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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-01 · Heft 1605 (1.8.1923) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1605 (1.8.1923)
Date
1923-08-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Mittwoch öung des Tarbnth-Brrcines, sc» ist sie doch ein Erfolg in dem Kampf« nur die R'cttnng des gesamten Tarbuth-Schuttverkes durch die Getvührnng der Oeffcritltchkeitsrechte. Sohr ullangenohm empfindet die Judenschaft SiebenbürgenZ und des Banats emen anderen Erlaß des Unterrichtsministers Anghelesc« in der Frage des S o nntagsunterrichteZ an den jüdischen Schulen. 2er Tarbuth-Ber'band richtete nämlich an die Regierung das Ersuchen, an den jüdischen Schorlen, an ivelchen am Samstag der Unterricht naturgemäß ruhen muß, den Unterricht am Sonntag zu gestatten. Dieses Ansuchen weist der Unterrichtsminister mit der Begründung ab, daß die Sonntagsruhe gesetzlich geregelt sei, und es daher nicht in ftinem Wirkungskreis liege, eine Ausnahme zu gewähren. Das Kuratorium des jiidrschen Schulweges wird nunmehr die erforderlichen Schritte beim Minister des Innern unternehmen, um diese gerecht« Forderung durchzusetzen. Ae mrgebliche Mafseulluswavdrrmig. London, 31. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) In den verschiedenen Zeitungen spukten in letzter Zeit Nachrichten hemm über eine verstärkte Auswanderung ans Palästina, die man sihon'alks Massenfkrcht bezeichnen könnte. Me diese Meldungen beruhen, wenn schon' nicht aus bösem Willen, so doch aus Unkenntnis der Tatsachen und Miß- Verständnissen. Tatsächlich haben keine Chalugim Palästina verlassen. Sie wären auch gar nicht so Ileicht dazu in der Lage, da nur wenige von ihnen die $u einer Reise mindestens notwendigen 10 bis 16 Pfund besitzen, mÄ> eS auch keine -behördlichen Stellen in Palästina gibt, die die Äusreisenden unterstützen würden, wie es bei den Gmwandevern der Fall ist. Diesbezügliche Gesuche wurden auch gar nicht ge st rillt. Me Meldungen über die ungeheure Zahl der Gesuche um polnische Visa sind darauf zurückzuführen, daß das polnische Konsulat in «Jerusalem von säst allen Juden, die nach Palästina auch nur für kurze Zeit gehen, amtim-mt, daß sie ihre polnische NationaMät ausgegeben haben, ohne eine palästinensische Nationalität zu erlangen, da es bisher noch kein NationalitaLsgesetz in Palästina gibt. Das polnische Konsulat erteilt somit di« Visa an Leute, die nie die Absicht hatten, sich dauernd in Palästina niederzulassen. Die angeblichen Auswa-rÄerer ans Palästina sirck entweder Leute des alten Jischub, die von amerikanischen Freunden eingeladen sind, oder Touristen, die ja nie langer als einige Monate in Palästina zu verweilen gedachten, resp. PMstiwkrser, die in Geschäften oder sür die Ferien zeitweise ins Ausland gchen. Eine Entscheidung gegen die Sabbatruhe. Die Londoner jüdische Presse kritisievt sehr scharf eine Entscheidung der palästinensischen Regierung, laut welcher die Güter, die in einer Eisenbahnstation im Emek Israel ankommen, wenn sie nicht am Sabbat abgeholt werden, mit einer speziellen Lagergebühr bis Sonntag belastet werden. Der Waad Leumi erAart«, daß die Juden dir für die Arbeiten nötigen Güter am Sabbat nicht abhalten können, und bat um eine Aushändigung der Güter am Sonntag. Der Bescheid lautete aber ablehnend. Judenmission in Palästina und Syrien. Im Namen der presbyterischen Kirchen Englands begibt sich Reverend Colligan nach Alleppo, um über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den presbyterischen Kirchen und Palästina in der Judenmission zu beraten. Die Polizei. Me der BttwaltunMericht der englischen Regierung mitteilt, bestcht die Polizei in PaÄästina ans 78 Offizieren (82 britische und 60 Palästinenser), 116 llnierofftzieren und 1043 Polizisten. Davon sind Mohammedaner: 32 Offizier« und 879 Mann; Christen: 34 Offiziere Und 168 Mann und Juden: 12 Offiziere und 82 Mann. Ende 1922 zählten die Gefängnisse Palästinas 1276 AM-mge. Inner? Krisen im Faszismns. Rom, 31. