Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1602 (29.7.1923)
- Date
- 1923-07-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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♦ Seite 2 Wien, Sonntag aus machen soll. Die Borberoitunq ist zweifach, eine technische, die den Zöalinqen den Maschinengehorsam berbringt. und eine geistige, die sie lehrt, in allem was geschieht, wenn es schlecht ist oder auch nur schlecht scheint, jüdischen Ursprung zu fürchten. Die Jugend denkt darüber nicht weiter nach. Sie weist nicht, dast die österreichischen Städte von den . fromm gläubigen Bauern ausgewuchert werden; es ist ihr unbekannt, das; das deutsche Volk im Reich unter dem würgenden Griff des gut arischen Kohlensyndikats und des Stahlverbandes zugrunde geht. Aber da es doch einmal der $aIC fein könnte, dast diese Jugend ans eigene Gedanken kommt, so wird ihr Gehirn' durch eine raffiniert ersonnene Literatur präpariert, bei deren Verbreitung die Vorkämpfer der streitbaren Kirche und. des Wotankultes einander ausgezeichnet in die Hände arbeiten. Wir haben da Tteultdj ein solches Produkt unter den Händen gehabt, die Schrift des Dr. Pentha-Tull, dessen Veröffentlichung das Organ des österreichischen Bundeskanzler begann und plötzlich abbrach. Solche Fälschungen gibt es in Hülle und Fülle. Sie werden bis sehr weit in die Kreise der Gebildeten des deutschen Volkes geglaubt, wer! die deutsche Wissenschaft, die über Eskimos und Botokuden trefflich Bescheid weiß, sich in das Judentum nicht hinemwagt. dessen Kultur ihr viel zu kompliziert ist und vor allem eine gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache fordert. Die deutsche Wissenschaft hat sich denn auch die sehr bequeme Methode des Schweigens zurecht gelegt und sie verschuldet es, daß die zukünftigen geistigen Führer des deutschen Volkes mit dummen Lügen und Fälschungen ausgezogen werden. Wie sollen diese zukünftigen Aerzie, Richter, Seelsorger und Politiker imstande sein, der antideutschen Boche-Propaganda entgegenzutreten, wenn sie in bezug auf die mit ihnen zusammenlebenden Juden nichts anderes wissen, als was ihnen irgendein literarischer Schmierfink vorsetzt, den sie außerdem nicht kritisieren dürfen, sondern in Habkachtstellung änhören muffen! _ Sie Aeosivbe«. Der Wiener Kongreß. Am vierten Kongveßtag, dem 24. Juli, hielt tcv Vizepräsident der Theosviphischen Gesellschaft, der Inder ii. Jinarajadasa, im Großen Konzerchanssaal seinen zweiten Boxtrag über „Theofophie als Wissenschaft". Herr Jinarajadosa führte aus: Theosophie ist im Gegensatz gu der allgemein üblichen Anschauung keine neue Religion, sondern vornehmlich und hauptsächlich eine Wissenschaft, iffe sich von der Wissenschaft im gewöhnlichen Sinne -des Wortes dadurch unterscheidet, daß sie zu ihren Forschungen sich nicht bloß körperlich-sinnlicher Beobachtung und mechanischer Hilfsmittel bedient, sondern daß sie zu diesen! Zwecke auch verschiedene im Menschen vorhandene seelische Kräfte und Fähigkeiten heranzieht, und daß sie außerdem an die alt-indischen Weistümer und Wissenschaften anknüpfe. Allerdings sei nicht jedermann befähigt und in der Lage, diese Quellen zu benutzen, es sei aber ebensowenig jedermann in 'der Lage, beispielsweise die Einstein-Theorie nachzuprüsen, und trotzdem glaube man diesem Forscher, einfach deshalb, weil andere verläßliche Männer und Fachgelehrte die Theovie Einsteins geprüft und bestätigt haben. So ähnlich sei es in der Theosophie. Im Universum, so führt der Redner dann weiter aus, gibt es kein Sterben und keinem Tod. Was uns als Sterben erscheint, ist ein bloßer Wechsel der Form, eine Veränderung der äußeren Erscheinung. Alles im Universum ringt nach höherer, besserer Erscheinungsform und auch der Kampf ums Dasein, den wir in der Natur beobachten können, ist nichts anderes als die Manifestation des Willens zum höheren Wert. So werde es begreiflich, daß auch der Mensch, um eine höhere Stufe der Vollkommenheit