Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1590 (17.7.1923)
- Date
- 1923-07-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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>" Seite 2 Wien, Dienstag W- , .. .. .. , - -.. .. ■ kr. Wien, 17. Juli. Die Bndapester Blätter erscheinen wieder und Wen nun Gelegenheit, über den Verlauf und den Abschluß -er eintägigen Krise ihre Betrachtungen anznstellen. Über sie bemitzen die Gelegenheit nicht, denn laut einer Ordre Bechlens durfte kein Kommentar zu dieser sonderbaren Art der Beilegung der Parlamentskrise geschrieben werden. Mi Tage, als die Maßregelung des Organs der Sozialdemokratischen Partei Ungarns, der ..Nepszava", bekannt winde, ging durch sämtliclp Blätter, soweit sie nicht der rechtsradikalen Richtung angehören, eine ehrliche Entrüstung über diese Knebelung -er Pressefreiheit. Die Iournalistenorgauisatiouen beritten sich, in einer Resolution gegen die Einstellung der „Nepszava" zu protestieren. Auch die bürgerliche Opposition war diesmal auf seiten der Sozialdemokraten und roch niemals hatte die Sozialdemokratie in Ungarn cs so leicht, der Bethlen-Regierung ihre Macht zn beweisen, chne dabei befürchten zu müssen, daß die öffentliche Meinung gegen sie Stellung nehmen könnte. Die kraftvolle Haltung der sozialdemokratischen Abgeordneten and der Parteileitung unmittelbar nach.der Bevbotserscheinung des Ministers des Innern schien zu 'beweisen, daß die Parteiführer sich ihrer Stärke und der Gunst des Augenblicks bewußt waren. Der parlamentarische Streik der sozialdemokratischen Abgeordneten und' der Seherstreik waren der Ausdruck des Selbstbewußtseins und des Vertrauens in die eigene Kraft, wie dies von einer radikalen politischen Partei-nicht a-nders zu erwarten war. Aber wie schmählich lief diese Heldenpose aus, ine auch im Auslande von allen Parteigenossen der „Nepszava" mH Applaus begrüßt worden war! Gedomntigt gingen die Sozialdemokraten uns diesem Zweikampfe hervor und nach kaum 24 Stunden sind die Herren vom „Nepszava", die als Gladiatoren in die Arena traten, mit Hohn und Spott überhäuft, davongeschlichen. Man-glaubte, Zeuge eines Heldendramas zu werden und die ganze Vorstellung endete wie die erbärmlichste Vorstadtkomödie, in der der Held die komischeste Figur abcftbt. / > In dem Kommunique der Regierung über die Beilegung des Konflikts sagt Bethlen schmunzelnd, daß es keinen Sieger und kerne Besiegten gäbe. Die Wahrheit jedoch ist, daß die Regierung vollständig gesiegt hat. daß die sozialdemokratischen Abgeordneten sich so weit erniÄrigten, sowohl mit den streikenden Setzern, als auch mit der Redaktion der „Nepszava" jede Gemeinschaft abzulehnen. Verduzt fragt man sich nicht nur in Ungarn," sondern auch überall im Anslande, was denn in jenen , geheimen Besprechungen zwischen dem Grasen Bethlen und den Delegierten der Sozialdemokratischen.Fraktion der Nationalversammlung vorgesallen sein mochte, das diese Wandlung der selbstbewußten Proletarierführer zum politischen dummen August herbeizuftihren vermochte. Außer der einzigen Konzession bezüglich der Ab- Nirzung der Verbotsdauer der „Nepszava" hat die Regierung in keinem einzigen Punkt faktisch nachgegeben und für dieses einzige Zugeständnis desavouierten die Herren UnterhäMer alle ihre Gesinnungsgenossen und verleugneten alle ihre Parteigrundsätze. Diese Vorfälle zeigen wieder, daß Ungarn heute fast , kerne einzige Voltsschichte besitzt, die reif genug wäre, ' das Schicksal Ungarns in die demokratische Richtung hinüberzuleiten. Alle,, die heute ans der Oberfläche herumschwimmen, sind von dem Schmutz und dem Schlamm, von dem Ungarn seit dem Zusammenbruch überschwemmt wurde, enrporgespült worden. Die Führer der einzelnen Parteien, die sich heute gegenüberstehen, sind durch ihre politische Vergangenheit moralisch in der einen oder anderen Form belastet: Sie können nichts gegen einander ausrichten, weil bei genauerer Untersuchung sich immer feststellen ließe, daß die heutigen Gegner in irgend einem