Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1605 (1.8.1923)
- Date
- 1923-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Me-, Mittwoch Es jährt sich zum neunten Male der Tag, an dem es Europa für gut befand, seiner lang unterdrückten Mordlust wieder einmal freien Lauf zu lassen. Irgend ein Barbar am Balkan zog seine Pistole lind knallte zwei für die Menschheit sicherlich ganz bedeutungslose Persönlichkeiten, den österreichischen Tronfolger und seine Frau, nieder. Das gab das Zeichen. Jetzt konnte cs losgehen. Wie wilde Bestien, heulend und nach Blut lechzend, rannten Europas Völler gegeneinander. Nur ritzen mußte man an der übertüuchten Kultur — und unter der Schminke guckte sogleich die Schakalsfratze hervor. Ein garstiger Anblick. Die langen Jahre, in denen die Völker ihr wahres Gesicht zeigten, werden nicht so bald wieder durch hochkliugende Redensarten verwischt ruerden können. Und keiner, keiner wollte es anders: keine Stimme erhob sich dagegen. Die wenigen, die an dem Weltkrieg, unbeteiligt blieben, die Neutralen, können sich kaum des Friedenswillens rühmen. Ucberall gab es eine Kriegspartei und wo sie nicht die Oberhand gewann, war es bloß die Ungunst der Umstände, die ihr im Weg stand. Hier das Volk des „Idealismus", Deutschland, dort der „weichherzige" und „gutmütige" Russe und die Nation der Kultur par excelleuce, Frankreich — 'und alle die anderen bewiesen es haarklein, daß sie nicht reis sind, das Schicksal der Menschheit, ihre Zukunft zu bestimmen. Doch wozu airklagen? Ein bizarres Spiel ist es, Schuldige zu suchen, Ivo es keine Unschuldigen gibt. Wenn man auch von Kaiser Wilhelm bis Dr. Funder alle Kriegshetzer verurteilen wollte, würde mau nur sich selbst mit einer Scheingerechtigkeit betrügen. Es gibt keine ch e se n h a s t e Schuld von Individuen an dem Weltkriege. Und auch keine von Völkern. Denn kein Volk ist da, welches urteilen dürfte und den Stein ruhig aus die Schuldigen werfen könnte. Wenn e i n Volk es tun könnte, so ist gerade dieses Volk zu schwach zum Urteilen. Ae Justitia ist auch ohne Schwert gerecht — aber keine Göttin mehr. Ja, es gibt Schuldige massenhaft, aber die Schuld am Weltkriege darf man keinem aufhalsen. Zu groß ist diese Schuld für diese erbärmlichen Figuren. Zu gewaltig ist die Sunde, um sie durch Germanen und Hunnen und ähnliche tragen zu lassen. Die Wichte, die heute nach Schuldigen fahnden, fanden :wch etwas in ihrem Europa, das majestätisch genug wäre, die Sünde der anderen zu tragen und schwach genug, nicht auf den wahren Schuldigen Hinweisen zu können. In den versteckten Quertälern des europäischen Urtyaldes entsprießen dem Sumpfboden merkwürdige Tulpen. Gezüchtet in der verpesteten Luft arischer Barbarei, verkünden die Tulpen dieser Täler — der Jude sei schuld! Ein in seiner Einfachheit grandioser Gedanke. Ten einzigen, der das Recht anzuklagen und nicht die Macht dazu hat, in die Augen zu sagen: Du bist schuld! Einen geeigneteren Sündenbock als die Juden gibt es gewiß nicht. Und leichter zu bestrafen ist rvohl auch kein Volk. Nicht einmal der Papst wird sein Wort für ihn erheben. Und noch eines. Wenn nicht die Inden die Schuld an dem Weltkrieg tragen, muß es ein anderer. Aber kein Einzelner und kein Volk. Der Gedanke zu Ende gedacht, gibt ein Unheil. Wir wollen den halben Weg tun. Erscheinungen im. Leben der Menschheit haben Ursachen. Und nicht Schuldige können die Ursachen heißen. Der Weltkrieg aber war eine Erscheinung, welche ganz spontan den