Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1600 (27.7.1923)
- Date
- 1923-07-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980681--15557-3002394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«e»v ß M», FEtltz. ' Zer Smntftirde. Erweiterung durch ein türkisch-amerikanisches Abkommen. Lausanne, 26. Juli. In einer Sitzung, die bis 2 Uhr nachts dauerte, wurde zwischen Jsmet Pascha und dom amerikanischen Vertreter bei der Konferenz ein Einverständnis über einen türkisch-amerikanischen Vertrag erzielt. Es steht nur noch die Regelung einiger Einzelheiten ans. Jsmet Pascha besucht den Schweizer Bundespräsidenten. Regelung der türkisch-schweizerischen Beziehungen. Lausanne, 26. Juli. Da Jsmet Pascha den Wunsch geäußert hatte, den B u n d e s r a t z u besuchen, wurde der eidgenössische Flugdienst beauftragt, die türkische Delegation im F l n g z e u g abzuholen. Die türkische' Delegation besuchte in Begleitung d:s Bundespräsidenten S ch eu re r, des Bundesrates Schultheß und des Generalstabschefs verschiedene militärische und landwirtschaftliche Anstalten. Abends reiste die türkische Delegation im Flugzeug nach Lausanne zurück. Im Laufe der Besprechungen, die sowohl in Lausanne wie auch in Bern stattfanden, wurde die Einleitung von Verhörndlungen zum Abschluß eines N i e d e r l a s s u n g s- und (Handelsvertrages in Aussicht genommen. Inzwischen sollen die Beziehungen der beiden Lander durch einen Modus vivendi geregelt werden. Venizelos über den Friedensabschlnst. Athen, 26. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Unterzeichnung des Friedensvertrages von Lausanne ist in Athen mit B r f r i e d i g u n g aufgenonrmen worden. Die Zeitungen verhehlen allerdings ihre Enttäuschung nicht und erinnern daran, daß die Alliierten anläßlich des Eintrittes Griechenlands In den Krieg versprochen hätten, alle im Auslande unterjochten Griechen zu befreien. Venizelos erklärte in einem Interview, d?ß er seinen Kummer darüber nicht verbergen könne, daß der Lausanuer Friede den Vertrag von Sevres aufgehoben habe. Er habe den Vertrag nur unterzeichnet, weil er überzeugt gewesen sei, daß ganz Griechenland diplomatisch isoliert und im Falle eines Krnges in sein eigenes Verderben gerannt wäre. Der Putttamer Prozeß. Acht Monate Gefängnis. München, 26. Juli. Heute begann der Prozeß gegen den Schriftsteller Franz Olef v. Putttamer, der des Verbrechens der Anstiftung zum Morde beschuldigt wird. Die Anklage beschuldigt Putttamer, daß er als Korrespondent des Berliner ,vorwärts" sich zu Spionagezwecken in die Münchner Roßbach-Gruppe eiugeschlichen habe. Dort habe er den Studenten Karl Bauer kennen gelernt und diesem, als er von seinem Plan der Ermordung Scheidemanns Kenntnis erhalten hatte, Unterschlupf in seiner Wohnung zugesichert und ihm einen Revolve.r übergeben. In der Verhandlung gab der AlWklagte den Tatbestand im wesentlichen als richtig zu, erklärte aber, es sei ihm darum zu tun gewesen, das Attentat auf Scheidemanu zu verhindern. Das Urteil lautet auf acht Monate Gefängnis, 500.000 Mark Geldstrafe und Tragung der Prozeßkosten. Gcgtzn Putttamer schwebt noch e-m weiteres Verfahren. Das bayrische Staatsministerium hat gegen ihn die Klage erhoben, weil er in einein Brief an den „Berliner Börsenkurier" Geldbeträge mit der Begründung verlangt hatte, daß er dieses Geld für Bestechung der Bestechung der Beamten der bayrischen Pressestelle verwende, da er sonst von dieser Stelle keine Nachrichten erhalte. Hokenkremftudenten und Rektor. München, 26. Juli. (Tel. d. ,,W«. Morgenzeitung".) Der Rektor der Münchner Universität hatte seinerzeit gegen den Listenführer der völkischen Finkenschaft, Student