Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1609 (5.8.1923)
- Date
- 1923-08-05
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1609 ’ Wien, Sonntag Äuiift. Man hörte sagen: „Obwohl ich von europäisch^- Musik nichts derstche, so sichle ich doch, wie diese Töne ins Ohr schleichen und das Herz frei ni'd leicht in-acheu, daß mau in AecherwMeii Zu schweben glaubt." Je nt ehr die K!>instl>er dann nach der Pause noch spalte, desto mehr wuchs, das Interesse der Hörer. Alle Seelen lebten in den Dünen der Geige des Meisters. Je mehr die Stimmung ganz eirhMich wurde, desto klarer und reiuer klang die Geige, so daß. alle Herzen erfreut wurden. Drei BIrmreuWrbe iwtfbcn als Zeichen der Dankbarkeit gespendet und noch vor der Tür war eine Menschenmenge versammeü, die dem Meister mit lallten: Händeklatschen daZ Geleite gab." So war denn dieses Konzert ein großer Erfolg. Und rnan konnte ganz deutlich beobachten, wie die Brücke zwischen Ost und West geschlagen war. Ill steigendem Maße verwandelte sich die höfliche Bowundevung — denn man war dem Meister dan-lbar für die ^nerlenumiH, die dari-r.« lag, das; er auch für C!hi.-nejsen ein Konzert gaib — in spontane Begeisterung. Man kam einander menschlich näher, und als die Blumenspendsir von ganz kleir.en Killern überreicht wurden, die dem: Meister ihre Verbeugung machten, da war Ost und West einig in einem geistigen Kontakt, wie er eben nur von der höchsten Kunst in solch seltenen Momenten erzeug! werden kann-. /, Indischer Bunter.Abend. Heilte Sonntag, 8 Uhr abends, findet im Portragssaai der „Scholle" (Dianabad), 2. Be.;, Luienbrnnngas.se 2, ein Jüdischer Bunter Abend statt, bei bc.nt die Damen Lea We i n t r a n b - G r a s, Cilli Bell und die Herren Isaak Deutsch, Simon Na tan, Michael Preis;, W e i ß m a n n, Adolf S i l!b e r <ft c t n, Mr. B it r t o w n Mitwirken. 'Cs gelangen heitere und ernste Lieder, Kopien berühmter Schauspieler, Alexander Mo isst, Biolinvortägge usw. zur Darbieinng. Karten ab 7 Uhr tu der „Scholle", Przhbyszewski studiert die Kabbala. Der polnische Dichter Stanislaw Przybyszewski, dessen zum Teile a.nch ins Dentschte übersetzte Werke vor etwa zwei Jahrzehnten starke Beachtung fanden und der seitdem ziemlich schweigsam geworden ist. gewährte in Berlin, wo er sich jetzt anshält, dem Mitarbeiter eines Warschauer Blattes ein Interview. Darin sagte er u. a., daß er bei seinem Hang zur Mystik, der sich auch in allen seinen Werken kundgibt, die Mystik verschiedener Völker studiert habe; er sei fVitr Erkenntnis gekommen, daß die Mystik aller Völker 'bedeutungslos und geradezu blaß erscheine gegenüber den reichen Schätzen aus bicfcrn Gebiet, welche die Kabbala enthalte, „und sie studiere ich setzt", fuhr Przybyszewski fort, „jeden Tag büs-ucht mich em innger Rabbi ans Galizien und studiert mit mir, er übersetzt mir die Kabbala ins Deutsche. Nun sehe ich, daß alles Gnostiker und Mystiker K'rrrder sind gegenüber den Meistern der Geheimnisse der Kabbala". Przhbyszewski berief sich für sein Stndium auf einen berühmten Vorgänger, den Vater der polnischen Dichtung Micki-ewicz, der obewfalls mystische Studieauch solche 'jüdischer Mystik, betrieben hat. Aus den Theater». Bvlksoper: Heute Evoffnungsgastspiel des Kammersängers Friedrich Plaschke als Hans Sachs 'in. „Die Meistersinger von Nürnberg". Wiener Morgenzettnng. NEUERSCHEINUNG l FR / E D fl Kg MUC K LE: Oer deist, der jüdischen Kultur und dasAbendland Ein Monumentales Werk des arischen Heidelberger Universitätsprofessors und bekannten Nietzsche-Forschers In den Kam m e rsp ie l en wird als ' nächste Novität der dreioktige Schwank „De r Mu ste r gat t e" von Avery Hopwood, deutsch von B. Pogson, vorbereitet. R e n a i s s a n c e b ü h n e: Heute und die folgenden Tag?, anfangs halb 8 Uhr, „Amor in Nikolsbnrg". Im Apollvtheater finden zurzeit die Arbeiten zur Umgestaltung des Hauses zum Operettenthsater istE Das- Parkett, welches 820 Sitzplätze enthalten wird, wird vollständig nert renoviert, ebenso wird die Bühne den neuesten Anforderungen modernster Bühnentechnik entsprechend umgestaltet. Eröffnet wird diese neue Operetlenbühne Wiens am i. Septem'ber mit der Erstaufführung von Oskar Straus' „T örichte Jungfrau". '_ Gerichtssaal. Eine Ehrenbeleidigungsklage des Bürgermeisters. Innerhalb einer Frist von etwas mehr als einem halben Jahre hat der Bürgermeister Iaikob R e u m a n n. nicht toeniger ats