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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-27 · Heft 1600 (27.7.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1600 (27.7.1923)
Date
1923-07-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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--.^1,^— «dmmkukv., rPttlfe » rmerr, Mttvtz Wiener Morgenzeitung. 27. Jul-i 1923 Nr. LÄ» - ... --- . .... ,M. .. Von unsere« Äorrstantinopler Korrespondenten. Der Friede von Lausanne ist unterzeichnet, die Wahlen m die Nationalversammlung -sind abgeschlossen und haben der Regierung Mustafa KemalS eine statte Mehrheit gebracht. Diese zwei großen Erfolge verleihen der Regierung eine Machtfülle, wie sie wenige europäische Regierungen heute besitzen. Die Bahn ist nunmehr frei für ausbauende Fricdensarbeit und für die endgültige Liquidierung der Kriegsstimmung, von welcher die Türkei seit dom Ausbruch der ersten Balkankriege noch nicht ganz frei -war. Zur Beurteilung der politischen' Lage in der Türkei nach dem militärischen und diplomatischen Siege der Regierung ist es notwendig, sich vor Augen zu halten, daß die Wahlen, deren Ausgang eigentlich dem Lande das Politische Gepräge gibt, zu einer Zeit vor sich gingen, als der Ausgang der FriedensvechaMuugen von Lausanne noch sehr zweifelhaft «war. Die Wähler hatten sozusagen die Aufgabe, durch ihre Stimmenabgabe die nationalen Aspirationen ihrer Regiemng Lei den Verhandlungen in Lausanne zu schützen. Daher trägt die neue Nationalversammlung einen ultranationalen Charakter und man kann heute bereits Miellen, daß die Polittk der Regiemng und ihrer Mehrheit streng national orientiert sein wird. Die Türkei ist seit Jahrhunderten zum ersten Male in der Lage, sich ohne fremden Druck und unbeeinflußt von sre-mduationälen politischen Intrigen selbst den Weg ihrer politischem sozialen und. wirtschaftlichen Entwicklung zu Lahnen. Da bestehen nun für die Türket mehrfache Gefahren. Im Siegesrausch geht man nicht sicher seines Weges. Man braucht nur die Stimmen der neugewahlten einflußreicheren Abgeordneten zu lesen, mn zu sehen, welchen Kurs die neue tüttische Politik zum eigenen Nachteil zu nehmen droht. Eines der gefährlichsten Schlagworte ist in der letzten Zeit die Nationalisierung Konstantinopels geworden. So schreibt Jussuf Aktschura, der als einer der Abgeordneten von Konstantiuopel in die Nationalversammlung einzieht, -im ,Okdam"r „Erst wenn der Grundbesitz, wenn die Gebäude, die Kaufhäuser, die Banken und Fabriken, die Wettstätten und alle Transportmittel Konstantinopels in tüttische Hände übergegangen sein werden, wenn die Bankdirektoren, die Fabriksingenieure, die Leiter der Gesellschaften aus den Unsrigen hervorgegangen sind, erst dann wird man sagen können, daß Konstantmopel türkisch ist. Die Nattonalversammlmig wirb daher die Mittel suchen müssen, die notwendig sind, um uns die wirtschaftliche Vorherrschaft zu sichern." Nicht minder nachdrücklich vertritt -lösen ÄandpuM das Mitglied der Regierung Staatssekretär für Inneres Fethi Bei im „Tanin": „Die Frage der Zukunft Konstantinopels ist vor allem eine wirtschaftliche Frage. Um in diesem wichtigsten Zeytrum die tüttische und muselmanische Vorherrschaft zu sichern, ist es unerläßlich, das gesamte Wirtschaftsleben den Ausländern und' ihrem Einfluß zu entziehen und in türkische Hände hinüberzuleiten." Dieses Programm, als Endziel gedacht, kann sicherlich von keiner Seite übel genommen wevden, denn in der Tat hat die Türkei bisher unter ftemdpolitischem Druck am in eisten unter der Ue'berfremduug des Wirtschaftslebens, aber mehr noch darunter gelitten, daß die Türken selbst in der Teilnahme am Wirtschaftsleben mit geringen Ausnahmen einzelner führenden Persönlichkeiten nicht standgehalten hatten. Aber die Türkei sollte hier von den Fehlern und auch von den Vorzügen anderer Nationen, die in ähnlicher Lage waren oder noch gegenwärtig