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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-04 · Heft 1608 (4.8.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1608 (4.8.1923)
Date
1923-08-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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<r t'«. ° - *«#' " WettpMimslag Wiener Morgenrettnng. 4. E^uMist 1923 Seite S- _(/u imd totr jtnib^ute ottnb loyale B-undes- -ssen.' Wir wollen in Palä'stma mit allen dort Lebenjftfa&tt, mn das Land zu einer Heimstätte für das jü- Hffche Voll zu machen, in dev sich jeder wohl fühlen soll. 'Dieses Interesse ist heute Sache des Fürvfzehmnillionen- ^vlBes der Inden geworden, das kein Zur-ückschtauben, keine restitutio in pejus mehr duldet. Die Lage des jüdischen Volkes m den Ländern der Verbannung ist so gefahrdrohend geworden, daß. wir diesen letzten Ausweg uns nicht verlegen lassen dürftn. Wir sind seit San Remo kein Handelsobjekt mehr. Das hat..der Kongreß aus- Harding gestorben. San Francisco. 2. AiWist. (Reuter). Präsident Harding ist heute um halb 8 Uhr abends, während er mit Mtgliedern seiner Familie sprach, plötzlich gestorben. Die Aerste sind der Meinung, daß es sich wahrscheinlich um einen Schlagansall handelt. Warren Gaimrliel Harding, der als Nachfolger Wilsons im November 1920 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, am 4. März 1921 das Amt antrat, hat damit das demokratische System durch das republikanische abgelöst. Mer nicht dieser Wechsel in der politischen Macht Amerikas ist das Entscheidende an seiner Wahl. Diese tvar vielmehr das sichtbare Zeichen der völligen Mehr der amerikanischen Politik von Wilson und damit auch von Europa, welches die weitesten Kreise Amerikas zu tiefst enttäuscht hatte. Durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in dm Krieg war dieser militärisch entschieden "worden, Wilson erschien als Retter und Mgott einer gequälten und hoffenden Menschheit, und seine vierzehn Punkte, rmleugbar aus einem starken Zuknnstsglanben geboren, hatten den Charakter einer weithin strahlenden Panazee. Aber als am grünen Tisch die europäische Diplomatie das Wilsonsche Konzept völlig über den Haufen warf, goivann in Amerika die Strömung immer mehr die Oberhand, sich von dm europäischen Händsln loszulösen und die^europäische Politik ihrem eigenen Schicksal zu überlass ein Der Wahlkampf, der Harbin,gs Triumph brachte, wurde unter der Parole dieser Abkehr geführt, und die seitherige amerikanische Politik ist durch die Tatsache gekennzeichnet, daß Amerika weder den Vertrag von Versailles unterfertigte noch dem Völkerbund beitrat, dessen Statut unter anderem die gegenseitige Hilfeleistung zum Schutze der Integrität des Territoriums der Bölkerbundstaaten enthält. Nicht überragende Führereigenschaften waren es, denen: Harding seine Wahl danLte, er war vielmehr der typische Vertreter seiner Parteitradittonen und der echte amerikanische Selfmademan, der sich aus kleinen Anfängen emporgearbeitet hat und von: Zeitungsmann zum Politiker wurde, bis ihn eine günstige politische Konjunktur au die höchste Stelle brachte, welche die Vereinigten Staaten zu vergeben haben. Harding ivar bemüht, dem Programm, dem er seine Wahl dankte, treu zu bleiben, aber die Entwicklung der Verhältnisse bewies, daß eine völlige Isolierung Amerikas ein Ding der Unmöglichkeit sei. Denn einerseits ist die Produktion und der Export Amerikas naturgemäß sehr stark an den Vorgängen in der nichtumerikanischen Welt interessiert, Amerika ist der Hauptgläubiger der Alliierten, welchen es im Kriege die materielle Rückendeckung bot — bisher ist es bekanntlich nur mit England zu einer Regelung der Schuldenfragen gekommen —, und andererseits trifft die Liquidierung des allgemeinen Kriegsabenieuers sehr empfindlich aus amerikanische Interessen. So