zu erreichen, durch dieses Leben hindurchgehen müsse. Das gesamte Schaffen, Wirken und Weben im Universum geht nach geometrisch-mathematischen Gesetzen vor sich, es ist aber auch gleichzeitig harmonisch und rhythmisch. Das alles in seinem tiefen Sinn zu versichert und zu erfassen ist Religion. Oberflächliches Wissen führt von Gott, tieferes Wissen hingegen führt zu Gott. Die Ausführungen des Redners fanden in dem vollbesetzten Saale starken Beifall, der nach der Sitte der Teosophen durch leibhaftes Winken mit dem erhobenen Arm zum .Ausdruck gebracht wurde. In der Schlußsitzung des Kongresses am 26. d. sprach Frau Dr. Elisabeth Rotten über schöpferische Erziehung. Die bisherigen Erziehungsmethoden wären, so führte sie ans, nach Prinzipien geleitet worden, die die lehrende Generation zur Erreichung und Förderung ihrer eigenen Ziele und Zwecke für notwendig gehalten habe, und sin führ bekannter politischer Grundsatz lautet: Wer di e I u g e n d hat, dem gehört die Zukunft. Es wäre aber ein schwerer Mißbrauch, die Heranwachsende Jugend als nationalen oder sozialpolitischen Vorspann zu verwenden und es sei dringend geboten, die Erziehungsmethoden auf anz andere Grundlagen zu stellen. Wahrend die alten Methoden hauptsächlich Autorität, Angst und Strafe als wichtigstes Erziehungsmittel verwenden, basiere die neue aus innerlicher Freiheit, auf Gewaltlosigkeit und auf innigster seelischer Beziehung und Wechselwirkung zwischen Schüler und Lehrer. Nur so sei sine wirkliche Erneuerung und eine geistige Erhöhung der Menschheit möglich. Wir stünden in der Morgendämmerung eines neuen Mrnschheitstages. der neue Beziehungen bringen wird zwischen dem Göttlichen und der Menschheit, und neue Bestehungen zwischen Menschenbruder und Menschenbrüdern. Eine richtige schöpferische Erziehung wird dieser Neugestaltung den'Boden bereiten. Wiener MorgenzeNunü. __ M JuN 1923 31t. fm Gchwere MMreitMWLK m Schlesien. Ler Mische Sonntag. Die'Berliner kommunistische Zentrale hat bekanntlich die Abhaltung des Antisaszistentages verbotest, doch scheinen sich einzelne Landesorganffationen nicht an diese Weisung -halten zu wollen: So verbreitete die Orts-gmppe München der Kommunistischen Partei in der gestrigen Nacht Plakate mit dev' Aufforderung zur Teilnahme am. Antisasstftontag am Sonntag. Zwei Personen"wurden beim Anbrmgen der Plakate fest genommen. Die Partei fordert lveiter zur . Bildung proletarischer Abwehkformationerr aus und plant die Abhaltung einer Versammlung in Oberwresenfebd. Die Polizei hat die Abhaltung dieser Versammlung verboten und wird sie, falls sie trotz des Verb o t e s stattfinden sollte^ mit allen, M a ch tmitteln unterdrücken. Im ganzen Reiche stcht überdies Reichswehr in Bereitschaft, um eventuellen Ausschreitungen, gleich entgegentreten zu können. Die Putschagitation wird übrigens nicht nur von links, sondern ebenso stark auch von rechts betrieben. Wie die „Rheinische Zeitung mi-tteilt, haben in Köln - Massenverhastungen rechtsradikaler Putschisten stattgesuinden. HausdurMrchungen bei den Bechafteten, die sämtlich verbotenen rechtsradikalen Ortsorganrsationen angehören und zum Teil Studierende der Kölner Universität sind, förderten größere Mengen Dynamit zutage. Demselben Blatte zufolge wird von kommunistischer Seite in den Betrieben die Parole ausgegeben, trotz des Verbotes des Kölner Polizeipräsidenten und der britischen Behörden zu Dem onstrati onen zusammen zut ressen. Die Lebensmittekatastrophe. Das weitere Herabgleiten des Markkurses in Zürich auf 0.0005 hat die Lage aus den Lebensmittelmärkten noch katastrophaler gestaltet. Nach wie vor mangelt es an Kartoffeln, Butter, Schmalz und Fett, dagegen sind größere Mengen von Fleisch und Gemüse aus den Markt gekommen. Die Teuerung steigt ungeheuer weiter. In den Markthallen und Geschäften bilden sich' lange Kolonnen von Hausfrauen, die an die Zeit während des Krieges erinnern. ■ Wermch. Die KMinmlmt»- md GMeinderatswMm. Unter 