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenztg.".) Im Fasztstenlagsr gärt es bedenklich. Es vergeht seit einiger Zeit kein Tag, an dem nicht der eitte oder andete Faszistenführer aus der Partei ausgeschlossen, manchmal sogar ganze Lokalverbände aufgelöst werden. Schuld daran ist, so unglaublich es klingen mag, die Fortführung jener faszistischen Taktik, mit der Mussolini seine Herrschaft .begonnen hat. Aber die Zeiten haben sich geändert. Mussolini darf sich heute nicht mehr über die bürgerlichen Schichten und die übrige Opposition hinwegseße», da diese, durch verschiedene Regierungsmaßnahmen der letzten Zeit aufgeschreckt, Miene machen könnten, sich zu einer einheitlichen Oppo sition zusammenzuschließen. Die Zeichen sozialer Unzufriedenheit mehren sich. Vor einigen Tagen sind in Rom selbst die Maurer in den Ausstand getreten. Die Polizei hat auf Weisung des Ministeriums des Innern (das bekanntlich Mussolini selbst leitet) strenge Maßnahmen ergriffen und 233 Personen verhaftet. Auf Anordnung desselben Ministeriums haben der Präfekt und der Kommissär von Rom die Bäcker der Stadt zu sich berufen und sie veranlaßt, den Brotpreis für das Mogramm um 10 Centesimi herabzusetzen. Aber die Gärung geht weiter. Deshalb hat MN daß außerordentliche Faszistenkommissariat von Latium die Au flösung des Fasziv von Rom augeordnet. Begründet wird diese Maßnahme damit, daß es vielen, nicht einwandfreien Elementen gelungen sei, in den FaSziovon Rom ausgenommen.zu werden. Bon den 12.000 gegenwärtigen Teilnehmern sei mindestens die Hälfte als unwürdig oder unzuverlässig auszuscheiben. Derselbe Fas- -Menrat hat die Ausstoßung.des Al j Wiener Morgenzeitung. 1. August 1923 Kr. 1602 Sura im Bond mit den Erwachenden. kjiii TfT. MW (Bon unserem Spe-ralkorrespondemen.) Grotzward'eitt, 29. Juli. Ermihalyfalva ist ein kleines Nest au der rumänisch-ungarischen Grenze, das in den weitesten Kreisen der Welt heute ebenso unbekannt ist wie es das eine halbe Stunde inert entfernte Dorf Tisza- Eszlar vor einem halben Jahrhundert noch war, das sich daun vor genau vierzig Jahren durch den berühmten RitualinordProzeß in der Weltgeschichte verewigt hat. Ermihalyfalva ist infolge 'der GreuHbestimmungtzn des Friedensvertrages zur Hälfte magyarisch und zur anderen Hälfte Mtinänisch. Der berüchtigte rumänische Antisermtensührer Universitätsprofefsor Euza hat sich nun, wahrscheinlich um das vierzigjährige JMläum der Tisza-Estzlarer Kulturschande eines Universitäts- Professors wüMg zu begehen, dieses ungarisch-rumänische Grenzstädtchen zum Schauplatz seiner neuesten antisemitischen Erfindung auserwählt. Die Situation ist hier für solche Exkursionen nicht nur wegen der Nähe Tisza- Eszlars, sondern auch deshalb günstig, weil der ungarische Teil der Stadt unter dem Einfluß der Erwachenden Ungarn sicht, so daß den Emissären Duzas nur noch die Aufgabe zufiel, die rumänische Bevölkerung aufzuwie-gvln. Gelegenheit hierzu bot der Bau eines neuen Tempels, den die Kultüsgemeinde von Ermihalyfalva im heurigen Frühjahr in Angriff nehmen keß. Die Bauarbeiten sind so weit gediehen, daß schon in nächster Zeit die feierliche Schlntzsteinlegmig und Gmiweihnng der Synagoge hätte erfolgen sollen. Bor einigen Wochen erschien eine Anzahl ortsfremder junger Leute, die hauptsächlich in den Kreisen der Taglöhner und der auf die Bodenreform wartenden Gmndbesitzwsen verkehrte. Man hielt die Fremden für Organe der Agrarkommission, aber die Interessenten erfuhren im Oberstuhlrichteramt, daß diese jungen