Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1606 (2.8.1923)
- Date
- 1923-08-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16« Wien, Domrersiag Wiener; MorgenzeUung. 2. August 1923 Seite 8 Sie „Reichest" und Adolf ßremieux Vom Bevfafser des mrter diesem Titel in der Sonntagsmmrmer unseres Blattes erschienenen Artikels erhalten wir folgende Zuschrift: -Meine Frage, ob die „Reichspos^ eine Regmrg des Schamgefühles empfinden wird, wenn sie bedenkt, welchem Fälscher sie blind die Faseleien nachgeschrieben, ■ die dieser einem Cremieux zuKirschvoiben wagte, hat gestern ihre Beantlvo-rtung gefunden. Nein, die „Reichspost" schämt sich nicht. Im Gegenteil, sie tritt für den Fälscher ein. Nicht offen, ehrlich, mutig; das nicht. Sondern verkniffen uüd hinterhältig, krampfhaft bemüht, selbst vor ihren Lesern den Sachverhalt zu verschleiern. Ich habe in meinem Artikel lediglich zwei in den Grünldungsaufruf Cremieux' hineingelogene Stellen zitiert, um die ,Michspost" zu überzeugen, daß sie aufgeseffen sei. Nun sollte man meinen, daß die „Reichspost", wenn sie schon an die Echtheit dieser Stellen glaubt, oder wenn sie wenigstens die Möglichkeit ihrer Echtheit glauben machen will, ganz einfach erklären wird: diese Stellen sind in dom echten, unverfälschten Ausruf Cvemieux' enthalten. Das tut aber die „Reichspost" nicht. Wie dem Feuer weicht sie derWLederholungdieserStellen,demHinweis auf sie, jaselbstder Andeutung aufsie aus. Sie ignoriert diese Stellen, um die es sich handelt, und weist auf andere Stellen hin, die in dem ihr vorliegenden Aufruf enthalten sind und deren Echtheit angeblich seit sechs Jahrzehnten unbestritten geblieben! Sollte man das für möglich halten? Eine kleine Konfrontation soll es beweisen: Morgenzeitung" vom „Reichspost" vom 1.August. 29. Juli. * . . . Aber ich glaube doch „Auf die don uns zitierte nicht, daß die „Reichspost", und von der „Wiener Morgenwenn sie eine Ahnung gehabt zeitung" jetzt geleugnete Schlußhätte, wer Cremieux war, dem stelle wird seit sechs Jahr- Dummkopf von einem Falscher zehnten in der Literatur immer aufgeseffen wäre, der diesem wieder hingewiesen; so hat auch Aeußerungen in den Mund Rohling den Schlußsatz: „Ein legte, wie z. B.r neues mesiianisches Reich, ein „DaS Netz, das Israel über neues Jerusalem soll erstehen die Erde wirst, breitet sich, stark an Stelle des Reiches der 0tt8". Kaiser und Päpste" abgedruckt „Der Tag ist nicht und kommentiert." ferne, an dem alle ReichtümerderWelt arrSschließlich den Inden gehörenwerden usto." Derlei hirnriffigeS Zeug soll Cremieux in dem GründungSanfruf der Alliance Jsraelite Universelle der Welt verkündet haben? Ja, wo ist plötzlich das Netz hingekommen, das Israel über die Erde wirst? Wo die liebenswürdige Ankündigung, daß bald alle Reichtümer ausschließlich den Juden gehören werden? Wie armselig, fadenscheinig ist doch dieser Ersatz für die grandiosen hivnvissigen Expektorationen, die ich der „Reichspost" freundlich zu bedenken gegeben hatte. Der Hinweis auf den seligen Rohling als Bürgen für die Echtheit dieser messianischen Ankündigung Cremieux' soll wohl mit dazu, dienen, die Aufmerksamkeit von dem Kernpunkt der ganzen Angelegenheit abzuleMn. Aber trotzdem möchte ich hierzu ein Wort bemerken. Rohling, dem von den hervorragendsten christlichen Autoritäten das Zeug- - nis ausgestellt wurde, -daß er ein dreister Mischer, Lügner und Ignorant sei, Rohling, der selbst den Gericht s s a al mied, als ihm der Vorwurf ins Gesicht geschleudert wurde, er sei, um seinem Judenhaß zu frönen, auch zu Meineiden bereit, erscheint nicht so ohneweiters als klassischer Zeuge. Aber es scheint, daß selbst Rohling Nicht die Behauptung ausstellte, in dem Gründungsaufruf Cremieux' fei diese messianische Ankündigung enthalten gewesen. Im „TalmMude" Rohlings ist nämlich