K ersten, ein Disziplinarverfahren eröffnet, weil dieser Einspruch erhöben hatte gegen die Berufung des jüdischen Professors Spiegelberg von Heidelberg nach München. Das Verfahren endete mit einem schweren Verweis. Aus diesem Anlaß richtete nun der Vorsitzende des Münchner W a f f e n r i n g e s bei einem Kommers am vergär.aenen Donnerstag einen Angriff gegen den anwesenden Rektor mit dem Hinweis, die Studentenschaft werde ihre Ziele auch durchzusetzen wissen, trotz des Widerstandes der Hochschulen. Darin erblickte der Rektor eine Beleidigung des Lehrkörpers der Universität und eröffnete, der „Münchner Zeitung" zufolge, auch gegen diesen Herrn ein Disziplinarverfahren. fiMt des belgischen Krregsmimfterr. Paris, 26. Juli. Nach Blättermeldungen aus Brüssel wird der belgische Kviegsminister Deveze in den ersten Augusttagen aus dem Kabinett Theunis a u s s ch e i d e n. Semisfion des belgischen Reparationsdelegierten. Paris, 26. Juli. Me der ,Jntransvgeant" meldet, häbe der belgische Delegierte in der Reparationskommission, Bemelmaus, demissioniert. Er werde durch den Präsidialchef im belgischen Finanzministerium Gutt ersetzt werden. WVenki« MoLgenzEuks. ' _ 27. Mi 1923 _A. 1800: permanenten Mandatskommission des Völkerbundes wurde am 20. Juli mit einer öffentlichen Sitzung eröffnet. Präsident der Kommission Marquis Theodoli erstattete den Bericht über die vom Völkerbund in Angelegenheit der Mandate seit der letzten Sitzung der Mandatskommission dnrchgeführten Arbeiten. Er rekapitulierte die Debatten, die über diese Materie im Vökkerbundwat und in der letzten Vollversammlung des Völkerbundes Lurchgeführt wurden und hob die bekannten Beschlüsse des Völkerbundrates in der Frage des Petitiousrechtes der Bewohner der Mandatsgebiete sowie den Beschluß über das Statut der Bevölkerung der Mandatsgebiete B und C hervor. Bezüglich des letzten Punktes empfahl der Völkerbundrat den Mandatsmächten, die legislativen Maßnahmen zu treffen, um so bald als möglich ein besonderes Statut für die Eingeborenen der unter ihrer Verwaltung stehenden Mandatsgebiete auszuarbeiten und in Anwendung zu bringen. Bei der Konstituierung wurden Marquis Theodoli zum Präsidenten und Ban Rees (Holland) zum Vizepräsidenten der Kommission für die Dauer eines Jahres wiedergewählt. Es gelangte sodann die Zuschrift des Generals Sm-lts über die -gegenwärtige Lage der ehemaligen deutschen süd'westafrikanischen Kolonien, welche unter das Mandat der südafrikanischen Union gestellt wurden, zur Verhandlung. General Smuts schlägt für dieses Gebiet einen legislativen Rat vor, in welchen außer den von der südafrikanischen Regierung ernannten Mitgliedern auch Vertreter der Bevölkerung von europäischer Abstammung berufen werden sollen. Ueberdies soll im Parlament der südafrikanischen Union eine Anzahl von Sitzen für die Vertreter der Weißen Bevölkerung des Mandatsgebietes, welche zum überwiegenden Teile aus ehemaligen deutschen Staatsbürgern bestehen, reserviert werden. Bei diesem Anlasse sei daran erinnert, daß der Völkerbundrat in> seiner 2lprilsitzung die südafrikanische Regierung ermächtigt hatte, eine kollektiv «Nationalisierung der Deutschen in Südafrika, ihre persönliche Zustimmung vorausgesetzt, vorzunehmen. Tagesbericht. Kirchenftaatstzrojekte. Aus den vatikanischen Archiven. Ein Bericht einer Chikagoer Zeitung, der von dort auch in französische und italienische Zeitungen Eingang gefunden hat, obgleich er von Haus aus alle Merkckale einer Zeitungsente an sich trug, hat die Kreise des Vatikans in ziemliche Erregung versetzt. Das Ehikagoer Blatt berichtet nicht mehr und nicht weniger, als daß der Pap st den Entschluß gefaßt habe, seine