Leute wohl keine Amtsorgane sind, jedoch gute Empfehlungsschreiben besitzen, in denen die Behörden ersucht werden, sie in ihrer BüwognngsfvÄheit nicht zu hindern. Wenige Tage später wurde es klar, ivelche Ziele die jungen Leute in der Stadt verfolgten. Plötzlich tauchte nämlich in den Wirtshäusern und in den Straßen das Gerücht aus, daß die Inden beschlossen hätten, zur Einweihung ihrer Synagoge Christenblut zu verwenden, und daß Kinder bekannter christlicher Bürger auch bereits <lls, Opfer ausersehen seien. Die Gerüchte versetzten die christliche Bevölkerung, mehr jedoch die jüdische, in Erregung. Die Stimmung wurde immer es Vovzog, die Stadt zu verlassen und nach Großwardeld zu fahren. Die Behörden beruhigten die zurückgebliebenen jüdischen Familien und versprachen, aus die christliche Bevölkerung anftlärend emMvirlen. Diese Bemühungen scheinen erfolglos geblieben zu fein, denn am 24. Juli zog eine aufgeregte Menschenmenge durch Ne Stadt und ve^ kündete, das; auf einem Felde außerhalb der Stadt die Leiche eines christlichen Kindes gestruden worden sei, der der Kopf fchlte. Nun schlossen sich, ohne sich vorher von der Wahrheit dies Gerüchtes zu über-- zeugen, auch besonnenere El-emen-te dem Pöbel an. Die Demonstranten zogen zunächst indas Genoffen-i schastAwirtshauS, wo antisemitische Reden gehalten wurden, und nachdem die Stimmung bis zur Siedehitze ge-, trieben worden war, zog die Menge gegen Mitternacht durch die Stadt, schlug die Fenster sämtlicher Judenwohnungen ein, drang in mehrere Judenhäniftr ein, in denen die Angetvofsenen schwer insultiert wurden. Mchrere der Insultierten mußten schwerverletzt ins Spital nach Großwardein überführt werden. Wohl war schon vor Ausbruch dieser Hetze die Mitteilung eingelangt, daß der angebliche Le.ichenffmd auf dem Felde erlogen ist, aber Alkohol und Hetzreden hatten bereits ihre Wirkung getan. Die rumänische Gendarmerie schritt noch während der Nacht ein. Bier der Hauptteilnehmer wurden vechaftet und eine Untersuchung wurde vingeleitet, nur die geistigen Urheber dieses ganzen Planes ausfindig zu machen. Biel zu spät hat auch die Geistlichkeit sich ihrer Pflicht besonnen. Der protestantische Pfarrer berief seine Gläubigen am nächsten Tage in den Pfarrhof und' hielt an sie eine Ansprache, in der er unter anderen! sagte: „Ich wollte euch im Gotteshaus versammeln, aber ich überschreite nicht eher die Schwelle der Kirche, bis' ich von eurer Seele nicht auch den letzten Schatten eines Glaubens an diese abscheuliche Blutbeschu gung weggeiwischt habe." Die Untersuchung hat schon bisher ergeben, daß die Fäden des Anschlages gegen das! Judentum zu der antisemitischen Zentral des Professors Cu za führen. Beruhigung in Ermihalyfalva. Bukarest, 29. Juli. (I. C. B.) Die während der letztes. Tage in der Umgebung von Tisza-Eszlar Herr-, schende P o g r o m st i m m u n g hat sich wieder gelegt. Die Pfarrer traten in ihren Sonntagspve-digten der Verbreit turig des Ritualmordmärchens scharf entgegen. 2>te'; Bauernschaft hat sich beruhigt und der Bau der Synagoge in Ermihalyfalva ist wieder fortgesetzt Worden. gefährlicher, so daß eine große Anzahl jüdischer Familien Corgini wegen Undiszipliu ans der Partei beschlossen. Während Mussolini offiziell die Ausschreitungen gegen die Popolari mißbilligt, schleudern seine Anhänger Bomben gegen Volksheime der Popolari, wie jetzt wieder in Jesi, Falconara, San Giorgio und Benevento. „Giornale di Roma", das als Regierungsblatt galt, hat nun sein Erscheinen eingestellt. An seiner Stelle wird als offizielles faszi.stisches Organ ab 6. August „C o r r i e r e I t a l i a n o" ausgegebeU. Eine 'Neugründung ist „Jtalia Libera" (Das freie Italien) als Organ der links gerichteten Kriegsteilnehmer. Nom, 31. Juli. Die Gerüchte über die b