Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1602 (29.7.1923)
- Date
- 1923-07-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag Seit« 6 III-, Beatrixgasse 26 Tel. 585 11!., Heumarkt 7 erstklassiger Qualität und Ausführung bei scheu Seite passiert wurde, und zwar auf Nimmerwiederkehren. Der fromme Mittelstand sah da das Judentum gefährdet und kam auf die glückliche Idee, diesen „modernen^ Predigern einen ebenbürtigen, mit den Waffen der Philosophie und der reinen deutschen Sprache, was eine Seltenheit unter den damaligen Rabbinern war, ausgerüsteten, aber zugleich des Gesetzes kundigen und gesetzestreuen Mann entgegenzustellen, nämlich den Marburger Rabbiner, Rabbi Isaak Bernays, dem sie den sephardischen Titel „Chacham" beilegten. Es ist der Geist dieses „Chachams", der durch seinen Schüler R. Samson Raphael Hirsch zum eigentlichen Vater der „aufgeklärten" Orthodoxie in Deutschland geworden ist, welcher über der Hamburger großen jüdischen Gemeinde noch schwebt und seine Traditionen sind es, die hier fortwirken. Freilich hat sich hier seitdem die Orthodoxie auf Kosten der Aufklärung entwickelt und mit der Zeit eine vom „agudistischen" Geiste beherrschte, pedantisch-kleinliche Richtung genommen. Die Folge dieses historischen Vorganges vor hundert Jahren ist, daß das Hamburger Judentum noch bis auf den heutigen Tag in zwei extrem entgegengesetzte und scharf von einander getrennte Lager geteilt ist. Von einer Seite die „Tempeljuden", welche dem Judentum ganz entfremdet sind und die Masse der Indifferenten, Täuflinge und derjenigen Juden abgeben, welche ihre höchsteigene Person gnädig dem Judentum überlassend, durch direkte Taufe des jungen Nachwuchses oder durch die mildere Form der Mischehe dafür sorgen, daß ihre Nachkommenschaft unter die Fittiche der immer noch vorteilhafteren anderen Kirche kommt; von der anderen Seite —- eine festgefügte orthodoxe Mehrheit, freilich in gewissen Schattierungen, von fromm bis überfromm, vom „Bomplatz-Synagogen-" bis zum „Klaus"-Juden, die aber im großen und ganzen im Fahrwasser der „Agudaß Jßroel" segelt und, indem sie sich in möglichst großer Entfernung von den „Poschim" der Tempelgemeinde zu halten sucht, darauf bedacht ist, das Ueberlieferte unter allen Umständen bis auf das I-Tüpfelchen zu verteidigen. Zwischen diesen beiden sich steil gegenüberstehenden Gruppen gibt es nur eine ganz dünne Mittelschicht. Was aber diese beiden Gruppen gemein haben, das ist der Mangel an Interesse für das lebendige Judentum, für seine Entwicklung, für seine moderne nationale Literatur, wie überhaupt für alle die höheren Ziele und Ausgaben, welche das Judentum der Gegenwart bewegen. Auch der fromme Jude hat nur wenig Sinn für solche Dinge. Hat er sich und seine nächste Nachkommenschaft bei der „Agudah" gegen die Taufe versichert, so geht er getrost seinen Geschäften nach und verteilt seine Zeit zwischen Börse und Synagoge, indem er bestrebt ist, ein ebenso ehrbarer Jude zu sein, wie er ein „ehrbarer Kaufmann" ist, und kümmert sich weiter um nichts. Es ist deshalb erklärlich, daß in bezug auf modernjüdisches geistiges Leben sich hier eine Armseligkeit und Rückständigkeit gebildet hat, wie sie kaum in einer anderen Stadt mit solcher ansehnlicher jüdischer Bevölkerung — gegen 30.000 Seelen — anzutreffen ist. Abgesehen von rein religiösen Vorträgen, kommen hier jüdisch-wissenschaftliche Borträge fast gar nicht vor. Es gibt hier auch keine jüdisch-wissenschaftlichen Vereinigungen. Nach dem Jahreskrlender des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" soll es auch hier einen solchen Zweigverein, freilich mit einer für Hamburg beschämend niedrigen Mitgliederzahl, geben; während meines fast zweijährigen hiesigen