwieriger Mrde, übermarmie eine plötzliche Müdigkeit. MH Hungrig und durstig war er und konnte nur mühsam wellestgMn. Das berneMe die Eidechse und sagte: „Wie ich' sehe, R-ber Jair, bist du sehr müde und sicherlich auch hungrig, gedenkst du nicht ein wenig zu rasten und ein Stück Brot , zu verzehren? und die. Wahrheit zu sagen, bin auch ich sehr hungrig und darf wohl hoffen, daß du nicht verweigern wirst, auch mir einige Bröcklein zu streuen?" „Mit Vergnügen," erwiderte Jair, streckte sich uHer einem dicht beschatteten Bo.mn« aus das üppige Gvas -hnr, zog aus der Tasche ein« Schnitte Brot und F^en und.hie drei'Freunde nahmen lustig das Mahl ein. Daun sprachen sie über den Weg, den sie noch bis Mn Schloss« des Königs zurückzulegen hatten. -V So ruhten sie eine Aeitlattg, mW als sw im BegvHe waren aufzubrechen, trat ihnen ein Hirsch nrit. gwWr Geweih entgegen. In aller Eile -og.-Iair seinen Botzen, setzte den Pfeil hinein und zielte auf ihn. Im. Nu iüKf)i der Hirsch zur Seite, versteckte sich hinter den dichAen Bäumen und der Pfeil verfehlte sein Zrel. ,?Mru>m willst du mich töten?" f^hte ihn der Hirsch an. „Wenn ich >dir tvelche Dienste erweisen kann, so biwich gerne bereit, es zu tun, nur erbarme dich meiner." . ../Kannst tat mich auf des Königs Schloß bringen?" fragt« Ja«. „Vor Sonnenuntergang sollst tat dort sein, besteige mexnien Mcken, Namsmre dich M an meine Horner, aus daß ulchs " „Ausgezeichnet," rief Mr mit Freuden, Ws wird mit euch fern, umste Mett FLÄrndje^^ Ww er, sich an Are Taube' und an die „Gei unbesorgt," sagte die Taube, „ich habe so lange gerastet, daß ich auch dem schst«ll«-n Laürft des Hirsches Nachkommen werde." „Auch meinetwegen wgge Sargen," rmmte bk Eidechse, ,Mch ich kami'flW sein, wie der Hirsch'." „So wollt ihr d^nn meine BegleitWHw, tzu^l" Und schon faß Jair auf dem Rüchm de^ WWA, kümmerte sich an ftM .MvUer, und rief: «ÄÄt, Wge iem« ’^tt Mudeseile fl^yg er nun aatf dem Rucken des WßW, über Berg und Hügel tatgrn d bockte bald auf die Wechfe. bald aüs die Taube, biW auf tan munteren Hirsch. Noch waren die letzten Strahlen der Sonn« nicht untevgegangen und Iarr stand vor den Toren der Burg. Schnell sprang er vom Hirsch, stverchelte Hn Md sprach: „Bielen Dank, euch mehre teueren Freunde für di« Hilfe und angenehme Gesellschaft, urÄ jetzt gcht, mL Gott sei mi t Ach? „O nein," arstwovieten Me, ,^vßr watzjM,^ bis du zurück bist und wenn dir ehr Unglück Mtohst, ft» rufe uns, wir werden dir nach Möglichkeit beistehe-n." Jair näherte sich' dem Dove und klopfte mit seinem Stock« drei Mal an. Das Fenster in der Mauer öffnet« sich und das zornige Antlitz des Wächters wurde sichtbar. „Wer WW es, die Ruhe des Wlastes zu stören?" ries er. „Ich bin es," erlviderte Jair mit .MnSv zarten Stimnue, „ich habe «men sehr wichtigen Bchesi an den König." Nach einigen AMeMMn Wlvdv das Tvr geräuschvoll geöffnet und 'Jivrr gmy h Dealeitrrüg des Wächters bis zrtnr Palast des Königs. ) mir gewachsen, wer von einer gesicherten jüdischen Äekt« «nschqnung ans feiu Persönlichkeitsbewnßtsein verteidigen wnn- Sonst ist jede nein. Generation rmr eine weiter« Etappe zum baldigen völligen Untergang unseres Volkss. Nur der zioriiftischen Bewegttug mit ihrer Wieder«ctveckuikg des natwimlen LÄlleits ist es bisher gslimgett, ueites Leben und. netten Geist dem absterbenden Volkstum zu erwecke, iriir.die Macht dieser Idee fftttii das jüdische Volk Me dem ilntergang retten. Die Wiedergeburt des jüdischen Volkes ist aber eine Ausgabe von ungeheurer Schtvere. Bedetrtet sie doch, durch inksereu Entschluß den?lblanf der Geschichte nach unserem Willen zu formen. Zwar wurde Geschichte vielfach durch liniere. Entscheiditugen gemacht, und das gilt im hohen Maße von. der jüdischeit Geschichte.?lber nur dann können diese Entscheidungen den Aib'latls der Dinge beeinflussen, wenn sie auch im Leb eit des einzelnen gegenüber den feindlichen EintvirknriZeit sich durchsetzen, wenn sie den Menschen ganz erfüllen. Und da muß itns ganz bewußt