ev o rst e h e n d e R e k o n st r u k t i 0 tt des italienischen Kabinetts, werden hartnäckig aufrechterhalten. Wie es scheint, wird Minister Cesaro wege^ seiner demokratischen Orientierung zum Rücktritt gezwungen sein. Das von Mussolini neu geschaffene Ministerium sür Volkswirtschaft, das durch den Zusammenschluß der Ministerien für Handel und Industrie sowie für Landwirtschaft und Arbeit entstanden ist, wird dieser Tage besetzt werden. Als Kandidat für dieses Portefeuille kommt in erster Reihe Luigi L u zz a t i ln Betracht. Neue Minister. ■ Nom, 31. Juli. Der ehemalige Unterrichtsnttnister Senator Corbino wurde zum Minister der nationalen Wirtschafi und Professor Serpieri, Direktor des land- und forstwirtschaftlichen Instituts in Flovenz, zum Unterst a a t s f e k r e t ü r in dichenr Mi-nisterindm ernannt. Ler Ku Klux Klan verboten. Wegen Fälschung von Dozenten. New-Zort, 91. Juli. (Ml. der „Wr. MorOMHejiMntz".) Jnisvlge der Fäffchnng von MitiAlioderMtm wurde die anttisemitische Organisation, Kn Klnx Klan i-m Staate Nelw-Aorik verboten. JitsÄgedessM kommt der Kn Mrx Man unter das sogenannte Walker-Gesetz. Dieses Gesetz verlangt von allen nicht Mlkovpovittten Gesellschaften die Eingabe oirrct vollm MtWdevlfftL und ettver Kopie der Statuten. Um bfeeS oben zu vermetibsn, woltte die K>u Klux Man-' OVMüsMon dhlve Grisellschcht oiMragm, wurde oder bei dtestr Göbsgmcheit Vck einer Fällschnmg ertappt. WM. An beMmter MMger Nrehft»' gestorben. Quesnay de Beourepaire. Wie Pariser Blätter melden, ist vor einigen. Tagen in. einer kleinen Provinzstadt im Departement Orne der ehemalige Senatspräsident des französischen Obersten Gerichtshofes Quesnay de Beaurepaire im Alter von 89; Jahren gestorben. Einige Wochen vorher Hatten die französischen Blätter mitgeterlt, daß Quesnay de Beauvepaire in«, folge Völliger Armut te ein Bevsorgnngshaus habe ausgenommen werden müssen. DiGe Nachricht konnte Boauvepaire selbst dementieren; er schrieb damals einem Pariser Blatte: „Herr Quesnay de Beanrepaive läßt wissen, daß er im De-' partement Ovne bescheiden lebt und keiner Unterstützung' bedarf. Er bittet, dies zu sagen im Interesse der R nch e seiner 89 Jahre." Daß der Mann, welcher einst in der sranzösischen Staatsanäoaltschast den höchsten Rang bekleidet hatte, in Arnrut mW Zurückgezogenheit stcrvb, ist ein ergreifender Gegensatz zu sei-' neur ehemals so glänzenden Ausstieg und zu dem Lärm der sensationellen Polemiken, womtt seine Aktionen die Meinung- Frankve-ichs erfüllten. Als Generaludvokat und später als Generalprokurator war er der öffentliche Ankläger in mchreven aussehenerregenden Prozessen, und namentlich in der Staatsaffäre des Genevals Boulanger, gegen bett er in .der chm eigenen, übermrs heftigen Weise vor den: StaatsgerichtShof ausfiel. Er zog sich damals den bittersten Haß aller Anhänger des „braven Generals" und insbefonders Roche, f o r t s zu. Eine seltsame Umkchr seines Geschickes wollte e8, daß einige Jahve sspäter,. als die Affäre Dveyfus ausbrach, gemde diese Gegner ihn auf den Schild hoben und seine bisherigen Gönner ihn voller Witt zerfleischten. Das brachte das Für und Wider der Meinung in der Dvehfus-Sache mit sich. Quesnay de Beaurepaive war ein überzeugter Ankläger Dveyfus,, trat aber fiir seme UebevMgung mit so gehässiger und parteiischer Leidenschaftlichkeit ein, daß man ihm in einer dev vielen einander widerstrebenden Phasen dieser Asfäre die Anklage entwand und ihn zum Präsidenten eines Senats des Obersten Gerichtshofes machte. Als daun das Zünglein der Wage der Themis die Unschuld DveyM' aWldeuteir begann, gab dev nur allzu tempermnentvolle QueSnah freisein« Denrisfton Mtö ^0^ M M^ch diese»» Schritt m seine Pmesisnsansprüche.

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