Beweis lieferte, daß der Entwicklungsgang der kriegführenden Menschheit vor dem Kriege nicht so war, wie ihn unsere sittliche Auffassung ford^pt. Tenn unsere sittliche Auffassung verurteilt — und nachträglich sind wir ja darin fast alle einig — Mord und Raub ohne Rücksicht auf patriotisches Beiwerk. Die theoretische Sittlichkeit ging folglich andere Wege als die praktische, als die Erziehung der Menschen und Völker zum Handeln. Wir haben keinen Grund, unseren ganz allgemeinen sittlichen Prinzipien gegenüber mißtrauisch zu sein. Die Verpönung von Mord, Raub und Grausamkeit ist jedenfalls das Beste, was wir gegenwärtig haben. Dann drängt sich der Schluß auf, daß die praktisch-sittliche Erziehung der europäischen Völker sündhaft war. Und dies war die Ursache des Weltkrieges. Und wird die Ursache dessen sein, was noch kommt. Wer leitete die sittliche Erziehung der europäischen Völker? Wer verkündete Güte und segnete Waffen? Wer schuf eine doppelte Moral? Eine der Lehre und eine der Drt? War es ein Mensch, ein Volk, die Wissenschaft oder der Staat? Nein! Das ist der halbe Weg. Weiter können wir nicht. Wir sind nicht mächtig genug, um anznklagen, um zu verurteilen. Aber eines können wir sagen: Für die Juden war der Weltkrieg eine gute Lehre. Sie wissen, wessen sie sich zu versehen haben. Sie kennen nunmehr genügend Kultur, Sitte und Menschlichkeit in Europa. Wer sich unter den Juden einbildete, Lehrer der Menschheit sein zu müssen, sieht, daß er sich hier an die falsche Adresse gewendet hat. Um lehren zu können, muß man Schüler haben. Und in Europa hat ein anderer gelehrt — und alles verdorben. Unrettbar verpfuscht. Uns soll man in Frieden lassen. Wir haben mit Europas Kriegen nichts zu tun und der Sünder wird ohne unser Urteil bestraft. Wenn das Verdorbene verfault und das Gesunde bestehen bleibt, so folgt keinesfalls, daß das Verdorbene wegen des Gesunden verfault. Wenn in unklaren /Köpfen die Erkenntnis dämmert, daß 'in Europa dlles'schief geht, und nur die Juden den sicheren Lebenspfad wandeln (der allerdings heraus aus Europa führt), so folgt keineswegs: die, Juden verursachen den Untergang. Aber wir, wir sind die Klägetl . " » fr Wiener Morgenzetirrng. 1. August 1923 Nr. 1606 Gute Fortschritte in Palästina. — Wuchsen der Privatinitiative. - Za» englische Heeresbndget in PolMna auf den vierten Teil gesunken. - Die Araberfrage. - Anerkennung der zionistischen Arbeit. ra * mm misserem Londoner Berichterstatter.') London, 29. Juli. Ter Orden der „Maccabäcm" gab gestern abends zu Ehren von Sir Herbert Samuel ein Festessen,, an dem die Repräsentanten der englischen Indenhoit teilnahmen. In Beantwortung des Toastes des Präsidenten des Ordens Lord Rothschild führte der Oberkommissär folgendes ans: Obgleich die Last des Amtes manchmal sehr schwer ist, so hat er doch die Befriedigung, gute Fortschritte in Palästina sehen $u können. Die koustruktiven Arbeiten werden mit Erfolg fortgeführt und außer den sehr wichtigen, von der Administration des Landes unternommenen Arbeiten hat einen roeit größeren Teil an der Entwicklung des Landes die private Initiative, die täglich n n t e r n e h m u n g s l u st i g e x wird. Fabriken, entstehen in den verschie-denen Teilen des Landes, landwirtschaftliche Siedlungen tauchet: auf aHeit Seiten auf und Häuser werden 51t tausenden gebaut. Dies alles bedeutet Fortschritt. Dazu komnrt, daß die öffentliche Sicherheit im allgemeinen gut geworden ist. Palästina ist ruhig. Die Presse, die