sahen sich 'die Vereinigten Staaten genötigt, in der Reparatronskommission und bei den verschiedenen Ententekonferenzen ihre „Beobachter" sitzen zu haben, die trotz diesem ihrem Mtel dafür sorgten, daß nichts in den getroffenen Abmachungen Amerikas. Interessen verletze, so kam es zur Abrüistnngslko nsereuz von Washington, wo unter Teilnahme der Entente ein Uebere inkommen über die Einschränkung der Seerüstungen geschaffen und ein Schritt zur Herstellung des Gleichgewichtes im Süllen Ozean getan wurde, und schließlich entschloß sich Harding, anfangs .vorsichtig tastend, später immer bestimmter, für Amerikas Teilnahme am internationalen Gerichtshof im Haag Propaganda zu machen, der wohl nicht mit dem BMevbund identisch, aber doch dessen Werk ist. Der Widerstand eines Teiles feiner Partei gegen diese Orientierung und das Anwachsen der Kräfte der Demokratischen Partei veranlaßte Harding, bereits jetzt mit einer Wahlpropaganda einzusetzen, obgleich die Prästdentschaftswahlen erst im Hc/rbst des künftigen Jahres stattfinden werden; und während seiner großen Mwpagne in den Weststaaten hat ihn plötzlich die tödliche Krankheit erM, der er nunmehr erlegen ist. An den gegenwärtigen Parteivevhältnissen in Amerika wird der Tod Havdings nicht viel Ludern und das Pro und Kontra der Stellungnahme zu den Problemen der europäischen Politik wird ohne ihn weiter gehen, bis sich klarere Konturen zeigen werden, als man sie Heute zu erkennen vemmg. Dem Judentum stand Harding mit .sveundschäftlichem Wohlwollen gegenüber, in wiederholten mündlichen und schriftlichen Auslassungen hat er betont, wie viel Amerika den menschlichen und "bürgerlichen Tugenden seiner Mischen Angehörigen danke, und wie sehr er sich auch von der allgemeinen Politik Wilsons entfernte, dessen prozionistischeu Standpunkt hat auch er übernommen. Unter seiner PrAsidentschast faßten die beiden gesetzgebenden Körperschaften jene bedeutsamen PTäsüna-Resolutionen, welche die Zustimmung zur, BälfMr-GiMvwug auAdrücken und die! Bahn zur Ratifizierung des Palästina-Mandats durch den BMevbund M machten, nachdem es nach längeren, Verhandlungen, während welcher Nahunr Sokolow erfolgreich bei Harding intervenierte, gelungert war, zn einem Sonderabkonmren zwischen England und Amerika zu gelangen. Harding, der, als Sohn eures Landarztes geboren, als kleiner MMljonrnalist bMnn, sich später der Politik zutvandte, Abgeordneter, Senator, Gorrverneur und schließlich Staatspräsident wurde, ist bloß 57 Jahre alt geworden. Nach der amerikamschm Verfassung rückt der Vizepräsident an die Stelle des Präsidenten vor, wenn dessen Platz vor Ablauf der vierjährigen Amtsdauer vakant wird. Bis zum Herbst des Jahres 1924 wird daher der amerikanische' Vizepräsident. Archibald Coolidge die Staatsgeschäfte führen, der als einer der energischesten Männer. der Republikaner gilt. und vor etlichen Jahren als Gouverneur von. Massachusetts einen allgemeinen Streik mit rücksichtsloser Hand niedevgerungen hat. Das Begräbnis. Londun, 3. August. Nach einer Meldung des Reuirrscheu Bureaus aus Plymouth werde das Begräbnis Hardings in Marion stattsinden. Haedings Wirksamkeit fiir den Zionismus. Karlsbad, 3. August. (Tel. der „Wiener Morgeuzeitung".) Aus den Kreisen der in Karlsbad zum Kongreß eingetrosfenen amerikanischen zionistischen Delegation erhält Ihr Korrespondent die folgenden Mitteilungen: Der Tod des Präsidenten Harding wird tu allen zionistischen Kreisen sehr sch inerzlich empfunden. Präsident Harding war ein Freund der zionistischen Sache, der sich für sie, nicht nur mit dem Kops,' sondern' auch mtt dem Herzen einsetzte. Er hat sein Verständnis für den Kamps um die zionistische Lösung der Judenfrage oft bewiesen und auch als Präsident der Vereinigten Staaten der jüdischer! Nation seine Tätigkeit geliehen. Es sei ihm unvergessen, daß er