Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1607 (3.8.1923)
- Date
- 1923-08-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1607 DM, FMag " W&arwwft ftur VorauSsetmng hat. Dachsen ist es in den V'vjvdmmg nicht'begründet, daß die exportierende Firma einseitig >sm Fabrikanten die fitattnta um den Betrag der Warenumsatzteuer kürtzt, ohne daß sie ihm gleichartig die offizielle Exportaklärnng auSstellt. Damit in Hinkunft Differenzen zwischen Industrie und Export vermieden werden, empfiehlt e8 sich, beglich der Rückvergütung» respektive Stundung der 'Umsatzteuer vorher mit der betreffenden Wefersirma das Emver» rchmen zu Wegen. Verstaatlichung, Veztv. Entstaatlichung der einzelnen InmstriounternchMnngen im fernen Osten. Das Berstaatlichungs- »rdbleul von Industrisuuternchlnungen im fernen Osten vmde vom obersten VoAksWirtschafisrat in der Weise gelöst, daß iwte großen Unternehmungen, für welche bereits bis setzt ein raatllcher Verwaltungsapparat geschaffen wurde, verstaatlicht vevden, während alle übrigen UndernehMMgen, am welche sich sas Dekret betreffend Verstaatlichung der Industrie bezieht, >on der BerstaaÄichuug eximiert werden, d. h. wieder ins Ngentuim der früheren Besitzer übergeben. In die Zahl der »erstaatlichten Uuternchnmugen gehört unter anderem die Wladiwostoker Filiale der Singerschen Nährnaschinensobrik. Die Arbeitslosigkeit in Sowjetrnßland. Die Zahl der Aröieitslosen im Moskae: allein belief sich am 1. Juli auf 110.000. Unter ’ben Arbeitslosen stehen cm erster Stelle die gewesenen LowsetangsstMen, die seit dem neuen Wirtschastskurs und letztens infolge der Kouzentvierung der Sowjetindnstüie immervrt massenhaft entlassen werden. In der Ukraine sbie>a die Zahl der ArlbeitÄosen auf über 120.000 Mann. Anläßlich der Besprechung der AvbeitÄosenfrage schreibt die Moskauer .Prcrwda": In Anbetracht dessen, daß seder arbeitslos Gevordene stets geneigt ist. alle Schuld auf die Behörden abzuoälzen, lenken wir die Aufmerksamkeit der Wstandigen Organe darauf, daß die Anhäufung größerer Mafien von Arbeitslosen >n den größeren Städten unerwünscht ist. So beträgt 'die Zahl der Arbeitslosen in Odessa, mehr als 40.000. in Charkow mehr Äs 30.000. Es ist unumgänglich notwendig, diese Massen KU achten. — Die Stimme ist von den früheren Zeiten her belannt, als in Rußland noch keine Arbeit ervegierung am Ruder «var. Der Naphthaexport aus Rußland. In den ersten sechs Monaten d. I. wurden aus Rußland 8,6 Millionen Pud staphhta, das sind 30 Prozent der Vorkriegsmenge. exportiert. Hauptkäufer war England und sodann Deutschland. Der Exoort nach Frankreich ist erheblich reduziert. Sie Warenmärkte. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Holz. In den süddeutschen Forsten konnte bei den überstürzten Einkäufen von Nadelstammholz ein erneutes scharfes Emporschnellen der Preise nicht auSbleiben. Unbekümmert um die PreiShöhe wurde geboten, weil die an den Markt gebrachten Mengen nur einen Bruchteil des Bedarfs repräsentierten. Bei der beseitigen Markentwertung sind die hohen Gebote mit wenig Risiko verknüpft, denn die Ware, die heute teuer erscheint, ist morgen schon billig. Die Flucht vor der Mark hat neben den regulären Händlern und Verbrauchern auch viele Spekulanten als Käufer dem Markt zugeführt, wodurch die Konkurrenz bet den Verkaufsterminen in den Forsten um so heftiger wurde. Schwieriger gestaltete sich der Verkauf tschechischen Grubenholzes am südwestdeutschen Mont, weil die inländischen Grubenholzbewerümgen irot in großem Abstand der Austvärtsbewegung der übrigen Nadelholzsortimente gefolgt sind. Kürzlich bot man fiir mehrere 1000 Kubikmeter Fichten- und Tannengrubenholz in Mttenstärken von 10 bi8 16 Zentimeter etwa 133 bis 137 tschech. K. pro Kubikmeter auSfuhrftei, stei Bahnwagen bayrischer Grenzstationen. Im großen und ganzen hat das Angebot an Nadelholz aller Art von der Tschecho-Slowakei wesentlich ab genommen und :S sind, wohl im Zusammenhänge mit dem weniger dringlichen Angebot, auch die Preisforderungen seitens der tschechischen Firmen fester geworden. Mit S ch ni t t h o l z ist eS nicht viel besser. Unterschiede in den Preisforderungen von mehreren Millionen Mark pro Kubikmeter Lei' den einzelnen Offerten illustrierten die völlige Verwirrung am Markte. Seide. Auf dem Lyoner Seidenmarkte waren die Umsätze erheblich, namentlich hat sich die ftanzösische Seidenfabrikation m- WkSM^ MEtzMzeMW. •‘c!fp größerer Aufträge «ungedeckt. Bevorzugt winier CeveuneZ und Ltaliennes sowie Crepe Canton. Tie llmlltzr {,»•■ von 62.484- Kilogramm in der Vorwoche auf 78.399 Mograinin gestiegen. Die. Preise haben sich im wesentlichen infolge der geringen Vorräte und der Festigkeit der fremden Devisen behauptet. Die Spinnereien haben ihre Produktion bis Ende August verkauft und zeigen starke Zurückhaltung. Von den westasiatischm Märkten war das Geschäft in Schanghai ruhig. Die Abschlüsse mit Europa werden durch die Festigkeit der Devisen beeinträchtigt, doch ist die Nachfrage größer geworden. Auch in Kanton waren die Umsätze gering, da man mit billigeren Preisen rechnet. Biehmiirkte in St. Marx. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Nindermarkt. Der Austrieb belief sich auf 36 Stück inländisches, 181 Stuck ungarisches, — Stück tschecho-slowakisches, 644 Stück jugoslawisches und 363 Stück rumänisches, zusammen 1229 Stück Schlachtvieh, womnter sich 871 Stück Mast- und 368 Stück Beinlbieh befanden. Der Gattung nach waren 904 Ochsen, 117 Stiere, 208 Kühe und — Büffel. Es notiertenr Ochsen je nach Qualität 10.000 bis 16.000 (17.000) K., Stiere und Kühe 11.000 bis 14.500 K. und Beinlvieh 6000 bis 9000 K. pro Kilogramm Lebendgewicht. Bei schwacher Kauferbeteiligung blieben die Montagpreise kaum behauptet. Mindere Sorten tendierten eher flauer. S ch w e i n e m a r k t. Aufgetrieben wurden 1426 Schweine, darunter 449 Fleisch- und 077 Fettschwsme. Es notierten: Fettschweine 21.100 bis 23.000 K. und Fleischschweine 24.000 bis 29.600 K. pro Kilogramm Lebendgewicht. Verkehr auf Basis der Dienstagnotierungen. Stechviehrnarkt. Die Gesamtzufuhr belief sich auf 1962 Stück Kälber, darunter 1184 lebende, 613 Weidnerschweine, 104 Weidnerschafe, 98 lebende Schafe, — Ziegen, — Kitze und 14 Lämmer. Es notierten: Lebende Kälber 19.000 bis 26.000 K., Weidnerkälber 21.000 bis 28.000 K., Weidnerfleischschweine 26.000 bis 33.000 K.. Fettschweine 26.600 bis 28.000 K., Weidnerschafe 10.000 bi8 19.000 K., lebende Schafe 6000 bis 12.000 K., Ziegen —bis —K., Kitze —.