Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1600 (27.7.1923)
- Date
- 1923-07-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8 fern Wien, Fveitag WkEir MorgenzMuns. Sesterreich. Imm der SsterreMch-baWschen HeimatschutzverbSnde in Innsbruck. ' In Innsbruck begann gestern die <tuf vier Tage anbe» Ätfmtte Tagung der „Oesterreichrsch-bayrischcn heimatkundlicheu Arbeitsgemeinschaft" der bayrischen Md österreichischen Heinmffchutzverbände, an der auch Bundesprälsident Dr. Harnisch, Unterrichts- Minister Dr. Schneider, Landeshauptmann Doktor Stumpf, Mitglieder der Landesregierung, der'bayris ch e Staatsminister Dr. S ch w e h e r, der deutsche Generalkonsul sowie zahlreiche andere hohe Funktionäre der weltlichen und geistlichen Behörden teiluahmen. Begrüßungsansprachen hielten der Borstand des Vereines für .Heimatschutz in Tirol Trapp, namens des bayrischen Heimatschutzberbandes M-msterialrat Grösch el, für den österreichischen Heimatschutzverband Hoftat Dr. Gianonni und Bundespräsident Dr. Harnisch. Im Namen der bayrischen Negierung brachte sodann Staatsminister Dr. Schweyer die Gemeinsamkeitsgeftihle des österreichischen und deutschen Voltes zum Ausdruck. Bundesminister für Unterricht Dr. Schneider begrüßte die Tagung namens der österreichischen Bundesregierung und erklärte, Laß es oberste Aufgabe der Bundesregierung sei, der Vertiefung des Gedankens der Heimat l i e b e besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Ae ßhriftlichsojialen Steiermarkfür eine bürgerliche Einheitsliste. Die christlichsoZiale Landesparteileitung Steiermarks hat sich in der in Graz stattgesundenen Parteiberatung e i n st irnrnig bereit erklärt, mit allen bürgerlichen Parteien eine Vereinbarung über die Aufstellung einer Einheitsliste zu treffen. Der Parteivorstand wurde aufgefordert, den bürgerlichen Parteien diesen Beschluß mit dem Beifügen mitzuteilen, daß sich die christlichsoziale Landesparieileitung bis zum 17. August an diesen Beschluß gebunden erachtet. Ungarn. Beisetzung des letzte« Koffuth. Budapest, 26. Juli. Ter letzte Sproß aus dem Haufe Kossuth, der während des Weltkrieges in Italien verstorbene Eisenbahndirektor Ludwig Theodor Kossuth, wurde heute unter der Teilnahme einer vieltausendköpfigen Menge und im Beisein der Mitglieder der Regierung und der Spitzen der bürgerlichen und militärischen Behörden im Kvssut'h-MausoIeitm in Budapest beigesetzt. Die öffentlichen Gebäude und 'die Häuser in den zum Friedhof führenden Straßen hatten Trauerfahnen gehißt. . Keine Heimkehr der Emigranten. Budapest, 26. Juli. (Tel. der „Wr. Morgeuzeitung".) Ewige Wiener Bläiter hatten berichtet, daß die ungarische Regierung wegen der eventuellen Heimkehr der ungarischen Emigranten in ihre Heimat Unterhandlungen. gepflogen oder gewisse Zusicherungen gegeben habe. Die Bechlen-Regiernug läßt nim durch das Ungarische Telcgraphen-Korrvspondenz- Bureau fcststellen, daß solche Verhandlungen weder mit einzelnen Emigranten noch mit den Emigranten in ihrer Gesamtheit gepflogen worden seien. Die ungarische Regierung stehe nach wie vor aus dem Standpunkt, daß jedem der sogenannten Emigranten, falls er keine strafbare Handlung begangen hat, die Heimkehr fteistche. Wenn er eine strafbare Handlung begangen hot, wird er sich stlibistverständlich vor den zuständigen Gerichten zu verantworten haben. (Auch uns waren diese Gerüchte bekannt, wvchHaben wir von ihnen in Kenntnis der - reaktionären Richtung der ungarischen Regierung feine Notiz genommen. Die Red.) Die im Auslarrde Wenden ungarischen Emigranten werden sich hüten, in ihre Heimat zuvückznkchren, so vange die Regierung sich nicht entschließt, offen und frei eine unzweideutige Definitiondessen zu geben, was sie bezüglich der Emigranten als strafbare Handln rrtz zu qualifizieren geneigt ist. Schon bisher hat eine ziemlich große Zahl von Emigranten, die sich gar keiner strafbaren Handlung bÄvnßt waren, mit ihrer Freiheit