Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1608 (4.8.1923)
- Date
- 1923-08-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980689--15649-3002494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit« 8 Wien, Samstag Wiener Morgenzettrms. MX >♦ Lahmlegmg des gesamten Personenverkehres. — An politischer Streik. - Ja» Staudrecht in Kraft. - Bersolgung der SttelWhrer wegen gemeiner Verbrechen. Budapest, 3. August. (Tel. der „Wiener Morgenzerdmg") Hinter d«n "Streik der Lokomotivführer v'.rlbergen sich, wie mmnlehr bekannt wird, in erster Reihe, politische Absichten, und diese sind es.auch, die die' Regierung veranbcrßten, gegen die Streikelchen mit den MaVf'st'en Mitteln vorzugehen und das Staudrecht Kt prMMerm. Diese gegen Bet h l e n arbeitende Grupps wird von Gömbös geführt, der durch diese AMonDechken stürzen und sich selbst ans Rudc r bringen wA. Der' Austritt Gombös' aus drr Regierungspartei wird' von der regierungsfreundlichen Presst, offenbar auf amtliche Weisung, mit Genugtuung als Erleichterung der innerpolitischen Situation sestgestM, doch wäre es verfehlt, sich von diesem Siegesgeschrci über die wahre Situation hmwegtäuschen zu lassen. Der Streik der Lokomotivführer wird, trotz allen entgegenlautendm Meldungen, stündlich größer. Daß sich einzelne Bezirke noch nicht der Bewegung arrgeschlossen haben, erklärt sich durch die Tatsache, daß der Druck der Regierung iin diesen GMeten ein sehr starker ist. Trotzdem mehren sich auch m diesen GrVieten schon die Stimmen, die einen An- Wuß an dm Wusstand fordern. In Laj osmisza hat die Bevö2e«wg einen von Ingenieuren geleiteten Eisenbahnzug angegriffen -M «Ä beworfen. Im Druse des Tages wulchen einige Streik- Mihrer in Pvlizeigewahrsam genommen. Die LvkümottdfLhrer und Heizer in Steinamanger haben sich' der Streikbewegung angeschlossen. Die MvWniften der Schrffahrts-gestllschaften Habelt sich der MreMewögung nicht angeschlvssen, so daß der Schiffsverkehr das eitrig funktionierende Verkehrsmittel «Wh dem Mslande war. Keine Verhandlungen. Budapest, 3. August. (U. T.' K. B.) In bezug auf den Streik der Lokomotivfühver hat die Staatsbahndirektion «cklart, daß -sie sich mit den Streikenden in keine Verhandlrrrvgan erfassen werde, bevor diese nicht zur Arbeit zurüägÄehrt sein werden. Die Beerben haben, obwohl sich bisher mit Aus- «chmr eines einzigm Zwischenfalles, wobei ein von Ingenieuren geführter Zug mit Steinen beworfen wurde, keine Ruhestörungen ereignet haben, die umfassendsten Bovsichtsmaßnahmm getroffen. In den Abendstunden sind die Plakate, didas Standrecht verkünden, affichiert worden. Die Polizei hat angeordnet, daß die Hlmstore «m 9 Uhr abends geschloffen Keröm. Die Sperrstunde für Kaffee- und Gasthäuser %l für 10 Uhr festgesetzt worden. Für die Dauer des Standw-e'chEes sind weder politisch« noch andere Berfcmvndrngm gestattet. Militär wld Polizei stetzm. in Bereitschaft. Die Notzuge werben von bewafsneten Mitgliederu des Schutzvereins begleitet. Das StreAager der Lokomotivführer wurde aufgelöst. Gegen die Streikführer fff das Strafverfahren wegen gemeinen Be rb re ch-e ns eingeleitet worden. Verfolgung elnes Mgeordneteu wegen m- «Bftcher- Anstiftung zum Streit. Budapest, 3. August. Wie die Blätter melden, habe die Staatsanwalkschast den Vorstand des Strafgerichtshoses erstkcht, die nötigen Schritte zu unternehmen, damit die Nationalverfammkmg um die Aufhebung des Immun itäts rechtes des Abgeordneten Melchior Krß ersucht werde, welcher die beim Handelsnrinister gestern erschienene Deputation der seither in den Streik getretenen Lokomoüvführer zum Streik gehetzt habe. Dir Anzeige gegen den Abgeordneten Kiß sei vom QbevstaatShcmpt« mann-Stellvertreter erstattet worden, -er ein Ohren- und Augenzeuge der Szene gewesen sei. Die Nationalversammlung und der