Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1607 (3.8.1923)
- Date
- 1923-08-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 1607 " WW, Fveitag WieMv MödMikung. 3. August 1923 Seite 3 Sesterreich. Lnflaffnng der «enttalen Zone rwische« Sesterreich «nd Ungar«. Nachdem die Abgvenzuivtzsarbeiten in dem Machen A5ttsee Mid dem Neusiedler-See gelegenen Teile der iPerreichisch-ungarischen Grenze hinreichend weit- Vovgefchvitten sind, wurden mmvchr aus Veranlassung des österreichischungarischen GrenzvegelunHsauSschusses in Oedenbuvg die nur mehr in diesem Teile bisher aufrecht erhaltene neutrale Zone ausgelassen. Die Besetzung der den Leiden Nachbarstaaten hierdurch schallenden Gebiete ist am 1. d>, 18 Uhr mittags, beiderseits durchgefühvt worden. Sie LlroKr Ratioaalsozialiften gegen dar Wahlbündnis mit den Srobdentsche». Innsbruck, 2, August. In der gestern abgchMenen Brrs'mmnlung dev Ortsgruppe Innsbruck der Nationa!- sozialisten stimmte die Mehrheit der Mitglieder, wie die ,^JnnSbmcker Nachrichten" melden, gegen «in direktes Wahlbündnis mit den Gvoßdeuischen aMWich der NationalratSwchlen, jedoch für einen Zusammenschluß in «lnem völkischen Block auf anittmarxistischer und antisemitischer Grundlage. Den für den Parteitag nach Salzburg gewählten Vertretern wurde bezüglich der Abstimmung freie Hand gelassen.. Sie idealistische .Reichsvost". Das chrMichsotziabe HaupWM, das Organ des Bundes- Intzlers, setzt seinen Lesern in seiner gestrigen Nummer Pen versprochenen letzten Teil aus der Pseudonymen Schrift des antisemitischen Wirrkopfs vor, der sich unter dem Decknamen Pentha-Tull verbirgt und den Weltfieg des Judentums verkündet, um unter jüdischer Maske zu Hetzen. Die Folgerungen Pentha-Tulls sind Nicht eben originell; man kann sie in der gesamten anitisemttffchen Literatur antreffen. Die eigentliche Weltmacht ruhe in den Händen des Kapitals und der Pre sse und fir sei nicht mehr zu erschüttern, weil sie sich auf der „illusio ns losen Kenntnis der Menschen" ausibaue. Den besiegten Illusionisten" — das sind jene, die nach der ,Michspost" noch an Gott, Vaterland, Sittengesetz und Pflicht glauben —, werden die Juden als Sieger gegenübevgestellt, als deren Wortführer der pseudonyme Pentha-Tull in den Ralf cmsbrrcht: ,Mir halben die Welt gewonnen!" Wir sind allerdings nicht der Meinung, daß der Leserkreis der „Reichspost" mit den krausen Expektom-tionen dieses Pamphlets sonderlich viel anzufawgen wissen wird, -aber dem frommen Matte genügt es offenbar, den Lesern wieder einmal durch eine antisemitische Hundsia>gePhantasie vor der ,/jüdischen Gefahr" gruseln zu machen, um auf solche Weise siir die künftigen Wahlen entsprechend Sti-mvmng zn machen. Es ist nicht gerade erifreulich, sich mit der „Reichspost" die vor den albernsten Fälschungen nicht znruckscheut, wie hier bereits nachgewiesen wurde, auseinanderzusetzeu, und wir würden uns viel an unserer Würde vergeben, wollten tvir Argumente ins Feld führen, wo das Festnageln albern am. Platze ist. Wenn die „Reichspost" als Repräsentantin des Idealismus und der christlichen Menschenliebe gelten soll, dann kann das Judentum auch die Bezeichnung der „illusionslosen Weltanschauung" auf sich nchmen. tzzernin will auswander«? „Pragai Magyar Hirlap" berichtet aus Budapest, baß der gewesene Außenminister Otwkar C z e r n i n demnächst nach Spanien übersiedeln und dem Hofstaate der Exkaiserin Zita zugeteilt werden wird. - * Wie wir erfahren, handelt es sich nicht um den früheren Außenminister und derzeitigen Abgeordneten Ottokar Czernin, sondern um seinen Bruder, >der als ungarischer Aristokrat zu einer sechsmonatigen Dienstleistung an. den Hof ZrtaS abgeht. Ottokar Ezemin aber bleibt Oesterreich —leider — erhalten. . | Zugoslawien. 