dafür büßen müssen, daß sie den Zusicherungen der ungarischen Regierung Glaubenschenkte und nach Ungarn zurückkehrte. So lange in Ungarn die Regierung gezwungen ist, mit den Extremreaktionären Kompromisse zu schließen, um ihre eigene Macht zu sichern, ist an eine wirklich freie Rückkehr der Emigrant^ in ihre Heimat nicht zu denken. fientoni, der aufrechte Rassenschützer. Eine Enthüllung. Budapest, 36. Juli. (Del. der ,Mr. Movgenzeitmrg".) In der heutigen Fortsetzung der Jndemnitetsdeibatte sprach der Abgeordnete Josef Pakots (Demokrat) über den Antisemitismus. Er forderte eine endgültige Abrechnung mit den Schlagworten der Erwachenden. Hier wird ein mörderisches Spiel getrieben. Die Rassenschützer schreien laut, man müsse die. Juden vom Lande hirmustreiben und dürfe mit ihnen in keinerlei Verbindung treten. Man werfe ihnen auch vor, daß sie sich vom MMtäMenst gedrückt hätten. Daß aber in dieser Beziehung falsch mit dem ungarischen Voll gespielt wird, beweist ein Brief, den Herr Stephan Lendvai, der Kandidat der Erwachenden im Czegläder Wahlbezirk, im Weltkrieg an den Mischen Chefredakteur deS „A Nap" gerichtet hat. In diesem Brief schreilbt Lendvai: „Ich erfahre sockben, daß in das Militärspital, in dem ich jetzt bin, eine Superarbitriernngskommisslon kommen wird, deren Chef Regimentsarzt Dr. Müller ist. Nachdem dieser Herr Dein Bruder ist, ersuche ich Dich, mich seinem Wohlwollen zu empfehlen. Ersuche ihn um Gnade für mich!" Also — fährt der Redner fort —, Herr Lendvai ersuchte den jüdischen Regimentsarzt durch den jüdischen Redakteur um Gnade, in Czegled aber hetzt er schamlos für einen Krieg und nennt alle Welt feig. Abg. Julius Gömbös ergriff für Lendvai Partei und meint, es ist recht und billig, wenn ein Lungenkranker, wie Lendvai es ist, um den Beistand des Arztes ersucht. Die liberale Opposition sollte Mit ' derartigen Enthüllungen die Atmojsphäre des politischen Lebeus nicht vergiften, sonst könnte sich eine Explosion ereignen, die nicht im Interesse des Landes gelegen wäre. Mg. Pakots erwidert hierauf, daß er es nicht als moralisch betrachtet, ständig gegen die Juden aufzuretzen, ständig für den Krieg zu Hetzen und dabei durch Vermittlung eines Mischen Redakteurs um die Gnade eines jüdischen ' Regimentsarztes zu betteln. \ Der Farzisnmr in PMstina. Eine englische Note an die Regierung Mussolinis? Der „Pester Lloyd" meldet aus London: Die englische Negierung hat der italienischen eine Note übermittelt, die sich mit dem Faszismus in Palästina beschäftigt. Es haben sich nämlich dort Fachistenorganisationen gebildet, deren politische Pläne der britischen Regierung durchaus nicht genäfm sind, zumal es bereits zu Konflikten und Uriruhen iu Jerusalem gekommen ist, die im Faszismus ihre Wurzeln halben. Die englische Regierung erklärt in aller Zar Insulin. In der ./Frankfurter Zeitung" schreibt Professor KmrI v. Noordan über das neue Heilmittel gegen ZuckerkraBheit: Seit etwa fünfunddreißig Jahren ist bekannt, daß nach Ausschneiden der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) bei allen Tieren schwere Zuckerkrankheit entsteht, und sofort im Anschluß an diese Entdeckung wurde die .Vermutung ausgesprochen, daß auch der menschliche Diabetes, zumindest in der überragenden Mehrzahl aller Fälle, auf Erkrankung (Zerstörung, funktioneller Minderwertigkeit) des Pankreas beruhe. Diese Theorie wurde bald zur Gewißheit. Man erkannte, daß das bisher als einheitliche Drüse gedeutete Pankreas ans zwei verschiedenen Zellgruppen sich zusammensetzt, von denen die eine mittels Ausführnngsganges den mit starker Vevdanungskraft für Eiweiß, Fett und Stärke ausgestatteten*BauchsPeichcl in den Darm liefert (äußere Sekretion"), die andere ein „inneres Sekret" (Jnkret, Hormon) direkt oder durch Lhmphbahnen indirekt in das Blut abgibt. Obwohl man dieses Jnkret nicht fassen und isolieren konnte,, war es doch gewiß, daß es ein für normalen Ablauf des Zuckerstoffwechsels