Aufenthaltes habe ich aber noch nicht gehört, daß dieser Zweigverein ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte. Es gibt hier auch keine richtige jüdische Bibliothek, die den Ansprüchen eines jüdischen Wissenschaftlers oder überhaupt eines modernen Juden nur annähernd gerecht werden könnte. Me „renovierte" jüdische Gemeinde-Bibliothek und Lesehalle ist in einem kleinen Zimmer des „Agudah-Heims" untergebracht, welches nur deshalb ausreichend ist, weil die Zahl der Bücher sehr bescheiden und die der Besucher sehr gering ist. Me Bücher sind auch zur Hälfte religiösen Inhalts, und die wenigen ausliegenden Zeitungen und Zeitschriften vorwiegend orthodoxer Richtung. Und das soll nicht die jüdische Lesehalle und Bibliothek von Posemunkel, sondern die der großen jüdischen Gemeinde Hamburgs sein! Sogar die Zionisten, welche überall zu den rührigsten und aktivsten Elementen in den jüdischen Gemeinden gehören, zeichnen sich hier nicht durch besondere Energie aus, und scheinen von der allgemeinen, in bezug auf modernes mdifch-geistiges Leben im hiesigen Milieu herrschenden Rück- .ständ^keit und Schläfrigkeit angesteckt 31t sein. Die hiesigen Zionisten im einzelnen genommen, sind beiweitem nicht die schlechtesten, aber was sie in ihren nicht allzu häufigen Versammlungen dem Publikum bieten, ist meistenteils Kleinkram des zionistischen Alltags. Von national-jüdischer Kulturarbeit ist hier, abgesehen von einigen schüchternen Versuchen der misrachistischen. Jugend, nichts zu merken. Ein von Freunden der hebräischen Sprache bei wohlwollender Neutralität der hiesigen zionistischen Bereinigung, im Herbst gegründeter hebräischer Verein „Jvria" liegt schon 'etzt in den letzten Zügen. In .Ermanglung lokaler Kräfte Wiener Morgenzeitung. werden von der zionistischem Ortsgruppe von Zeit zu Zeih auswärtige „Sterne" zu Propagändazwecken verschrieben, welche manchmal nur in den „Mittellungen" der Ortsgruppe erscheinen, manchmal aber auch wirklich in eigener Person auf dem hiesigen Podium uub mehr ober weniger Leben in die Bude bringen. Inwieweit das Hamburger jüdische Publikum durch gediegene Borträge über jüdische Fragen nicht verwöhnt ist, zeigt die Tatsache, daß die im Winter auf Veranlassung.der Zionisten veranstalteten fünf akademischen Vorträge über die. .Judenfrage hier geradezu 29. IM 1023 - Nr. 1602 als großes Ereignis galten. Aber auch diese Vorträge sind trotz begeisterter Aufnahme ohne nachhaltige Wirkung auf die breiten Kreise des hiesigen. Judentums geblieben. Da der Hamburger Jude vom Merkantilismus so stark absorbiert und gegerr den Einfluß neuer jüdischer Ideen durch eine Haut von hochmütigem Jndifferentismus oder sterilem Konservativismus geschützt ist, so gehören scholl ganz besondere Kräfte und außerordentliche Anstrengungen dazu, um seine Seele aufzurütteln und für diese Ideen aufnahmefähig zu machen. ■■■■■■BanHnBMunBnaBnnnnDBnQHBBMMHnH* Sie Berlmitung Palästinas. Ser Bericht ßnglands an den Böllerbund. (Von unserem Londoner Korrespondenten.) Das Kolonialministerium veröffentlicht soeben den Bericht der palästinensischen Administration für das verflossene Jahr. Im Vorwort des Berichtes, der an den Völkerbund erstattet wird, wird als das wichtigste Ereignis des Jahres die Anerke n n u n g des Mandats durch den Völkerbundrat am 24. Juli 1922 bezeichnet. Am 10. August wurden durch eine Order in Council die Befugnisse des Oberkommissärs definiert, die Bildung eines exekutiven und legislativen Councils vorgeschricben sowie die Verfassung und die Rechtsprechung in Palästina geregelt. Am 14. August wurde Sir Herbert Samuel formell als Oberkommissär bestellt. Im Juli wurde das Weißbuch über die Politik in Palästina veröffentlicht. Entsprechend