Streit. Budapest, 8. August. In der heutigen Sitzung der Nativnalverisammlung protestierte der Alibgeoüdnet« Göinbös gegen die Zumutung, daß der Wchrnrachtsverein ,Move" den Ausbruch des Lokomotipführerstteiks begiinstigt oder unterstützt habe. Das Präsidium dieses Vereines verurteilte den Streik und b-ütfrc nie seinen Namen einer SJeftotguatg zur Verfügung stellen, die geeignet sei, wichtige nationale Interessen zu schädigen. Abg: Homonn-ay (parteilos) verurteilte den Streik auf das schärfste und erklärte, es liege aus der Hand, das; es sich nicht um eine Lohnibdlvogung handle, sondern um erneu politischen Streik. Er forderte die Feststellung der Hetzer und Aufwiegler sowie deren «strengste Bestrafung. HllNvolSminister Balko erklärte, nach der letzten Erhöhung der Gehälter der Staatsangestellten bewegen sich d.e Löhne der Lokomotivführer zwischen 370.000 bis 470.000 K. pro Monat. Er könne die Erklärung für den Schritt der Lokomotivführer nur darin finden, daß die Lokomotivführer auf Einwirkung äußerer Faktoren gehandelt haben. Es habe sich eine große Anzahl von Ingenieuren zur Verfügung gestellt, die nicht nur die Aufrechterhaltung des rwtiwendigen Warenverkehrs, sondern auch des Personenverkehrs (allerdings mit bedeutenden Einschränkungen) ernwglichen. Die Regierung rverde keine Driy nungSstörungen dulden und sei entschlossen, die Volle Strenge der Staatsgewalt gegenüber jedermann anzu-wendsn. Abg. Haller (chriftlichsozial) sagte, wenn wirtschaftliche Gründe bei der Streikbewegung mitgchpiclt hätten, so müßten diese beseitigt tverdeu; wenn es sich alber um einen politischen Streik handle, müsse die Regierung mit aller Strenge Vorgehen. Ministerpräsident Gras Bethlen betonte, daß ein Streik der l^isonbcchnangestellten aus keinen Fall geduldet werden könne. Er könne aus seiner. Persönlichen -'UeberHeuigung kein Hehl machen, daß es sich hier um einen -politischen Streik handle. Zur FMtellung der Hetzer werde die strengste Untersuchung durchgesührt werden. Die Streikenden seien auifgesordert worden, die Arbeit in kürzester Zeit wieder ausFUnehmen. Wenn dieser Auffordernng keine Folge geleistet werde, wurden die Führer aus das strengste bestraft werden. Die Regierung habe die Absicht, ein Gesetz über die Aufftellu ug von Lohneinigungsämtern zu schaffen, Der Minister- Präsident wäre geneigt, diese Frage im Berordnungsiwege zu regeln, wenn die Nationalversammlung ihr die erforderliche Vollmacht erteile. Er forderte die Na-tioualversammlung aus, einstimmig gegen , den Siireik Stellung zu nehmen. Mg. Kiß (parteiloser Rechtsradikaler) verwahrt sich gegen die ihm gegenüber laut gewordenen Beschuldigungen, er Mie die beinr Handelsminister erschienene Abordnung der Lokomotivführer zmn Streik gehetzt. Ministerpräsident Graf Bethlen e^vidert, der Oberstadchauptmamv-Stellvertreter Andreka, der beim Empfang der Abordnung der Lokomotivführer anwesend gewesen sei, habe ihm mitgeteAt, ein Abgeordneter habe die Deputation aivfge-- fordert, nicht nachzugeLen. Die Parteikonferenz der Poale Lim. An -er ge-genüvärtig in Berlin jagenden Konferenz des Weltverbamdes Poale.Zion beteiligen sich Delegierte aus Palästina, Amerika, Polen, Ostgalizien, Rumänien, Bukowina, Deutschland und Oesterreich. Der erste Tag der Konferenz war -dem Tätigkeitsbericht des VerbamLAbureaus und der GeneraWeibatte gewidmet. Die wichtigste Frage des zweiten Konferenztages war die A-nsiMung v-m Arbeitern in Palästina und die Organisierung der Arbeit im Galuth. /lieber die Arbeit des Palästina - Arbeite rfonds referierte Herr Blumenfeld, über die FinanzinsiituLe des Allgemeinen Arbeitervevbandes in Palästina referierten B. Katzrrelson und Remes. Der dritte Könferentztag war den Kongreßfragen gewidmet. In einem ausführlichen Referat verbürgte S. Rub a sch o f hie Erweiterung