unbedingt nötiger Bestandteil sei, dem die Aufgabe zufällt, entweder die Zuckerverbrennung zu begünstigen oder — was immer wahrscheinlicher^ wurde — die Zuckerproduktion zu L'äntPfen. Man erkannte ferner, daß das Jnkret von Zellgruppen geliefert werde, die inselartig in das übrige Drüsengewebe eingestreut sind. Frühere Versuche, einen Pankreas-Extrakt herzustellen, der den Blut- und Härnzncker herabdrückt, scheiterten, weil die Extrakte höchst unangenehme und sogar gefährliche Nebenwirkungen entfalteten. Mittels eines besonderen chemischen Verfahrens gelang es nun auf Macleods physiologischem Institute (Universität Toronto, Kanada), aus dem Pankreas verschiedenster Tierarten einen Extrakt zu gewinnen, der frei von störenden Nebenwirkungen ist und der die Eigenschaft bat. den Rlntru^er und den Härnzncker stark herunlerzudrücken. Das für Injektionen bestimmte.Präparat erhielt den Namen „Insulin" (später in „Jletin" umgewandelt). Als ,-Einheit" bezeichnet man eine Menge, die den Blutzucker eines hungernden Kanin-, chens innerhalb einer Stunde aus ettva die Hälfte herab- . setzt. Versuche am Menschen zeigten alsbald, daß das Präparat ein . äußerst wirksames Hilfsmittel bei BehaMung von ZuHerkranken ist. Volle Uebereinftnnmung herrscht darüber, «rß die Injektionen bei dem höchst bedrohlichen Koma der Zuckerkrankheiten geradezu lebensvettend wirken können. Ich habe diese erstaunliche Wirkung selbst in einem Falle gesehen, wo ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte. Auch bei anderen Gefahren, von denen Zuckerkranke so oft bedroht sind (Karbunkel, Gangrän, ferner bei notwendigen chirurgischen Operationen) wird die Gefahr durch Insulin- Injektionen stark abgeschwächt und die Heilung begünstigt. Auch hierüber liegen übereinstimmende Mitteilungen vor. Unter den nicht unmittelbar bedrohten Zuckerkranken eine Auswahl vorzunehmen, ist schon deshalb geboten, weil einstweilen die Gesamtproduktion des neuen Mittels nicht entfernt ausreichen würde, alle Zuckerkranken damit zu behandeln. Nach meinen eigenen, jetzt schon ziemlich umfangreichen und mit den Angaben amerikanischer und englischer. Ae-rzte übereinstimmenden Erfahrungen sollte man sich im wesentlichen ans Fälle beschränken, wo entweder dauernd Aceton-Körper im Harn sind oder wobei Verminderung der Mehlstoffe im Harn austritt oder wo wir es mit unaufhaltsamer Abmagerung zu tun haben. Durch geschickte Kombination von Insulin-Injektionen und sachgemäßer, individuallsierender Diätbchandlnng gelingt es in solchen Fällen oft, des Acetons Herr zu werden und die Bekömmlichkeit für Mehlstoffe nsw. zu steigern. Das ist ein großer Gewinn. Es schien anfangs, als ob die Insulin- Wirkung äußerst schnell, das heißt in weniger: Stunden verpuffte. Dies trifft für die Wirkung der Einzelinjektion in der Tat zu; aber aus plannräßiger Kombination der _27^'uTt 1923 Form, daß' sie die Faszistenorganisatioucn auflöstn werde, um soziale Konflikte zu vermeiden. Wir haben vor einigen Tagen berichtet, daß der italienische Konsul in Jerusalem eine Faszistenorganffation gebildet hat. Konflikte oder sogar Unruhen aus dieser JQuelte sind nicht bekannt.geworden,, so daß die Nachricht des „Pester Lloyd" mit aller Reserve aufzunehmen ist. Ein Verband der Wischen Kolonisten. Jerusalem, 25. Juli. (I. C. B.) Eine zahlreich besuchte Versammlung von Vertretern der j ü d is ch e n Kolonien ist in Petach-Tickwah zusammengetreten, um die Gründung eines Verbandes der Kolonisten zu beraten. Der Verband soll unabhängig sein von Unterstützungen seitens der Juden in der- Diaspora und der Zionistischen Organisation in Palästina. Polen. Fnterpellation der P.P. S. in derFndenfrase. Warschau, 25. IM. (I. C. B.) Der polnische sozialdemokratische Abgeordnete Zulawski interpellierte im Sejm wegen des Verbotes der jüdischen Sprache in Wolhynien und bezeichnete dieses Verbot als dtrc Vergewaltigung der polnischen Verfassung. Es ist das die erste