— bis —K. und Lämmer 6000 ' bis 12.000 K. pro Kilogramm. Bei verminderter Zufuhr sind lebende Kälber um 1000 K., Weidner um 2000 K. pro Kilogramm gegenüber der Vorwoche im Preise gestiegen. Fleischschweine blieben unverändert. während Fettschweine 1000 bis 1600 K. pro Kilogramm eingebüßt haben. Baumwollmartt. Äew-Bork, 1. August. Bcmmwollzufichren in den atlaut. und Golfhäscu 1000, im Innen: 2000. Ausfuhr nach Großbritannien 1000, nach dem Kontinent 12.000. Lokalmarkt miääkimr: 23.65 (gestern 22.45). Tendenz; stetig. — Tennine r Juli —, August 22.80, September 22.70, Oktober 22.43, November 22.36, Dezember 22.39, Jänner 22.15, Februar —, März 22.23, April —, Mai 22.16 Juni —. Prager Börse. Prag, 2. August. Die feste Haltung der letzten Tage übertrug sich auch auf den heutigen Verkehr. Nur die schweren Schrankenwerte erlitten beträchtliche Kurseinlbußen. Dagegen waren die bisher vernachlässigten Kohlen-, Chemische-' und MaschinenfabrAsMen rege gefragt. Eisenwerte lagen ungleichmäßig, doch überwogen Äbfchwächuwgen.^Schr fest tendierten Böhm.-Mähr. Maschinen-, Kupfer- und Ninghoffer- Mtien sowie Nordböhmische Kohlen- und in der -Kulisse Danok-Akticn. Der Bankenmarkt lag ziemlich vernachlässigt, doch waren die Kurseinbußen belanglos. Auf dom Anlagemarkte setzten sich die Realisationen fort. Von Exoten waren besonders Zuckerwerte beträchtlichen Schwankungen unterworfen, die aber schließlich mit,einem Höchststand schlossen. Die Schlußtendenz war abg-eschwächt. Schlußkurser Türk. Eisenbahn-Anleihe 400 Franken —, Böhm. Ilnionbank 445'.—, Böhm. Eskomptebank 429.—, Böhm. Jndustrialbank 460.—, ZivnostenSka Banka 439.25, Anglobank 178.—, Oesterr. Kredit 184.—, Wiener ilnionbank 249.—, Wiener Bankverein 127.—, Buschtiehrader Eisenbahn Lit. A , Lit. B 210.—, Ferdinands-Nord bahn 10.400.—, Prag-Duxer 193.—, Anssig-Teplitzer ' Eisenbahn 1335.—, Nestomitzer Zuckerindustrie 1676.—,- Bereinigte Elektrizität Wien 3. Mgust 1923 ~ "teetife 9 1 > Brvlche 1845.—, Koliner CvnllnS 1155.—, KönigShof« . v er r 1.040.-, Breitfeld-Dänek 522.-, Mnghoffer 78V.-«, <i in ircviiuici’ 178.—, Rothkosteletzer Textil 349.—,, AlPU Montan 434.—, Poldihütte 629.—, Prager Eisen 1266.—, OeflW' Berg u. Hütten 3800.-. Skoda 617.-, Jnwald 805.-. Budapest, 2. August. Der heutige Börsetag Var der letzte in der dicswöchigen Kassaperiode und die Abschlüsse gelten von morgen an ex Giro prompt auf Kassa. Tomenffprechend - gestaltete sich, die Tendenz zu Beginn des Verkehres ziemlich unsicher und die im gestrigen Privatvevkchr erreichten Tiefkurse Rieben auch heute in Geltung, so daß gegenüber den letzten Schlnßkursen 'allgemein Kurseinbußen von 10 bis 16 Prozent zu verzeichnen waren. Im weiteren Verlause verursachten die nieorigen Notierungen Rückkäufe, die em-e nicht unwesentliche Besserung der Grundtendenz zur Folge hatten. Die Belebung des Geschäftes hielt jedoch nicht lange an und gegen Schluß verfiel die Börse wieder in eine träge Stimmung. SchlußkurserUng. Kredit875.000.