Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1590 (17.7.1923)
- Date
- 1923-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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-i W"r, ElnzelmumnerKIOOo Wien: Zum Abliolen in der Expedition, II.',T aborstr. 1 -3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. IC 17. Jugoslawien: Mon.Dinar40. Po len:Mon. Mk.30.000.Deutschland: Mon.Mark 50.000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs, 8 DM- Nachzahlungen *<HI bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1590 Wien. Dienstag. 17. Zuli 1923 <scli«iu.u ■«iitNtahki i tscheeh. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire, Rum a nie» Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 TeL-Adr.: .Morgenzeitung“ Wien Oösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 ■BHBBfflnBBSBBSI 5. Jahrgang 9 Poincares Reparattonsrede. -7- Wien, 17. IM. Iie Haltung Frankreichs. d Dem engWhen Mnisterpräsidenten hat nun Poinoare geantwortet. Nicht in Form einer diplonr-atischen Note, sondern in einer Rede bei der Einweihung eines Kriegerdenikmales. Bei solchen Gelegenheiten, bei denen alle Wunden des Krieges cmfbrechen und die schmerzlichsten Gefühle aufgerührt werden, ist es schwer, den richtigen Ton für Versöhnlichkeit und Entgegenkommen zu finden. Am schwersten ist dies aber Herrn Poineare, dessen ganze Tätigkeit darin besteht, die Wunden des Krieges offen zu halten und der VevstäudiMNg mit Deutschland auf lausend Barrikaden entgegen zu wirken. Er hat am Sonntag die Rede gehalten,'die er seit Jahren hält. Dies Kind, kein Engel ist so rein. An dem heutigen Zustand Europas ist Frankreich so nnschullüg! Er wisse wohl, daß die Nationen von einander abhängen, -mw daß kein Teil des europäischen Körpers aibscmlen könne, ohne daß auch der Rest davon ergriffen ivürde. Wären alle Alliierten mit Frankreich gemeinsam gegen Deutschland vovgegangen, so hätte man den schlechten Willen Deutschlands überwinden können. Indem Frankreich die Bedingungen des Friedensvertrages aufrecht erhält, arbeite es für die ganze Menschheit. Man ist. einigermaßen verwundert, die Wirksam--- keit der Poincareischen Kriegsgerichte an der Ruhr, die Reden und Taten seiner diplomatischen Spionagezentralen im Rheinland und in Bayern als Manifestationen pazifistischer Humanität angepriesen zu-hören., Herr Poinoare gehört oben zu den verkannten MenschWtsbPlückevn. Immerhin ist es gut, daß man aus der, Erklärung BcMvins -imeWischenUnterhaufe entnehmen komrte, daß über die Schlichtüng des Neparationsstreites auch noch eine andere Meinung «besteht, - die dasselbe SÄ mit fvrMichen'Mitteln zu erreichen sucht. Wenn es, näurlich dasselbe Ziel wäre. Aber hier liegt eben der große Unterschied Mischen dem, was England als Ziel ansieht, und der Auffassung des Herrn Poineare. Während Frankreich mit allen Mitteln 'daran arbeitet,. Deutschland in Stücke zu brechen und zur Erreichung ‘ dieses Zweckes sogar große materielle Lasten auf sich nehmen würde, will England dem Schuldner so weit auf die Füße helfen, daß er zahlen kann. Für Frankreich ist das ^Problem ein eminent nationalistisches, für England ein wirtschastspolitisches. Der Zerfall Deutschlands in seine Ernzelstaaten würde sie nacheinander loscht in den Satellitenkreis der sranzösischvr Zentralsonne ziehen und die politische Hegemonie des militaristischen Frankreich für 'lange hinaus sichern. Die Kleinstaaterei, die durch so lange Jahrhunderte die Aufwärtsentwicklung'Europas verhindert hat, würde wieder aufleben und alle Ansätze der Demokratie , zerstören. . Die zivilisatorische Mission des republikanischen, Frankreich, die Herr Poinoare und seine Glaubensgenossen bei jeder Gelegenheit rühmen, wirrt sich auf eine. sonderbare Werse aus und es ist merkwürdig, daß sie zu ihren Stützen Elemente wäh^ die nicht im Verdachte 'demokratischen Empfindens stehen. Im Gefolge der französischen' Republik von heute findet man die enragiertesten Vorkämpfer 'der Reaktion: Die deutschen Na- - ticmalsozialisten, die polnischen Natvonaldeinokrateu, die österreichischen Klerikalen und die Bande des Herrn Horthy. Die politischen BeMndüngen zwischen diesen und > Frankreich fimd sehr stark und es ist ein auffälliger Umstand, daß 