der lanidwivtschaMchen Tätigkeit «rid unterstützte die Forderung des Allgemeinen Arbeiterderbandes in P-Mstina Histadvuch klalich wegen GrmÄung von Arbeitersiedlungen in der Umgebung der Städte sowie UntevsEtzung,Äes Waad Leumi bei der Durchsetzung seiner Rechte. Er'trat ferner dafür ein, daß die vom Keren Hajessod für S chulen und sanitäre Institutionen bestimmten Summen dem Waad Leumi übergeben werden sollen. Der Referent bezeichnete den akWWen Weltkongreß für Palästina als die einzige Instanz, der die zionistische Bewegung ihre ReKe als Iewish Agenetz übertragen tonne. ' Bis doHin soll die ZumWche Organisation unter Hmzuziehung von Vertretern tzes im Galuch tätigen Keren Hajeffod-Komitees und des Waad fungieren-, (tz. L. B.) Verbot des rumSnischen Stnde«te»lo»grrfies. Aus Klansenburg wird uns berichtet: Die Siudenienschaft der Universitäten Bukarest, Klausenburg, Czernowitz And Jassy hat für den 20. d. einen rnmänischen Studentenkongreß nach Klausenburg einbemfen. Die Regierung hat die Bewilligung zur Abhaltung dieses Kongresses in der Voraussetzung erteilt, daß die rumänischen Studenten chrer Zitsage gemäß sich von ihren antisemitischen Ag-itationen los sagen und ihre Aktionen auf wirtschaftliche Fragen der Studenlenschalft beschränken werden.. Bekanntlich hat die Leitung der Studentenbewegung seinerzeit auch offiziell erklärt, von der Fordemng des Numerus clausus aus den gleichen Gründen abzus-ehen. Nun hat die bereits versandte Tagesordnung des Kongresses die Regierung davon überzeugen müssen, daß die Studentenschaft chr Wort gebrochen und den Kongreß ausschließlich $um Zwecke der antisemit-ischen Propaganda einberusen hat. Laut dieser Tagesordnung sind die solgenden Borträge vorgesehen: 1. Octavian Goga über die rumänische Presse. 2. Pwfefsor Eatun e a nu über die rumänische Presse auf Grund - der Protokolle der Weisen don Zion. 3. Professor Marin Stesaneseu über die Rechtmäßigkeit der rumänischen Studentenbewegung. 4. Simron Mandres«« über die Jrr-daisnerung der rumänischen K-ultur. 5. Drcktor Amvs F raü-c u über die Mnorrtätsfragen. 6. Umversitatsprchessor Dr. Paavlaseu über die Mrtrrebe der Frei« mamer. 7. Fürstin CantacuZlno über die Forderungen der nationalen Würde.. Auch ^Professor Cn-a war für einen Vortrag ausersehen, doch hat er bis jetzt sein Thema nicht bekannt gegeben. Rücksichtlich dieses Wortbvnches der rumänischen Studentenschaft hat die rumänische Regierung die Whostung des Kovgvesfes nunmehr 'o&täM'txu _4. August 1928_' .1609 Tagesbericht. Unsere Kongrebmlssabe. Mt dem morgigen Tage bqgiunt unser Blatt als! Kongreßansgcrve. zu e-rschemen. Unsere Leser er-I Wien im Rahnen der regulären Ausgabe der „Wien er! Morgenzeitn^n^ täglich auMhrliche Berichte über« den Verlaus des Karlsbader Ziomstenkongvesses, welche von; unserer in Karlsbad omgerkchteton RedMon besingt! werden. Tagung der Mischen WeWUsslonferenz in Marienbad. Sonntag den 29. Juli wurde in Marienbad die! Tagung des Zentralrates dev Jüdischen Welthilfs-! konfevenz eröfsttet. Den Vorsitz führte Professor Simonsen' (Kopenhagen). Anlvesend waren die folgenden ZeNtrailmitglieder: > Leo Motzkin (Paris), Sliosberg (Paris), Esroi-- kin (Paris), Tomkin (Berlin), Dr. D. Joche!man' (London), Qöerrabbiner Dr. CHajes (Wien), Dr. Alfved Klee (Berlin), Brams on (Berlin), Latzki (Berlin), Dr. Wismaier (Prag), Fano (Italien), Dr Nenrirower (Bukarest), Dr. Parrl Natha-n (Berlin), Dr. B. Brutzkus (Kowno), Dr. Hellmann (Riga), Doktor! Krämer (Czevnowitz), Deputierter N. Prilutzki (Warschau), Dr. R a ch m i l o w i t s ch (Kowno), Dr. A d^ l e r (Rußlaird) und mehrere andere. Zu Beginn dev Tagung wurde em Begrußungstebegramm des Oberkommissärs des Völkerbundes Dr. Fvithjof! Nansen verlosen, in welchem derselbe der jüdischen Hklfs-. konferenz für