Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1598 (25.7.1923)
- Date
- 1923-07-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Wien, Mittwoch ' _ Wkener Morgenzeitung. 85. Juli 1923 Nr. 1698 und Brandantisemitismus nicht —, kann nicht die politische und geistige Konzentration finden, die eine unbedingte Voraussetzung der Gesundung ist. Wenn Herr Zimmevman die Not Oesterreichs verstehen will, so muß er dies bedenken. Ar “ Kongreß. 'I. In einer Zeitopoche der sich stets vevschärsiouden natio- Men, vÄigiÄsen und sozialen Gegenisätze, die den Stenipel des Materialismus trägt, müssen naturgemäß als Reaktion Bewegungen entstehen, die den Brudevschaftsgödanken und eine spiritnMstische Weltanschauurg -um Ausdruck bvingen. Eine solche ist die theotsophische Bewegung. Seit Samstag den 21. d. tagt in Wien der von etwa 1(200 Personen besuchte, aus etwa 25 Vertretern der verschiedensten VöVer aller Weltteile zusammengesetzte Theosophenkongreß. Zum Verständnis der VerhcMlnngen des Kongresses sowie der vier öffentlicher' Vorträge ist es unerläßlich, die Grundsätze der im Jahre 1876 vom Obersten Henry Steel Olcoit und H. P. Blavat sk y gegründeten und seit 1607 unter der Führung der Frau Ann'i Besaut wirkenden Theosophischen Gesellschaft mit ihren 40.006 Mitgliedern dar- Mvgen. Diese Grundsätze sind folger.de: 1. Einen Kern der allgemsinen Bruderschaft der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied der Rasse, RMgion, Geschlecht, Kaste oder Farbe. 2. Das vergleichende Studium der Religionen, der Philosophie und Wissenschaft zu fördern. 3. Dir bisher mrgeWvten Naturgesetze- und die im Menschen schlumm>em.de« Kräfte zu erforschen. Bindend für alle Dheosophen und als Vorbedingung der. ZugchüviiKeit zur Dheosophischvn Gesellschaft ist nur 'der im Punkt 1 zum Ausdruck gebrachte Bruderschaft^ gedanke. Bon diesen Anlschammgen sind sowohl die in-ternen Verhandlungen des Kvngveffes als auch die bisher gehaltenen Vorträge und privaten Aeußevungon einzelner Führer der theosophischen Bewegung getragen. Meltsrvgen im Lichte der Theosoph.re" betitelte sich der erste Vortrag des Vchehräsideuten der Theosophischen Gesellschaft.Inarafandasa, eines Inders, der die Sbellung der Dheosophie zur Religion und Wissenschaft darlegte. Zwei Woge ging der Mensch bisher; Führer ans dem einen war die Religion, Führer auf dem anderen war die Wissenschaft. Die Religion blickt zu viel nach dem Jenseits.umfc: betrachtet das Leben auf Erden als Provisorium, als eine Art Vorbereitung. Die -Wifferschaft wiederum - beschränkt sich einseitig auf das Diesseits. Die Dheosophie aber macht Mischen Jenseits und Diesseits keine Trennung. Sie, setzt auch nicht bMngungslofen Glauben voraus, sondern legt Hre Lehrt' auch zur Prüfung vor. Ein Leben ist zur Ertfüllurg der menschlichen Aufgaben zu kurz; darauf baut sich auch die Lehre von der Wiedergeburt, die Reinkarnation, auf. Nur aus sich selbst gelangt nvan zu seiner Erlemrtnis, man muß den Gott in sich selbst finden! * Sonntag sprach auch ein anderer Führer her cheosaphischen Sewegu-ng, I. Krish nam.urti, über das Thema des Internationalismus. Seine Rede bildete eine scharfe Polemik gegen den Mißbrauch des nationalen Gedankens im Sinne des Chauvinismus sowie des Patriotismus im byzantinischen Sinne. Das Nationälgefühl soll sich nicht abstrakt, sondern in erster Linie in der Liebe und Fürsorge für die Armen, Elenden und Kinder äußern. Wir alle haben ein Vaterland und Mutterland, wir müssen aber auch endlich als Ergänzung das Bruderlar.-d entdecken. Die Lösung der europäischen NationalitätenfvagM erblicken die Dheosophe-n in letzter Lime in den //Vereinigten Staaten von Europa". Der Völkevb»Nd als Idee erfreut sich der Sympathien der Thevsophen m.d wird nur insofern bemängelt, als er nicht «ach die andersfarbigen Rassen umschließt und bis dahin das Gepräge eines weißen Völkerbundes trägt. Berus. Sesterreich. 