'der Annahnic, daß als Wahlausschreibungsiag der 31. Juli 1923 bestimmt werden wird, hätten die wahlwerbenden Parteien, die Abschriften der ^Wählerverzeichnisse wünschen, sich bis spätestens 12. August 1923 im Rathause bei der Magistratsabtcilung 49 zu melden. Die Frist zur Namhaftmachung der Beisitzer für die Wahlbehörden endet am 14. August 1923. Für die dazu notwendigen Eingaben werde»! vom Wiener Magistrate eigene Formulare bereitgestellt. Solche Formulare können bis längstens 4. August 1923 bei der Magistratsabteilung 49 angesprochen werden. Diese Abteilung erteilt auch alle näheren Auskünfte. . Tie anderen notwendigen W a h ld r u ü-s o r t e n werden ebenfalls vom Wiener Magistrate angesertigt und den Parteien gegen Bezahlung ausgefolgt. Anfangs August wird begonnen werden, die Wahlberechtigten zu verzeichnen. Im Interesse der Wahlberechtigten empfiehlt es sich, schon jetzt mitzuteilen, daß anfangs August in den Häusern die Wähleranlageblätter verteilt werden. Allenfalls sind auch die erforderlichen ©olumente, ans denen das Alter und die Bundesbürgerschaft unzweifelhaft entnommen werden kann, bereit, zu halten. In Betracht kommen vor allem der Meldezettel und Heimatschein oder das Optionsdekret, Tauf- oder Trauungsschein und andere a m tliche Urkunden. Wann die Wählerausnahme beginnt, wird noch rechtzeitig mitgeteilt werden. Die „Reichspoß" vnd Adolph Sremirm. Ein Freund unseres Blattes schreibt -uns: Die „Reichshost" weiß vielleicht, wer Tulpe nt hak ist, dessen Buch sie wie ain albernes Seit-enistück zu dem blödsinnigen Falsifikat „Die Gche'imn'isse der Weisen von Zion" zum Kampfe gegen die Inden ausschro'tet, aber sie weiß sicherlich nicht, wer eigentlich Adolf Cremieux war. Ich halbe, offen geft-an(b.cn, keinen besonderen Respekt vor den geistigen Kräften, die sich dieses antisemitische Hetzblatt zu ihrem Tummelplatz evwÄhlt haben, aber ich glaube doch nicht, daß die „Reichspost", wenn sie eine Ahnung gehabt hätte, wer Cremieux war, dem Duminlkops von einem Fälscher aufgesessen wäre, der di-üsem Aeutzevrmgen in« den Mu-nd legte, wie zum Beispiel: ,/Das Netz, das Israel über die Erde wirft, breitet sich sta rk a us." „Der Tag ist nicht fern «, a-n dem a >'l le R e-i ch t ü m r r der, Welt«ausschließlich den Juden gehören werden" us!w. usw. Derlei hirnrissiges Zeug soll Eremieux in dem Gründungsauftuf der Alliance Jsraelite Universelle der Welt verkündet haben! Der Falscher, der -diesen Aufruf fabrizierte, -mochte sich wohl -denken, daß man die 'Judenhetzc in deutschen Landen mit welchen Mitteln i-mmer erfolgreich betreiben könne. In Frankreich, wo der ciichige JriftUminister Adolf Cr-emienx vielleicht wie wenige V , - --.t'.)n Lebens als Patriot nu-d g!är:er Der Preis für markenfreies Brot ist für Bev lin mit Gültigkeit von Montag ab ans 6 0.000 Mars erhöht worden. Sitte Kundgebuas der Regierang. Berlin, 28. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Äer Reichspräsident und die Reichsr^gierung erließen eine Kundgebung übe« die zu ergveisenden gesetzlichen Maßnahmen, durch welche die Finanzen des Reiches gestärkt, de« ungeheuren Geldentwertung Einhalt getan und den schweren Folgen der Ruhrbesetzung entgegengswirkt -werden soll. Es wird hingewiesen auf die ln Vorbereitung befindlichen Steuergesetze, auf den dem Reichsrat vorliegenden Gesetzentwurf über die Ruhropfer, auf die wertbeständigen Anleihen und die Maßnahmen auf dem Gebiet des Devisenverkehres. Die Einfuhr von Luxuswaren wird nach Möglichkeit gehemmt werden. Die Anpassung der Löhne und Gehälter an die Geldentwertung sei bereits gesichert. Die Reichsbank hat Anregungen getroffen, die Frage des G o l d k r e d i t e s der Lösung näher zu bringen. Diese Maßnahmen werden von den gesetzlichen Körperschaften verabschiedet werden. Weiters wird vor Eingriffen gegen die staatliche Ordnung gewarnt. Das deutsche Volk soll arbeiten und seine staatliche Ordnung bewahren. Plünderungen in Weste«. Breslau, 