seinerzeit mit dem amerikanischen Gesandten in Washington persönlich Fühlung genommen und diesem gegenüber ausgesprochen 'hat, es entspreche den Intentionen der Vereinigten Staaten, daß die englische R e g i c* rung mit aller Macht die Erteilung des M a n d a t e s ü b e r P a l ä st i n a anstrebe und dieses unbeschadet der sonstigen .Haltung Amerikas zum Völkerbund. Der Kongreß wird zu Ehren des verstorbenen Präsidenten eine fer-erliche Kundgebung beschließen. Nach den Bestimmungen der amerikanischen Verfassung tritt nunmehr der Vizepräsident an die Spitze des Staates. Coolidge ist ein wahrer Freund der z i o n i st rschen Sache, für die er wiederholt öffentlich Stellung nahm, auch in Reden imd öffentlichen Mitteilungen hat er seine Syrnpathieen für den Zionismus ausgesprochen. Was seine sonstige Politische Richtung anlangt, so ist es sicher, daß er die Politik Amerikas um Sinne des Präsidenten Harding fortsühven wird. - Bezüglich der Kandidatur Henry Fords zmn Präsidenten wird folgendes mitgeteilt: Der Automobilfabrikant F o rd wird wahrscheinlich versuchen, seine Kandidatur durch die Schaffung einer dritten Partei emzuleiten, um zunächst dadurch zu verhindern, daß die Kandidaten der. Republikaner oder jene der Demokraten die durch das Wahlgesetz vorgeschnebene Majorität erhalten. Für diesen Fall bestimmt die Verfassung, daß der Senat die Wahl des Präsidenten v o r n i m m t, und Ford hofft, daß es sich dann nicht mehr um die Mehrheit der Bevölkerung, sondern nur um die Mehrheit dieser aus 96'Mitgliedern bestehenden Körperschaft -handelt, um «auf diese Weise in das Weiße .Haus zu gelangen. Dieser Fall ist aber in der ganzen amerikanischen Geschichte noch nie vorgrk o 11t men. » Die Politik CooMges. London, 3. August. Das Reutersche Bureau meldet aus Plymouth, Präsident Coolidge habe Journalisten gegenüber erklärt, es werde sein Ziel sein, die von Harding eingeleitete Politik zum Wähle des amerikanischen Volkes durchzuführen und den Verantwortlichkeiten Amerikas gerecht zu werden, wo immer sie entstehen mögen. , - Streikausbrüche in Deutschland. Vevfchiederrtliche Arbeitevausstände. — Tenernngskrmdgedungen dev Frauen. Berlin, 3. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeituing".) Die ungeheure Lebensmittelverteuerung, verbunden mit dem sich immer surchtbarerbe merkbar machenden Mangel der wichtigsten Nahrungsmittel rufen in der breiten OeffenMchkeit immer größere Erregung hervor, die sich m plötzlichen Streikausbrüchen verschiedener Arbeiterkreise wie auch in Teuerungskundgebnngen der Frauen auf den'Märkten Lust macht. So ergab die heutige Urabstimmung der Berliner Metallindustrie eine überwiegende Mehrheit der Angestellten für den S t r e i k.' In Sachsen stehen die Arbeiter im Oelsnitzer Kohleugebiet noch immer im S t r e i k. Die Urabstimmung; ergab. eine große Mehrheit gegen die Wiederaufnahme der Arbeit. . Auch der BuHdruckerstrerk in Köln geht weiter, obwohl die Berliner Buchdrucker ihren Stve^be- Im Mil- BB Muß gestern nach" Bewilligung einer einmaligen Wir! MstsbÄhilfe von 400.000 Mark zurückgezogen haben. Auf den -Le'bensmittolmärkten in Berlin, M ü n ch e u und and;reit großen Städten ist es heute wie der zu großen Teuern ngskundg ebungen de Frauen gekommen, wobei die Polizei wiederholt ein schreiten mußte. Streik auf der Berliner Hoch- und Untergrundbahn. Berlin, 3. August. Der Betrieb der H o chu n d U n. tergrirudbahn ist durch eineu wilden Streit unterbrochen worden. Das Personal verlangte einer nochmaligen sofortigen Vorschuß, obwohl heute Lohnzah langen stattsinden und weitere Zahlungen für Diensta« in Aussicht gestellt Ivurden. t Unruhen in Mainz. ' Mainz, 3. August. Infolge der ungeheuren Preissteigv. ruug und des M angels an Lebensmitteln ist el gestern vormittags im Zentrum der Stadt zu Kundgebungen der Arbeitslosen