6ine neue SstionageassSre. Ungarn im Spiele. Graz, 2. August. Wie die ,/Tagespoft" aus B elgrad meldet, ist eine neue Spionageaffäre achgodeckt worden. Gin Bosnier hat mit Hilfe eines Feldwebels wichtige vertrauliche Militärdokumente gestohlen und nach Ungarn gebracht, wo sie photographiert wordenseien. Der Bosnier ist verhaftet worden. ' Ungarn. Streik der Lokomotivführer. Der gesamte Zugsverkehr eingestellt. Budapest, 2. August. (Del. der „Wr. M-orgenzeitun'g".) Der Landesverband der Lokomotivführer hat heute den Streik proklamiert. Im Laufe des Tages war eine Abordnung der Lokomotivführer beim Handelsminister erschienen und forderte die Erhöhung der Gehalte auf die Hälfte der Friedens- Parität. Der Handelsminister erklärte, die Forderung der Lokomotivführer prüfen zu wollen und in einiger Zeit Antwort zu geben. Der Landesverband beschloß daraufhin den Streik und stellte bereits .nachmittags die Arbeit ein, so daß die nachmittags fälligen Züge nicht mehr abgehen kannten. Budapest, 2. August. Nach einem Communique der Direktion der Staatseisen'bahn ist der ordentliche Personen- und Schnellzugsverkehr auf sämtlichen Linien eingestellt. Seit heute, 5 Uhr nachmittags, wivd nur ein Notverkehr aufrecht schalten. Verhängung des Standrechtes. Die Regierung ist entschlossen, mit den energischesten» Mitteln den Streik der Lokomotivführer niederzubrechen und die Ordnung aufrechtzuierhalten. Zu diesem Zweck wurde das Standrecht verkündet und ein« Verordnung bezüglich der Inanspruchnahme der technischen Nothilfe erlassen. Der Verband der Lokomotivführer wurde heute aufgelöst und die MiWisder des Exekutibausschusfes der Streikenden in Haft genommen. Die Staatsbähnen, di« Hauptstadt und der BEsernährungsiminister haben zur Sicherung der LebeusmittLlversorg'üng der Hauptstadt die notwendigen Maßnahmen getroffen. Die Regierung wird in ihren auf die Niederwerfung des Streiks gerichteten Bemühungen von den oppositionellen christlichen Fraktionen sowie von der Mlchrhöit der bürgerlichen Abgeordneten unterstützt. (?) Der Gouverneur der Notenbank demissioniert. Die staatliche Einflußnahme auf die Notenpresse. Budapest, 2. August. (Tel. der „Wiener Morgertzertung".) Wie verlautet, -befaßt sich der Gouverneur des staatlichen Noten-mftituts Dr. Alexander PopovieZ mit Rücktrittsgedanken, da er den staatlichen und Politischen Beeinflussungen nicht mehr ausw eichen kann. Die Regierung will als seinen Nachfolger Baroü Josef Szerenyi oder den Vorsitzenden, des Landesfinauzsenates Johann Teleszkh gewinnen. Polen. Mische Interpellationen im Selm. . Warschau, 2. August. (Tel. der „Wiener Morgenztg.^ In der letzten Plenarsitzung des Sejm interpellierte der jüdische Deputierte Dr. Reich die Regierung wegen sofortiger Ausschreibung der Wahlen in die Lemberger Kultusgemeinde, wo bis heute der noch im Kriege geschaffene Zustand besteht, daß die Gemeinde von einem Regierungskommissär verwaltet wird. Mit einem interessanten Fall, der zeigt, daß auch bit Schulbehörden jederzeit bereit sind, sich über die Staatsgrundgesetze hinwegzusetzen, wo es sich um Juden handelt, und sich dabei um die Intentionen der Regierung nicht kümmern, beschäftigte sich eine Interpellation der Deputierten Dr. 