8i« Berater sör die Tabakregie. Aus Rom wird gemeldet, daß Herr A l d i b r a n d r für Äen Posten eines Beraters des österreichischen Tabakmonopols ausersehen sei. Die Besetzung dieses Postens ist, wie wir erfahren, vorläufig noch nicht aktuell, es steht jedoch fcft, daß Herr Aldrbrandi mit diesem Posten betraut werden wird. Es soll sich dabei nur um die Stelle eines Beraters, nicht aber um die eines Kontrollors des Tabakmonvpols handeln. tzine Bantettreve de» SeneraüommWrr. , Innsbruck, 82. Juli. Beim Mittagessen, das nach der ersten elektrischen Fahrt der Arlbevgbahn die Festtei'tnehmer bereinigte, hielt auch GeneraKommissär Dr. Z i m-' merman eine Ansprache. Er sprach feinen Glückwunsch zur Aufnahme des elektrischen Betriebes auf der Strecke Innsbruck—Delss aus, und fuhr fort: Es gewährt stets eine große Freude, von Wien aus die österreichischen Lander zu besuchen, und mit der Be-. viUeru-ng in Verbindung zu treten. Denn in Wien herrscht Pessimismus und Raunzerei,' in den Ländern dagegen Mut und Arbeitssreudigkeit. Mt einer Hoffnung auf den Wiederaufbau Oesterreichs kehre ich nach Men zurück. Denn die österreichische Bevölkerung hat das Sanierungswerk mit Fleiß und Energie aufgerlommen, und es wird gelingen, yczwy .« keine Fremdherr s cha f t und keine >• . . rschaft geben wird, wenn das Gesetz Arbeiteruuruhen in Lodz. Schwere Ausschreitungen gegen die Jude«. Warschau, 24. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Erst jetzt werden die Details der letzten Acheiterunruheu in Lodz bekannt. Während der setzten Arbeiterdemonstrationen am Mittwoch kam es zü blutigen Zusammenstößen: In einer Versammlung forderte der deutsche Sozialdemokrat Abg. Zerbe die Arbeiter auf, mit den. Arbeitern der nationalen Minderheiten zusammenzugehen. Er betonte auch besonders, daß man nicht gegen die jüdischen Arbeiter, die zusammen mit den christlichen kämpfen und leiden, auftreten solle. Hierauf hielt ein nationaldemokratischer Redner eine giftige Hetzrede gegen die Juden, wobei er sie beschuldigte, das polnische Wirtschaftsleben ruiniert zu haben. Es sei daher notwendig, die Iuden zu bekämpfen. Diese Rede wurde mit enthusiastischem Beifall ausgenommen. Als kurz darauf die Polizei erschien, spielten sich schreckliche Szenen ab. Die Arbeiter wollten den Weisungen der Polizei keine Folge leisten. Die Avbeiter-- frauen hielten die Pferde der Polizeileute auf und begannen Steine zu werfen. Es entwickelte sich eine förmliche.Schlacht Zwischen der Polizei und den Arbeitern. Die Polizei mußte schließlich vom Gewehr Gebrauch machen, wobei viele Personen getötet oder schwer verwundet wurden. Diese Vorfälle riefen besonders in der jüdischen Bevölkerung eine Panikstimmung hervor. Die Juden befürchteten, daß diese Arbeitevunruhen mit Uebevfällen auf sie ihren Abschluß finden werden. Tatsächlich gelang es dunklen Elementen, am Donnerstag die Arbeitermassen auf die Juden zu Hetzen. Als die Demonstranten auf den Petrkauerplatz ziehen wollten und von der Polizei aufgehalten wurden, lenkten sie zu ,-Geiers Marktplatz" ab. Hier fielen mehrere Schüsse, ein Arbeiter wurde tödlich verwundet. Die Polizei trieb die. Demonstranten auseinander, mehrere Arbeiter wurden verwundet. Nachher zogen kleine Gruppen ins Juden viertel. Hetzer erklärten, daß.nicht Arbeiter, sondern Juden die Polizei mit Steinen beworfen und angeschossen hätten. Huligans begannen sofort ihr Werk. Sie überfielen Juden und mißhandelten sie. Aus den Wohnhäusern wurden die Juden h i n a u s g e s ch l e p p t und geprügelt. Die Polizei verhaftete zahlreiche Juden über Anzeigen der Hetzer, daß sie die Polizei altackiert hätten. Zahlreiche Juden wurden schwer perwund et und viele Geschäfte geplündert. . Erst am Freitag trat Ruhe ein, die Polize-i zwang die Juden, ihre Geschäfte zu öffnen. Der Streik ist bereits z u E n d e g e f ü h r t. Nach längeren Verhandlungen der Arbeitervertreter mit den Industriellen wurde eine 65prozentige Lohnerhöhung zugestanden. Exzesse in Lututow. Warschau, 24. Juli. (Del. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Während des letzten Jahrmarktes kam es in Lututow (Kalischer Woiwodschaft) zu blutigen Krawallen. Eine Bauerngvuppe begann die jüdischen Kaufleute, die zum JahrmaE gekommen tvaren, zu prügeln und ihre Läden zu plündern. Die recht schwache Politzeipatrouille in dem kleinen Städtchen war nicht in der Lage, die U-e'berfälle zu verhindern. Die Exzesse dauerten mehrere Stunden, die jüdische Bevölkerung beklagt.. 18 Opfer, Vve schwer verwundet wurden. Dem Senator Korner, der sofort im Aufträge des Jüdischen Klubs im Städtchen evschienen war, erklärte der Polizeikommandant, daß die Untersuchung energisch geführt , werbe. 25 Bauern wurden bereits verhaftet. Streik in Warschau. Warschau, 24. Juli. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Die hiesige Arbeiterschaft sämtlicher B e t r i e b e ist in Streik getreten. Der Arbeits-ministzr hat sofort die Vertrauensmänner der Betriebe zu einer Konferenz/ eingeladen. In Czenstochau streiken ebenfalls die Arbeiter der dortigen Betriebe. ,,NaPrzo-d" meldet, daß . auch in W e stg a l i z i e n ein allgemeiner .Streik. der landwirtschaftlichen Arbeiter vor dem Ausbruch steht.. herrscht und die wirtschaftlichen Kräfte sich werden frei ent- ' fallen können. Wir müssen an die Konsolidierung glauben, und übe^eugt sein, daß es noch besser gehen wird. Dann wird der Wiederaufbau gewiß durchgeführt werden. . Hier in . Tirol haben stets Freiheit und Ordnung geherrscht. Wir Holländer haben mit den Tirolern die Liebe zur Freiheit gemein und die Verehrung für die Freiheits- Helden. Wir wissen, daß die starke und fromme Tiroler Bevölkerung für die Sache der Freiheit alles geopfert hat." Dr. Zimmerman trank zum Schluß auf' das Wohl der Stadt Innsbruck. Die Musikkapelle intonierte das Andreas-Hofer-Lied, das von allen Festteilnehmern begeistert mitgesungen wurde. Sie Wahlpflicht in Tirol. Der gestern auf Verlangen einer Reihe bürgerlicher Abgeordneten zu einer außerordentlichen Session zu- - sammengetvetene Tiroler Landtag verhandelte als einzigen auf der . Tagesordnung stehenden ■ Gegenstand einen Antrag auf Einführung der Wahlpflicht für die Wahlen in den Tiroler Landtag. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Als Strafe für ungerechtfertigte Mchtbeteiligung an den Wahlen wurde der Betrag von 30.000 bis 5 0 0.00 00 Kronen festgesetzt. Ae österreichische Delegation de» Roten Kremes wird ausgelassen. Das internationale Komitee vom Roten Kreuz hat beschlossen, mit Ende Juli seine österreichische Delegation aufzulassen. Zur selben Zeit schließt das internationale Komitee vom Roten Kreuz seine Tätigkeit in Oesterreich ab und es werden daher alle Interessenten ersucht, nunmehr alle einschlägigen Anfragen und Mitteilungen direkt an den Zentralsitz des internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf (Schweiz), Promenade du Pin Nr. 1, zu richten. Die Internationale Vereinigung für Kinder Hilfe,, die in Oesterreich durch das internationale Komitee vom Roten Kreuz vertreten war, setzt indessen ihre Tätigkeit in Oesterreich fort und eröffnet zu diesem : Zwecke am 1. August d. I. eine eigene Mission in Wien, 1. Bez., Annagasse 5. Womv sich die deutsche Studentenschaft beschöMgt. Ei« offener Brief gegen die Einbürgerung der „Ostjuden". Das Blatt