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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-25 · Heft 1598 (25.7.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1598 (25.7.1923)
Date
1923-07-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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unzBinnrnmerKiDOir Wien: Zum Abholen in der Expedition, H.»1sborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl, K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts checho-SIowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon.Dinar40. Palen:Mon. Mk.30.000.D eutschland: Mon.Mark 50.000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 gM" Nachzahlungen 'HW bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1398 Wiener /scnecho-Slewakil tschech. K1.- Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien Mon. 90 Lei Bulgarien Mon.75 Lewa Schweiz und das übrig' Ausland monatlich Frcs. < Redaktion u. Administration Wien, U., Taborstrasse 1—7 Telephone: 44-0-38,43-3-19 ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel.*Adr.: .Morgenzeitung-* Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Mm. Mittwoch. 95. Full 1988 §. Fahrgang „3« kurops wird es keinen wahre» Frieden geben, bevor der Bersailler Vertrag revidiert ist/' Zie Mrlistungsdebatte km englischen Unterhnns. - Wichtige Krklärnnsen Baldwinr. London, 24. IM. In der Mrüsimigsdebatte im Unterhaus M-rte Ramsah Maedonald aus, wenn im Antrag der Arbeiterpartei der Völkerbund nicht erwähnt werde, so sei dies geschehen, weil er noch nicht das Vertrauen verschiedener hervorragender Nationen gefunden Haide und weil die Arbeiterpartei wünsche, daß die V e reinigten S t a a t e n sich an den Vorschlägen der Konferenz beteiligen. Die Welt kehre wieder zur Geistesverfassung vom Jahre 1914 zurück. In Europa wird es keinen wahren Frieden geben, bevor der Versailler Vertrag revidiert ist. Von irgendeiner Militärdiktatur in Europa, werde ganz besonders England bedroht. Deshalb müsse es die Führung in einer großen Bewegung übernehmen, die die Abrüstung aller Nationen erzielen will. ' ' Premievmilnister Bald Win eMärte, der Ernst der gegonwärtiigvn Lage könne nicht übertrieben werden. Europa sei noch immer ein bewaffnetes Lager, in dem sich mehr Leute unter den Waffen befänden Äs 1914 bei Kriegsausbruch. England müsse dev' Welt beweisen/ daß es wiMch' meine, was es.sage. Eine ASrüstung sei-ttur moglich, wepn sich die M ä chtt 3usammenschlössem'Det TvaM Mes allgemeinen Friedens ist schw Kchchunderte alt, aber die' Regierung glaubt, daß ein Versuch, im 'gegenwärtigen Zeitpunkt eine internationale Konferenz einzubevufen, keinen Erfolg haben Würde, Bevor MW an dieses MMem kam herantritt, muß erst das Reparationsproblem und die Frage der Sicherheiten geregelt werden. Es besteht keine Aussicht, daß Frankreich eine günstige Antwort erteilt, bevor es Ergebnisse in der Frage der Reparationen und in der Frage der Sicherheiten> erreicht hat. 'Das erste, was die Regierung tun muß fft, das Keparationsproblem in Ordnung zu bringen. Die Regierung sei von dem Wunsche beseelt , daß dieser Schritt weiterhin zur Erwägung der vom Hause erörterten Probleme führen möge. Baldwin wies darauf hin, daß der Völkerbund wiedevumr. die AVrüstungsfrage und die Möglichkeit, sie mit allgemeinen Garantie- Mammen in Verbindung zu bringen, erwäge. Es würden -wahrscheinlich nach der BMerbun-dversammlung im September den Regierungen Europas Vertragsentwürfe zur Genehmigung unterbreitet werden, und er sei sicher, daß nicht nur die britische, sondern auch die anderen führenden Regierungen Europas diese Arbeiten des Völkerbundes mit Sympathie und Interesse prüfen werden. Biele sagen, England soll wieder eine Politik der Iso TiS r ung betreiben, aber man dürfe nicht vergessen, daß mit dem . '■ Sngtand. keine Insel mchH^siMevn unlösbar mit dem Geschick"-Europa8 vMüichen M''-Eägkand^ werde fortfahren, sem nwglWes zu tun, um Euwpa den Weden W bvrngen. Friede im Orient Der Lnnsmmer Berttag unterserttat. Laufanntz, 24. IM. (Havas.) Dev Früedensvertrag wurde heute unterzeichnet. Der türkischen Kammer wird er am 1. August vorgelegt werden. Die Friedensverhandlungen YMeu am 21'. November des Vorjahres begonnen, wurden am 4. Februar dieses Jahres abgebrochen und am 23. März wieder aufgenoinmen. Sie hatten demnach acht Monate lang gedauert. Die Schlußrede des schweizerischen Präsidenten. Lausanne, 24. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgerizertung".) Aus Anlaß der heutigen Unterzeichnung des Friedensvertrages hatten die Stadt und besonders die öffentlichen Ge-, bände beflaggt. Die Aula der Universität, in der die Zere-' inonie stattfand, war entsprechend geschmückt. Die Sitzung, die um halb 4 Uhr begann, wurde vom Bundespräsidenten' S ch e u r e r mit folgenden Worten eröffnet: „Nach Monaten arbeitsreicher Verhandlungen konnte die Konferenz von Lausanne vor einigen Tagen der Welt die frohe Botschaft verkünden, daß ihr Ziel erreicht ist und der Friede in sicherer Aussicht steht. Heute sind wir hier versammelt, um diese erfreuliche Tatsache in aller Form sestzustellen. Die Konferenz hat unser Land zu ihrem Arbeitsfeld bestimmt, und wie zur Eröffnung, so zieht sie zum Schluß den Bundesvat heran. Unter großen Opfern ist es den Vertretern der beteiligten Mächte möglich geworden, ein Werk des Friedens zu schaffen. Die Arbeit ist aber den Preis wert. Sie bringt die Einstellung der FeinA selig? e i t e n und die Wiederherstellung des Friedens. Wir Schweizer wissen es aus Erfahrung, welche Gefahren' in der Verschiedenheit der R affe, S p r ach e und des G l a u Lens liegen. Aber 'es istmöglich, die s e n' V erschiedenheiten zum Trotz in Frieden zu lebe n! Mt hoffen, daß die MUev des nahen Ostens, die so großen Anteil an der Zivilisation haben, friedlich nebeneinander leben weÄen. Wir hoffen, von allen die Förderung des gemeinsamen Wohles von-neuem zu erfahren. Der hwte abgeschlossene Friede -möge auch eine Er lösung von dem Druck bviugen, unter dem wir alle leben. Der Akt der Unteezeröhnung. Lausanne, 24. Juli. (Tel. d. «Wr. Morgenzeitung".) Nach seiner Schlußrede forderte der schweizerische BundesprÄsident die Delegierten auf, die verschiedenen Abkommen und Verträge zu unterzeichnen. Die Delegierten kanten der Aufforderung - nach. Mls erste Unterzeichnete die türkische Delegation, und zwar Ismet Pascha, Riza Nuri Bei und H a s s a n Be i. Ismet Pascha, der als einziger stehend Unterzeichnete,- bediente sich einer gdldenen Feder, die ihm seinerzeit von den Studenten von Konstantinopel zu diesem Zwecke , überreicht worden war. Es folgten Sir Horace Rumboldt für England, dann General Pelle fiir F r a n k r e i ch und Marchese G a r o n n e und M o nt'agna für Italien, weiter die Delegierten Japans, Bulgariens, Griechenlands, Rumäniens und Portugals. Jugoslawien unterzeichnet nicht. . .Lausanne, 24.• Juli. Die jugoslawische Delegation hat tten Orienffriedensvertrag nicht unterzeichnet, da sie mit der vorgesehenen Regelung der Verteilung ddr otkbmanischen Schulden; nicht einverstanden ist. - Amerika steht abseits. Lausanne, 24. Juli. An der Unterzeichnung des Orientfriedensvertrages. haben sich „die V e r ei n i g t e n Staaten nicht bet ei ligt, weil siemit den Türken Sonderverhandlungen zum Zwecke des - Abschlusses eines eigenen. Vertrages führen. Doch haben sich neue S ch w i e r i gleiten beglich der Rechte der amerikanischen-Bürger in der Türkei! ergeben. Die Vereinigten Staaten erheben Forderungen,! dienach Ansicht der Dür-^ M.noch in den glten^Kapitulationen?wurzeln, diadie alliierten Delegierten' für ihre Staatsangehörigen in dem soeben unte^eichneten Friedensvertrag nichtbeibehalten. konnten. Der amerikanische Vertreter G r e w hat sich nach Wasch i rr g t o n. u w neue Inst r.u k t i o n e ngewendet. Die Türken vevschiebey infolgedessen ihre Wreffe von Lausanne noch, lgsseyaber durchblicken/ daß,- falls die Amerikaner <mf--'chrert i-WsiemnMMtzchm sollten, die BerhaM'UNgen vorläufig abg e b r o ch e n Md fMer in Kon-' stantinopel wieder ausgenommen werden müßten. Mm Md die Mder. —7. Wien, 25. IM. Der Generalkommissär Ziinmerman hat bei dem Bankett aus Anlaß der ersten elektrischen Fahrt der Arlbergbahn eine Rede gehalten, die einige Aufmerksamkeit verdient. Er hat den tiefen Unterschied der Stimmungen in Wien und den Ländern noch schärfer gezeichnet, als er dem Einheimischen erscheint, a!ber er hat ihn nicht richtig