werden^ daß die n u b e e i n f l u ß t e E n t w i ck l u n g n n s a ist e auf den Weg der A s s i m i l a t i o it drängt, auch wenn, wir den Schekel zahlen, im Bar Kochüa turnen und. zu Versammlungen lausen. Wir als Zionisten schwimmen ' gegen den Strom, alles was uns umgibt, ist nicht nur Hindernis, sondern Gegenstrom. Die Kraft hiezn ziehen mir. nur aus der Macht der Idee, aus der Erkenntnis und dem Gefühl, daß wir nur aus diesem Wege zu den Quellen nuferes Lebens, zu den Wttrzcln reiner Menschlichkeit Vordringen können. Daher müssen wir fordern, daß diese Erkenntrtis bei den Unseren fest fnridiert und das Gefühl lebendig gehalten wird. Unser Nationalismus ist somit kem Tlngriff aus Andersartige, sondern eine innere Forder n n g an den e i u 5 e l ,r e n. in sich selbü die E l emcnte jüdischen Volkstums auszitbauen und zu pflegen: Kenntnis d e. r h e b r ä i s ch e n S p r a ch e, der jü'di schon Ge sch ichte und Kultur, Bemnßtwerden der Schwer« der Lage unseres Volkes in der Gegenwart, Hingabe und Opsersinn für seine Zukunft sind unerläßliche Forderungen an unsere Jugend. Nationalismus als bloßes Bekenntnis, als Atlsdruck unklarer Empfindungen ist sogar eine .Gefahr, weil er die erforderliche persönliche Entscheidung verhinde^, und verschleiert, weil er die Assimilation mit schonendem Mantel deckt nnb in keiner Weist, zurnckdränot. Die Wiedergeburt des jüdischen Volkes ist keine reife Frucht, die mühelos am Bannt der Erkenntnis gepflückt werden kann. Sie wird die Ernte der Arbeit von Generationen sein, die mit schwerem Qpstr für sie wirken und' ihr im harten Kampf gegen die Kräfte der Welt den Mg bereiten. Ohne dieses Wirken u.ird Streben ist t>m nationales Bekenntnis nur ein totes Schemen, Körper ohne Seele, Worte ohne Tat. Die Geschichte wird über solche; «Schwächlichkeit ihren eisernen Gang gehen, da sie durch Worte nicht zit zwingen ist. Ist es «ine Frage, wie eine Jugend, die nach dem Ganzen strebt, sich' entscheidet? Was soll eine jüdische Turnbetvegung ohne jüdische Zukunft, was soll „die Regenera* 8. Mr in der Kömgsönrg. Nachasch war ein böser und grimmiger König. Er 'hatte ein strenges, finsteres Gesicht. Der schwarzc Bart wchr in Locken gelegt, nach der Sitte der damaligen Könige,, ütä> auf dem Haupte trug er eine goldene Krone. Er saß auf bunten Rauütierhäuten; Mädchen und Knappen, Fürsten und Fürstinnen umringten den König. Cr nahm fein' Abendnrahl ein, und, als Jair eintrat, reichte ihm gerade bat Mundschenk einen Becher Seht. ' Beim Zfirblick des strengen Gesichtes schauderte Jair ZchM, faßte aber bald Mut und ries, indem er iich zu des Königs Füßey warf: °. „Es lebe der König der Arnoniter, die gefirrchtete SDLngel" Der Herrscher leerte 'den Becher und sandte emen dupWkingenden Blick auf den kleinen Knaben, der es er tvchgi Hatte, in sein Schloß zu kommen, und sprach: .„Wer bist du und was bggehrfl du?'" „Mächtiger und großer König." erwiderte Jarr. „ich hm .Jair von Gillad, ein Gesandter deiner treuen Untertasten, Äer Hebräer, Bewohner von Jawesch-Gilüd. Erbarme dich unser, deiner Knechte und erlasse uns die schjörre Steuer, beim wir haben eine schlechte Ernte und , hie Seuche bat die besten unserer Schafe und Mnder weg- . gerafft."... , „Wie?'." rief der König zortrentbrannt und warf den Brief zu Boden, „die Hebräer, diese niedrigen Knechte, verstustgern mir den Tribut? Es ist euer Glück, daß-mein* . Heer jetzt in Raba kainpst, aber schon nach drei Tagen kehrt'es zumck und dann, sollen diese Md'e.rspenstlges.Min« ''staM Mch und nteinen festen Mllett kennen leriten." . -„Du sollst den Tag nicht vor dem A'beird loben!" spvach Jair nmtig, „noch sind dein« Heer« nicht zurück und «wer Iveiß, oL sie zurück sein werbett?" „Wie ivagt es ein schivacher Knabe, solche Worte zu ytir zn sprechen? fürchtest tat, nicht mein Angesicht" erdüste W der König und tzim Augen sprühten Funken. «Ich f$$te Sktzvw MeiWerr, außer den.GöMn, qMwvtetL Am sekbstbeLvußM' I „Und wer ist der Gott, dem du vertrmfft?!"