Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-07-27 · Heft 1600 (27.7.1923) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1600 (27.7.1923)
Date
1923-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980681--15554-3002391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Hazelnommer K1 Gt}y Wien: Zam Abholenin der Expedition,II.,Taborstr« i-3, oder in einer Verschleiaateüe (Trafik) monatl. K 28.001) Mit Postversand für Wien u. Gestern monatl. K 28.000 Wiener Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon.Dinar4Ö. Pölen:Mon. Mk.30.000.D eutaohland: Mon.Mark 50.000. Frankr., Belgien^ Monatl. Frcs. 8 I* Nachzahlung«“ *WI Preiserhohunsrcn vorbenalteo Nr. 1600 /> Me». Freitag. 27. Full 1923 Tschecho-Slowak«! i ischech. K 1.- Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, S ehwNeiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44*0-38,43-3*19, ab 6 Uhr abds.19-483,16-301 Tel-Adr.:,Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postspar- ■ kassen-Konto Nr. 150.693 S. Jahrgang Der zusammenbmch der deutsche« Wirtschaft. -y. Wien, 27. Juli. Die Meldungen aus Deutschland gaben das Bild einer vollkommenen Ratlosigkeit, und Verwirrung. Die Währungskatastrophe, deren Tempo sogar den abgebrühtesten und in solchen Dingen erfahrensten Oesterreicher überrascht, hat die Erregung in den breiten Massen der Konsumenten aufs höchste gesteigert. Noch niemals hat eine Regierung in solcher Not derart versagt wie das Kabinett des von Helfserich und Stinnes vorgeschobenen Herrn Enno. Diese Regierung lebt ihre Energie in Reden und Beschwörungen aus. Außenpolitisch hat sie die Sache Deutschlands ganz aus den Gegensatz in der Entente gestellt, der ja vorhanden ist, aber doch nicht so tief geht, daß er zu schwerwiegenden Konklusionen verleiten könnte, am wenigsten aber in diesem Augenblick, wo Frankreich alle seine Ziele reifen sieht. Der Beginn dieser Entwicklung war der Krieg; die Fortsetzung wurde mit der Ermordung Erzbevgers zeitlich markiert. Als dann Rathenau starb, der letzte deutsche Staatsmann, dessen Name in den leitenden Kreisen der Entente Klang und Ansehen hatte, setzte die Zerstörung des moralischen und materiellen Besitzes Deutschlands' ein. Die Regierung geriet in die Hände jener Kreise, die seit jeher ein Anrecht darauf erhoben hatten, das politische Erbe der Bismarck-Generation zu verwalten, und die nach der Revolution unablässig daran gearbeitet hatten, die Verantwortung für das Entschwinden des Glanzes auf die Republik zu legen. Die großen Männer des Handels und der Industrie, die Kapitäne, die in aller Welt als die eigentlichen Re- Präse^nLeru deutscher Daatlichkeit / geHpltxn. hatten, hättm^W"'nackMm' sie den jüdischen Anßemmnister beseitigt hatten, das Feld frei, ihre Kunst zu zeigen und ihren selbstlosen Patriotismus, ihre Treue zu Volk und Reich in der Stunde bitterer Not zu bewähren. Die Regierung war ihre Marionette. Es würde der Zwiespalt mit Frankreich durch Feilschen und falsche Bilanzen verschärft, der Nnhrkonflikt wissentlich provoziert, um die Kohlensteuer dem Reich Abdrücken zu können. Ohne finanzielle Vorbereitung wurde dieser Halbkrieg begonnen, in dein der Sieg auf die Geduld der Bevölkerung gestellt war. Das Volk der kleinen Leute, bei dem der Patriotismus, das höher aufgefaßte Gemeinschaftsgefühl immer stärker und edler lebt, war geduldig, aber die großen Führer der deutschen Wirtschaft machten mit den Devisen des Staates ihre Geschäfte. Die 'Regierung schritt nicht ein, konnte nicht einschreiten, da sie doch die Schlot- und Krautbarone und die ans ihr Bürgertum so stolzen Fabviksherren nicht vor den Kopf stoßen durste. Deren politische Ideologie schien ja einem großen Teil des Volkes zu gefallen: Keine Zahlungen an Frankreich, Aufstellung einer geheimen Armee, Rache an der Republik, an der Demokratie, vor allem aber an den Inden, die an allem schuld seien. Und was dieser Ideologie an Eindringlichkeit abging, das besorgte die im Süden nnd Norden mit unheimlicher Raschheit wirkende Mörderorganisation, die im Namen des Vaterlandes die Fahne des Terrors entfaltete und bas Hakenkreuz in den Dienst Frankreichs stellte. Frankreich will Deutschland zerschlagen und für Menschengedenken hinaus zur politischen Wehrlosigkeit bringen. Die Hakenkreuzler sind da gute Werkzeuge, weil ihre Ziele mit denen Frankreichs ein gutes Stück parallel laufen. Heute ists so weit. Neun Jahre