Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1602 (29.7.1923)
- Date
- 1923-07-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1602 Wien, Sonntag hu sein willfähriges Werkzeug! Das ist die Wunderwirkuug einer großen, genialen Meuschenseele!" Wird die ,MeichKPost" eine Regung des Schamgefühles empfinden, wenn sie bedenkt, welchem lumpigen FäHcher sie blind die Faseleien nachgeschvieben, die dieser einem Adolf Cremlieux zuzuschreiben wagte, bloß weil dieser auch den Dor-- twmtett Isaak trug, den Namen eines der Patriarchen des alten Testamentes? Ich bezweifle es. Ein Watt, das sich chvistlich mnnit, dabei aber selbst^mit den judentfeindlichen Knüttel« holden sympachisiert, die Mit jeder ihrer Dasemsbekunduwg eine Bechöhnnng des Evangeliums bedeuten, muß schließlich auch für den Fälscher Verständnis auslbrintzen, der mit seinen Lügen schließlich doch nur dem wahren, unverfälschten Anti« femttisnms diene» wollte. * Soll ich nun auch aus dem mir vorliegenden Gründungsaufvuf Cremieux' einige Sätze zitieren, aus denen die ,Meich8post", wenn sie sich der Wahrheit nicht verschließt, den Geist ernennen könnte, der Cremieux und seine Genossen bei der Gründung dieser dem Schutze der wegen ihres religiösen Bekenntnisses verfolgten, gepeinigten, entrechteten Juden beseelte? Da heißt es: „Als Gott auf dem Berge Sinai zu unseren Vätern sprach, ließ seine Stimme folgende herrliche Worte vernehmen, die unsere ganze Religion in sich fassen: ,-Jch bin der Ewige, dein Gott, der ich dich hinausgesWhrt habe ans dem Lande Aegypten, aus dem Sklavenhcmse. Du sollst kerne anderen Götter haben neben mir. Einheit Gottes, RationUlttät, Aushebung der Sklaverei, das find die drei großm Prinzipien, die in unserem so aufgeklärten Jahchundert die edelsten Geister leiten. Und dennoch haben wir, zerstreut aus der ganzen Oberfläche der Erde, achtzehn Jahrhunderte der Verfolgung ertragen... Aber das Licht. verbreitet sich, die religiöse Intoleranz erlischt und in dieser großen Arbeit, welche die Jahrhunderte Schritt vor Schritt vollsnhren, bemüht sich die menschliche Intelligenz immer mehr, urtter den Völkern das Gefühl der Brüderlichkeit zu verbreiten, das allen, ohne Unterschied der Religion, gleiche Rechte verspricht. Ohne Zweifel sind noch große Mühen nötig und vieles ist noch zu tun. Die Mus-Mnänner und Christen verfolgen einander, die christliche» ©efften feinden sich gegenseitig an, geschriebene Gesetze hindern mit grausamen Bemühungen die Verbreitung der Bibel und wir, teure Glaubensgenossen, sind noch auf einem großen Teil der Erde Gegenstand des Hasses und der Verfolgung... Mut, Brüder! Wir werden in unserem Men Bemühen durch hohe Geister anderer Religionen unterstützt, und wir gehen der glücklichen Brüderlichkeit aller Menschen entgegen." Nur noch eine Bemerkung: In dem Aufrufe, der angeblich dem Imperialismus der Juden, ihrem Streben nach Macht und Geld dienen will, steht immer mit eines zu lesen: Arbeiten für Humanität und Gerechtigkeit! Der Verfolgte, Unterdrückte soll Schntz gegen Böswilligkeit, Haß und UngevechtMit finden! Imperialismus kann man das wohl kaum nennen, aber daß die „Reichspost"-Jmperialisten davon nichts hören wollen — das ist eigentlich ganz logisch. rnn. Sns Buch de- Pentha.Tull. Am 19. d. hatte die „Reichspost" versprochen, das Buch -es Dr. Pentha-Tull in ihren folgenden Nummern l ü ck enlos abzudrucken. Sie begann an dieseim Tage mit dem Schluß, veröffentlichte dann am 20. d. den ersten Und am 31. D. den zweiten Teil des Beginnes. Seither schweigt sie. Am 28. d. stürzte sie sich aus den Jüdischen N-akionaMIender nnd zog aus ihrem Zettelkasten Material gegen den „N. O. B. B." heran. Den Pontha-Dull druckt sie nicht weiter ab. Statt dessen zitiert sie einen Aufruf des französischen Justizministers