des Bundeskanzlers, die „Reichspost", hat ihre Pentha-Tull-Publikationen unterbrochen, um ihren kostbaren Raum anderen, wichtigeren Fragen zu widmen. Sie veröffentlicht im Auszug einen offenen Brief , der deutschen Studentenschaft Wiens an den Bürgermeister Reumann wegen die Einbürgerung der. Ostjuden und gegen die in letzter Zeit überdies herabgesetzten Heimat r e ch t st a x e n. .Die deutsche Studentenschaft verweist darauf, daß in der gesamten Bevölkerung o h n e U nterschied der Partei die Ostjuhen moralisch und; volkswirtschaftlich als die größten Schädlinge der deutschen StM Wien betrachtet^ werden,' st a n d und Sitte untergraben und. auch an der.furchtbaren Wohnungsnot und Arbeiislostakeit schuld, ftiev...Sogar der Ver-- trag von St.-Germain biete uns die Möglichkeit, uns von den Ostjuden fernzuhalten, die Rathausregierung verkaufe jedoch für Geld die deutsche Bevölkerung. Der offene Brief beruft sich, wie. wir.meinen,, mit Recht aus die in der letzten Zeit so häufigen antisemitischen Naturlaute der sozialdemokratischen Führer, die solcherart endlich auch aus einem gegnerischen Lager Lob uitb Anerkennung erfahren und der deutschen Studentenschaft das Stichwort bringen, das sie dem Bürgermeister zuruft. Die Studentenschaft richtet an ihn die Frage, ob er die weitere Verleihung des' Heimatrechtes an Juden sofort einstellen wolle, und droht ihm bri Nichtbeantwortung ihrer Frage, seiüe ihr'bekannten Beziehungen zu jüdischen Kreisen der breiten Oeffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Mit diesem Brief tun die Studenten dem Bürgermeister unrecht. Er tut, was in seinen Kräften steht, und sein Referent Hamm e rs ch m i e d hat zu wiederholten Malen vor Gericht gegen jüdische Optanten und Wohnungswerber den abweislichen Standpunkt Reumanns mit allem Elan vertreten. Herr Reumann ist um nichts sozialistischer als Herr Sever oder Herr Richter, die sich der Hakenkrenzlerei schon zu einer Zeit widmeten, als sie noch nicht ihren schönen Namen trug. Ungarn. Ae Geister, die sie riefen... Von unse-r-Lnr Budaposter Korrospondenten. Der unerhörte Vorfall von Czegled hat in die iw. übrigen sommerliche Stimmung der mvgarischen Politik neue «Erregung und neue Reizungen gebracht. Tausend oppositionelle Mahnrufe und Warnungen sind nicht so geeignet, der Bethlen-Regierung die Unhaltbarkeit ihrer Politik der Duldung gegenüber jedem roaktionäven Vorstoß und der Unterdrückung auch des-leisesten Versuches einer demokratischen Regung so klar vor -Augen zu führen, wie es die Vorgänge in Czegled getan haben. . Die zwei Ezegleder Tage bieten das wahre Spiegelbild der Betlhlenschen Regievuugstaktik, und daß diesmal der Heiuchölei verbunden mit Ohnmacht die Strafe sofort ans dem Fuße folgte, war vielleicht ein Glück für das ungarische Volk. In Czegwd soll eine. Ersatzwchl stattfinden. Drei Kandidaten kämpfen um das Mandat, das einst sozusagen Erbmandat Franz Kossuths war: der Kandidat bet Achtundvierzigerpavtei, der R»gieril,ngskandi>dat und der Vertreter der extremen weißterroyistrschen Gruppe des Ivan Hejsas und Paul Pronay. Als erster v>ersnchte der Kandidat der Achtu-nddierzigerpartei sein Programm zu entwickeln, er . wurde jedoch von der Hejjas-Gvuppe verprügelt und seine. Partelgenossen mußten-mit ihm flüchten. Bechlen nn>d sein Stäb r>A)vte sich nicht, um der Redefreiheit Geltung zu verschaffen. Dann kam «der H e j j a s - K a n d id a t. Der S.tadthanptm'ann . von -Czegled vers'uchbe aus Befehl ans Budapest die BevsaimMng zu verbieten», aber die HeWs^Leutie kümurerteN sich .reicht um daS Verbot und hiel'ten ihre bereits berichteten Brandreden' gegen die Juden und -die. Regierung. NM. kam der. Regierungs« ka-ndldat mit grotzcp Assistenz — das halbe Kabinett war zur 88679