Zeitpunfte der drei Revolutionen, die seit dem Zusammenbruch Ungarn heimgesucht haben, unter einer Decke arbeiteten, und zwar nicht immer zum Wohle des Landes und nur in den seltensten Fällen zum Schaden der eigenen Persönlichen Interessen. In Ungarn kann es zu keiner gründlichen Abrechnung und Liquidierung des gegenwärtigen Zustandes kommen, weil die gegeninärfigen Führer der einzelnen Par-. teien zu viel von einander wissen und auch zu vidl von sich selbst wissen, als daß sie es wagen könnten, in die Abrechnung hinein zu steigen. Sie faib alle Mandatskleber, weil sie nur so lange sich in Sicherheit befinden, als sie im Besitze des Mandates sind und daher die Möglichkeit haben, das Volk je nach der politischen Partei irrezusühren. Die ungarischen Sozialdemokraten sind ebensowenig echte Sozialdemokraten und Vorkämpfer Der Demokratie wie ihre politischen Antipoden, die Göimbös-Lente, wirkliche Feinde des Liberalismus sind. Alle haben es auch schon anders gekonnt und alle würden. es auch anders können, wenn sie dabei ihre persönliche Rechnung fänden. Die ersten, die über das schmähliche Umfallen der ungarischen Sozialdemokraten -den^Stab brachen, waren ihre österreichischen Gesinnungsgenossen, die zwei Tage früher die Bndapester Gesinnungsgenossen als .Helden gefeiert hatten. Es steht den österreichischen Sozialde-, mokraten und der „Arbeiterzeitung" wirklich schlecht an, das Vorgehen der ungarischen Soziäkwmvkraten ' so strenge zu verurteilen. Man kann 'beruhigt sein: Die ungarischen Sozialdemokraten haben auch diesmal nicht an sich und ihre Mandate -vergessen und .darin sind sie gelehrige Schüler ihrer Wiener Lehrmeister. Ist es den österreichischen Sozialdemokraten gestattet, obgleich sie «me. numerisch so starke Opposition fcn Parlament Wiener Morgenzeitung. 17. Juli 1923 Nr.-1590 England und «ft ♦ Spkolow nach London berufen. % Berlin, 13. IM. (I. C. B.) Mittwoch den 11. Juli ist der Präsident der Zionistischen Exekutive, Na h um Sokolow,. der in Berlin zur Erhebung weilte, in dringender Angelegenheit nach. London abgereist. Wie der I> C. B.-Vertreter erfährt, rvurde Herr ( Nahunr Sokolow von der Exekutive telegraphisch nach London berufen, da wichtige diplomatische Verhandlungen bevorstehen, die seine Anwesenheit in London erforderlich machen. Sir Herbert Samuel und die Zionistische Exekutive. London, 14. Juli. (I. C. B.) Die Ziomstische Excntive bereitet.dem. gegenwärtig in London weilenden Oberkommissär von Palästina, Sir Herbert Samuel, am Freitag den 13. Juli einen feierlichen Empfang. In unterrichteten Kreisen schreibt inan dem Empfang politische Bedeutung zu. Die Palastinafrage im englischen-Unterhaus. London, 13. Juli. (I. C. B.) Das Mitglied der Labour Party Mr. Bürgest fragte in der U-nter- Mssitznng vom 9. Juli den Unterstaatssekretär für die Kolonien, ob dieser die Zahl der aus den englisch - pvechenden Ländern während der letzten 12 Monate nach Palästina eingewanderten Juden und die Gesamtzahl der Juden, die sich im Laufe dieser Zeit in Palatina niedergelassen haben, angeben könne. Mr. Ormsby Gore antwortete: Die Zahl der Juden, die im Laufe des Jahres 1922 aus den englisch prechenden Ländern oingewandert sind, beträgt 200 von einer Gesamtzahl von 7844. Von Jänner bis Mai 1923 seien es 34 von 4088 goivesen. Mayor Paget fragte, welche Kosten dem briti- ' chen Steuerzahler durch diese Inden entstehen. Mr. Ormsby Gote antwortete: „Ueber- Haupt k e i n e. (Heiterkeit.) Die gesamten Kosten der Einwanderung werden von den Juden selbst getragen."' Mayor P ag e t: „Wie hoch sind die Kosten für die Erhaltung des Laiches als jiidrsches geistiges Heim?" Mr. Ormsby Gore: „Der Zweck unseres Verbleibens in Palästina ist nicht, um dieses als ihr geistiges Heim zu 'halten, sondern aus ganz anderen Gründen." . Mr, Becker richtete an den Unterstaatssekretär ( für die Kolonien die Anfrage, ob er Kenntnis habe von dem Beschluß des palästinensisch-arabischen K a n g re s s e s, jede- Palästina-Anleihe abzülehnen, und ob er