Residenz nach Wien zu verlegen und in■ Oesterreich den Kirchenstaat wieder auszurichten. Die ganze dem Vatikan zur Verfügung stehende europäische Presse wird nun aufgeboten, um einen solchen Verdacht vom Heiligen Stuhl abzuwälgen. Der Pariser „Temps" läßt sich von seinem römischen Berichterstatter aus diesem Anlaß' außer dem formellen Dementi auch den historischen Nachweis erbringen, daß der Papst Rom freiwillig überhaupt niemals verlassen könne, denn die Kirche sei katholisch, apostolisch und römisch. Jedes dieser Epitheta sei ein integrierender Bestandteil des Charakters des Papsttums. Gerade die wenigen Ausnahmen eines Exils des Papsttums während seiner nahezu 2006jährigen Geschichte bestärken nur die Regel. Die 70 Jahre in Avignon wurden als eine wirkliche Gefangenschaft angesehen. Ebenso das Exil Alexander des Dritten in Sens zur Zeit Barbarossas und Pius des Siebenten in Fontainebleau unter Napoleon dem Ersten. ch. Interessant ist, was der römische Korrespoüent des „Temps" aus den Archiven des Vatikans über die verschiedenen Phantastischen Projekte berichtet, die in Rom wiederholt dorgeschlagen wurden, um den Sitz des Papsttums von Rom in eine andere Stadt oder in ein anderes Land zu verlegen. Besonders üppig schossen diese Projekte nach dem Jahre 1871 empor, als das Papsttum seiner weltlichen Macht beraubt wurde. Aber weder Pius der Neunte noch Leo der Dreizehnte haben diese Vorschläge ernst genommen, im Gegenteil erhielten die Projektemacher den schwersten päpstlichen Tadel. Im Archiv des Vatikans befindet sich ein ziemlich starkes Dossier über die lustigsten Pläne, die gemacht wurden. Alle stammen von radikaler christlicher Seite aus den verschiedensten Teilen Europas. Man findet da Vorschläge, Korfu anzukaufen, die B a l e a r i s ch e n Inseln zu erwerben, man bot dem Papst die Kanarischen Inseln an, andere wieder wollten Avignon von Frankreich zurück haben oder den Tessin in der Schweiz für das Papsttum erlangen. Auch T r i e st, das Fürstentum Le ch t e n st e i n und selbst I rlaud wurde' von diesen Projektemachern ins Auge gefaßt. Das phantastischeste aller Projekte, über welches das vatikanische Archiv Auszeichnungen und Dokumente enthält, ist wohl Mes, welches zur Zeit Leo des Dreizehnten aus Amerika dem Papst allen Ernstes vorgelegt wurde. Danach wollte eine Gruppe von Fanatikern die A z o r e u erwerben, die päpstliche Basilika und den Vatikan Stein um Stein dahinbringen und dort beu Heiligen Stuhl unter dem Schutze einer amerikanischen Flotte wieder aufrichten. Im weiteren Verlaufe der Beratu-ngen wurden verschiedene allgemeine Fragen der MandatsgHiete, so der Handel mit Alkohol, der Sklavenhandel, die Beziehungen zur eingeborenen Bevölkerung, die wirtschaftliche und soziale Lage einzelner Mandatsgebiete und die Frage des Waffenhandels diskutiert. Hierauf wurde der Bericht der französischen Regierung über die Lage in den ehemaligen deutschen Kolonien in Kamerun und den: Ton g o, welche derzeit französische Mandatsgebiete sind, in Beratung gezogen. General Smuts, Vertreter Südafrikas im Völkerbunde. Genf, 25. Juli. (I. C. B.) Die südafrikanische Regierung hat dem Völkerbundsekretaviat nütgeteilt, daß sie den Ministerpräsidenten General Smuts zum Führer der südafrikanischen Delegation bei der am 3. September zwsammentretenden VAkerbundversammlung ernannt hat. ■ General Smuts ist einer der eifrigsten Vorkämpfer des Völkerbundgedankens und ein warmer Freund deS Judentums und des Zionismus. Er intervenierte wiederholt bei der britischen Negierung zugunsten des Zionismus. Bisher war Südafrika durch Lord Eecil im Völkerbund vertreten. Lord Robert C e c i l gehört nunmehr dem