'dieselben Gruppen, die sich vor 'den Wagen der französischen Machtgelüste spannen lasten, gleich-- zeitig erbitterte Gegner der englischen Idee von der Freiheit und ihrem Wesen sind. Daß sie alle nebenbei noch der wütendste Antstemitismus verbindet, hat. gleichfalls seine tieferen politischen Gründe, die jedmr verständlich werden, der die Geschichte des Zionismus seit der Balfour-Deklaraticm aufmerksam verfolgt und die Widerstände gegen die RecMsrevnng des englischen Mandates in PMWmcr mff ihren Hintergvmw prüft. Es ist kein Zweifel,-daß der Rchavationsstreit nunmehr in sein letztes und entscheidendes Stadium einge-' treten ist. Die HeDgjkeit, mit 'der Pömoare auf: feinem Schuldschein beiharrt — es ist nicht der Schuldschein, den er bezahlen soll, sondern der, deffen Emlüfung er fordert —, zeigt, daß die Krise in der Entente ün vollen Umfang auscKwochen ist. Es geht um Macht und um Geld, imd das sind noch, -immer die bösesten Triebe gewesen. Poincare erwartet zugeftSndniffe von England. London, 16. Juli. (Wvlff.) Eine Meldung des Rentevschen Bureaus aus Paris bezeichnet die Rede des Ministerpräsidenten Poincare in Srnlis als eine indirekte Antwort an Bald Win, die darauf Wauslaufe, daß Frankreichs Politik unverändert bleibe. Die Rede erwecke den Eindruck, daß die Z u g e st ändnisse für eine, französisch-britische Einigung im Laufe der bevorstehenden Verhandlungen von britischer Seite kommen müßten. Frankreich» Schulden und die Reparationen. Paris, 16. Juli. Der Londoner Berichterstatter 'des „New-Aork Herald" meldet, in englischen Kreisen habe der Eindruck vorgeherrscht, daß die gestrige Rede Pöineares die Uebevmittlung des britischen Antwortentwuvfes nach Paris nur noch zu einer reinen Formalität mache. B a l d w i n sei, wie sein Vorgänger, bereit, hinsichtlich der französischen Schulden an England weitgehende Zugeständnisse zu machen, aber nur dann, wenn Frankreich sich bereit finde, seine H a l t u n g z u ä n d e r n und zu' einer geschäftsmäßigen Regelung der ReParationsfiUge seine Zustimmung zu geben. Der Gegensatz untiberbMÜbar? Paris, 16. Juli. Weitere Besprechungen des französischen Botschafters in London mit Lord Curzon werden, wie hier bestimmt angegeben wird, nicht mehr st a t t f i n d e n. Man ist in Paris der Meinung, daß die Differenzen über die Antwort an Deutschland ohnedies vollkommenunüberbrückbar seien, man glaubt, sobald die englische Note an Deutschland abgesendet sein werde, werde das Berliner Auswärtige Amt sich in einer Weise äußern, die es dem englischen Kabinett gestatten soll, seine Aktion fortzusetzen. In B r ü s s e l soll der e n g l i s ch e Bot sich a ft er aüß er ordentlich.täti g sein, jedoch glaub! man in französischen Kreisen nicht, daß es gelingen werde, Belgien auf Englands Seite hinüber zuziehen. Ir. Benesch al» BemMer. Paris, 16. Juli. Die Agence Havas meldet aus London: Der Reise des tschecho-flowak'rschen Ministers des Aeußern, . Dr. Benesch, nach Paris wird hier außerordentliche Bedeutung beigelegt. Doktor Benesch iverde alles aufbieten,' um die Kabinette von Paris und London dahin zu bringen, den Boden für eine. Verständigung.zu finden. In der britischen öffentlichen Meinung tritt die Anschauung zutage, daß dieses Ziel erreichbar sei. Brussel, 16. Juli.' §Tel.-iKomp.) Der tschecho-lslowakische Ministerpräsident Benesch wird für Mittwoch in Brüssel erwartet, wo.er mit Theunis und Jaspar konferieren wird. Die erste Spür des Entflohenen. Leipzig, 16. Juli. Die Ermittlungen über die Flucht. - E h r Hardts haben -folgende . Anhaltspunkte ergeben: Freitag nachmittags wurde beim Hotel Deutsches Haus, das in unmittelbarer Nähe der Gefangenenanstalt gelegen ist, ein offener Kraftwagen beobachtet, dessen. Motor lief. Beim Wagen war zunächst nur ein; junger Mann, der Zeitung las, anscheinend der Führer des Wagens. Kurz vor 5 Uhr erschienen drei Iveitere Personen im eiligen Lauf von der Wächterstraße oder vom Peter Steinweg her, bestiegen das Auto und fuhren in schnellem Tempo davon. Von den bei der Abfahrt hinzugekommenen Personen trug ein junger Manu mit blondgelockten Haaren eine Kappe unter dem Arm. Er war.mit dunkelgrauein Anzug bekleidet und nahm an der Seite des. Führers Platz. Von den übrigen' ztvei Personen, die in den Wagen stiegen, trug eine t einen g r a u e n A n z u g. Dies dürfte Ehrhardt gewesen sein. Die Nummer des Wagens Ivar 1. N. 5985 oder 1. N. 6983. Dieser Wagen ist einige Tage vorher in einer Leipziger Repäraturwevkstätte eingestellt worden und trug dort die Nummer 2. Ä. 3347. Diese Nummer ist am 13. Juli mH eiltet der genanten Nummern vertauscht worden. Die Gattin als Mittlerin. - ' Leipzig, 16.' Juli. (Tel. 