gekommen, die schließlich einer so bedrohlichen Charakter an nahmen, daß die Polizei mü blanker Waffe Vorgehen mußte, wobei es mehr ere V e rletzie gdb. Nachmittags rotteten sich aus dem Marktplatz wiederum Arbeitslose und Notstandsarbeiter zusammen, bU Menge wurde jedoch von einem starken Polizeiaufgebot bald auseinandergetrieben. In den ersten Nachmittagsstunderr war das Geschästsviertel zwischen dem Dom irnd dem Rcgievungsg'e'bäude von S p a h i- und Marokkanern besetzt worden. In den ersten Nachmitiagsstunden war das Geschäftsviertelwon Spahis und Marokkanern besetzt worden, die die Menge mit blanker Masse auseinander trieben. Am späten Nachmittag ivar die Ruhe wieder hergestellt. Auf dom heutigen Frühmarkte kam cs^zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Bauern und dem Publikum. Die Polrzei mußte einschreiten. Neue Ausschreitungen im Erzgebirge. Berlin, 3. August. Nach einer Blättermeldung aus Dresden ist es im E r z g e b i r g e zu neuen Ausschreitungen der streikenden Arbeiter gekommen. Unter dem Drucke der Massen mußten die Arbeitgeber der Metallindustrie einen Stundenlohn von 35.000 Mark für die Borwoche und von 70.000"Mark für die laufende Woche bewilligen. Ferner müssen sämtliche Streiktage bezahlt werden. Die Münchner Frauen wollen Lei dem Ministerpräsidenten protestieren. Berlin, 3. August. Me der „Lokalanzeiger" aus Mürd» chen meldet, versuchte gestem eine Anzahl von Frauem, die dem Anscheine nach dem Beamten- und An gestellten mittel stände angehören, beim Mnisterpräisidenten v. Knilling wegen der Demerung und der katastrophalen Geldknappheit vorstellig zu werden. Der Mnisterprästdent empfing die Deputation nicht, weil ihr jede Legitimation fehle. Aus der Straße hatte sich eine große Menlschemnenge angesammelt. Eime große Mßstiimnung hatte der Umstand hervovglerusen, daß die Geschäfte seit einiger Zeit i'hve Waren in Goldmark, anschveiben. -rr Bargrldmrmsel. Lohnverrechjnlmgtszettel in Bayern. Müchhen, 3. August. In einer Besprechung im .Han* öelsministerium sind heute die Vertreter der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer, des Groß- und Kleinhandels und der Münchner Bankerl zwecks Linderung der augenblicklich herrschenden Bargeldknappheit übereingekommen, ihren Lohn-, empfängern, soweit Barmittel nicht zur Verfügung stehen, Lohnverrechnungszettel zu geben, die von der G e sch ä f t s w el t seitens ihrer Kunden i n Z a h l u n g genommen werden. Die Bänken werden für die reibungslose Abwicklung dieses Lohnscheckverkehrs Sorge tkägen. Die StaatsreLierung legt die genaue Beachtung dieser Maßnahmen allen Beteiligten dringend Ulche.. Die Vereinigung der bayrischen Arbeitgeberverbände teilt hiezu mit, daß es vielleicht möglich ist- Bargeld dadurch zu beschaffen, daß man zur Unterstützung des geringen Geldzählerpersonals zuverlässige Personen aus dem Betrieb zur Verfügung stellt. Sollte eine Barauszahlung auchl auf diesem Wege nicht möglichsein, so ist nach gemeinsamer Ansicht die Ausstellung von je einem Lohuverrechuungsscheck in der Höhe von 300.000 oder 500.000 Mark zu enrpfehlen. Die endgültige Auszahlung hätte natürlich möglichst gleich zu Anfang der kommenden Woche zu erfolgen. Eine Krise ia der deutschen 8o^slder«yh»tie. . Berlin, 3. August. Gestern nachmittags ist die sozialdemokratische Reichstagsfraktion zu einer Sitzung zusammengetreten, die sich nach Blättermeldungen mit dem Gegensatz innerhalb er Sozialdemokratischen Partei, i>:sdesondere mit der Weimarer Sönderkonferenz, beschäftigte, auf der 3 0 sozialdemokratische Reichstagsabgeo rsine te unter anderem den Rücktritt des Kabinetts Cuno, das Zusammengehen mit den Kommunisten und die Anwendung außerparlamentarischer Mittel gefordert haben.!!., Taborstraße 49 Telephon 47-1-79 En gros En defall

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