Interpellation in der Juden« frage seitens der soMdemokratischen Fraktion im polnischen Sejm. Rundschau. Pank Marburg. Mitglied des Institute ol Economics. New-Nork, 25. Juli. (I. C. B.) Das amerikanische Institute vf Ec-onomics, das eine eingehende Untersuchung über die Z-ah-lungssäh igkeit Deutschland % abgeschlossen hat, ist zum Schlüsse gekommen, daß Deutschland jetzt nicht z-ahlen könne. Ein 'Mitglied dieses Instituts, das von der Carnegie-Stiftung eine Unterstützung vor: zwei Millionen Dollar ^halten hat, ist der beikannte amerikanische Bankier Paul M. Warbchrg. Konfession und HochschnlnnterriÄt. Berlin, 35. Juli. <J. C. B.) Einige deuifchnationate Abgeordnete -führten Beschwevde, daß bei der Univerisität Breslau die Lehrstühle für Augenheilkunde und Frauenheilkunde entgegen >den Vorschlägen der Fakultät mit jüdischen Professoren besetzt worden seien. Der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildunlg erteilte darauf folgende -Antwort: „Das Staatsministeriünr ist von jeher bereit gewesen, berechtigt e -n W ü n s ch e n der Fakultäten bei Besetzung der Lchrstühle an den preußischen Mn^ersitäterl Rechnnng zu tragen. Daneben ist es Aufgabe des Staatsnkinistcriums, Rücksichten, . die über örtlich begründete Wünsche der Fakultäten hinausgehen, unter Beachtung weitgreifender Gesichtspunkte gegebenenfalls Geltung zu verfchkffen. Es kann deshcckb nicht immer damit gerechnet werden, daß die Besetzung von Lehrstühlen in Uebereinstimmung mit den Wünschen der Fakultäten erfolgt, so s-öhr auch das Staatsministerium 'darauf Wert-legt, im Einklang mit den Fakultäten vorzugehen. Abweichungen von den Vorschlägerl der Fakultäten haben niemals in einer beabsichtigten einstitigm BelvorWgung jüdischer Gelchrter ihren Grund gehabt." Es mag interessant sein, daran zu erinnern, daß, als vor einigen Talgen gewisse französische und belgische Gesellschaften sich w-eigerteen, den internationalen Kongreß für Angenheilku-nde zu beschicken, falls deutsche Ge-lchrte an ihm ieiln-ehnien würden, die doukschnatioMen Blätter darüber in Aufregung gerieten. alten und der neuen Methoden ergeben sich doch überdauernde Erfolge, auf die man früher nicht rechnen konnte. Erschwerend ist, daß Insulin-Behandlung sortlaufeuder Kontrolle des Blutzuckers bedarf. Wir mußten manchmal dreimal am Tage eine solche vornehmen. Bei zu tiefem Absinken des Blutzuckers treten Störungen des Kreislaufes und des Nervensystems ein, die man allerdings teils diätifch, teils durch Zuckerinjektionen verhüten, beziehnnZsweise beseitigen kann. Daß man durch fortgesetzte Insulin- Behandlung (Wochen-, monate-, jahrelang) die DrätbehauÄlun-g überflüssig machen könne, ist einstweilen ein Wahn. Die Ausbeute mittels der bisherigen Methoden ist so gering, daß wohl alle Schlachthöse der Welt nicht ausreichen würden, genügendes Material zu liefern. Die alte Diätbehandlung hat aber durch die wertvolle Entdeckung eine mächtige Hilfe bekommen, und zwar gerade für solche Fälle, wo man bisher durch Diätbehandlung am wenigsten nützen konnte. Leider ist das Insulin überaus teuer. Der Originalpreis für zehn Einheiten ist 2,5 Schilling. Bis das Material in unsere Hände gelangt, erhöht sich der Preis noch erheblich. Als Tagesmenge kommen mindestens zwanzig Einheiten in Frage. Unter verschiedenen Namen wird der wirksame Pankreasextrakt jetzt bereits in England, Dänemark, Italien und anderen Ländern hergestellt. Ueber die Kraft dieser verschiedvneu Präparate wurde noch tvenig bekannt. Meine eigenen Erfahrungen beziehen sich nur auf das unter Kontrolle des Torontoer Insulin-Komitees hergestellte Präparat von Lilly in Indianapolis. Das Torontoer Komitee hat inzwischen Verbindungen mit deutschen Gelchrten angeknüpft, um die Herstellung des Insulins nach besten Vorschriften in einer angesehenen deutschen Fabrik in die Wege zu leiten. Dies wird wo-hl bald zur Ausführung kommen und dann wird auch der Preis erheblich sinken.