Londoner in e r st e r Reihe, übertreibt sehr viel, so oft sie über Palästina berichtet. Sir -Herbert dankt« dem anwesenden Sir Wyndham Deeds für seine treue Arbeit als Zivilsekretär der Regierung. Die Kosten der Verwaltung sind im ständigen Rückgang begriffen. Die Ziviladministration kostet den englischen Steuerzahlern gar nichts und die Ausgaben der militärischen Besetzung sind von von vier Millionen aus eine gesunken. In nicht ferner Zukunft wirb Palästina aus eigetten Mitteln sich erhaltet: können. Es ist in erster Reihe die Entwicklung des Landes der Aktivität der Inden zuzuschreiben und es ist meist das Verdienst der Zionistischen Organisation^ daß viele Arbeitest ansgeführt werde:: konnten. Dr. Weiz» m a it 11 hat einen .g r 0 ß c n Erfolg in Amerika erzielt, indem es ihni gelungen ist, 600.000 Pfund in Form von freiwilligett Gaben zu sammeln. Die Entigrarlten sind keine Bolschewiken, wie .man sagt. Sie bildet: ein w u n b c rbares A r 'b e i t e r ma t c r ia l und schrecken vor schweren Arbeiten nicht zurück.. Es gibt eine Hanptbedingnllg, von der jede ökonomische Entwicklung eines Landes abhän-gt, und diese ist Bestär: digke it. Es muß eine politische Beständigkeit und eine permanente Politik herrschen. Die Juden Uerla:iß«u keine Privilegien außer dem Vorzug, ihr eigenes Land auszn'bauen, und suche:: keinen größeren Anteil an der Regierung als den, der ihnen, als Bürger des Landes gebührt. In Frieden wollen sie ihre nationale Heimstätte ausbanen. Das arabische wie auch das jüdische G e» fühl bilden wertvolle Dinge, die von allen geachtet werden müssen. Die Araber aber haben viele Länder, während das jüdische Gefühl seinen Mittelpunkt in Palästina hat. Die landwirtschaftliche Arbeit der Juden in Palästina ist überaus lobenswert. Neue Kolonien nüt großen Zukuuftshosfrmngen erstehen täglich. Sir Herbert glaubt tief an England, Palästina und die Juden, die gemeinsam von großer Bedeutung für die Menschheit sind. Bor der Antwort der Entente. Dsmierstag fällt die Entscheidung. London, 31. Juli. Lord Curz 0 n erklärte im englischen Oberhaus, daß die Regierung Donnerstag eine Erklärung siber , die Reparativ ns- und Ruhrsrage abgeben werde. Er hat sich daraus nach dem Foreign Office zurückbegeben, wo er die a l lt i e r t e n Botschafter nacheinander empfing, zuerst den italienischen Botschafter, der ihm keine schriftlichen Dokumente überreichte, sondern nur erklärte, düßidve Italien ische Regierung den englischen Standpunkt u n t e r st ü tz e, aber darauf dringe, daß die -Schuldensrage in die allgemeine Regelung der Reparationssrage einbezogen werde. Eintreffen der französischen und belgischen Antworten. London, 31. Juli. Die französische und die belgische Antwortnote sind heute im Foreign Office überreicht worden. Sie stimmten nicht übe^in. Uebor die Art der Abweichungen wird indessen'strengstes Stillschweigen beobachtet. P 0 i n c a r e erklärte in seiner Antwort, daß mit der deutschen Regierung keine. Unterhandlungen möglich seien, bevor diese nicht bedingungslos den passiven Widerstand aufgegeben habe. Die Ruhr könne außerdem so lange nicht geräumt werden, als Deutschland nicht seinen guten Willen bewiesen habe, Reparationen zu bezahlen. Daran schließt sich eine ganze Reihe von Fragen, hauptsächlich wird der französische Standpunkt über die Kriegsschuldensoage auseinandergesetzt. Poincare wünscht genau zu wissen, was England von D e u t s , ch l a n - an R e p a r a t i 0 n e n und was es von den Alliierten