Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1599 (26.7.1923)
- Date
- 1923-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wi en, DlMeMüg Wiener! 26. gm 190» Nr. 1699 Zionismus und PMMa. Aus dem politischen Bericht der zionistischen Srekutive an den IS. zioniftenkongreß. (Fortsetzung aus Nr. 1597 und 1698 der „Wiener Movgenzeitung".) Antizionistische Propaganda. e,m August 1921 kam eine Anzahl Vertreter der mohammedanisch-christlichen Gesellschaft >ach London. Mi Unterstützung, verschiedener antizionistischer Kreise un-ternaihm diese arabische Delegation einen heftigen PropagandafÄdtzug und verbreitete eine Unmenge böswilliger Entstellungen. Die abenteuerlichsten Geschichten wurden in Umlauf gesetzt und fanden stanken Widerhall in gewissen Kreisen, die geneigt waren, alles zu glauben, was gegen die Juden' gerichtet war. Mit diesen Vorurteilen verband sich der weit verbreitete Wunsch nach einer Verminderung der britischen Verpflichtungen im Osten. Dazu gesellte sich die Meinung derjenigen, die aus Grund unvollständiger Informationen tendenziösen Mitteilungen Glauben schenkten und nicht wollten, daß in Palästina berechtigte arabische Interessen oder britische Versprechungen verletzt würden. Alle "diese Interessen, Meinungen und Gefühls wurden von solchen Elementen benützt, die besondere Gründe zur Gegnerschüft gegen den Zionismus hatten und die arabische Delegation für ihre Zwecke benützten. Zu Beginn des Jahres 1922 wurde die antizionistische Kampagne von dem einflußreichsten Zeitungsbesitzer.in England ausgenommen, was zur Folge hatte, daß der Zionismus' und alles, was er tat, von der gesamten Harmsworth-Presse ständig angegriffen wurde. Zu einer gewissen Zeit wurde derRuthenber g-P l a n zum Hauptangriffspunkt gemacht. Das Projekt wurde auf jede Weise verdächtigt und es wurde angedeutet, daß . geheimnisvolle und unheilvolle Kräfte dabei am Werke seien. Eine Kampagne dieser Art, die die Leichtgläubigkeit des Publikums benützte, das sich nur an die Zeitungsüberschriften hielt, mußte naturgemäß eine gewisse Wirkung haben, und obwohl die verantwortlich denkenden Elemente all dem wenig Bedeutung schenkten, wurde doch allmählich eine antizionistische Stimmung geschaffen. Während des Sommers nahm die Kritik der englischen Politik in Palästina an Umfang und Stärke zu und fand ihren Höhepunkt in der Debatte i.m O herh a u s v o m 21. Juni 1922. Tort wurde die folgende Resolution trotz einer eindrucksvollen Rede Lord B a l f o u r s mit 60 "egen 29 Stimmen angenommen'. Es wird'darin erklärt, „daß das Mandat für Palästina. in.seiner gegenwärtigen Form nach Ansicht dieses Hauses .unannehmbar ist, weil es eine direkte Verletzung der Versprechungen bedeutet, welche der Bevölkerung Palästinas durch Sr. Majestät Regierung in der Erklärung vom>Oktober 1916 und nochmals in der Erklärung vom NopemHer '1918 gegeben wurden, und weil es in seiner gegenwärtigen Fassung den Gefühlen und Wünschen der großen Mehrheit der Bevölkerung Palästinas widerspricht; und daß daher seine Annahme durch den WMerbundrat verschoben werden soll, bis diejenigen Aenderungen darin vorgenommen wurden, die die llebereinstimmung mit den von Sr. Majestät Regierung gemachten Zusagen Herstellen". Obwohl die Sitzung schwach besucht war und das Ergebnis kaum als Ausdruck der wohlerwogenen Meinung des Oberhauses gelten kann, bedeutete die Annahme dieser Resolution doch eine sehr unwillkommene lieberraschnng. Die Wirkung dieser Debatte wurde jedoch unmittelbar danach mehr als ausgewogen, und zwar durch die Debatte im Unterhause am 4. Juli, I in der, wie schon erwähnt, eine Resolution, die eine Revision der englischen Palästinapolitik verlangte, nach einer bedeutsamen Rede des Kolonial-Staatssekretärs Mr. Churchill mit der überwältigenden Mehrheit von 292 gegen 35 Stirn-, men abgelehnt wurde. Nach diesen Debatten wurde noch der Regierung ein von 93 