—, Oesterr. Kredit 157.000.-, Brittsch-Ung. Bank 68.000.-,Salgo Kohlen ööo.OOO.-,, Rimammanyer 166.000.—, Südbahn 110.000.—, Staatsbahn 390.000.—, Gran-SzaSzvarer 450.000.—, Oberungarische Berg 630.000.-, Drasche-Ziegel 166.000.-, Ungarische Allg. Kohlen 2,025.000.-, UrtkMy Kohlen 800.000, Adria 650.000.-, (Mibe chem. Fabrik 170.000-, Ung. Eisenbahnverkehr 190.000-, Anglobank —Verein. Holz 43.000, Koburg 42.000.— Spodium 290.000. Die Devisenkur,e. Prag» 2. August. (Devisenkurse. — Mitgeteilt vom Bankamte des tschecho-slowakischen Finanzministeriums.) — Berlin 0.29 (0.80), Zürich 614.76 (614.75), Parts 196.25 (201.-), London 165.25 (154.76), NewDork 34.05 (34.05), Belgrad 35.87 (36.75), Bukarest Wien 4.67V, (4.67), Warschau 1.63V. (1.64V.), Agram —(—.—-), Budapest 19.— (16.50), Jugoslawische 35.87 (35.25), Oesterreichische gestempelte Krone 4.67»/, (4.67). Polnische 1.59'/« (1.64'/.), Ungarische 10.- (10.—). Duörrpesl, 2. August. (Kurse der Devisenzenwale.) — Amsterdam 7480 bis 7680, Bukarest 95.— bis 102.—, Kopenhagen 3434 bis 3534, Christiania 3034 bis 3134, London 86.970 bis 88.970, Berlin 0.0180 bis 0.0320, Italien 823.- bis 857.-, Paris 1091.-bis 1125.-, Prag 557.- bis 677.-. Stockholm 5068 bis 5228, Zürich 3400 bis 3500, Wien 0.2680 bis 0.2850, Sofia 171.- bis 178.-, Belgrad 199.- bis 206.-, New-York 19.025 bis 19.528, Warschau 0.0850 bis 0.0990, Brüffel 881- bis 918.-. Amsieröam, 2. August. (Devisenkurse.) London 11.81'/« bis 11.63V«, Berlin 0.0002 bis 0.0V02V,, Paris 4.577« bis Brief, Schweiz 45.55 bis Brief, Wien 0.0036V« bis Brief, Kopenhagen 45.60 bis Brief, Stockholm 67.40 bis 67.60, Christiania 40.80 bis Brief, New-Dork 254.12 bis 254.62, Brüssel 11.82 bis Geld. Madrid bis Italien 10.95 bis 11.05, Budapest 0.01 bis 0.02, Helsingsors 7.- bis 7.07V,. Prag 7.46 bis 7.49. Agram. 2. August. (Devisen.) Wien 0.1322 bis Berlin 0.070 bis , Budapest 0.47 bis Bukarest bis Italien 404.50 bisLondon 428.60 bis -.. New-Pork 9350.- bis —Paris 532.50 bis — Prag 276.75 bis —. Sofia bis Schweiz 1690.- bis —.—, Brüssel 422.50 bis —, Warschau —bis — Amsterdam t-.— bis —, Stockholm —. Belgrad» 1. August. (Devisenkurse.) London 434.60 bis Paris 563.76 bis New-Pork 9460.- bis —.—, Genf 1690.- bis Saloniki -.- bis Mailand 412.25 bis Prag 282.- bis Berlin 0.0070 bis Wien 0.1835 bis Bukarest 47.60 bis Sofia bis Budapest bis Brüffel bis —, Amsterdam 3810.— bis —.—, Warschau —bis — Belgrad, 2. August. (Devisenkurse.) Feiertag. New-BoeK» 1. August. (Devisen.) London 45618/18, Paris 574V8, Berlin 0.007, Mailand 483.-, Zürich 1787.-, Kopenhagen 1811.—, Stockholm 2661.—, Christiania 1599, Amsterdam 3930.-. Prag 293.-. Wien 0.14V», Budapest '/„ Bukarest 50V», Warschau 0.04V», Madrid 1406.—, Helsingfors 277.50, Brüssel 464.—, Kanada 2s/ie v. p. —, Brasilien —.—, Argentinien 3397.—, Belgrad 104.75. Copyright 198# Nachdruck verboten» byRfÜwit-'VerlagfWfen-LftlpEig. (64. Fortsetzung.) 