sagen könne, auf welche Weise das von der Regierung an Palästina vorgestreckte Gold zuvückgezahlt werden wird, angesichts der Tatsache, daß keine Anleihe ausgeschrieben wird. Mr. Ormsby Gore wies Mr. Becker auf die am 25. Juni Liber die Stellung des arabischen Kongresses erteilte Antwort und fügte wmmmmammmmmammmmmtaummmmmmmmammmm bilden, sich mit den Christlichsozialen und Großdeutschen, die angeblich zu ihren größten Widersachern gehören, zusammenzusetzen, und mit ihnen zur Rettung ihrer eigenen Mandate eine Wahlgoometrie aUszutüsteln, die, wie sich jetzt herausstellt, den Nationalsozivalisten und Hakenkreuzlern zugute kommen wird, so dürfen sich die magyarischen Sozialdemokraten dasselbe in magyarischer Ausgabe leisten. (Bon unserem Jerusalemer Korrespondenten.) Anr ersten Tamus fand in der Kolonie M o z a bei Jerusalem die Grundsteinlegung zu dem Genesungsheim statt, das von der Avbeiterkrankenkasie errichtet wird. Der Ban wird auf der Höhe stehen, wo Herz! 1868 jene Zeder gepflanzt hat, welche später Djemal Pascha während des Krieges unchauen ließ. Das Genesungsheim wird dm Namen Sara Schmucklers tragen, einer Krankenschwester, die vor einigen Jahren in ihrem Dienste gestorben ist. 9000 Pfund, von denen der größte Teil im Lande gesammelt wurde, sind bereits für den Baufonds beisammen, und der Bau des Genesungsheims selbst, der nach den Plänen des Architekten Berlin Von der Baukooperative durchgefttihrt wird, beschäftigt über 50 Arbeiter. Eine kleine Landwirtschaft wird sich an das Genesungsheim anschlleßen. Die Arbeiterkvankenkasse hat bereits 600 Pfund für den Ankauf von Kühen und Geflügel investiert. Bei dieser Gelegenheit soll einiges über die Entwicklung der Arbeiterkvankenkasse (Kuppat Cholim) gesagt werden. Während des letzten Jahres hat sich die Krankenkasse dank ihrer guten Verwaltung sehr gut entwickelt, und sie gewinnt in letzter Zeit um so.mehr an Bedeutung,.Äs die Had.as s a infolge ihrer schweren finanziellen Lage ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Erhaltung ihrer vier Krankenhäuser konzen-, irreren muß Und ihre Fürsorge nicht mehr im selben Ausmaße wie früher den landwirtschaftlichen Siedlungen zuwenden kann. Dementsprechend gewinnt innerhalb der Kuppat Cholim die Tendenz die Oberhand, sich von der Hadassa unabhängig zu machen. Die Kuppat Cholim verhandelt derzeit mjt der Hadassa in der Richtung, daß die letztere die Summe von. 360 Pfund Monatlich, die sie für Zwecke der Arbeiterfürsorge ausgibt, der Krankenkasse direkt zur Verfügung stellt. Die Kuppä Cholim hofft, dank' der Billigkeit ihres 'administrativen Apparates, mit diesem Geld mehr leisten zu können. In der vergangenen Woche fand in' Jaffa der'von der mohammedanisch - christlichen Vereinigung eiubwusene Kongreß statt, der über die durch den Vertrag hinzu: „Die Resolutionen des Kongresses sind für die Palästina-Verwaltung nicht b i nüen d. Ich 'bestätige nicht die im Schlußsätze der Anfrage enthaltene Annahme." Mr. Becker fragte den Unterstaatssekretär weiter, ob er Mitteilen könne, wie Palästina gegenwärtig verwaltet ltnrb, ioer die Beamten bestimmt und von 4vem sic ihre Autorität und Anweisungen' erhalten. Weiters, fragte Air. Becker, ob es die Absicht der Regierung war, eine sel'bstentscheidende Regierung zu bilden und ob er zusagen könne, daß Palästina mit der Alltorftät Groß- - britanniens als Kronkolonie verwaltet werden würde. Mr. Ormsby Gore anwortete: „Palästina wird von einem Oberkommissär verwaltet, «ber seine Instruktionen von der britischen Regierung erhält. Der Ober-, kommissär wird von seiner- Majestät dem König bestimmt. Die übrigen Beamten der Palästina-Berwaltung werden entsprechend der Weisung des Staatssekretärs für die Kolonien vom Oberkommissär ernannt, dessen Weisungen sie unterworfen sind: Was" die letzten zwei Teile der Anfrage betrifft, so ist die Politik der Regierung im Weißbuch vom Jahre 1922 vor diesem Hause niedergelegt worden." Ein Interview mit der arabischen Delegation. Jerusalem, 13. Juli. (I. C. B.) Vor der AbreK der arabischen Delegation nach London hatte der Jerusalemer I. C. B.