Mitgliedern beider Parlaments- Hauser unterzeichnetes Memorandum übergeben, worin verlangt wurde, daß die Behandlung des Palästinamandats verschoben würde. Aber auch dieser Angriff blieb erfolgros, und unmittelbar darauf w nrde das Mandat bestätigt. Tie britische Negierung blieb -also fest und ließ sich in keiner Weise durch die antizionistische Kampagne des ersten Halbjahres 1922 von ihrem Wege abbringen. , Die arabische Delegation kehrte im August nach Palästina zurück. Durch die Debatte im Unterhause und durch die Bestätigung des Mandats, die darauf folgte, war die Lage geklärt. Infolgedessen flaute die antizionistische Agitation etwas ab. Im Herbst rückte-jedoch Palästina wiedev mehr in den Vordergrund des öffentlichen Interesses, und zwar infolge der Erörterung der britischen,Politik im Orient, die durch die Neuwahlen im November 1922 besonders angeregt wurde. Anläßlich der Mahlen gab die z i o n i st i s ch e Föderation Englands eine Anzahl informativer Flugblätter heraus, die gute Wirkung hatten. Außerdem^ wurde beinahe jeder ParlamentSkandidat von jüdischen Wählern seines Wahlkreises anfgesordert, seine Ansichten über die englische Politik in Palästina mitzuteilen. Viele Kandidaten gaben die Versicherung ab, daß sie die Politik der Balfour-Deklaration unterstützen würden. Verhältnismäßig wenige Kandidaten nehmen den entgegengesetzten Standpunkt ein und verpflichteten sich, für eine Revision dieser Politik einzutreten. Im ganzen war die sogenannte „bag and baggage"-Kamp a g u e („mit Sack und Pack"), das heißt das Verlangen gewisser populärer Zeitmrgen nach sofortiger Aufgabe aller bri.'i'hen Verbindlichkeiten im mittleren Orient, ein unzweb-' deu:i? e 7i-.''.:!'ch!ag. Die Gesamtzahl der auf das „bag and baggage"-Programrn verpflichteten Abgeordneten -um neuen Parlament betrug nur 16. Die Kvnfermz von Lausanne. Im November IM wurde in Lausanne die Friedenskonferenz für den nahen Osten eröffnet. Es lag kein Grund zu der Annahme vor, daß die Konferenz sich mit Palästina beschäftigen würde. Mitglieder der arabischen'Delegation begaben sich nach Lausanne, um ihre Propaganda dort fortzusetzen, fanden aber wenig Beachtung, da Palästina außerhalb des AnfgabenkreiseS der Konferenz lag, die mit anderen .Fragen reichlich beschäftigt war. Die Frage einer Aenderung der Palästina-Politik wurde in der Dat nicht behandelt, und das Palästina-Mandat wurde in keinem Stadium der Verhandlungen erörtert. Ein Vergleich des Vertrages von Sevres mit dem Vertragsentwurf, welcher den Türken am Schluß des ersten Teiles der VechaMungen vorgvlagt wurde, ergibt, daß die Artikel 94 und 95 deS Vertrages von Sevres, welche die Zukunft Syriens, Mesopotamiens und Palästinas behandeln, sortgelassen tvuvden. Gemäß dem Vertragsentwurf verzichtet die Türkei auf alle Rechte und Ansprüche über die Gebiete, welche außerhalb der in dem Vertrag vorgesehenen Grenzen liegen und „anerkennt und akzeptiert die Maßregeln, welche bezüglich der ZuerteÄung, Unabhängigkeit oder irgendwelcher sonstigen Vevwaltungssorin dieser Gebiete getroffen wurden oder in Zukunft getroffen werden". Der einzige Artikel des Vertrages von Sevres, der mit Ausnahme der genannten sich auf Palästina bezog, war der Artikel 129, welcher bestimmte, daß jüdische Bewohner Palästinas ipso facto Dünger dieses Landes werden sollten und nicht irgendeine' andere Untertanenfchaft haben können. Dieser Artikel wurde geändert und lautet in dem neuen folgendermaßen: ,Zu>den nichttüvkischer Nationalität, die zur Zeit des Inkrafttretens dieses Vertrages dauernd in Palästina wohnen, haben das Recht, Bürger Palästinas zu werden, indem sie eine Erklärung äbgeben, deren Form und Bedingungen gesetzlich geregelt werden." Gewisse andere Aenderungen, die in den Bestimmungen des Vertrages von Sevres vorgenommen werden sollen, be- - rühren direkt oder indirekt die allgemeinen Interessen Palästinas, doch