Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1604 (31.7.1923)
- Date
- 1923-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Dienstag Re anttjüdische SchmSMerstm. Von Benjam'm Klar. Das sei zugegeben: Schmähschriften von der Art der Peutha-Dullfchen sind für uns nichts Ergötzliches. Nicht, daß wir deren Stichhaltigkeit fürchteten und uns durch sie ,/entlarvt" sähen. Diese mit so heißem Bemühen und so viel technischem Auiftvand konstruierten Gedankengänge halten der Logik und der: Tatsachen beim ersten Angriff nicht stand und fallen wie ein Kartenhaus beim leisten Windstoß in sich zusammen. Peinlich ist uns nur, daß wir, da die Menschheit glücklich schon so weit ist, an eine Sache zu glauben, weil sie absurd ist und ungeheuerlich und unglaubwürdig — daß lvrr darum auf sie polemisch und apologetisch eirvgoheu und so unsere kostbare Zeit an Dinge lvonden müssen, die wir sonst nicht eines Blickes würdigen würden. Haben wir aber den frischen Eindruck überwunden und Zu den Dingen Distanz gewonnen, so staunen , wir über den maßlosen Unverstand und die verschrobenen Gedankengänge, die sich darin kundgeben. Was um Gottes willen ist die Triebfeder dazu, die Tatsachen so Verehrt sehen und die Gedanken so kraus winden zu wollen? Man ginge fehl, wollte man die Vaterschaft an diesen HexenKichenerzeugnissen einzig für den bösen Willen beanspruchen. Dieser würde auf die Dauer nicht reichen und die Sache nicht unterhalten können, nmtzte sich aus- und überleben und stumpf werjden. Ich halte dafür, daß da ein gut Teil — Naivität und der Hang zur Märchenibillmng mitspielen, die in dem beschämenden Mangel an richtiger Erkenntnis und Kenntnis des Judentums ihren Gwnd hat. Die europäische Wissenschaft tut sich viel auf ihre Gründlichkeit und Universalität zrvgute. Kein Gebiet auf, über und unter der Erde sei ihrem Forscherauge entgangen. Die Kulturen aller Völler und aller Zonen und Zeiten habe sie erforscht und dem Gebildeten nähergebracht. Bis in die entferntesten Schlupfwinkel Menschlicher Siedlung seien ihre Vertreter dovgedrungen und sogar zur primitiven Kultur der Wilden sei ein Weg gebahnt worden. Aber e i n Voll lebt schon nahezu zweibmsend Jahre mitten unter ihnen, lM und wobt seine alte Kultur in den verschiedensten, aber immer eigentümlichen Formen fort. Nimmt hervorragenden Anteil an der Kultur seiner Wirtsvöller und hilft ihr weiter; zunächst als verständnisvoller Empfänger, später als achtunggebietender Schöpfer. Arbeitet dabei rastlos an feiner eigenen Kultur weiter. Und von all denn weiß die Wissenschaft nichts zu sagen. Ich meine die Juden. Es gibt keine Sprache, deren sich die europäische Philologie nicht bemächtigt hätte. Aber unser nachexilisches Hebräisch, in dem unsere Literatur dieser Zeit niedergelegt ist, mag es auch schon längst nicht mehr unsere Dtutter- und Umgangssprache gewesen fein, ist ihr wörtlich und buchstäblich unbekannt geblieben. Unser rmchexilisches Schrifttum ist der Weltliieraturgeschichte ein Buch mit sieben Siegeln. Kaum bis zum Talmud haben sich die allwissenden und allseitigen Gelehrten vorgewagt und sind noch da solche Stümper und Dilettanten geblieben, daß sie ihre eigene Leere notwendig mit Schauermärchen ausfüllen mußten und in den Talmud hineinlasen. was in ihm nicht steht. Eine wirkliche, verständnisvolle, menschliche Würdigung haben wir bis heute nicht erfahren. Sie sind von den wahren Absichten und Tendenzeil unserer .Kultur nicht unterrichtet. Was Wunder, daß ihre Phantasie das zu ersetzen sich bemüht, was ihre Erkenntnis nicht hervusgebracht hat? So erfindet sie unablässig ungeheuerliche mtd letzten Endes naiv wirkende Vorstellungen von jüdischem . R'itualmord, jüdischer Weltherrschaft, jüdischer Perversität und im allgemeinen