sind, lernen, um nicht in blindem Chauvinismus schon zu Beginn der inneren nationalen Regeneration in die Irre zu gehen. Als abschreckendes Beispiel diene den heutigen Führern der Türkei der nationale Chauvinismus in Ungarn und in Deutschland. In Ungarn läßt der Chauvinismus keine positive Arbeit zu. Er hat bisher nur Vorhandenes, Positives zerstört und bedroht das Land mit dem Untergang. In Deutschland hat der Chauvinismus der Nachkriegszeit schon bisher mehr Schaden angerichtet als der Krieg selbst. Die Vertreibung der Nichtmohammedaner und Nichttütten aus Konstantinopel durch chauvinistische wirtschaftliche Maßnahmen würde Konstantinopel und die Türkei jener Kräfte berauben, die bisher Handel und Industrie, Gewerbe und Kredit unter den schwersten Bedingungen geschaffen und aufrecht erhalten halben. Schon bisher hat der türkische Uebernationalismus die besten Verbindungen, die die Türkei besaß, äbgeschreckt und ein noch entschiedeneres Betonen dieses Kurses in der Zukunft würde die Türkei bald zur Ueberzeugung bringen, daß der an sich gesunde Plan einer Modernisierung der Türkei aus nationaler Grundlage nur mit Hilfe des Vertrauens des Auslandes durchgeführt werden kann. Da kann die Türkei eher von Japan lernen. Auch' Japan ächzte lange unter dem Drucke der Kapitulationen. Als vor etwa zwanzig Jahren Japan sich aufraffte und das Joch der Kapitulationen äbschüttelte, da begannen die fremden Kausleute und Finanziers in ihrer Angst vor dem erwachten Nationalismus ihre Geschäfte zu liquidieren und trafen Anstalten, das Land zu verlassen. Aber die Japaner übten eine viel klügere, vorausblickende Taktik, die später ihre Früchte trug. Japan gewährte den bestehenden fremden Unternehmungen und' ihren Angestellten die vollste Garantie ihres Bestandes unfr ihres Lebens. Dafür aber führte die japanische Regierung die jungen Japaner all-, mählich in alle Wirtschaftskreise ein, entsendete die intelligente Jugend behufs Studiums ins Ausland un!d schuf sich auf solche Weise langsam einen Stock von Führern und Arbeitern auf allen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gebieten. Zionismus und Palästina. Ans dem damischen Bericht der AloniMche« ßxekative an den IS. zionkfteatoagrch. . (Fortsetzung aus Nr. 1697, 1W8 und 1699 der ,/Wiener Morgenzeitung".) * Dr. WeizmannS Besuch in Palästina. Am 28.' November 1922 kam Dr. Weizmänn nach Palästina und blieb dort vier Wochen. Cr beisuchte in dieser Zeit viele jüdische Institute und Unternehmungen und sprach in öffentlichen Versammlungen in Jerusalem und Tel-Wvüv. Den größten Teil seiner Zeit aber widmete er Verhandlungen mit der Regierung über die wichtigsten Fragen des natio-. nalen Heims, und stMerte di« Einzelheiten aller lokalen Angelegenheiten. Colonel Kisch' Ernennung. Leutnant Colonel Kisch begleitete Dr. Weizmänn nach Palästina und übernahm nach dessen 'Abreise auf einstimini gen'Beschluß der Exe-kutive die Leitung deS politischen Departements der Palästina-Exekutive. Die Beziehungen zur Regierung Palästinas. Nach der Bestätigung des Mandats wurde mit der Palästina-Regierung über i>ie Vertretung der im Artikel 4 des Mandats anerkannten Jewish Agency verhandelt, als „einer öffentlichen Körperschaft, die den Zlveck hat, mit der Verwaltung in den wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten, welche die Errichtung des Mischen nationalen Heims betreffen, zu beraten und gusammenzuwirken". Die Bafts der Verhandlungen war, daß eS sich um Mi Parteien handelte, die Zusammenwirken sollten, und auf dieser Grundlage wurde ein Abkommen zwischen der palästinensischen Regierung und der Zionistischen Organisation als Jewish Agency getroffen. Der Abschluß dieser Verhandlungen führte dazu, daß die Beziehungen zwischen der Exekutive und der Regierung genauer als früher reguliert wurden, und dies erwies sich bald als außerordentlich nützlich. Es braucht kaum betont zu werden, daß die Jewish Ageney