wäre es in diesem Zusammenhang überflüssig, diese Aenderungen im einzelnen zu erörtern, zumal gegenwärtig der Vertrag noch nicht seine endgültige Form gefunden hat. Beziehungen zur englischen Negierung. Während der Berichtszeit hat die Exekutive die nötigen Schritte getan, um die Verbindung mit Sr. Majestät Regierung aufrecht zu erhalten. Je nachdem die Umstände dies erforderten, wurden mit den zuständigen Stellen VechaMungen geführt, insbesondere wegen der Neuregelung der Immigration und der Bisagebühren, wegen der Rechte des W a ad L eumt, der Unterstützung des hebräischen Schulwesens und anderer wichtiger Angelegenheiten. Gemäß Artikel 4 des Mandats wurLe die britische Regierung auch wegen der Erweiterung der Jewish Agen ey befragt. Auch andere Fragen von politischem oder zum Teil politischem Charakter wurden mit,der Regierung erörtert. Es wurde alles getan, um die englische Regierung ständig über die Meinungen 'und Wünsche der Zionistischen Organisation in allen zionistischen Angelegenheiten zu unterrichten. Palästina. Seit dem 12. Zionistenkongreß ist die politische Situation in Palästina in gewisser Hinsicht geklärt worden, und zwar durch wichtige politische Akte in London, vor allem durch die Veröffentlichung des Weißbuches im IM 1922, die Bestätigung des Mandats 'durch den VMerbundvat am 24. Juli 1922 und die wiederholte Bestätigung der Politik des Weißbuchs durch die britische Regierung vom 12. Jänner 1933. Andererseits haben diese Mte nicht ganz die darauf gesetzten Hoffnungen erfüllt. Es gelang noch, nicht durchaus, in Palästina den Eindruck zu erwecken, daß nunmehr die Lage geklärt und die politischen Ve Hält nisse endgültig geregelt seien. Dies beruht großenteils darauf, daß der Kolonialstäatssekretär gleichzeitig mit der Bestätigung des Weißbuches im Jänner 1923 erklärte, daß Sr. Majestt Regierung ,-die ganze Palästina-Frage vorurteilsfrei prüfe". Auch andere Umstände wirkten dahin, unter der arabischen Bevölkerung Palästinas Zweifel hinsichtlich der Zukunft des Landes zu erwecken. Hauptsächlich trug dazu bei die Nichtbestätigung des Friedensvertrages mit dev Türkei!, Berichte über VechaMungen zwischen der britischen Regierung und dem König Hussein, sowie Gerüchte betreffend gewisse Ansprüche, die der Emir Abdullah erhebe. Schließlich hat die Haltung gewisser Mitglieder des Obürh auf es dazu geführt, daß die unzufriedenen Elemente unter den Arabern zu der Meinung gelangten, es bestehe noch Aussicht auf einen Umschwung in der britischen Porrvvk, Kenn die Agitation fortgesetzt würde. Trotzdem hat die Bestätigung des Mandats durch den Völkerbund und die Bestätigung <V$. Weißbuches durch Mi aufeinander folgende Regierungen unzweifelhaft dazu beigetragen, daß sich eine wachsende Tendenz unter den Arabern zeigte, das Mandat als ein Fait accompli anzuerkennen und mit den Juden für den Aufbau Palästinas zw sammenMiwivken. Das Aufkommen solcher Tendenzen hat dü extremen Clemeute zu einer immer schärferen Tonart Vsv anlatzt, doch ist bereits wahrzunchmen, daß der Einfluj dieser Elemente abnimmt. Als Beweis hierfür kam die Tatsache angeführt werden, daß die Anordnungen de? Extremisten, bei verschiedenen Gelegenheiten die Läden uM die Güschäiftslhäuser als Protest gegen angebliche prozionü st i s ch e Akte der palästinensischen Regierung zu schließen im großen und ganzen unbeachtet blieben. Gleichzeitij macht sich unter der BevöWerung unzweifelhaft eine wachsend» Abneigung gegen die Agitation und die Finanzierung der Agitatoren bemerkbar. Die Bevölkerung beginnt zu begreifen, daß Mi, zionistische Tätigkeit in Palästina aus echter Liebe für da- Land entspringt und aus fcem aufrichtigen Wunsch, einer Wohlstand zu schaffen, an dem auch die arabische BevöWemnihren Teil hat. Die Fellachen zeigen sich im allgemeinen freundlich wie sie es, immer getan halben, und die Beziehungen Kvische» den jüdischen Kolonien