von der Ueberlegenheit der jüdischen Rasse. . Einen Arier hat es bis jetzt gegeben, der die jüdische Literatur bis auf seine Zeit gekannt hat; das ioar Franz Delitzsch. Der wußte aber auch im seiner Stellungnahme zum Judentum andere Töne zu finden. Was wir nicht kennen, ist uns fremd und unheimlich und dahinter wittern wir Gefahren. Was wir aber erkannt haben, mag es uns, noch so überlegen erschienen sein, wir haben es überwunden und sind ihm gewachsen. Wir aber sind nicht überlegen und wollen es nicht sein: wir sind bloß unverstanden. Sesterreich. Die Wahlen. Dokumente bereit halten. , Die Regierung hat verlauten lassen, daß die Nationaltatswahlen am 21. Oktober vorgenommen werden. Bisher ist aber die Wahl noch nicht ausgeschrieben. Doch rechnet man damit, daß der A u s s ch r e i b u n g s t a g der 31. Juli sein wird. Bekanntlich werden in Wien zugleich mit den Nationalratswahlen die Gemeinderatswahlen vorgenommen. Der Wiener Magistrat macht nün darauf aufmerksam, daß, falls die Nationalratswahl am 31. Juli ausgeschrieben wird,, folgender Wahlka lender Geltung hat: Die wahlwerbenden Parteien, die Wählerlisten (amtliche Bezeichnung: Wählerverzeichnisse) wünschen, halben sich bis spätestens 12. August im Rathause bei der Magistratsabteilung 49 zu melden. Die Frist zur. Namhaftmachung der B e i s i tz e r für b i e Wahlb ehörde it endet am 14. August. Für die dazu notwendigen Eingaben (toetöea vom Mgistvat ForMl^e beveiMM, Sie MM. Wiener Morgerizeitrmg. J bis längstens 4. Augu st bei der Magistratsabteilung Nr. 49 angesprocheu werden. , Diese Abteilung erteilt auch alle Näheren Auskünfte. Die anderen notwendigen Wahldrucksorlen werden ebenfalls vom Magistrat angefertigt und den Parteien gegen Bezahlung ausgefolgt. Anfangs August wird begonnen werden, die Wahlberechtigten zu verzeichnen. 8s werden in jedes Haus die WLhleranlageblätter kommen. Sie sind auszusüllen. Dann werden Beamte in das Haus kommen unh in diö Dokumente, aus denen Alter und Buudesbürgcrschaft nachgewiesen werden, einsehen. Man soll diese Dokumente schon jetzt bereit halten. In Betracht kommen vor allem Meldezettel, Heimatschein oder Optionsdekret, Taus- oder Trauungsscheiu. Wem man diese Dokumente nicht hat, kann man Alter und Bundesbttrgerschast auch durch andere Urkunden beweisen, es müssen aber amtliche Urkunden sein. Wann die Wähleraufnahme beginnt, wird noch rechtzeitig mitgeteilt werden. Die Monarchisten. Wir berichtet, beabsichtigte der Präsident der Partei der schhvarzdHekbvn Aegitimisten Oberst Wolfs in sämtlicher« Wahlkreisen Oesterreichs für den Natioucrlrat zu kandidieren, das Schtvergowicht seiner Zlgitation erber in den. zweiten Wiener Wahlkreis (6., 7. und 8. Bezirk) Kn verlegen. Nun trat aber auch der Präsident der Oesterreichischen Staatspartei, Kuno Hoynigg, -in diesem Wahlkreis, und zwar nur in diesen!, als Wcchlüverber auf, so daß zwei Monarchisten einander gegenÄbergestanden lvären. Wie die Wiener Nachrichten erfahren, ist Oberist Wolfs von seiner Kandidatur in diesem Wahlkreis zurückgetreten. Da auch die dritte monarchistische Partei, die Sch a ge r-Gruppe, nicht kandidieren wird, wird also Hoynigg in diesem Wahlkreis als einziger monarchistischer Kandidat auftreten. Als güveiter Kandidat seiner Liste wich eine Frau, die Burldesangestelltongattin Aiarie Bischof austreten. Wie die zitierte Korrespondenz tveiter erfährt, gedenkt auch die N a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e Partei in diesem Wahlkreis nicht zu kandidieren. Sine Wenbahnlonserenz. Belgrad, 30. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie die Blätter melden, findet schon in nächster Zeit in Veldes eine E isenbahukonserenz zwischen Oesterreich, Jugoslawien und der Tfchccho- Slowakei statt. Nie wieder Krieg! Die von den pazisistischen Vereinigungen Wiens am Sonntag vor dem Rathause abgehaltene Versammlnnng hat folgende Resolution angenommen: Die Versammlung sendet brüderliche Grüße an all» Versammlungen, die gleichzeitig in allen anderen Ländern gegen Krieg und Militarismus abgehalteu werden. Sie richtet an alle Völker die Aufforderung, für sofortige allgemeine Abrüstung einzutreten, und verlangt von der eigenen Regierung, daß sie unter keinerlei Umständen oder Vorwänden die S k l a v e r e i der a l l g e m e i n e n W e h r- Pslicht wieder cinführe. Sie fordert die Gesinnungsgenossen in allen Ländern auf, sich jedem Versuch der Wiedereinführung der Wehrpflicht int eigenen oder fremden Lande aufs kräftigste zu widersehen. Mögen alle Gesinnungsfreunde der Schrecken der Kriegs- und Nachkriegsjahre eingedenk sein, mögen sie erkennen, daß es letzten Endes immer in der Hand eines Volkes liegt, eilten Krieg zn führen oder den Dienst zu verweigern, und mögen sie alle mit uns einstimmen in den einmütigen lauten Ruf: Nie wieder Krieg! Tschechoslowakei. Präsident Masartzl in der Slowakei. PvrWuvg, 30.. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenztg.") Präsident M a sa r y k ist zu seinem Sommeraufenthalt in Topolcany eingetroffen. Er unterbrach seine Fahrt in Nove Zamky, wo er die Begrüßung der Behörden entgegennahm. Für die jüdische Gemeinde begrüßte ihn der Knltusvorstand Dr. Samuel Klein, für den jüdischen Frauenverem Frau Kur,zweil mit kurzen Ansprachen. Zugoslawien. Fugoslawken und Rußland. Belgrad, 30. Juli. (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung".) Wie die Blätter ntc'Bbeit, wird für diese Tage die Ankunft eines offiziellen Vertreters Sowjetrußlands erwartet. Man bringt dies mit der Absicht der Belgrader Negierung in Verbindung, mit Rußland die normalen diplomatischen Beziehungen wieder herzustellen. Der Außenminister Dr. N incic wird diesbezüglich auch auf der Koniferenz von S i n a i a Bericht erstatten. - Erwachende Wahldraktil. Biidaptp, SO. Aip. (Tel. i>. „Wr. Morgenzeitmig".) Der Wahlsieg des Erwachenden Stephan Lendvat in Czegled hat überall ziemlich überrascht. Daß es Leudvai gelang, trotz vier Gegenkandidaten. die a b sp l u 1 e M e h r-' heit zu erringen,\\i der mangelfyaficit- Organisation der übrigen Parteien sowie^ der Unterstützung der Erwachenden c^l«int«t Muschreiben. Der.rechte Flügel 31. Mi 1923 '. Nr. 160»' der Negierungs p a r t e i (die G ö m b Ü S * Gruppe) u n t e r st ü tz t e g a uz offen den Cvwachettden, während der Regiernngskandidat Palffy nur die^Stimmen der Staatsbeamten und Konzessionsbesitzer erhielt. Die Juden schaff war in zwei Lager gespalten'/ die jüngere Generation lieh ihre Unterstützung dem UrtabhängigkoitskäMdaten Fothi, die älteren unterstützten den Regierungskandtdaten Palffy. Dagegen klappte die Organisation der Erwachenden vorzüglich. Hejjas erschien mit einer Truppe von etwa dreihundert Keeskemeter Erwachenden und „arbeitete" mit PronaY gemeinsam unermüdlich an der Einschüchterung tten Bevölkerung. Der Erfolg dieser Tätigkeit zeigt sich darin, daß von den 10.475 Wählern bloß etwa 4700 vor den Wahlurnen erschienen. Die Absti-mmung war offen. Die sozialdemokratische Arbeiterschaft folgte der Parole der Parteileitung, den Uuabhäugigkeitskandidaten zu unterstützen, augenscheinlich nicht. Ueberhaupt hielten sich die Arbeiter fern von den Wahlen, und auch die Bauern der Umgebung sind nicht erschienen. Nach , der Ueberreichung t?es Mandats erklärte Lendvar, er werde schon in der nächsten Sitzung der Nationalversammlung erscheinen und auf die Angriffe gegen seine Person antworten. Die p o I i t i f ch e. S e i t e des Wahlsieges scheint aber durch die Wahl Lendvats kaum erledigt