an Kvisgsguchaben zu fordern gedenke. Paris, 31. Juli. In der französischen And wort heißt es, daß Frankreich hinsichtlich der Reparationen 52 Prozent von den 50 Milliarde:: Goldnmrk der A- und B-Bons, das sind 26 Milliarden, zum Wiederaufbau seiner Ruinen beanspru ch t, jedoch bereit sei, aus seinen Anteil an den 82 Milliarden der C-Bons als Ausgleich für die Schulden gegenüber den Miierten zu verzichten. Die französische Regierung fragt an, wie hoch England die Bezahlung seiner Schuld, die es von der von den Alliierten zu fordernden Rückzahlulllg zu leisten beabsichtige, diskontiere, wenn es sich mit Summen zusriedengeben würde, die ihm die Bezahlung seiner Schuld an Amerika gestatten. Die belgische Antwort führt wie die französische dieHarliptgvunbsätze hinsichtlich des passive:: Widerstandes und der Ruhrbesetzung an und macht gewisse Vorschläge für eine eventuell^ Regelnrrg der Reparationsfrage, die mit der Stabilisierung der. Mark und der Wiedecherstellung der deutschen Finanzwirtschaft einzusetzen hätte. Eine Aabinettssitzung. London, 31. Juli. Das Kabinett ist zu einer Sitzung zusammengetreten und hat die französische und die belgische Antwort einer Erörterung unterzogen. Neuerliche Gefandtenempfänge. London, 31. Juli. Das Reutersche Bureau erfährt, daß der sranzösisch e, der belgische und der deutsche Botschafterheute abends Besprechungen mit Lord E u r z ö n haben werben. MnMillionen Kriegsverstümmelte. Eine traurige Bilarq. In dem vorläufigen Bericht, den das Internationale Arbeitsamt gestern den in Gens zusammengetret-onen Sachverständigen, die sich mit der Frage der> Unterbringung der Kriegsverstümmelten zu befassen halben, zugestellt hat, werden folgende Angaben Wer die Zahl der Pensionslberechtigten Kriegsverstümmelten in den verschiedenen Ländern genwcht: Deutschland 1,537.000, Oesterreich 164.000, Bereinigte Staaten 157.000, Frankreich 1,500.000, Großbritannien 117.000, Italien 800.000, Polen 320.000, Rumänien 100.000, Jugoslawien 164.000, Rußland 775.000, Dschecho-Gloiwake: 236.000, Australien 76.000, Belgien 26.000, Kanada 45.000, Finnland 10.000, ' Neuseeland 20.000. Die Gesamtzahl der Kriegsverstümnrelten beträgt somit 7,124.000. In dieser -Zusammenstellung fehlen noch die ^amtlichen Angaben über die Zahl der Kriegsopfer in der Türkei, in Bulgarien, den baltischen. Staaten, Portugal, Ungarn und Japan. Es kann angenommen, werden, daß damit die Zahl der Kriegsverstüm melten - W wf Mva 10 WöhlchKALM HMK. Das Pottsbegehrengeketz in Bayern abseleW, Eine Niederlage-er Reaktion. München, 31. Juli. Bei der Sch l u ß a b ft i:::- muirg Wer den Verfassungsgesetzeniwurf betreffend das Volksbegehren und den Volksentscheid in: Landtag stimmten 78 Abgeordnete der Bahr i sch e nVolkspartei und der Bayrischen Mittelpartei für den Gesetzentwurf und 59 Abgeordnete (Demokraten, Sozialdemokraten und Bauernbündler) dag e g e In Ermangelung der für Vovfassnngsänderungen notwendigen- ZweidritLelmrehrheit stellte der Präsident die Ablehnung der Gesetzvorlage fest, was von der Linken mit B r avo - R ns e n begleitet wurde. Die SvLialdemokraten sprechen der Regie- ^rnntz ihr Mißtrauen aus. München, 31. Juli. Der StaatshauAhaltsar^schuß des Landtages hielt heute-seine 'letzte Sitzung ab. Die- Sozialdemokraten stimmten g tz g e n. ,b a s F i n a n z gas e.tz, womit sie der Regierung' ihr Mißträüenausspttlchen. Das Defizit, das ursprünglich..auf 4 Milliarden Mach veranschlagt war, beträgt nunmehr.rund 2 9.0 Miililiar-