nicht berechtigt ist, an der Regierung Palästinas teilzunehmen, und keinen derartigen Anspruch erhobt. Was sie aber beansprucht, und worum sie sich mit allen Kräften benüiht hat, .ist das Recht, in allen Angelegenheiten, die dir jüdischen Interessen berühren, in der richtigen Weise gchört zu wcrbm. Bezüglich der Frage der Immigration sichren das Politische Departement der Palästtna-Exekut'vv und die Zionistische Exekutive in London seit langem Verhandlungen mit der palästinensischen Regierung und dem Colonial Office, um eine Revision der Bestimmungen vom Juli 1921 zu erreichen. Diese Bestimmungen blieben zwar viel länger in Kraft, als ursprünglich angenommen wurde, iourden aber als provisorische verkündet und sollten nur eine vorläufige Regelung darstellen. Zur Zeit der Abfassung dieses Berichtes steht die endgültige Zustimmung der Regierung zu den revidierten Bestimmungen noch aus, doch besteht begründete Hoffnung, daß sie bald veröffentlicht werden. Diese neuen Bestimmungen 'bedeuten eine entschiedene Verbesserung gegenüber den jetzt gvltenden, die, wie allgemein zugegeben wird, nicht nur außerordentlich schwerfällig und kompliziert, sondern auch zu starr und unelastisch sind. Oeffentliche Sicherheit. In den letzten zwei Jahren haben sich die Sicherh ei tsv erhält nisse in Palästina sehr gebessert, hauptsächlich durch eine Verbesserung der Polizei und der Gendarmerie. Die Zeit des Neb i-Muisa-Feste s ging sowohl 1922 wie 1923 in Ruhe vorüber, und dies gab der jüdischen Bevölkerung erhöhtes Zutrauen in die Fähigkeit der Regierung, die Ordnung aufrechtzu erhalten und Leib und Leiben zu schützen. In dem vergangenen Jahr wurde die Sicherheit nur bei zwei Gelegenheiten gestört. Im Jänner 1923 wurde ein früherer Polizeibeamter in Jaffa ermordet, und auf diesen Vorfall eröffnete die dortige arabische Zeitung eine antijüdische Kampagne, um den Mord als ein Ergebnis des Rassenhasses darzustellen. Die Menge, welche den Begräbniszug begleitete, nahm vor dem Regierungsgcibände eine drohende Haltung an, doch wurde durch starkes Polizeiaufgebot die Ruhe rasch wieder hergestellt. Der Jude, der unter der Anklage dieses Verbrechens verhaftet worden war, wurde nach kurzem Verfahren fr ei gesprochen, und Colonel Kisch strengte mit Erfolg eine Verleumdungsklage gegen die Zeitung „Falestin" an, die ihn beschuldigt hatte, einen Versuch zur Vertuschung der Spuren des Verbrechens gemacht zu haben. Der zweite Vorfall, der zu einer Ruhestörung führte, war die Ankunft der arabischen Delegation in Jerusalem am 14. März 1928. Mm Damaskustor erfolgte ein Zusammenstoß zwischen der Polizei und einer Volksmenge. Die Rädelsführer wurden rasch' vor Gericht gezogen und verurteilt, was eine heilsame Rückwirkung auf die arabischen Versuche zur Ruhestörung ausäbte. Das Verhalten der Behörden in diesen beiden Fällen trug zur Erhöhung der öffentlichen Sicherheit bei. Andererseits ist es bedauerlich, daß die Regierung sich noch nicht in der Lage sah, die Presse der extremen-Partei, die zu Unruhen auffordert und den Haß der verschiedenen Bevölkerungsteile schürt, in Schranken zu halten. In den abgelegeneren Gebieten ist die Sicherheit auch besser geworden, nachdem eine Anzahl bekannter Bandenführer gefangen genommen und die Raub erlbanden zersprengt wurden. Abreise Sir Wyndham Deedes' und Amtsantritt von Sir Gilbert Clayton. Am 4. April 1923 verließ Sir Wyndham Deedes Palästina. Seit dem September 1920 hatte er den höchsten Posten nach dem High Commissioner in der Verwaltung Palästinas inne. Er rechtfertigte nicht nur seinen Ruf als unparteiischer Beamter und fähiger Vertreter per britischen Regierung, sondern es gelang ihm auch, die Zuneigung der jüdischen Bevölkerung im ganzen Lande zu gewinnen. Selten hat ein Nichtjude solches Verständnis für die jüdischen Empfindungen und Wünsche bewiesen. Sein Nachfolger, Sir Gilbert Clayton, ist in Palästina bereits gut bekannt und genießt