nur folgendes zu lesen: „Gin neues messianisches Reich" — sagt uns zur weiteren Verdeutlichung Cremieux als Präsident der seit 1860 den Erdball umschlingenden Alliance Jsraelite — „muß erstehen an Stelle der Kaiser und Päpste", ,/denn (so schreibt Rohling weiter), sagt der Talmud, alle Völker der Erde, und was sie füllt, gehören Israel." Wohlgenrerkt: diese Worte läßt Rohling nicht mehr Cremieux, sondern nur no ch den Talmud sagen. Hat vielleicht der Gewährsmann bei Rohling seine Weisheit geholt und Cremieux — damit die Geschichte in einem Abwaschen geht — auch das zrtgeschrieben, was Rohling nur dem Talmud zugelogen? Nun fei mir nur noch sine Bemerkung pro domo gestattet. Die „Reichspost" verübelt mir, daß ich ihren Geivährsriiairn nicht sehr höflich behandelt habe. Dev Borwurf schmerzt mich. Aber ich weiß wirklich nicht, wie man in zarten Worten das Metier eines Menschen kennzeichnen soll, der einem der geistvollsten Parlamentarier, einem gewesenen französischen Minister, weil er ein Jude war, die blödsinnigsten Infamien anlügt? Soll ich dies vielleicht darum artig etwa als eine kleine poMsche Entgleisung charakterisieren, tveil mit dieser Mlschung die blutrünstige Hetze gegen alle Juden geschürt werden soll? '• trat. Das Buch des Pentha-Tull. Die „Reichspost" läßt sich endlich herbei, dien Abdruck der Pentha-Dull-Broschüre fortzusttzen. Aus der gestrigen Publikation ist so wie aus dem Ansangskapitel nichts Jüdisches zu erkennen. Eine Umstilifferung aller Metzschefchen Lehren, allerdings gut und geschickt geschrieben, aber in dem heutigen Deutschland, in £ estenreich selbst dürfte es ein paar hunderttausend „Arier" Aus dem Reich der Halenkreuzler. Allerlei SrbMlcher. Rotzvach im Gefängnis. Leipzig, 1. August. (Tel.-Komp.) Seit der Flucht Ehrhardts aus dem Untersuchungsgefängnis sind die Sicherheitsmaßnahmen gegen die verhafteten Mitglieder rechtsradikaler Organisationen außerordentlichverschärft worden. Unter ganz besonders strenger Bewachung steht der frühere Oberleutnant Roßbach. Die Untersu'chungsgofangenen werden ürit verbundenen Augen durch die Gänge des Gefängnisses geführt, um ihnen jede Orientierungsmöglichkeit für etwaige Fluchtversuche zu nehmen. Die Ermordung des Lehrers Cadow. Berlin, 1. August. (Tel.-Komp.) Die Untersuchung in dem Parchimer Mordprozeß dehnt sich immer weiter aus. Bis jetzt wurde schon gegen 17 Mitglieder der Organisation Roßbach das Untersuchungsverfahren eröffnet und 16 von ihnen in Hast genommen. Wer hat Schlageter denunziert? Aus Berlin" meldet I. C. B.: Von Anhängern des Führers der Deut'schsozialen Partei, Kunze, genannt Knüppel-Kunze, werden massenhaftFlugschriften verbreitet, in welchen behauptet wird, der von den Franzosen nn Rheingebiet erschossene Schlageter sei von Polizeiorganen des Innenministers Severing steckbrieflich verfotzt und von zwei Sozialisten den Franzosen denunziert worden. In Verbindung damit wird darauf hingewissen, daß die Mitarbeiter und Ratgeber Severings, Staatssekretär Dr. Freund, Ministerialdirektor Dr. Abegg, Doktor W e i ß m a n n, Oberregierungsrat Dr. W e i ß, Dr. B a d t, Regierungsrat Goslar und auch die Privatsekretärin Käthe RofenhaYn, sämtlich jüdischer Abkunft sind. In: Gegensatz dazu weist „B o r w ä r t s" darauf, hin) daß Schlageter von deutsch0ölkischen Anhän-. g e r n des Aktivisten Roßbach, also von seinen eigenen Gesinnungsgenossen, denunziert worden ist. Deutscher: Antisemitismus. Der arische Standpunkt in der deutschen Studentenschaft. Nach Mitteilungen der rechtsstehenden Presse entfielen bei Den in W ü r z b u r g abgehaltenen Mahlen zum allgemeinen Studentenausschuß auf die drei vom Hochschulrmg Deutscher Art ausgestellten Listen insgesamt 2343, auf die beiden vereinigten Listen der „Jüdischen Studierenden" und des „Deutschen Studentenbundes" 203 