Adolphe Cremieux, den dieser nicht nur niemals geschrieben hat, sondern dessen Inhalt mich mit allem, was dieser Mann sonst An Wer seiner Buch. („Die Min Leonora" von Hermann Menkes.) Bücher jüdischen Inhalts sind jetzt marktgängig und tverdeir massenhaft geschrieben. Man sicht sie in den Auslagen mit bockenden erotischen UmschlagbildeM und angeheftetem Waschzettel (der diese Bilder nicht vechüllt), in welchem etwa versichert wird, „oiMdische Mystik", die „Münder einer unbekannten inbrünstigen Welt" seien hier meisterlich behandelt. Oder es werden fingerfertig munfh ulm die „brennende Judensvage" Romane im modernen Bradourstil — jedes Wort ein Brillant — hemntevgeschmiert nnd erfolgreich abgesetzt. Wird neben dieser Spelulationsware das stille, feine Novellenbuch „Die Jüdin Äeonora" von Hermann Menkes*) bestehen? Ich frage es bekümmert. Denn ein glücklicher^ Zufall drückte es mir in ungestörter Erholungszeit, m Tagen der Befreiung von hastiger Alltagsarbeit in die Hand, ich gewann es lieb sind will, daß es andere auch lieb gewinnen. Hermann Menkes zeichnet in diesem Buche seine arme, kranke, geliebte ostjüdische Heimat. Jeder Strich ist sorglich, zart, bescheiden hingesetzt. Voll Verantwortung, damit aus der Erinnerung nach Jahrzehnten der Entfernung vom Städtl doch ein deutliches Bild der Gass' und ihrer-Menschen erstehe, und vornehm darauf bedacht, daß es kein übernommenes, nachempfundmes, sondern sein BW vom jüdischen Osten werde. (Nicht jeder Autor hält so rein.) Deshalb scheinen mir diese kleine Erzählungen und SkiWn, diese prun-klofen, ruhigen, aber echten Sätze doppelt wertvoll zu sein. Schon im Einleittvngsstück „Die Gasse" ist das Polnisch-jüdische GhettoMibieu mit wenig *) Erschienen im Internationalen Verlag „Renaissance", Wien. Wiener Morgenzeiturrg. schrieb, in grellstem Widerspruch stcht. (Siche oben.) lieber die Person des Herrn Landau, dessen Aeußernngen in einer Berliner Zionistenvevsammlüng unsere' Aufmerksamkeit erweckt hatten, klärte die „Reichspost" tut* so weit ans, daß sie antisemitische Handbücher als Quelle angab. Das genügt. Um wieder von dem Pentha Tüll zu sprechen: Die „Reichspost" ist, wie sie in dem einleitendem Aufsatz erklärte, in den Besitz des ganzen Buches gelangt. Weshalb also nur Schwanz und Kopf? Wo ist das Mittelstück? Wahrscheinlich ist >der weitere Teil des Werkes nicht geeignet, zur Hetze Mögeschrotet zu werden. Es ist auch möglich, daß der ,MichsPost" schließlich doch Bedenken auWiegen, eine so handgveWche Lüge noch Weller mit sich hernmzuMeppen. Dann aber würde doch die Höflichkeit gegenüber den Lesern — «mb dazu zählen ja auch wir — es srfovdevn, daß man doch ein Keines erklärendes- Wörtchen von sich gibt! ES fft ja verständlich, daß eine solche Blamage peinlich empfunden wurde. Da haben alle Hcckenkre-nzller ans di« „Reichspost" gchosst, die ihnen neues, geistiges Rüstzeug versprochen hatte, und « ist es wieder nichts. Wir werden Ms die Mühe nicht verdrießen kaffen, bei jeder Gelegenheit das Blatt des. Hern Bundeskanzlers an seine Pflicht zu erinnern, ein öffenMch gegebenes Versprechen zu erfülle^ Reue Miirchen Fords. New-Bork, 27. Juli. (I. E. B.) H e n r y F o r d tritt mit einer neuen antisemitischen Verleumdung hervor. Er behauptet, die Inden hätten denReichtnmMexikoS und die Mineralien dieses Landes verschlungen. MeS falle in die Hände der Juden. Er fordert deshalb, daß die Vereinigten Staaten Mexiko annektieren (!), um e8 von den reichen englischen Juden zu retten. Ser geheimnisvolle „Andrea- Hofer-Berlag". Eine neue Form der Hakenkreuz-Propaganda. Wie uns ans Innsbruck berichtet wird, befaßt sich die dortige Polizei seit einigen Tagen eifrigst mit der Klärung einer geheimnisvollen Verlagsgeschichte, hinter der sich, wie die Anzeichen erkennen lassen, eine