-Korrespondent mit ihrem Präsidenten MusaFazimPaschaein Interview. Musa Fazim Pascha erklärte: „Wir werden in London an unseren Forderungen sosthalten. Wir können aus nichts verzichten. Falls England sich mit uns verständigen will, muß es in Palästina eine nationale konstitutionelle und unabhängige Regierung einsetzen. Dies wird uns für die nächste' Zukunft genügen. König' Hussein ivivd den Hedschas-Bertrag in seiner gegenwärtigen Form niemals unterzeichnen. Keiner von den Mitgliedern des Advifory Councnl ernannten Arabern wird diese Ernennung annehmen." Herbert Samuel. London, 15. Juli. (Tel. der „Wiener Movgenzeitung".) Die Kabinettskommission für die Angelegenheiten des mittleren Ostens soll dieser Tage eine au8-. führliche Besprechung mit Sir Herbert Samuel haben. Herbert Samuel hat zwar schon mehrmals mit' dem ■ Colonial Office konferiert, immerhin wird dieser, Besprechung mit den Mitgliedern des erwähnten Komitees ziemliche Bedeutung beigemessen. Es sollen dabei gewisse Fragen besprochen werden, diezusawnnenhängen mit der Gendarmerie, der A v i a t i k. und der f allgemeine n Administration in. Palästina. Samuel wird, wie der „Manchester Guardian" erklärt, im September nach Palästina zuvückkehren. König Husseins geschaffene politische Situation beraten hat.. Es war zu erwarten, daß sich die antizionistischen Araber Palästinas gegen den Vertrag wehren werden, der implieiti die. Anerkennung der Balfour-Deklaration durch König Hussein bedeutet^ Der Kongreß hat denn auch den Vertrag verworferi, „weil er den Verpflichtungen und Versprechungen, welche den Arabern in bezug auf die Rechte der palästinensischen Be-. Völlerung gegeben wurden, und weil er den beiden Forderung gen der arabischen Bevölkerung nicht Genüge leistet,. nämlich mit der zionistischen Politik zu brechen und Palastina eine gewählte Vertretung zu geben." Dem Kongreß lag auch ein Antrag vor, die Steuerzahlung zu verweigern, weil die Regierung zu der Einhebung nicht berechtigt sei. Der Kongreß hat diesen Antrag nnt einer kleinen Majorität verworfen, beziehungsweise einer Kommiffion. zugowiesen. Während so die Araber in West-Palästtna imnver. wieder die Forderung nach einer Verfassung erheben, bringen die Zeitungen sonderbare Berichte darüber, wie in dem autonomen Ost-Jordanland der Emir Abdallah eine Deputation, welche die Berfaffmrg für das Ost-Jordanland verlangte, d avangejagt hat. - Der Glanz und Ponip, mit welchem kürzlich die Unabhängigkeit des. Ost-Jordanlandes in dessen Hauptstadt A m- 'man in Beisein Sir Herbert Samuels verkündet tmcrde, hat eS einigen paläftinenfffchen Juden angetan, die nun um jeden Preis sozusagen ein jüdisches Emirat, in West-Palästina schaffen möchten. Mit Münzen, FlaMn und allem, was dazugehört. „Doar Hajom" hak' in allem Ernste einen Artikel seines Chefredakteurs samt Karte gebracht, wo die Forderung ausgestellt wird, mitten Ms West-Palästtna ein Stück Land herauszuschneiden, wo 100.000 Jrcden und nur 70.000 Araber wohnen, und das mm unter dem Namen Ewer eine Autonomie erhalten soll. Mit Münzen und Flaggen. Der Gebietsstreifen hat ungefähr die Form eines S und erstreckt sich von> Jerusalem nach . Jaffa, gcht dann der Küste entlang nach Haifa durch den Emek über Tiberias nach Metulla an der Nordgrenze. Dieses Land Ewer soll uns als Sprungbrett dienen, von dem aus wir ,wnser Elsaß-Lothringen", das südliche Palästtna nämlich^ erlösen sollen. v Eine Diskussion dieses Projektes ist wohl nicht notwendig. Oekonomisch kann sich dieser Streifen noch viel weniger selbst erhalten als Palästina. Militärisch ist er absurd» politisch würde das Projekt unser Eindringen in das übrige Palästtna nur erschweren.- Aber es. ist. doch bezeichnend für die Gewalt romantischer Schlagworte über die Gemüter, daß der. „Doar Hajom", der in der arabischen Frage eine kluge Linie befolgt hat, mit einem derartiaen il>roiekt cm leitender Stelle yervortreten kann.