englischen Kabinett an und wird England im Völkerbund vertreten. Die Kommission für geistige Zusammenarbeit. Genf, 26. Juli. (I. C. B.) .Heute ist in Genf die Völkerbundkommission für geistige Zusammenarbeit unter dem Vorsitz des französisch-jMschen Philosophen Henry B erg so n zu einer mehrtägigen Session zusammengetreten. « Bekanntlich hat Professor Albert Einstein, der ebenfalls Mitglied dieser Kommission war, sein Mandat n iedergelegt, da er die Tätigkeit des Völkerbundes für die VölkerverstäMgung für unzureichend hält. Diese Projekte, die auch zur Zeit ihres Auftauchens in der europäischen Presse mit mehr oder weniger Ernst behandelt wurden, waren Papst Leo dem Dreizchnten so peinlich geworden, daß er ein eigenes Motu proprio erließ, in welchem er alle die überhitzten Köpfe mit allem Nachdruck daran erinnerte, baß die Kirche katholisch, apostolisch und römisch sei, und dem Pro'jektenfpuk dadurch ein Ende bereitete, daß er auch nur .den Gedanken au eine Aenberung des Sitzes des Nachfolgers Petri als eine Häresie b?- zeichnete. @in neues rnlerknloseheilmittel. Berlin, 26. Juli, (fficl. der ,Wiener Movgenzeitunxch.) In der gestrigen Sitzung der Berlineir medizinischen Gesellschaft hielt der Berliner Frauenarzt Pvofessor Doktor Dürssen einen Vortrag über ein neues Mittel gegen Dübeivkulose. Erfinder dieses Mittels ist Professor W e n i n ge r. Dieser Hai in 23jähriger Forschertätigkeit endlich eine J nhalat'ionsflüssigkeit gefunden, die er für die Bekämpfung der Tuberkulose geeignet hält. Das „Weninger 174:" genannte Mittel enthält neben anderen Stoffen und einigen Säuren Uran, Thorium und Mangan. Es entsteht aus der Wechselwirkung der für die Jnhalierflüsiigkeit verwendeten Stoffe ein neuer Stoff, den Weninger Ektoplasmin nennt und der die Eigenschaft besitzen soll, die Hülle der Tubevkolbazillen (das Ektop'lasma) zu dmchdringen und die giftigen, infiziewnden Eigenschaften -der Tuberkelbazillen, zu denen es eine besondere Affinität besitzt, aufzuheben. In Rio de Janairo hat Weninger in zwemndemhälb Jahren mehrere hundert Fälle behandelt und geheilt, wovon sich Dührssen bei seinem Aufenthalt dort überzeugt hat. In Brasilien 'hat die Weninger-Methode bereits die amtliche Ap probavion erhalten. Me MderstandsMigkeit der amerikanische« Anden gegen die Tuberkulose. Vor kurzem veröffentlichte die „New Work Tuberculosis Association" einen sehr lehrreichen statistischen Ausweis über den prozentuellen Anteil der verschiedenen Konfessionen und Nationalitäten in der New Vorker Bevölke,- rnug an den durch die Schwindsucht verursachten Todesfällen. Noch bis vor wenigen Jahren, galt es als Axiom für die Statistiker, daß die Juden dm größten Prozentsatz an Schwindsüchtigen liefern. Schwindsucht ist zum Hauptteil ein Produkt der großen Städte der Armut, des Mangels an Luft und bequemer Wohnnngsbedingungen. Da nun die Juden zum größten. Teil Stadtvolk sind, ln engen Gassen und in beengten Wohnungsverhältnisjnr leben, wurde von vornherein, angenonunen, daß die Juden für die Schwindsucht von Haus aus prädisponiert sind- Daraus hat sich bereits eme ganze Literatur aufgebant. Die nunmehr veröffentlichten statistischen Ziffern der New Borker Gesellschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose widerlegen diese Annahme in entschiedener Weise. Sie führen zu dem Schluß, daß die New Yorker Juden, also die Juden der Großstadt pär excellenee, den kleinsten Prozentsatz an Tuberlutosen in New Bork liefern. Zn derselben Schlußfolgerung gelangt auch der -Bericht des Sanitäts departements von Groß-New T)ork. Völkerbund und Mandate. Atzung der Mandatskommission. Ans Genf wird uns berichtet: Die dritte Session der