'der „Wiener Morgenzoitmrg".) Wie jetzt bekannt wird, genoß die Gattin E'hrhard.ts.die Erlaubnis, den Verhafteten jederzeit zu besuchen, und sich ohne Zeugen mit ihm M u n t e r h a l t e n. Die Polizei, vermutet, daß sie es war, die dem Entflohene n die zur Oeffnuug der Türen nötigen S ch'lüfs el in die H ände gespielt -hat. Eine Verhaftung. Berlin, 16. Juli. (Tel. , der „Wiener Morgenzeitung".) Wie die Blätter aus München melden, wurde dort die Prinzessin M a r g a r e t h e v. H o h e nl o h e - O e h r i n g e u, die -beschuldigt wird, nach dem K a p p - P u t s ch dmr General L ü t t w i tz und dem jetzt aus dem Leipziger Untersuchungsaefänanis entflohenen Korvettegkapitän Ehrhardt Unterkunft gewährt 'zu haben, ver Hafte t. Ferner liegt gegen die Prinzessin die Beschuldigung des Meineides vor, da sie s e i n e r z e i t u n t e r E i d uusgesagt hatte, Ehrhardt nicht zu kennen, und, als ihr das Gegenteil nachgewiesen wurde, ihre ursprüngliche Aussage widerrief. Die Verhaft u n g der Prinzestim stellt sich als eine V o r s i ch t s m a ß n a h m e der Staatsanwaltschaft dar, die vermutet, daß nach der Flucht Ehrhardts auch die Prinzessin sich mit Fluchtgedanken trage. Weiters sei gegen Professor S ch l ö s s e r - S ch a f tl e ch, den Vorsitzenden des OrdnungMocks, ein Haftbefehl erlassen worden. Professor Schlösser fei aber auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses nicht haftsä-hig. Cndlich sollte Hoch ein Student verhaftet werden; dieser sei ' jedoch bis jetzt nicht gefunden worden. mmmamtmammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmummmm&mm Auf dem Wege zum Zrientfrieden. Keine unlösbaren Schwierigkeiten. Lausanne, 16. Juli. (Schweiz. Depeischemigmtur.) Die. alliierten und die türkischen^ Experten traten heute morgens zu einer Sitzu-ng. zusammen, in der die Frage der Entfernn »tz. d e r Mari ne ,st r e rtk raste, über, die noch: keine Verständiigung erzielt worden ist, behandelt würde. Die Türten hieltkm. an ihrem Begchren nach sofortiger R ä umnng der M.eerengen durch die alliierten Schöffe fest, wWend die.AMevten die weitere AnLves-enheit von einigen^ SWGen verlangten. Die Diskussionsoll ' heute nachinittags foiügesetzt werden.. Die Schwierigkeiten werden nicht'als - betoachtej.. 1 Die Expevteu erörterten auch die Frage der Konzessionen. Es wurden die Grundzüge für ein Abkommen festge- - steLilt.'Die, MllertM willigten in den Bek.Kich.t. auf das Vorzugsrecht -ein. Dee Diskussion wurde auf nachmtbags vertagt. Lausarme, 16. Juli. (Schweiz. Depcischenagentur.) BeüiseLas «schien heute bei Ismet Pascha, um Hur für seine Intervention bei der Nogierung von Angora zugunsten der siebzehn Griechen zu danken, die in Beicos aus politische» Gründen §iwn Tode verurteilt worden waren. Er'gab Jsinet Pascha noch Einige Fälle mit der Bitte bekannt, sein'möglichstes zu tun, damit die türkischen Behörden", den. aus politischen Gründen Verurteilten die Bestimmungen des Amnestie vertrag es zugute kommen lasse«. Jsnet Pascha erüvidevte, er tverde nach Angora depeschieren, ' um die Ausmerffamkeit feiner Regierung aus diese neuen Fälle zu lenken. Ieutsch-rusfischer Konsularabkommen. Berlin, 16. Juli. (Wolfs.) Die deutsch-russische Kam» unffivn für.die.'Ausgestaltung des Rapallovertrages hat die erste und zweite.Lesung des Konsularabkomme n s beendet, wobei mit Ausnahme weniger Punkte zwischen beiden Teilen ein Einverständnis erzielt wurde. De Kommission wird jetzt eine Pause m ihren Verhandlungen cilitveten lassen, die durch die Notwendigkeit der Einholung von Instruktionen aus Moskau bedingt ist. Nach dieser llnterbrechung werden die Berhandlmigen in Beckin fortgesetzt werden. Der bisherige Verlauf berechtigt zu der Ertvartung, daß über «och offenen Fragen ohne Schwierigkeiten eine Einigung erzrett werden wird,