3« Polens KAder«. Roman von I. Opaioschu. rlutoristevte llebertraMN^ aus dem Jüdischen von Siegfried Schmitz. Reh Aofsel hatte ihn auch einmal gesehen — em schmächtiger, schwächlicher Mann, her wenig sprach, stets gelassen Web und das schwerste Problem in Kwei bis drei kurzen Worten erklären konnte. Er hatte kleine, warme Augen; seine Stirn ragte tief in bas Gesicht. Sommer und Winter trug er einen Ripskastan. Nachman hatte ihn be-wogen, den „Faust" zu übersetzen» So oft Rabbi Iossel mit ihm sprach, kam ihm Ibn Esra in den Sinn; der war aber wohl rascher, rühriger gewesen, hatte atemkos gesprochen, war stets in Eike und hatte keine Zeit gehabt, sich zum Denken ntederZulasseu, sondern wandernd, ibett Stock in der Hand, so nebenher seine Schriften geschrieben. Der große Briefbogen mit der zarten Kindevschrift kam aus Padua. Der italienische Jude 'war für Reb Iossel bis heute ein Rätsel. Er träumte sehr oft von ihm in der Letzten Zeit und sie disputierten ganze Nächte lang. Es ist ihm etioas noch nicht klar, wohl hat ex damals, wie der Italiener gegen MaÄnonides und Ibn Esra ausgetreten ist, mit ihnen.gebrochiett und aufgchürt, ihm die jährlichen fünftausend GuLden für den Aufkauf alter Wischer Handschriften zu schicken. Damals hat er mit ihm gebrochen. Jetzt tut es ihm leid, er fühlt, daß der Italiener zum Teil ■ doch recht hatte, und ist entschlossen, ihm den ersten Teil seines „iFarlst" zu schicken. Maimonides' „.Hash'arathhauefesch" (Detevmiuation der Seele) ist zu aristokratisch, es ist für geistreiche spekulierende Köpfe. geschrieben. Und was wollte er mit seinen dreizehn Glaubensartiteln? Der dritte Glaubensartikel ist zu abstrakt, und unWisch, das Volk begreift einen Gott nicht, der gleichzeiitig existiert und nicht existiert; es kann zu ihm nicht beten nnd formt sich natürlich Änen anderen; das haben auch die^Metahltzsill": e:naest-'en und sich deshalb -mit einem Logos versorgt, andere wieder mit einem Gottessohn, mit Sefiroth, oder mit einem Zadik — lauter Maklern, durch die man mit Gott in Berührung kommen soll! Aber Luzattos Buch, das den gleichen Titel führt wie das des Maimonides, und das für alle, auch für die Sünder geschrielben sein soll . . . ist dieses schon die reine Wahrheit? Wer weiß es? Jedenfalls ist es an- 'heimelnder! Luzatto hat recht, daß er zu keiner Dialektik Vertrauen hat und von Spinozas geometrischen Beweisen nichts hält . . . Freilich, freilich, welchen Wert hat denn menschliche Wahrheit? Wäre er, Iossel, nicht so alt und hätte er mehr Mut, so hätte er noch andere Wahrheiten borzubringen, man darf nicht bloß mit dem Verstände rechnen, es ist Wischer, ^was in dem Worte ausgedrückt ist: „Nicht der Glaube ist die Hauptsache, sondern die Tat." Wie Paulus diesen Satz umgekehrt und die Römer gelehrt hat, die Hauptsache sei der Glaube, nicht die Tat, da hat er gänzlich das Band nicht nur mit dem Judentum, sondern auch mit dem Iuden-Ehristentum zerrissen und so das Christentum gleich bei seiner Geburt zum Tode verurteilt. Der letzte Gedanke begeisterte den alten Mann so, daß er ausftand und mit leisen Schritten durch'das Zimmer ging; je tiefer er