Stimmen. Alldeutsche gegen DeutfchvölNsche. Aus Berlin wird uns gemeldet: Der Alldeutsche Ber< band hat gegen einige deutschvölkische Führer, die in Der-! sammluügen und in der Presse die Behauptung ausgestellt - haben, die Alldeutschen stünden in jüdischem und' jesuitischem Solde, die gerichtliche Klage ernleiten lassen. In politischen Kreisen erregt dieser Bruderzwist zlvischen; Alldeutschen und Deutschvölkischen Aufsehen. Die „Deutsche Ehrenlegion" — ein Geschäft. München, 1. August. (Tel. der,Mr. Morgenzeitung".), Bekanntlich besteht in Deutschland ein O r d e n s r a t I. V.! (das heißt in Vertretung des Kaisers), der die „Deutsches Ehrendenkmünze des Weltkrieges am hei-' lig-schwarz-weiß-roten Bande" verleiht. Die Denkmünze wird hinter den deutschen Kviegsorden getragen- und ziert unter amdevem die Brust des Generals Luden< dorff. Jeder, der den Ovden trägt, ist Mitglied der: „Deutschen Ehrenlegion^ Dieser Orden wurde auch yach Oesterreich übertragen, und, wie man in den Spalten der völkischen Presse fast tägi lich losen konnte, eisvigst an Völkische jeden Alters „verliehen". 1 Die „Bayrische Kriegerzeitun^, däs amt- I i ch e Organ des Bayrischen Kriegevbundes, stellt nun fest, daß dieser Ordens rät ein Privatunternehmen ist; die Herren, die sich als Ordensrat zusammengetan haben, vertreiben die Denkmünze gegen Be-- zahlung. Vertrauensmann des Ovdensrates war bis vor kurzem der aus dem Geiselmordprozeß be-' kannte, vorbestrafte Ordensschwindler Bar o n Moser. Jede Person, Mann oder Frau, kann g e-; gen Bezahlung einer Stempelgebühr die> Denkmünze erwerben und kaust sich damit in die „Deutsche! Ehrenlegion" ein. Damit nicht das Geschäft durch Konkurrenz gestörtwerden kann, hat der ,^)rdensrat" bte Denkmünze durch Gebrauchs- und Geschmacks-! Musterschutz schützen lassen. - Hierzu schreibt die „M. P": Deutsche Republik — eine - Ordetrsverleihgesellschast (in Vertretung des Kaisers) — ein;; abgestraster Ordensschwindler als Vertrauensmann — Ludendorff und Allerhöchste deutsche Fürstlichkeiten als Inhaber dieser Ehvendenkmünze — Patentschutz für den Or-! den — wer bezahlt, wird dekoriert —o heilige deutsche: Dummheit am heilig-schwarz-weiß-roten Ordensband. geben, die das dort Gesagte als Fleisch von ihrem Fleische agnoszieret:, womit aber nicht gesagt sein soll, daß dies ausschließlich geistiges Eigentum der „Arier" sein muß. Was der Pentha-Tull (die „Reichspost" akzeptiert schon den Tulpenthal) hier ausführt, ist übrigens von anderer Seite viel präziser und besser geschrieben worden, so von dem seligen Macchiavelli oder vor: den der „Reichspost" wohlbekannten Autoren der Maxime: Der Zweck heiligt die Mittel. , Wir können es uns mit ruhigem Gewissen versagen, unseren Platz, den wir für Wichtigeres brauchten, mit den Ausführungen des airgeblichen Pentha-Tull vollzustopfen. Wir werden gelegentlich daraus noch zurückkommen. N Antisemitische Einheitsfront. Obwohl die Parteiführer auf Urlaub weilen, ruhen die Wahlvorbereitungen nicht. Die Parteisekretäre sind emsig an der Arbeit, um das Agitaitionsmatevial für die Wahlkampagne vorzubereiten. Die vom Bundeskanzler ausgegebene Barole, Einheitsfront aller nichtmarxistische u Parteien, steht jetzt in den verschiedenen Parteilagern zur Erörterung. Zunächst soll ein solches Uebereinkommen im Wahlkreisvevband Steiermark, der auch die Länder Kärnten und Burgenland umfaßt, zustande gebracht werden. In Kärnten sind die Aussichten hierfür gütvstig, da dort gleichzeitig die Landtagswahlen stattfinden und der bürgerliche Block hofft, den sozialdemokratischen Landeshauptmann zu stiirzen und eine starke bürgerliche Mehrheit in den Landtag zu bringen, 'was zur Folge hätte, daß auch die Vertretung Kärntens im Bundesrat zugunsten «der Biirgerlichen geändert und schließlich im Bundesvat selbst, der für die