di« hochwertig« Mitarbeit den Dank ausdrückt. Begrüßrlngen liefen fern«r «im vom internationalen Roten Kreuz, vom interitational-en Verband für Kiitderhilfe (Genf) und von zahlreichen jüdischen Organisationen. Die Harlptbevatungspunkte der Tagung sind: Die Ar. beit'in Rußland, die WiedercmsbaMÄgkeÄ in Europa, Gesundheits- und Emigrationsfragen, die Krilturarbeit unter der Iudercheit und andere Fragen. Die jüdischen Lpfer der nkrainischeu Hungev latastrophe. Das Zentralbureau der Gesellschaft zmn Schutze der . Gesundheit der jüdischen Bevölkerung „Ose" veranstaltet! jetzt eine genaue Erforschung der sanitären Zustände unter I der jüdischen Bevölkerung Rußlands. Diese Arbeit ist bereits! 'ziemlich weit fortgeschritten und das Gesamtergebnis der-' selben dürfte denmachst veröffentlicht werden. Aber schont idas bisher vorliegende Material entwirft ein; furchtbares Bild der Folgen des russischeu Bürgerkrieges: untz der im Gefolge desselben ausgebrochenen Hungerepidemie. Zunächst ergibt sich eine grausame Vermin de-; rung der Gesamtbevölkerung der Hungergebictc. Während; zum Beispiel in Odessa die Zahl der Bevölkerung von, .403.800 im Jahr« 1897 auf 481.600 im Jahre 1914 ge-, stiegen war, zeigt sie von diesem Zeitpunkte an eine fiele Vermindermrg bis aus 2 90.000 am 15. März 1923. Am erschreckendsten zeigt sich dieser Abstieg vom Jahre 1920, wo irr Odessa noch 469.600 Seelerr gezählt wurden. Im Jahre 1897 gab es in Odessa 36.3 Prozent Inden, gegenwärtig jedoch beträgt dieser Prozentsatz 44.5. Das darf jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß die absolute Zahl der jüdischen Bevölkerung von Odessa ungeachtet des Ürnstaudes, daß Odessa gegenwärtig sehr viele Hermlose aus eu von Pogromen heimgesuchten Provinzstäten beherbergt, sich so verringert hat, daß der natürliche Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in der Statistik sozusagen völlig verloren ging. Dieselbe Erscheinuyg tritt auch in El i sa b eth g ra d in Cherson und in allen kleinen Städten, wodie Zahl der Juderr kleiner geworden ist, zutage. Noch deutlicher zeigt sich dies bei der. Gegenüberstellung der Geburten- und der Todesfälle und der Sterblichkeit in den Jahren von 1914 bis 1919. Borr Jahr zu Jahr steigt die Sterblichkeit gegenüber der Geburtenzahl,: sodaß tnt Jahre 1917 2166 Geburten, bereits 3677 'Todesfälle gegenüberstehen, im Jahre 1913 gegenüber 3254 Geburten 4219 Todesfälle zu'' verzeichnen sind und im Jahre 1919 7960 Todesfall.« ' waren, während' nur 3189 .Geburten registriert wurden. Im Jahre 1922 starben in Odessa bis zum 1. Juli. 23.042 Christen, 14.069 Juden und 94 anderer Konfessionen. Demnach entfallen in dieser Periode 86.5 Todesfälle auf je 1000 Einwohner, während noch im; vorangegangenem Jahre 1921 42.2 Todesfälle auf je 1000 Einwohner entfielen.; iBesonders charakteristisch' ist die Feststellung, daß bo,n den in 'Odessa im ersten Halbjahr 19 22 verstorbenen• 37.205 Personen nicht weniger als 12.25-7 (32.9 Prozent); unbekannte Tote, das heißt solche Leichen sind, die; in der schrecklichsten Zeit der Hungersnot nächtlicherweise! auf die Gasse geworfen wurden, eine Erscheinung, der; man im ganzen Hnngergebiet der Ukraine allnächtlich Le-; gegnen konnte. Die Wirkungen der Hungerkatastrophe zeigen sich auchj in erschütternder Weise in der körperlichen Ver-! fassnng des Nachwuchses. Fast alle diese Kinde« kommen mit allen; Anzeichen der Schwächlichkeit und der| physischen -Degenemtron auf die Wett. Fast jedes $tnb'' ttÄtzt Keime der Tnberkulo-se in sich. -Der „Ose" erwachsen besonders auf diesem^ Gebiete schwere, aber sehr! wichtige Ausgaben, weshalb diese Gesellschaft ihr Haupt-i augenmerk auf die ^Gesundung der jungen .Generatton und» auf hie Ausmerzung aller physischen und psychischen Aus--; tzttirkw»«« jener Achtbaren Zeit lenkt.