seit dem Tage, an dem die Kviegsbegeisterung des deutschen Volkes ihre verdammten Scherze mit den Kriegserklärungen machte, die nur bis 12 Uhr mittags angenommen werden, fünf Jahre nach dem Zusammenbruch, steht der Süden vor dem Abfall, gibt es im Rheingebiet Straßenkämpfe mit den Separatisten, die schon so stark geworden sind, das; sie Putsche planen können. In den großen Städten plündern die Arbeitslosen, von Kommunistm und Hakenkreuzlern geführt, in Breslau mußte die Polizei schießen, in Frankfurt wurde ein Staatsauwalt ermordet, auf den Berliner Märkten liefern die Hausfrauen der Polizei förmliche Schlachten. Und in all diesem Trubel steht die Regierung wahrhaftig wie ein steinernes Bild. Sie tut nichts,, sie erläßt Erklärungen gegen die antifaszfftifchen Demonstrationspläne. und läßt im übrigen alles so laufen, wie es will. Aber diese Regierung ist auch nur das Produkt des Milieus. Es gibt in Deutschland keinen Kopf, der imstande wäre, das Problem durchzudenken und dann den Mut hätte, offen zu sagen, daß Deutsche Die deutsche BoMndkger zusammevbruch der Mark. — Der Zimenminifter r Berlin, 26. Juli. (Tel. der „WienerMorgenzeitung".) Die Mark stürzt weiter! In diesen. vier Worten ist das Schicksal des Reiches enthalten. Mit dem Zusammenbruch der Währung nähert sich Deutschland seinem Zusammenbruch, der um so unauHaltsamer zu. kommen scheint, als n i e m a n d km Staate ernstlich einen Schritt zur Rettung macht. Die Untätigkeit der Regierung ist um so unverständlicher, da jeder Moment kostbar ist. Das Herabgleitsn der Mark ist eine Folge des Gndvucks, den sich, das Ausland von den deutschen Verhältnissen «macht. Und dieser Eindruck muß, ganz objektiv gesehen, bei diesem Stillestehen Cinnos auch niederschmetternd ausfallen. Seine Formel ist ein Markkurs von 0,0008 in Zürich. Auch aus New-Dork wird die Mark zu einem solchen Tiefstand gemeldet, daß man heute in Berlin. 760.000 Mark für einen Dollar ansetzte. Bedenkt man, daß das Warengeschäft Deutschlands sich ganz nach dem New-Aorker Markt richtet, so kann man sich die folgen dieses Kurses leicht au^alen. Sie kommen am deutlichsten Wohl aus den Lebensmittelmärkten zum Ausdruck. Die Levenskosten sind in den le tzt e n d'r e i T a g e n allein um nahezu 100 Prozent g e st i e g e n. Da die Löhne der - Angestellten mit dieser rapiden Verteuerung nicht Schritt halten, kommt es naturgemäß auf den Lebensmittelmärkten zu stürmischen Szenen, 'bei welchen die Polizei wiederholt e i n grei f e n muß. K a r t o ff c l n kosten, so- , ferne sie überhaupt aufzutreiben.siM/' 'M0> Mark pro .Pfund, B"rot wird ab Montag 40'.ööi) Mark „kotieren". Für Butter wird 90-000 Mark, für Fleisch- 60.000 Mark verlangt. Die EroMng dcr Bevölkerung steigt. Starke P o l i z e i p a t r o u i 1l c n sind auf den Märkten postiert und durchziehen die Stadt, unr etwaige Plünderungen oder Erzcsse int Keime ersticken zu können. Eine Warnung des Innenministers. Berlin, 26. IM. In Ergänzung des Rundschreibens .an die Landesregierungen, worin auf die Möglichkeit von Ruhestörungen hingewiefeit wird, erklärte der Reichsminister des Innern, Defer, gegenüber einem Vertreter des „Berliner Tageblattes", daß die Reichsriegierung, wenn es nötig sein sollte, nicht zögern werde, mit alle.r fand aus den Weg Oesterreichs gedrängt ist und daß ihm nur mehr der Generalkommissär helfen könnte. Je früher desto besser. Deutschland muß so rasch als möglich in den Völkerbund. Aber Stinnes und Ludendorff gestatten das nicht. Zer ReparaLioAsftrett. Französisch-belgische Einheit. — Gegenvorschläge an England. — Verstimmung in London. Paris, 26. Juli. (Tel. der ,Miener Morgengeltung".) Po in care empfinge heute vormittags den italienischen und den belgischen Botschafter in Paris.! Nach der iberl e" ist eine voll st ä n d i g e Einigung zwischen Paris und Brüssel erzielt worden. Die Antwort nach London dürfte wahrscheinlich erst nächste Woche erfolgen, da Poincare morgen nach seinem Landgut abreist. Das Blatt teilt ferner mit, daß. n i ch t fc&tau gedacht werden könne, daß die f r a n z ö s i sch - L.e Igische An t w o xi die Einigung mit dem englischen.Kabinett bringen werde. Lord C u r z on hat übrigens nicht, ein -Ja oder ' Nein gefordert. Frankreich.und Belgien würden deshalb mit G e g e n v o rschl ägen antworten. Es sei vorauszusehen, daß die Unterhandlungen mit London mindestens zwei Wochen dauern werden, und man müsse