sich in den Gedanken versenkte, desto mehr gefiel er ihm, feine Trauer schwand für eine Weile, er fühlte sich jünger, fühlte, daß er etwas Neues geschaffen habe, und entschloß sich, Samuel David Luzatto iwch wieder zu schreiben; es war doch nicht schön, so lange böse zu sein . . . Er wurde rasch müde und setzte sich wieder nieder. Vor ihm lag ein Brief von Geiger — das war der, der gegen die Beschneidung aufgetreken war und das Judentum so beschnitten hatte, daß es zu rund wurde^ und nicht viel fehlte, es wäre im ganzen aus d'er Welt gerollt. Was will der solide Deutsche im Frack? Er schreit, die Juden mögen Menschen werden, die Weisheit der. Christen lernen und den Schmutz von sich abwerfen; in einemfort predigt ev, man könne in unserem Vierellenurnkreis nicht stehen, und zugleich glaubt er, wir, die Schmutzigen, hätten eine „Mission", wir seien dazu da, die Welt zu verbessern! Ha, ha. ha! 0cn:r-;ctv, Völker, w'letze am. Boden liegen. bekommen plötzlich Missionen", werden Erlöser, trösten sich mit ihrer Ohnmacht . . . Da besucht mich oft ein Pole, der predigt auch, daß die Polen eine Mssion hätten, das polnische Volk sei gekreuzigt worden Mr die Sünden der Völker und werde den Messias, einen sozialen Messias bringen. Die Polen haben also auch ihren Geiger, einen gewissen Towianski. Er steht natürlich noch weit von unserem Geiger, dem Nationalisten, ist beinahe ein wirklicher Rabbi, heilt Kranke wie — bei allem Unterschied zwischen beiden — der Baal-Schem, hält sich für eine Wiedergeburt Jesu, will die Polen mit Wundern erlösen und hat große Lust, Rothschilds Millionen zu erlangen; er ist wahrscheinlich der Ansicht, sein Reich sei von dieser Welt. Ha, ha, ha! Was aber wollen bie Polen von mir? Sie haben mich gequält, auch Felicia hat nicht Ruhe gegeben, ich möge der Kassier sein und die Gelder aufbewahren, welche aus der ganzen Gegend einfließen. Gern würde ich ihnen ein paar tausend Rubel geben, damit sie mir dieses Amt erlassen, Juden sollen sich nicht einmcngen, wenn die Polen selber nicht einig sind. Der alte Graf Ialswski, der mich, Iosiel, in seinem Innersten als einen seiner Pächter arüsieht, obwohl er sich bei mir Geld leiht und mit nur über Hegel disputiert, hat keinen Groschen für die Sache hergeben wollen und erklärt, sie sei Unftun, denn „alles, was ist, ist vernünftig". Dummkopf! Dann ist der Ausstand in den dreißiger Jahren auch vernünftig gewesen, denn er ist gewesen und ist verunglückt! Mit solchen sündhaften Wahrheiten schafft man Welten und zerstört sie. Neulich hat mir ein junger Mann gesagt, da mm Rom sich von Oesterreich befteit hat und der Papst seine weltliche Größe vevloren hat, sei die Zeit gekommen, daß Jerusalem wieder erbaut werde . . . und das hat kein Kabbalist gesagt, sondern ein kluger Mensch, der viel kann und etwas gelernt hat; er hat die Heidelberger Universität absolviert und redet solchen Unsinn . . . wer kann aus den Leuten klug werden? Die neue Generation ist zu weit fortgeschritten; vielleicht aber bin ich schon zu alt und verstehe nicht mehr, was rings um mich vorgchi? Was ist m'v nur vorhin eingefallen?