'Silberst ein und Heller: Am Gymnasium in Boryslaw, das von 80 Prozent jüdischer Schüler frequentiert wird, fanden im Juni die Einschreibungen statt. Jeder Schüler mußte einen Fragebogen aussüllen, in dem sich unter anderem die Rubrik „Nationalität" befand. Diese Rubrik füllten die jüdischen Schüler wahrheitsgemäß mit „jüdisch" aus. Das wurde gestrichen und durch „polnisch" ersetzt, mit der Motivierung, es existiere in Polen keine jüdische Nationalität. Als die Eltern der jüdischen Schüler sich beim Direktor beschwerten, entschied dieser, die Ausfüllung der Rubrik „Nationalität" habe zu unterbleiben, bis er vom Unterrichtsministerium entsprechende Verhaltungsmaßregeln erhalte; denn — so sagte der würdige Anstaltsleiter wörtlich — „diese Frage belästigt jetzt den Sejm". Polen und die deutschen Siedler. Haag, 1. August. (Wulff.) Heute beginnt vor dem ständigen Internationalen Gerichtshof im Haag die' öffentliche Verhandlung über die Streitfrage, ob Polen berechtigt war, die deutschen Ansiedler und Mchier aus «ihren Stellen zu vertreiben. Polen ist durch den Grasen Michael RostworowSki und den früheren englischen Geueralstaatsaniwalt Sir Ernest Po «lock, Deutschland durch den Reichsminister a. D. Dr. Schiffer .vertreten. Die Verhandlungen werden voraussichtlich mindestens eine Woche vn Anspruch nchmen. Die Ioworinafrage. Warschau, 2. Awgust. (P. T.-A.) In der Sitzung des Sejm brachte.der Aüg. Dembski einen Dringlichkestsantrag Liber die Jawo rinafrage ein. Dem Antrag wurde einstimmig die Dringlichkeit zuerkannt uni derselbe der Kommißion für auswärtige Angelegenheiten zugewiesen. Hierauf hielt Fmanzmimster Linde eine Rede über die Finanzpolitik Polens, wobei er hervochob, daß die Regierung Maßnahmen zur Vermehrung der EiMnfte und zur Erzielung namhafter Ersparungen in allen Ressorts ergriffen habe. Ueber diese Erklärung wird morgen eine Debatte abgehalten werden. Die tschechischen Faäzrsten besuchen die Jaworirm. Prag, 2. August. Wie „Narod'rti Lrsty" erfahren, unternehmen tschechische Fas zisten morgen einen Ausflug nach der Jaworina. Ein jüdisches Studentenheim in Warschau. Zur Linderung der schweren wirtschaftlichen Lage der jüdischen Studenten in Warschau ist beschlossen worden, ein jüdisches Studentenheim zu bauen. Zur Aufbringung der erforderlichen Geldmittel werden in den einzelnen Städten Polens Komitees gebildet. Der Jude nid or n (Zrzyphus sativus) und der Stechdorn (Palruvus spina Christi) sollen bei der Kreuzigung Jesus' zur Herstellung der Dornenkrone verwendet worden sein. Beide stattliche Sträucher sind in Palästina heimisch. In den ausgedehnten Wüsten Syriens ist die Juden man na (Alhagi camrlorum) weit verbreitet. Die sehr nahrhafte Frucht wird von den Wüstenbewohnern vielfach roh genossen. Irr diesen Namen ist daher ein objektiver, wenn auch nicht unzweifelbarer historischer Kern enthalten. In den Pflanzennamen der Volkssprache hingegen ist häufig außer irgendeiner derben Bosheit gar keine Beziehung zu den Juden auszufinden. In solchen Fällen wird dann auch bald eine Umtaufe -vorgenommen. So bei dem weißblühenden Strauch mit dem starken, süßen Duft, Piruperrmß (Staphylea pinnata) genannt, der früher den weniger schönen Namen Iudennuß trug. Bei vielen auch in Palästina einheimischen Pflanzenarten ist der Name durch diesen Umstand begründet. Allbekannt ist die Jerichorose (Anastatica hrerochuntica), die wohl weder mit Jericho noch mit den Rosen etwas zu tun ^hat, aber sich durch die ' merkwürdige Art der Verbreitung ihrer Früchte auszeichnet. Bei trockenenr Wetter nämlich ballt die Pflanze ihre Aeste zu einer Kugel zusammen und öffnet sie. nur, ihre Samen ausstreuend, ivenn ' genügend Feuchtigkeit für die Keimung vorhanden ist. Durch ihre ungernein rasche Ausbreitungs- und Wanderungssähigkeit verdient die ebenfalls in Palästina und i!nr Mittelmeergebiet einheimische Lilienart