viermal zum Schutz seiner Ehre die Hilfe der Gerichte m Anspruch nchnren müssen. U-vbür die letzte Chrenbeloidigung fand Freitag vor den: Bezirksgericht Fünshrus (Oberlandesgerichtsrat Dr. N e h o d a) die Verhandlung statt. Die von Bürgermeister Reumann durch Rechtsanwalt Dr. .Heinrich Ornstein überreichte Privotklrg^ besagt, daß der Tischlermeister Franz Rnzicka am 19. April d. I. gegen 11 llhr abends in einem Gasthaus ohne jeglichen Grund gegenüber einigen Gästen zu schimpfen begann und unter anderem auch sagte: „Der Reumann, der Gauner, der Rotzbua, der ist unser Bürgermeister!" Alls ihn einer der Gäste zur Ruhe mahnte, äußerte er noch: „Ihr Gauner, haMt's Ihr auch mit dem Schienenputzer, dem Lauskerl und dergleichen." Der Beschuldigte leugnete, diese Ae-ußerungen gemacht zu.haben. Er habe lediglich seinem Unmut darüber Ausdruck. gegeben, daß er mit 14.000 K. gestraft worden sei, weil er mit der Fürsorgeabgabe im Rückstand war.- Diese Strafverfügung sei von; Bürgermeister Reumann unterfertigt gewesen; er war über ihn aufgebracht, doch geschimpft habe er nicht. Der Richter legte den; Beschuldigten gleich zu Beginn der Verhandlung 6. August 1923 _Sette 19 nahe, eine umfassende Ehrenerklärung abzugebcn, wad der Beschuldigte zu' tun ablehnt«, da cr ja den Bürgermeister nicht beledigt habe. Als die Sache für de»; Beschul« . digten einen ungünstigen Verlauf nahm, erAarte er sich schließlich zu einer Abbitte bereit. Der Vertreter des Bürgermeisters erklärte, daß dieser aus einer Bestrafung rücht bestehe, wohl aber auf einer Zurücknahme der gemachten Aeußevungen und zur Zahlung eines Süh n e'b e t rage s. Der aufgeregte Schuster. Der Schuster Adalbert Kroupa ist ein sehr aufgeregter Mensch. Weun er ausgeregt ist, dann ist mit ihm nicht zu spassen-, und er Pflegt in solchen Momenten seine Stimme zu einer Intensität zu steigern, die gewöhnlich mit der Akustik der Räume in keinem Verhältnis steht. Knrz gesagt, er brüllt und tobt, wenn er aufgeregt - ist. Und wie leicht findet ein Mensch nicht Grund zur Aufregung! Da wird zum Beispiel im Hause ein. Gaugfenster zerbrochen. Alle Parteielt im Hanse sagen, die Frau Kroupa hat's gemacht. Herr Kroupa sagt nein, denn er will das Fenster nicht bezahle»!. Man führt ihn zum Hausadministrator'Haier tinä) dort wird der Schuster halt aufgeregt. „Sie Lügner! Die Erpresser!" schreit der Kroupa, weil er eben ttt' ■ Aufregung ist. Der Hausadnrinistrator aber laust zum Kadi und gestern stand Kroupa vor dem Bezirksgericht wegen Chrenbelaidigung. „Ich war halt soviel aufgeregt." Dies ließ der Richter als Mvldcmugsgrund gelten und verurteilte den erregten Schuster zu 50.000 Kronen Geldstra fe. Der Verurteilte will berch-'n,- weil er „zu gereizt" güivescn sei. Eingestiegen, ahcr nicht weggef<chren. Leis,er Hausmann war als Ausländer aus Wien abgeschafft worden. Er hatte sich in Wien als Hilfsarbeiter recht und schlecht, wahrschoiiüich mehr schlecht, durchgebrächt und durch seiner Hände ' Arbeit weder ein Automobil noch eine fürstlich eingerichtete Billa nach sonst irgend welche Reichtümer erworben. Solche Leute waren dom Sozialdemokraten Sever und seinen Mitarbeitern ir< der Landesregierung ein Dorn im Auge und Leiser Hausmann wurde ckusgew'vcsen. Er war nicht der ein- - zige, den dieses Schicksal getroffen hat. Also führte inan den Mann eims Tages zum Bahnhof, We ihn: eine Fahrkarte bis zur Grenze und ein Polizeibeamter half dem armen Teufel freundlicherlweise in den Waggon. Der' Leiser Hauser aber machte von der Fahrkarte' und der' Abschäffung ' keinen Gebrauch, sondern stieg einfach aus dem Waggon, in den'er mit ■ so viel liebevoller Sorgfalt unter dem Schutz der hohen Behörde gesetzt worden war, wieder aus und M.-b in Wien. Vorgestern stand er wegen Reversion vor dem Richter. Da' es sich jedoch hevaussteM, daß' der Leiser" Hcinsm>ann gar nicht abgereist war, so konnte er logifch.'vweise auch nicht zu» rückgekehTt sein. Dieser Logik konnte auch der Richter nicht Widerstehen und spuach den Angeklagten frei, da die Ab- | schaffnng faktisch nicht vollzogen war. NWS? BRUDER KLEIN Schuhfabrik Telegramme: BEKA-MÖDLING Telephone: 268, 421, 422 Stadtbüreau: Wien,!., Werdertorgasse 17 Tel. 661-79 Produktion: „2000 Paar pro Tag (normal) Vertrieb in Oesterreich zü von uns festgesetzten Detailpreisen durch 105 Alleihverkaüfsstellen in Wien und der Provinz EXPORT hür direkt ab Fabrik Verkauf für den warn