das Vertrauen der ganzen BevAkwung. Alles spricht dafür, daß er sich nicht weniger als fein Vorgänger bemühen wird, die erklärte Politik der Mandatarregierung in ständiger Arbeit loyal zu verwittlichen. Die Jewish Ageney. London» 26. IM. (I. C. B.) In den Londoner zionistischen Kreisen zirkuliert ein Entwurf für die Bildung der Jew-ifh Ageney, der auch vor» einem Dsi'l der Zionistischen Exekutive und der am-evikoniischen Zionisten unterstützt wird. Nach diesem Entwurf soll die Jewish Agency aus zwe>i Organen. einem Rat (Council) und einer Exekutive, bestehen-. Der Council soll Ms 50 Mitgliedern bestehen, von denen 26 vom Zionistischen Kongreß für die Zeit von einem Kongreß zum anderen gewählt tverden. Die anderen 38 Mitglieder werden aus einer Konferenz van Vertretern der einzelnen Länder gewählt. Die Konferenz soll von der Zionistischen Exekutive eir.berusen werden. Die BeteilMNg a-n dieser Konferenz soll nur an eine Beldingung, nämlich Anerkennung des Palästina-Mandates, geknüpft sein. Die Exekutive der Jewish Agency soll aus 10 Mitgliedern bestehen, von denen 5 vom Zioristischen Kongreß und 5 von der gesamten Konferenz zu wählen jinid. Die Exekutive der Jewish Agency ist dem Rat der Jawish Tlgency als Gesamtkörperschaft vamnt« wörtlich. Der Keren Hajessvd soll von einem Direktorium verwaltet werden, das von der Exekutive der JeiwM -Agency eingesetzt werden soll. Ausdehnung -er Tarbuth-Tätigkeit auf Palästina. Berlin, 35. Juli. (I. C. B.) Das Zentralkomitee der Gesellschaft Tarbnt'h erklärt, daß während der bevorstchenden Plenarsitzung des Verbandes, die in Karlsbad stattflndm soll, nicht die Frage der U^bernahme der pälDinensischeu Schulen, sondern die Frage der allmählichen Ausdehnung der Tarbuth-Tätigkeit auf Palästina verhandelt werden soll. Wie I. C. B. erfährt, soll bei dieser Gelegenheit auch die allgemeine Lage der hebräischev Schulen in Palästina im Zavsamlnenhamg mit der neuen FmanzpolM der zionistischen Bewegung zur Sprache kommen. Stinnes will kein jüdisches Palästina. Berlin, 25. Jüli. (I. C. B.) Das Stmnes-Ovgan, die „Deutsche Allgemeine Zeitung", bringt in ihrer Nummer vom 22. Juni einen Artikel, betitelt „Passiver Widerstand der Araber". Der Artikelschreiber sagt, unter allen großen Lügen der angelsächsischen Politik stehe die zionistische von der Schaffung einer Heimstätte für die jüdische Nation in Palästina obenan. Das britische Interesse der Beherrschung des den Suazkanal flankierenden Landes springe' ohne weiteres in die klugen. Es werde niemals berechtigt erscheinen, daß Palästina den Mischen Kolonisten zur Ausübung der Herrschaft übergeben werde, da nicht nur die Mische Religion, sondern auch der Islam und das Christentum Recht auf Vorherrschest im heiligen Lande hätteitt Der Gedanke einer Mischen Verwaltung in Palästina, meint der Artikchschreiber, sei absurd. Die heutigen Juden hätten kein historisches Anrecht Ms den Besitz des palästinensischen Bodens, da die Araber ihn ersessen hätten. Die heutigen Inden seien auch keineswegs identisch mit dem Volk Israel. Das kleine Ländchen Palästma, sagt ^der Artikelschreiber weiter, sei auch keine Erleichterung für das Mische Proletariat aus Galitzien und Rußland, den Eigentlichen Kern der Jndenfra>ge, da dessen anbaufähige Fläche nicht größer sei als etwa die von Sachsen-Weimar. Der Artikelschreiber schließt, keine Böfmg der Palästina-Frage sei gerecht und praktisch durchführba-r, der rächt der arabische Charakter des Landes, das ja nur ein Teil von Syrien sei, zugrunde gelegt toerde. Für den Herzl-Wald. Herr Dr. Sackhvim in Hagen in Westfalen schreibt uns. Es wäre sehr zu wünschten, daß die zionistischen Ortsgruppen überall jetzt anläßlich des IS. Kongresses in Karlsbad eine großzügige Aktion für den Hevzl-Wald als Kongrchfpeude durchführen sollten. Das Ergebnis soll dann während des Kongresses b^nntgegsben werden.

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