Hakenkreuzlerrsche Propaganda versteckt. Bei der Polizei wurde vor etwa einer Woche von dem „Heiliggeist-Literatur-Verlag" die Anzeige erstattet, daß von unbekannter Seite aus der Innsbrucker Büchermarkt mit einer Broschüre, betitelt: „K e i n B a h e r n, kein Preußen, nur Deutschland!" überschwemmt wird, als deren Verleger ein „Andreas H o f e r - D e r l a g" in Innsbruck angeführt ist. Nun ist aber ein solcher Verlag in ganz Tirol unbekannt? Die eingoleiteten polizeilichen Erhebungen haben bisher ergeben, daß von reichsdeutsch er Seite schon seit langem eine eifrige Propaganda für einen Tirolev Andreas Hofer-Verlag betrieben wird, der für deutsche Tendrnzschristen, wie es die von einem gewissen R. Burghäuser verfaßte, oben zitierte Broschüre ist und - die unverkennbar Hakenkreuz! erische Propaganda für die nationalsozialistische Arbeiterpartei Großdeutschlarrds macht, eingerichtet werden soll. Es wurde auch festgestellt, daß aus Bayern regelmäßig ein unbekannter Herr ins Hotel Viktoria am Bahnhofplatz kommt, um dort die unter dem Namen Andreas Hofer-Verlag eingelanftne Post zu beheben. Die Polizei setzt ihre Erhebungen mit Eifer fort. Schuhe! Sätzen lebensvoller geschildert als auf hundert Seiten schreiender ModMcher mit ihrem aufgopustetm, verlogenen, „Ballung" vortünschenden Wortschwall: „... Die Häuser waren sehr alt, aber es war kein Mwerden in Würde und Schönheit, sondern in Elend und Brüchigkeit. Sie standen um das mächtige Gotteshaus hemm, geduckt und m Demut, wie vor etwas Königlichem. Es gab noch kleine Gärten zwischen den Häusern, aber sie lvaren schon längst in Verfall geraten, von Disteln und Schlingpflanzen überwuchert, so daß sie verlassenen Friedhöfen glichen." Frühling und Sommer brachten hierher nichts anderes als glühende ^onn-e und üble. Dünste." Und das Glück dieser Enge, die klenre, lahme Esterka, das geliebte Gemeindekkind, das an seinem Arme-Lertt- Fenster sitzt, mit, feiner kranken, zarten Stimme singt und dm vorübergehenden Juden ein Fünkchen Sonnenschein auf den schweren Weg mitgibt, dieses Motiv von der glückspendendon, glücklichen Kindheit eines verkrüppelten Wesens in der Gass', wie hätten es gerissene Vielschreiber ausgemünzt, herausgeputzt! Hier ist es nur Pianissimv angeschlagen, aber um so ergreifender dem Feinhörigen, und er ist dem Autor dankbar, daß er nichts Wetter sagt als dieses: „So ging eine Kindheit im Glück dahin. Die Welt war reich, die Welt war schön und die Güte unendlich." Zu den wertvollsten kleinen Abschnitten des kleinen Buches zähle ich das mit der sertti-mentalen Ueberschrfft „Mutters Gebetbuch", die geschickt^ Nachspürer des Modegeschtinacks bestimmt vermieden hätten. (Ich wette: ,/Buch des Schicksals", oder „Frauenbrevier", oder „Wunderbuch der Ahnin" hätten sie's benawset.) Vieles ist hier in wenigen innigen Zeilen gesagt. Und eine Gestalt aus dem Ghetto wird lÄendig: Er trug einen grün gewordenen, weiten und langen Mantel aus Seide und einen schweren Stock. Schweigsam trat er ein, Mutz Mutters Gebetbuch auf, deutete mit seinem Zeigefinger auf di« 29. Juli 1923 . Seite 3 Ungarn. Sie ungarische DuellpolM. Budapest, 28. Juili. Finanzmilrister Kallay hat den Abgeordneten Ludwig Szilagyi wegen einer in der geistigen Sitzung der Nationalversammlung in Form eines Zwischenrufes ihm zugöfügten Beleidigung fordern lassen. Das Lefizit der Staatsbahne«. Budapest, 26. Juli. Der Jahresbericht der ungarischen Staatsbahnen weist für das Finanzjahr 1922—1923 ein Defizit von 12 Milliarden aus. Hmlderttansendkronemvten. Budapest, 38. IM. Das staatliche Noteninstitut wird mit 3V. IM Hunderttausendtvonennoien in dm Verkehr setzen. ,; v _ Polen. RaheitSlltt eines polnischen Sfstzkrg. WarschM, 87. IW. (I. C. B.): Der jüdische SejinKub mterpelliette den Koisgsmttvister und den