einem Memorandum der englischen Regierung vom Monat September hat der Volkerbundrat beschlossen, T raus jo rdanien aus dem Mandatsgebiet herauszunehmen. * Der Bericht stellt fest, daß trotz des lebhaften politischen .Lebens in Palästina die Ruhe des Landes nicht gestört wurde, daß vielmehr alle Kontroversen auf konstitutionellem Boden ausgetragen wurden. Zur Finanzfrage konstatiert der Bericht, daß seit dem 1. Juli 1920 bis zum 31. März 1922 die Einnahmen der Regierung 3,420.771 und.die Ausgaben in der gleichen Periode 3,100.205 ägyptische Pfund betrugen. Es ist möglich, daß Palästina verpflichtet sein wird, einen'Teil der 0 t t 0 m a n i s ch e n V 0 r k r i e g s f ch u l d zu zahlen. Aus der folgenden Tabelle ist die Entwicklung der Ein- und Ausfuhr des Landes zu ersehen: Einfuhr in ägypt. Pfund Ausfuhr in ägypt. Pst 1919 3,126.464 - ' 853.141 1920 5,409.987 1,318.620 1921 5,871.878 1,410.308 1922 s 5,581.132 Handelsverkehr bezog sich in der Hauptsache auf Großbritannien. Amerika, Syrien und Aegypten. Sehr klein war der Verkehr mit Frankreich und anderen europäischen Ländern. Das Bankwesen hat sich im Lande im Laufe des letzten Jahres stark verbreitet^ 40 neue Unternehmungen mit einem Gesamtkapital von 1,500.000 Pfund wurden ins Leben gerufen. Es sind dies Fabriken von Kerzen, Ziegeln, Zement, Salz, Möbeln, Tabak und Schokolade, ferner .Hafenmagazine, Mühlen, Milchwirtschaften, Transportanstalten und Druckereien. Ju der Bcrichtszeit sind keine Zahlungseinstellungen oder durch den Stand des Geschäftes bedingte Liquidationen vorgefalleu. In den größeren Städten ist eine starke Bautätigkeit zu verzeichnen. In dem sehr interessanten Kapitel über die Arbeitsverhältnisse im Lande wird über die verschiedenen Arbeitsbedingungen berichtet wie auch von dem großen Unterschiede zwischen der jüdischen und arabischen Arbeit. Der jüdische Arbeiter, der zumeist in der „Achduth Haawodah" (diese Organisation zählte im September 1922 12.278 Männer und 4164 Frauen) organisiert ist, arbeitet unter europäischen Beding u n g e n und erhält einen Lohn, der es ermöglicht, in Palästina die europäische Lebenshaltung aufrecht zu erhalten. Eine interessante Erscheinung ist der Jüdische kooperative Arbeiter-Verband, der heute 2600 Mitglieder zählt. Der Verband schließt Arbeitsverträge ab und führt sie durch seine Mitglieder, die auf kooperativer Basis arbeiten, aus. Er beschäftigt auch einige Ingenieure und Architekten. Die Sprache bei den Gerichten entspricht im allgemeinen der offiziellen Zulässigkeit der drei Landessprachen. In Jaffa, Jerusalem und Saffed wird der größte Teil der Prozesse in hebräischer Sprache geführt, die Verhandlungen vor den Obergerichteu sind zumeist englisch. Es werden jedoch außerdem die russische, türkische, jüdische und französische Sprache gebraucht. Die Zahl der Zivilprozesse im Berichtsjahre beträgt 24.163, diejenige der Ärafprozesse 18.934. Der Umfang kultivierten Bodens hat zugenommen. Der Tabakbau macht starke Fortschritte, die Orangenernte war dank verbesserter Bewässerungsmethoden sehr ertragreiche Die Eisenbahnen wurden vielfach verbessert, bei deren Einnahmen war aber eine Abnahme zu verzeichnen, die zum Teil der Konkurrenz der. Motorwagen zuzuschreiben sein wird. Die Post . hatte eine .erhöhte Zahl Won Geschäften aller Art. Die Zahl der Touristen war ungefähr zweimal so stark als der Durchschnitt vor dem Kriege. Die Preije warm vevWtnismaßig stabil. Es wurden Gesuche um Konzessionen für die Einrichtung von Bädern in Liberias, Salzwerken in Athlit und andere Unter«chmungen eingereicht. Der Standard Oil-Company und der Türkischen Petroleum-Kompagnie wurde gestattet, die durch den Krieg unterbrochenen Bohrungen fortzufetzen. In bezug auf die Landwirtschaft stellt der Bericht fest, ist das Land der palästinensischen Zionistischen Exekutive, der Jca und der landwirtschaftlichen Schule in M i k w e h für wertvolle Versuche zu Dank verpflichtet. 