Mchrhoitsparteien unerquickliche Zustand beseitigt würde, baß die Koalition, wenn ein Bürgerlicher den Vorsitz führt, in der Minderheit blei>bt. Einige Schwierigkeiten -dürfte die Einheitsfront im Burgenland machen, da dort die Bauernpartei bei den Wahlen die Großdeutschen ganz an die Wand zu drücken hofft. Für Steiermark hat die christlichfoziale Landesparteileitung den anderen bürgerlichen Parteien ein mit 17. d. böfvfitetes Wahlübereinkoprmen angeboten. Die steirischen Großdeutschen lehnen eine derartige Wahlgemeinschäft nicht grundsätzlich ab und wollen konkreten Vorschlägen unter der Voraussetzung näher treten, daß die Jntereffen der Partei voll gewahrt bleiben. Eine Stellungnahme zum Beschluß der chri-stlichsozialen Landesparteileitung dürfte jedoch erst in der zweiten Augusthälfte erfolgen, nachdem die Reichspcwteiloitung ihr Plazet gesprochen hat. Die Wahlen -werden sich .jedoch vornehmlich als K a nt p f u m W i e n äbspielen, und der von den National- , sozialisiert propagierten antisemitischen Einheitsliste für die Wiener Gemeinderatswahlen! scheinen auch die Ehristlichsozialen und Großdeutschen' nichts abgeneigt. Anders liegen die Dinge für die Nationalrats-. Wahlen. Die Nationalsozialisten stellen sich die Eircheitssront so vor, daß ihnen die anderen. Parteien oder zumin-- bestens die GroMutfchen einzelne Wahlbezirke überlasten. Dadurch würden nun natürlich für die Zählung im Wahlkreisvevband die Reststimmen verloren gehen und der Zweckder Ein'heitsfwnt, die Schwächung der Sozialdemokraten,, könnte nicht erreicht werden. Wohl würde das neue Haus^ ein paar Nationalsozialisten als Zuwachs bekommen, aber^ da diese Partei sich sehr scharf gegen das Genfer Sanierungsprogramm.erklärt hat, Ware für die Sanierungsfieutrde dieser Zirwachs nicht sonderlich erwünscht. Die Chvistlichsoziälen verlangen daher, daß die Gvoßdeutschen zuerst mit den Nationalsozialisten ins^ reine kommen, dann ließe sich darüber reden, den! Großdeutschen in einer gemeinsamen Liste ihren bisherigen Besitzstand zu garantieren und ihnen noch einiges von dem zu erwartenden Aiandatsgewmn zuzuteilen. Andernfalls: hatten gemeinsame Listen lvenig Sinn, -da die Großdeutschen, wenn sie den Nationalsozialisten einzelne Wahlkreise überlassen, an diese einen großen Teil ihrer Stimmen v>erlieren, aber gleichwohl auf Kosten der Chvistlichsoziälen ihre Man-' bäte -behalten' würden. Aus dem Gesagten, ist jedenfalls ersichtlich, daß die Sozialdemokraten Mühe haben werden, sich ihrer Haut zu erwehren. Sie suchen nun der in Bild-ung begriffenen antisemitischen Einheitsfront dadurch die. Spitze abzubrechen, daß ihre Funktionäre überall dort, wo, sie zu Worte kommen, in den Bertretuugstörpern und ip der Preffe nach Kräften antifemiteln und die Mehrheitsparteien als mit dem jüdischen Großkapital versippt und im Bunde hinstellen. Sie haben sich dabei zur Gänze den Jargon ihrer Gegner angeeignet und suchen auch m der Administrative den Antisemitismus zur Geltung zu bringen. Für die jüdischen Wähler ist es sohin somleMar, daß bei keiner der großen wahlwerbenden Parteien ihre Jnt-evessen geborgen' sind. Der antisemitischen Einheitsfront der Marxisten und Antiwarxisten muß die jüdische Einheitsfront entgegengestell t werden. Hakenkxertzlerverbrü-eeung in Salzburg.' Lästige Ausländer sollen in Oesterreich hetzen! Wie die Ko-rvesPonde.NF Hevwer erfährt, wird auf bent Parteitage der Nationalsozialisten Oe-sterraichs, der in der Zeit vom 12. bis 15. d. m Sa lzbu r g stattfindet, auch der Führer der deutschen Nationalsozialisten H i tler sprechen. Es wird, heute schon für eine stärke Beteiligung Sommerokkasionl |||| i||i um MWII>WM>UI>W>UW>>WW>W Regenmäntel . K 12S.VVVIllgfKü ü»« Lelnenwaren, Waschwaren Bfrn Stoffe, waiche, sehr billig 3ÜSchiffmann II.. Taborstraße U Telephon 47-1-79 En gros En detaB