28. Ju-li. Die Lage in der Stadt Breslau und in ganz Schlesien ist wieder sehr kritisch geworden. Der Regierungspräsident hat sich daher veranlaßt gesehen, erneut ein strenges V e r -b o-t a l l e r Versammlungen zu erlassen. Besonders ernst ist die Situation, weil die stveikenden Arbeiter mit den Banden des ehemaligen Selbstschutzes auf dem Lande gemeinsame Arbeit machen und bereits an verschiedenen Stellen der Provinz zur Plünderung übergegangen sind. Die katastrophale Markentwert-ung hat auch in mehreren Städten am Oberrhein zu Teucrungsdemonstrationen und Krawallen geführt. Demission öss ReichrbmrkprMenten. Berlin, 28. Juli. Ter Präsident der Reichsbank Häven sie in hat für den 1. Oktober sein De Mission sg esu ch eingereicht. Er kehrt von seinem jetzt angetretenen Urlaub nicht mehr aus seine Dienststelle zurück. .. 111111,1111 II Redner bei allen Parteien hohes Ansehen geno^ hatte nian jeden, der ihm solche Aoußeruugen i-n die Schuhe hatte schieben wollen, reif für das Zucht, oder das Irrenhaus gchalten. Dt-e „Reichspost" hat gewußt, daß Cvomie-ux, der Präsident der Lllliance Jsraelite Universelle, ein guter 'Jude war, und da hat sie sich g-ar nicht darum gekümrmrt, was der Mann noch außerdem für Fvankreich bsdsu-tete. Ich bin zufällig im Besitze des Ansruses, den Cremieux bei Gründung der Allianoe Jsraelite Universelle mit seinem Nansen fertigte; ich habe fast alle seine Rüden noch, die er als Präsident in diesem Verein hielt, und weiß daher ganz genau, was Cremieux geschrieben und gesprochen und was der Gewährsmann der ,/Reichspost" erlogen hat. Aber wer je von Cremieux' geistiger Bödsutung etwas vwnomnieu, würde, auch wenn er aus keinen einzigen «disser schrisilichen Belege sich stützen könnte, keinen Moment daran ge- Zivei'selt haben, daß er hier ein-er geradezu schwachsinniger/ FÄschung gogenüberstcht. Cremieux w-ar nicht nur als einer der hinreißendsten Redner Fvankreichs, das a>n rhetorischen Talenten immer reich war, sondern auch als einer der scharffinnigsten, geistvollsten Köpfe^anerbannt, der auch im Kampfe für Humanität nr.d Gorech-tigikeit jedes Wort ans die GoNvage legte.. Ich möchte hier nicht aus die vevchrungsvollen und beüvnndernden französischen Stimmen aus allen Pavtoilagern Hinweisen, die beim Tode Cremieux' sich vernehmen ließen, -ind die ihn als einen der großer: Männer seiner Zeit feierten. Aber vielleicht wird es die „Roichspvst" irt-cressieren, zu 'hören, wie ein u-nversä-ls-chter deutscher Arier, M. G. Eon« r>crd, im Jahre 1881 über ihn schrieb. Da heißt es unter anderem: „Ich habe den großen Redner, dessen Mund sich nun für immer geschlossen, den wunderbaren Causeur, der das Geheimnis der unvevsAschtm fvanWschen Plauderei mit it,1 die stille Ewigkeit genommen, znm letzen Male während der ^Velt-ausstellung gchört. Es war im großen Festsaale des Trocadero-PMstes. Der Weltbund der Fosimanrer hatte sich daselbst ein kurzes Stelldichein gegeben. Ueber fün-slauscnd Bundesawgchövige aller Rassen »und Natlionolitäten, aller Stände und BvkenutNissg, fanden sich ein zu der seltenen Friedensseier und saßen Schulter an Schullter in m.-abfehbaren Reihen . . . Ein Gewitter 'brach los mit Donner und Blitz rmd Hagels-chllag von insernalische-r Gewalt. Mitten in diesem Aufruhr der äußeren Welt saß die fteima-urerische BersamnAnng in andachtsvoller Fassung lauschendden Morten eines achtzigjährigen Greises, der mit seiner hellest, klaren Simmre. über dem Gstche der Elemiea.'te schwäble, wie der Geist Gottes über dem Clhaos der bibvifchsn Legmde... Und wie ergreifend kontrastierte die kleine, unscheinbare Gestalt des Redners mit der imposanten Umgebung deS Hohen Pvunksaales... Aber laßt di-Ss-e Gestalt den Mund öffnen und es fährt wie eine Transsovnration durch die ganze Ersehermrng: alles ist beseelt, innchge-istigt, harmov^rt; der Kein«, häßliche Spießbürger von vorhin ist fthön, hinreißend schön, er ist ein Riete viv tir I-'ft N'v JV'va, er ist