und den umliegenden arabischen Wn fern finfo ausgezeichnet. Das gilt von den neuen Sied, lungen in der Emek Israel nicht weniger als von den älterer Kolonien. Von politischer Bedeutung war es, daß die avabifchsr Notabeln der mohammedanisch-christlichen Gesellschaft gegen über der Behauptung Lord BeaverbrooSs, die Araber verhielten sich loyal zu dem'britischen Mandat und seien nur gegen die zionistischen Klauseln, öffentlich Märten, daß st in jeder Form gegen das britische Mandat seien. Im ganzen darf gesagt werden, daß die politische Situation in Palästina nicht ungünstig ist und daß die Aussichten jai die Zukunft g nt sind. Die gewünschte Annäherung von Inder und Arabern würde erleichtert werden, wenn die Politiker i» England die lokalen palästinensischen Angelegenheiten de» lokalen Regellüng überließen und wenn die palästinensische Rs gierung die wachsende Partei mehr ermutigen Würde» die bei reit ist, die offizielle englische Politik anzw erkennen und auf dieser Grundlage am Aufbau des Lande) rnittzuwirken. Die Volkszählung. Die erste Volkszählung in Palästina'wurde in der Nach vom 22. bis 28. Oktober 1922 vorgenomMen.. Im Februar 1923 wurden die Ergebnisse durch die palästinensische Regio rnng in ausführlicher Form veröffentlicht. Diese Evgebnisp zeigen folgende BevAkerungszähl Palästinas gemäß den Glaubensbekenntnis: - Mohammedaner ......... 590.890 Juden .. 68.794 Christen. 78.024; Drusen. 7.028 Andere Religionen.. . ■ 2.446 757.182 Die jüdische Bevölkerung betrug demnach etwas über 11 Prozent. Nachstehend die Zahlen für die wichtigsten Städte? Mohammedaner Juden Christen Prozent der Juden Jerusalem. . . . . 19.418 38.791 ' 14.699 54,28 Jaffa. . . 20.699 20.152 6.850 42,88 Haifa. . . 9.377 6.230 8.868 26,29 Liberias . . . 4.427 422 63,67 Safed .... . . 6.431 2.986 843 34,08 Obwohl anfangs die arabische Bevölkerung große Abneigung gog-en die Veranstaltung der Volkszählung zeigte, ge. lang es doch, diese überall durchzusühren, ausgenommen bei den Bedumenstämmen von Beersheba, welche hartnäckig dabei verblieben, daß der Zensus veranstaltet würde, um di« männliche Bevölkerung für militärische Aushebungszwecke zu zählen. Die Kopfzahl dieser Stämme wurde daher durä Schätzung ermittelt und wird mit 7.898 angegeben. Zuzüglich der Stämme in anderen Gebieten wird die Gesamtzahl der BMinenbovölkenrng auf 103.331 geschätzt. Die Wahlen. Der Boykott, den die mohammedanisch-christliche Gr sellschaft gegen die Wahlen organisierte, hatte bedeutender Erfolg, wenn er auch nicht überall wirksam war. Die Gesell« schast griff zu allen erdenklichen Mitteln, um den Boykott durchzusetzen. Eine umfangreiche Propaganda wurde im gan« zen Lande entfaltet, und es wurde der Bevölkerung gesagt, daß die Durchführung der Wahlen die Uebergäbe de- Landes an die Juden bedeutet. In der Zeit, in der di« Wahlmänner gewählt werden sollten, bereiste ein Agent bei mohammedanisch -christlichen Gesellf chaft all« größeren Städte und Dörfer und hielt in den Moscheen heftig« Reden, sowohl gegen die Politik der Regierung, wie gegen di« der Zionisten: Ein jeder Wähler würde Schande und Leider über sich bringen, er sei ein Verräter an seinem Lande mtfr werde nicht auf einem Friedhof begraben werden. Gleich« zeitig wurden von Stadt zu Stadt und von Dorf #u Dorf Telegramme gesandt, um den Boykott so vollständig zu machen daß jeder Araber, der etwa wählen wollte, fühlen mußte, das er ganz allein stand. Infolge der Freiheit, mit welcher di« Negierung all di.es gewähren ließ, kamen zweifellos schr viele wahrscheinlich die Mehrheit der Araber Palä stinas zu der UeberMgmdg, daß die Rsgievnntz gar nicht die ernste Absicht habe, die Wahlen wirklich abzuhaLtsn. Db Bevölkerung, die an die türkische Herrschaft HÄvöhNt war konnte nicht glauben, daß solche Reden ungestraft gehalten werden dursten, außer wenn die Regierung damit cinver standen war. (Fortsetzung folgt.)