Jak o b s st ab (Asphodelus luteus) ihren Nanren. Zum Schluß sei noch einer Lichtnelke, der Jerusalemblume (Lhchnis ä)alcedonica) gedacht, einer, in I Gärten häufig gezogenen Pflanze aus Südvußland.. Ihre I tiefryten Blüten heißen im Polksmunde brennende LiOe. Was die Pflanzen erzählen. Bon Philipp Hoffmann. Es gibt wohl kein Gebiet menschlicher Betätigung, wo nlcht nvannigfache historische Momente immer wieder an die Existenz des ewigen Volkes erinnern würden: an die geistige Größe und an das körperliche Leid des Judentums. Wer Wald und Flur durchwandernd sich an dem unerschöpflichen Reichtum der Pflanzenwelt ergötzt, merkt bald, daß auch die blühende Herrlichkeit ein Märchen über Judenhaß, Spott und Vevfolgrrng zu erzählen weiß. Nicht -nur in der Bezeichnung der Pflanzen in den einzelnen Sprachen findet der Forscher wertvolle kulturhistorische Belege für das Verhältnis -der Nichtsuden zu den Juden, es gibt auch nranche Pflanzen, dir selbst unfreiwillige Mittel zu Judeuverfolgungen wurden. Zu den interessantesten Pflanzen dieser Art gehört ein einzelliger, dem freien Auge unsichtbarer Spaltpilz,' Bacillus prodigiosus. Die «winzigen Stäbchen dieses Pilzes sind blutrot und leben in großen Massen auf allerlei Gebäck, das nicht trocken genug aufbeüvahrt wird. Diese sonst ganz unschädlichen Bakterien kosteten vielen tausenden Juden das Leben. Wenn im Mittelalter die an feuchtein Ort au-fbowahvten Hostien oder M<M0th zu ,Muten" begannen, mußte oft die Wische Bevölkerung ganzrr Provinzen verbluten. Ein großer Teil der Greuel, die in den Tagen der Ssiroth gegen die Juden in Deutschland verübt worden sind, wurde durch die blutenden Hostien veranlaßt. Eine ähnliche Rolle spielte die Grünalge (Haematoeoccus pluvialis), die an wasserdurchlässigem Gemäuer blutrote Flecken erzeugt. So entstand das Wunder der an die Wand gemalten Madonna, die bei feuchtem | Wetter ihre Herzblut pevgoß. Solche Erschemungett durck I eine übelgesinnte Priestevschaft gedeutet, führten Sjäitftg zu Ausschreitungen des abergläubigen Volkes gegen die Juden. Von bösen Zeiten erzählt eine an der deutschen Nordserküste sehr verbrettete Bvaunalge (Laminariasaccharina), deren deutscher Name erst in jüngster Zeit abgeändert wurde, weil er ein allzu lauter Zeuge völkischer Bavbarai >war. Der Zuckertang, eine bis drei Meter hohe Pflanze mit dickem, zähem Stiel, hieß früher Judenriemen-Tang, und lvar auf deutschem Gefilde der mittelalterliche Vorläufer von Totschläger und Gummiknüttel. Eine am sonnigen Waldrand häuflge Staude ist die I u denk i ris ch e (Physalis alkekengi). Ihre rote Beere steckt in einer aufgeblasenen lederigen Hülle und 'hat euren herben, unangenehmen Geschmack: Der Spott, der in dem Namen liegt, ist nicht weniger herb. Das Schlechte, Minderwertige wird dem Jtlden zugedacht. Er ist das Freiwild im Walde, das - Spielzeugaller Winde . . . Das Zeichen, das er tragen muß, fft ein Zeichen der Schutzlosigkeit: es ist geW, wie die üppigen Blüien der Jude npappel (Kerria japonica), deren Früchte auf dem fremden Boden Europas niemals zur Reise gelangen. Ein beliebter Name für Pflanzen mit verschiedenen, richtig oder falsch beurteilten Eigentümlichkeiten ist der Name des S t i e s a p o st e l s Judas. Des Namensgloichklangrs halber wird die Tat Judas' stets hervorgehoben, um das für solche Aeußerlichkeiten empfängliche Voll auf die Juden zu Hetzen. Auch den deutschen Namengebern der Pflanzen lagen wahrscheinlich solche Tendenzen nicht fern. Der Pilz I u d a s o h r (Exidia arwicula Judae) und der bekannte . rotblühende Judasba"m (Cercis Mquastvmn) sind Bettviele dafüv-