Minister für Jnneves wegen eines AaberifalleS aüf den Rabbiner Sylmanns im Städtchen EhnttÄnik in Qstgalizien. Räbbimr Sylnvanns, ein ehrwürdiger Gwis von 72 Jahren, machte am 22. d. laut ärztlicher Vorschrift fernen üblichen Movgenlspaziergcmg. Gin vowböi« gehender Polnischer ^Kapitän Swieczkowskr faßte den Raibbiner ^unbarmherM am Bart und mißhandelte ihn. Mit dem Revolver in der Hand, befahl der Kapitän dem Gveis, nach Haufe zu gehen. Die wegen des bmtalen ^Ueberfalles herbeigeeilte Menschemnafse verlangte die Verhaftung Swieezkowskis. Der dabsistchende Polizist aber sagte, daß der Jude -noch mchr geschlagen werden müsse, worauf der Kapitän den gveilsen Rabbiner in AnwefenhM das Poltzisten blutig gefchcvM hat. Im Städtchen Chmielnik herrscht darüber große -LlusrMng. Die Interpellanten fordern strenge Bestrafung des Kapitäns Swieczkowski und des Polizisten. Re Nevölkenms Warschaus. Nach der letzten Volkszählung beläuft sich die Einwohnerzahl Warschaus auf 930.000 Köpfe; davon sind 667.543 Polen, 251.803 Juden und 8359 Russen. Amerikanische Subventionen für jüdische Volksbildung. Die jüdische Liga für Volksbildung in Polen hat 1000 Dollar für das Waisenhaus in Otozk erhalten. Den gleichen Betrag hat auch das jüdische Kindersanatorium in Falenice erhalten. Beide Subventionen stammszr vom Warschauer Relief Komitee in Amerika. RMilÄen. Re Lage der MinorMen. Bukarest» 27. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeituug".) Laut Mitteilungen von amtlicher Stelle kommt am 29. d. eine ans drei Mitgliedern bestehende Delegation des Völkerbundes nach Rumänien, um die Lage der nationalen Minderheiten zu studieren und die Einhaltung der Beschlüsse von Genna zu konttollieren. Ae Mische Schnlstage. Bukarest, 26. IM. (I. C. B.) Das Un-terrrchtsur-'.li» sterium hat für das kommende Schuljahr den S o n n t a g sunterricht in den jüdischen Schulen gLstattet. Gleichzeitig werden die jüdischen Schüler in den staatlichen Schulen vom Schreiben und Zeilchnen am Samstag befreit. U-nWlagfette und sägte mit seiner rauhen Stimme: ,Morgen". Dann überreichte Hm die Attltter ein Bündel Lichter, die für den Toten im Gotteshaus angeMdet wurden." Am Schluß dieses Berichtes über Mutters Gebetbnch steht aber: „... Es gibt darin einige Seiten, die ich nicht ichne Erschütterung anfschlagen kann. Die, in welche Vaters letzter Brief eingeklebt ist. Keinen besseren AHboivahrungsort wußte für den letzten Gvuß die, die nicht vergessen kann. And es ist jene andere Seite, auf der die Worte stehen: „And stoße mich nicht von dir in mein-em Gveisenalter." Es ist Mutters innigstes Gebet..." Stimmst du mir, Leser, nach diesen Proben nicht zu, daß hier der Grundton von Zeit, Menschen und Geist des Städtls von einst richtig angeschlagen ist? Auch die Miteren Stücke enttäuschen Nicht. Insbesondere die Novelle „Der Liebesgarten", ein-e Art Vorgeschichte der Erstehung des berührten Baal Schem, ist geglückt, die Erzähttmgen „Mein Freund Hamlet" und ,Mn Bohemien" sind sehr ansprechend und lebensecht. Hiingegen scheint mir die Titeluovelle „Die Jüdin Leonorä" zu skizzenhaft und in der Komposition gequält. Wie denn überhaupt nicht so sehr das Fabulieren und Erzählen des Autors Sache ist, wie das Abschttdern und künstlerische Gerichten. * Hermann Menkes nmß für den Tag schreiben. Ueber Theaterabende referieren, Stöße von Büchern durcharbsiten. Schone Literatur der verschiedensten Ton-, Gang-, seltener Sttlarten klingt ihm im Ohr, Dramen und Schwänke, Roinaue und Skizzen hat er bemfsmäßig in >MMN zn konsumieren. Jcchra'Us, jahrein. Dennoch hat er sich, tm dieses Buch erweist, Eigenart, Beranttvovtungsg.efühl, ein unverdeMes Gemüt und adelige Einfachheit bewahrt. Wir wünschen ihm Krast und UebeÄviudrmg der Widerstände, seine Kunst zu pflegen. OttpAbeles.^