zu fein und dürfte gewisse Folgen auch im Schoße der Regierungspartei nach sich ziehen. Die Regierung gibt für den Sieg Lendvais die Demagogie der Erwachenden als Grund an. Strrikdrohuug ösientlicher Angestellten. Budapest, 30. IM. (Tel. der ,/Wr. Morgenzeitttng".) Hier sind Gerüchte über einen bevorstehenden Streik der Eisenlbahuer, Postangestellten und anderer öffentlichen Angestellten im Umlauf. Die Erregung dieser Angostellteu ist sehr groß, weil die vor etwa zehn Tagen bewillig^-st Gehaltserhöhung von der Teuerung bereits längst wieder überholt ist und die Negierung von einer weiteren Erhöhung z!vei Monate hindurch nichts wissen will. Die L o k o m o t i d f ü >h r e r drohen offen mit der Stillegung des Eisenbahnverkehrs. Polen. Witos Wer die MindecheitsMe. ^Warschau, 28. Juli. (I. C. B.) Die „Gazeta Warszawska" bringt einen Auszug ans einem Interview des polnischen Ministerpräfid'cNten Witos mit chiefu lettischen Jour n a l i st e n. Alts die Frage des Journal listen, ob die Gerüchte, daß die Polnische Regierung die Rechte der Minderheiten zn. beschranken beabsichtigt, wahr seien, erklärte der Mittisterpräsident, in jeden: Staate bestehe diese Frage. Die nationalen Älinderheiton seien jedenfalls nicht das Element, das tveu Staat aufzübauen vermag. Man müsse ihre Bedürfnisse befriedigen. Von einer Unterdrückung könne keine Rede sein. Es sei aber schlver, Veit Aufbau des Staates voin guten oder bösen Willen der Minoritäten abhängig zu machen. Die Juden und die Agrarresorm. Warschau, 29. Juli. (Tel. d. „Wr. Ällovgenzeitung".) In der letzten Sejmfttzuug anläßlich der Debatte Über das Werbamninisterinm sprach Abg. Dr. S o m m e r st e i n namens des Jüdischen Klubs über die Bezietzungeir dev Negierttng zu den jüdischen Gntsbesitzeru. In der Liste jener Güter, die zwangsweise Parzelliert werden sollen, findet mail v o r a l l e m j ü d i s ch e G u t s b e s i tz e r, dagegen wurde kein ei uz i g e s j ü d i s ch e s G e sn ch berücksichtigt, obzwar unter den Gesuchswerbern gut ausgebild'ete Landwirte zu finden waren. Selbst Prof. Bujak,i ©in bekannter Mnischer Volkswirt, rühmt die jüdischen Wirtschaften in Ostgazilien. Es sei vor allem notwendig, die Qualifizierungskommissionen nmzubilden und die jüdischen Forderungen ■ zu berücksichtigen. Die Numerus rlausus-Frase im. Seim. Warscha-u, 28.'Juli. (I. C. B.) In der Sitzuirg de- SenioretEonvents des polnischeil Sejm kündigte der S, e j in--' marsch all die Fragen am, die noch während der Sommer«" fession zur VerhaiMung kommen. Bei dieser Gelegenheit interpellierte der nationaldemokratische Abgeordnete K o si c ki wegen des Beschlusses der Geschäftsordn'ungRonpmission über die Erledigung des R u m e r u s ela u!s u s - G e js e tz e s. Die Goschäftsordnungslommission sollte innerhalb sieben Togen bestimnren, ob die Annahme des Numerus clausus-Gesetzes in der Bildungskommisfion ohne dritte Lesung möglich war.-Der Sejnnnarlschall versprach, sich deswegen mit den: Vorsitzenden in Verbindung zu setzen. Der Kriegsminister interpretiert die Berfasimg. Warschau, 29. Juli (Tel. der „Wr. MoMttzeitung".> In seiner Boan-Lwovlung der vor kurzem eingchrachtem Jr.iter-i pettation des Jüdisch>en Klubs in Angelegenheit der Gtvlch« berechtigung der Juden, stellte der Kriegsnrinister SzeP-! t yoki fest, das die Befehle wegen NichtMsnaihme'von jiidischeu Soldaten in die Miliiävkanzleien nicht als Verletzung der! Gleichberechtigung der Juden zu betrachten seien. Int Sinne! der Verfassung trage der Kriegsminister die Verantwortung! für die Schlcrgfertigkeit der Armee, identgusblige könne er. Ber«i ordnungen im eigelten Wirkungskreise erlassen. Der. JÄdisthej Klub wird dvLse eigenart'ige Jnterpredatiou des Kriegs-" Ministers pn Pliduum zur '