5117 Landverkäufe, im Werte von 1,156.429 ägyptischen Pfund sind eingetragen worden'. Araber verkauften 72.038 Dunam im Werte von 9Ö5.472 ägyptischen Pfund, Juden 1368 Dunam im Werte von 192.200 ägyptischen Pfund, andere Europäer 895 Dunam im Werte von 53.757 ägyptischen Pfund. Erworben wurden 29.520 Dunam im Werte von 369.577 ägyptischen Pfund von Arabern, 44.302 Dunam im Werte von 701.272 ägyptischen Pfund von Juden, 476 Dunam für 85.581 ägyptische Pfund von anderen Europäern. . Im Kapitel Schulwesen wird daran erinnert, daß die Regierung sich an der Erhaliung der privaten Schulen mit einer Jahressubvention von 5000 Pfund beteiligt. 3084 Pfund entfallen dabei auf die jüdischen, 1612 auf die christlichen und 304 auf die mohammedanischen Schulen. Im allgemeinen besuchen 85.778 Knaben und 69.202 Mädchen im Alter von fünf bis vierzehn Jahren die Schule. Von den mohammeArnischen Kindern besuchen nur 24 Prozent Knaben und 6 Prozent Mädchen die Schule, von den christlichen Kindern 47 Prozent Knaben und 68' Prozent Mädchen, von den jüdischen Kindern i90. Prozent Knaben und 96 Prozent Mädchen, von den Kin» dern anderer Religionen 33 Prozent Knaben und 22 Prozent Mädchen. Die jüdischen Kinder stehen somit an erster Stelle. Die Regiernng unterhält in den Städten 41 Elementarschulen mit einer Gesamtzahl von 230 Lehrern und 3454 Schülern und 2680 Schülerinnen. In den Dörfern werden 262 Elementarschulen unterhalten. Die Lehrerzahl beträgt 326. Diese Schulen werden von 11.604 Schülern und 3008 Schülerinnen besucht. Außerdem bestehen im Lande 37 private mohammedanische Schicken mit 67 Lehrern und 1610 Schülern und 245 Schülerinnen, 111 private christliche Schulen mit 442 Lehrern und 3500 Schülern und 4797 Schülerinnen und 142 jüdische Schulen Mit 644 Lehrern und 8253 Schülern und 7296 Schülerinnen. Im ganzen gibt es 31 sogenannte Mittelschulen, davon sind 6 von der Regierung, 3 von den Mohammedanern, 19 von den Christen und 3 von den Juden unterhalten. Höhere Schulen (Colleges) gibt es 6 (2 Regieruugs- und 4 jüdische). Außerdem gibt es 17 technische uwd .Handelsschulen, die sämtliche von den Juden ins Leben gerufen wurden. Das Gesundheitsamt berichtet über seine Erfolge in der Bekämpfung der Malaria. Es sind im ganzen 65 Menschen dieser Krankheit zum Opfer gefallen. Im Jahre 1921 waren es noch 113 Personen. Es gibt im ganzen Lande 343 praktizierende Aerzte, 117 Pharmazeuten, 89 Zahnärzte und 70 registrierte Geburtshelferinnen. 66 Apotheken versorgen das Land mit Btedikarnenten. Die Durchschnittszahl der Geburten ist dauernd im Wachsen begriffen. Im allgemeinen war das Land frei von Epidemien. Es scheint, daß etwa 97 Prozent der Bevölkerung Südpalästinas au Trachom leiden, in Nablus 69 Prozent, m Nordpalästina 15 Prozent. Die Einwanderung betrug in der Osrichtszeit 7844 Inden, 244 Christen und 60 Mohammedaner, die Auswanderung dagegen in den fünf Jahren der britischen Administration 1603 Juden, 716 Christen und 720 Mohammedaner. An der Spitze der Einwanderungsländer steht Polen mit 3209 Seelen. 1643 Juden haben im Verläufe des Jähres offiziell ihre Namen hebräisiert. Es erscheinen im Lande eine arabische Tageszeitung zwei hebräische und eine englische Tageszeitung. Sparsamkeit in der Palästina-Verwaltung. Jerusalem, 27. Juli. (I. C. B.) Die Regierung setzt ihre Gparsamkeitspolitik in allen Abteilungen der Verwaltung fort. Das. Budget ist um 260.000 Pfund verringert worden, die Gehälter werden überall rcbu * i ort und eine Anzahl von Beamten entlassen.