gezeichnet. „In Wien," sagte der Genemlko'mmissär, „herrscht Pessimismus und Raunzerei, in den Ländern dageM Mut und Arbeitsfreude." Diese Aeußevung zeigt, daß ein' Außenstehender, selbst wenn, er sich noch'so sehr zur Unbefangenheit zwingt, den Erscheinungen des öffentlichen Lebens ftemd'gegenüberstehen muß. Herr Zimmerman hat in Oesterreich eine sehr heikle Mission zu erfüllen', die'wahrscheinlich weder ihm, noch dem Lande viel Freude'macht. Es ist auch, verstäMich, daß der Generalkommissär, für -die Hauptstadt als politisches Zentrum nicht viel Sympathie besitzt. Sein Tun und Lassen wird hier mißgünstig betrachtet uM die Person des Herrn Zimmerman wird von zahlreichen unterirdischen Strömungen,-denen die politische und soziale -Rückbildung sich noch zu-langsam entwickelt, als der Popanz hingestellt, mit dem man den schlimmen Kindern droht, die die üblich gewordene Art der Sanierung durchaus nicht als Sogen. empfinden wollen. Insbesondere ist dies auf denr geistigen Gebiet zu beobachten. Man ist, da man schon im Abbau begriffen ist, auch, an den Abbau der Kulturpolitik gegangen. Man baut die Schulen, die Museen, die Theater ab, ge^en die Bücherteuerung.rührt sich kein Minister, und es ist interessant,' daß jode Beschwerde der Bevölkerung damit beantwortet wird, .daß - der.Herr M so angeschafft habe. Dadurch wird der ilnwille abgelenkt undder - Vertreter des Völkerbundes in den Mittelpunkt - eines un-kontrollierbaren Geredes und Getufchels gestellt,- das ihm Dinge andichtet, an die er auch im Traum nicht denkt. Daraus mag es sich erklären, wenn der Generalkommissär in wichtigen Fragen zu einem schiefen Urteil kommt, das dann wieder auf sein Verhalten, gegenüber berechtigten Forderungen des Staates abfärbt. In der Provinz, in der sich die verwirrenden Einflüsse eines so großen und reich gegliederten Bevölkerung, wie der Metropole weniger geltend machen, wird darum nicht mehr und nicht optimistischer gearbeitet als in Wien. Im Gegenteil: Die Provinz empfangt' ihre geistigen Anregungen ausschließlich aus der so viel verläst-erten Großstadt, in die die Energien ans tausend Kanälen einmünden und ohne deren Mitwirkung kein einziges jener Werke denkbar wäre, die der erlropäischen Oeffentlichleit so viel Anerkennung abringen. Eben deshalb ist ja dieses Wien so verhaßt und eben deshalb gilt es dem provinzlerischen Ehinesentrmr der Wncherbauern und der versumperten Bergländler als jüdisch. Aus der Wiener Kasse — und das Wort ist nicht nur im materiellen Sinn zu verstehen — strömt beftuchtender Geist und auch das notwendige Geld in die Bundesländer, die aus eigenem weder das eine noch das andere zu leisten vermögen. In dem antisemitischen Treiben, das überall und fast ausschließlich von Provinzelementen geführt wird, steckt auch ein gut Teil Auflehnung der geistig unbeweglichen Ländlerei gegen den kulturellen Einfluß der Großstadt und der ewige Widerstreit zwischen Dorf und Stadt'erhält dadurch feine besondere Note, daß die- ^griffe Dorf und Bodenstäudigkeit, Stadt und Judem tüm gleichgesetzt wurden. Das Iudentrrm gibt der Stadt aus seinem Schatz an Welterfahrenheit, Aktualität des Denkens, Organisationstalent und rasches Erfassen der Zusammenhänge zwischen Ursache und WiMng. Das Judentum gibt geistige Freiheit, die Provinz — den Numerus clausus. Es wäre eine danWare Ausgabe, den --Antisemitismus auf diese Momente zu untersuchen und einmal festzüstellen, welche Rolle in seiner Verbreitung «rib in seinen führenden Kreisen die Herkunft aus dem flachen Lande spielt. . , ' Es:ist'kem Zufall,-daß 'sich„das Sanievungswerk des Völkerbundes aus - einer Gmndlage ausbaut, die von jüdischer Arbeit errichtet^ wurde. Und es ist wieder kein Zufall,, daß-.dieses SanierungsweÄ in den Händen der ,,Bc^enftäMgen"^mcht recht gedeöhen will, ja, daß es vielfach ins Irre und DuEe geht. Die Hakenkreuzlerei ist viel zu weit vorgedrungen und sie malt ihr Zeichen auf alle Maßnahmen» die sich als Sanierung gchen. Der Völkerbund hat vergessen» auch die Gehirne zu sanieren. Ein Land, in dem Mmister, Mgeordnete, Proi.'ftssoren, Richter, mrd Künstler unter-dem Druck der Iudenangst leben, — etwas anderes ist ja d'.e'er Bln'./

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