sich fragen, ob Deutschland so lange gnsharren könne, ohne moralische und.materielle Hilfe von außen. Die Zeit arbeite für Frankreich. Englands Absicht. Paris, 26. Juli. Der Londoner Korrespondent des „PM Parisieu" erfährt, .die englische Regierung habe den Wunsch geäußert, die Absichten Belgiens und Frankreichs über das Problem der Sicherheit kennen zu lernen, bevor.es Lebensmittellrawalle. — Die Slot WSW. — arut die Putschisten. Energie die zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden. Ueber ihre Machtmittel dürfe man sich.nicht täuschen. Die Schutzpolizei sei heute ein ausgezeichnetes Instrument zur Austechterhaltung der Rühe und Ordnung. Der Mnjff-er fügte hinzu, es sollte die Ueberzeuguug aller Einsichtigen fein, daß jeder Putsch die bevorstehenden entscheidenden internationalen Verhandlungen maßlos erschweren und dadurch nur neues Unglück über Deutschland bringen müsse.. Einberufung des Reichstages. Berlin, 26. IM. Nach einer Mitteilung des ,/Vorwärts" wird auf Grund von Besprechungen des Reichs-- tagspräsiidenten mit der Reichsregiemug und mit den Parteiführern der Reichstag im Laufe des Monats August einberufen werden. Der Tag der Einberufung steht noch nicht fest, weil-die gesetzgeberischen Maßnahmen, die zum Schutz dek Währung geplant sind, noch dos Reichskabrnett und den Reichsrat passieren müssen, bcv-r sie dem Reichstag vorgelegt werden können. Ausgabe einer Godlauleihe. - Berti«,. '.26, - : Vorlage über die Auslegung - einer w e r tbefkäwd ig e n G o l d a n l -e r h e wird m o r g e n --dem-.-K e ich s ka b i u e t t zugchen. Eine Beratung im ReiHkstatz wird nicht erfolgen, da . der Reichsvegieruilg W. ErnrDtigung erteilt worden war, in dringeudeü FällchWhne Wfragung des Parlaments Worzugehen.7 Dem. ^MchÄabinett sind ferner die neuen siabeMf^MNWö orlagen zugegangen, die gleiÄ- -sollen.' ^arbeitet.... Berlin, 26.^ Juli'. Zu der durch die Ultimo-Zahlungen hervorgerufenen Geldknappheit, teilen die Blätter mit, daß die Reichsbank dieser Geldknappheit noch im Laufe dieser Woche Herr werden wird. Die augenblickliche Notenerzeuguug beträgt mehr als zwei Billionen in der-Woche. Freitag werden so gewaltige Summen in der Reichsbank eintreffen, daß jede Möglichkeit einer Zahlungsntittelknappheit von da an ansgeschlossen sein werde. In den nächsten Tagen^ werden Rei chsbanknot e n zu fünf Millionen Mark in den Verkehr gebracht werden. Diese Banknoten können vom 1. September 1923 ab aufgerusen und unter Umtausch gegen andere gesetzliche Zahlungsmittel eingezogen werden. einen Schritt bei der deutscher Regierung zur Einstellung des Widerstandes unternehme. Politische Kreise erklären, das britische Kabinett sei bereit, mit Frankreich Verhandlungen über diese Frage einzuleiten, werde jedoch selbst keine Anregungen formulieren. Es werde darauf hingew'iesen, daß die Reparationen und die Frage der Sicherheit zwei verschiedene Probleme seien, die gesondert behandelt werden ntüßten. Jedenfalls dürfte eine Fühlungnahme der zweiten Frage nicht die Regelung des viel dringenderen Reparationsproblems verzögern. Der König berät mit Valdwin. Berlin, 26. Juli. Der Lokalanzeiger meldet aus London: In den Kreisen der Opposition ist man für die s o f o.r t i ge Veröffentlichung der britffchen Note sowie der Manteluote, damit die ö s f e n t I i ch e M e iuung sich mit der Angelehen heit beschäftigen könne. Man versucht, Bald w i n zu überreden, diesen Schritt zu tun, wenn anfangs der kommenden Woche nicht zusriedenstellende Antworten von allen Verbündeten vorliegen. Der König hat gestern abends Baldwin empfangen und vernmtlich mit ihm über die Wiederherstellungs- und Sicherheitsftagen gesprochen. Englands Oefferrtlichkeit gegen Frankreich. . Paris, 26. Juli. (Wolfs.) Die „Humauite" erfährt aus L o n d o n, die Vorgänge in Breslau und Frankfurt hätten dort einen sehr tiefen Eindruck gemacht,tzie in einer Zunahme der Antipathie der öffentlichen Meinung gegen die französische Politik zum Ausdruck komme. Düse werde unmittelbar dafür verantwortlich gemacht. In öffentlichen Kreiselt bekundet man Besorgnisse, man frage sich, ob die BemüHungen der englischen Regierung nicht zu spät gekommen seien. Wenn nicht vor den Parkamentsserien eine Erklärung abgegeben werde, sei es mehr als wahrschciülich, daß das Kabinett Baldw i n sich in einer s.ch wi er i g e n Lage de finden würde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.