Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1588 (15.7.1923)
- Date
- 1923-07-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Sk. 1688 Wien, ©Mtnlafl Aus der Reise. Hat man der Reffe durch das gelobte Land der HaTenkveuglerei mit einigen! Bangen entgegengeis-chen, >so wind man angenehm überrascht. Wir spazierten durch so manche bayrische Stadt und halben kein einziges 'Hakenkreuz gesehen. Der zierliche Schmuck fehlt aus der? Plakaten, den Mauern, ja sogar, auf den Klostttwändou. Selbst in den Knopslöchievn -ist er weit seltener zu finden, und namentlich in Fremdenstädten. wie Nürnberg wird die Hakeukvouzl-ergösinnmr-g wahrscheinlich nrehr innerlich als äußerlich getragen. Auch mit der gcpircfjtct-en „Aufenihalltsbowilligung", von der man uns in allen Dur- und Moll-Tonarten -erzählte, daß sie für Juden einfach nicht zu erlangen se>i, ist es längst nicht so schlinnn bestellt, wie die Darstellung besagt. In den meisten Städten kräht kein Hahn danach. Nur in Bamberg besuchte uns ein pflichteifriger Gendarm um 8 Uhr morgens und stellte uns nach eingehender Besichtigung unserer Pässe die Wahl, entweder binnen 24 Stunden aibznvedsen oder um die Bewilligung vorzusipvochen. Wir wählen das erste, denn wir hegten keineswegs die Absicht, uns ,Mein-Ven-edig" (eigentlich: Sehr-iKlem- WmMg) länger als die gewährte Frist hinidnrch 'zu betrachten, anochten auch noch so vieltürmige Kirchen dazu verlocken. Uebvigens Zweiifle ich nicht daran, daß wir die Erlaubnis erhalten hätten. Tritt die Gegnerschaft gegen uns doch viel leiser auf. Selbst der Streit zwischen einer Oebstlerr-r.' und einer Rassegenossin, den. wir auf dom lustigen und malerischen Marktplatz der Stadt mitmrzuhören Gelegenheit fanden und der um ein Pfund Weißkohl ging, bot keinen Anlaß zur Ber- ' Wendung der bei uns so go'läirsigm Koseworte und Schmeichelnamen. Aber wenn der Judenhaß im ,-Reich" auch stiller zum Ausdruck gelangt, darüber, daß er vorhanden ist, wird man nur allzu ratsch «belehrt. Jedes politische Gespräch gibt Gelegenhoiit dazu. Und in Deutschland wird immer noch gewaltig viel pokrWsrt. Während man sich!6et uns m Gegenwart von Fremden immer eine gewisse Reserve autferlegt und Vorsicht walten läßt, wird jenseits der rot-weißen Grenzpsähle munter drausilvs geschwätzt. Kaum hat man sich im GisenbahnlwaHen emgerichtet, die Koffer im Gepäcknetz verstaut, so beginnt schon das Kannegießer.«. Gin heftiger Meinungsaustausch hebt an, bei dem etwa mitredende Juden sachte zur Geile geschoben werden. Man kann noch so fest und denMch ans se-in-em Platz sitzen, man ist mit ememmal nicht mehr im Abteil. Begnügen sich ober die meisten damit, über die Inden hinweg oder durch sie hindurch zu sprechen, so gehen' andere noch weiter. Da rügt der eine große PoliMvr die UntzNverkäsftgkert der Gewerkchaften, die daraus zu erklären sei, daß diese Gewerkschaften zum größten Mil nicht von' Deutschen geleitet würden, sondern von „deutschen Staatsangehörigen Wischer Konfession". Ware Formel,' die anschvinimd von den Juden selbst gewählt wurde, und die man immer wieder Zu hören bekommt.) Gm anderer spricht von ,-HM»alsiattschen Böliöerschaften", die gegenwärtig Berlin bevölkern, denn selbstverständlich sind auch in Deutschland die Ostjuden der Puffer zwischen den Ariern und den Ärcheimffchen Juden, ein dritter erzählt Geschichten von der Feigheit der Staatsangehörigen" imKvieg, Geischichten, die so deutlich den Stempel -gehässiger Echnchung tragen, daß sich jedes Wort evüibvigt. FreÄich — sie fluchen nicht und sie gebrauchen keine Schimpfnamen, sie singen «keine SpoMieder und iber ,-Dcru- W" schwebt nicht auf aller Lippen. Aber unter der Maske der äußeren HöisiichM schimmert bald genug der Haß, der nackte, klare, tiefinnerliche Gerinanenhaß. Die «KuMSvrerteren, die bester Erzogenen verstehen es, diesen Haß unter guten Formen zu verdecken. Aber er Mengt dennoch in jedem Wort rnit, er dringt in jedem Gespräch an die Oberfläche. Wulf der Fahrt Mer einen -der Seen der mecklenburgischen Seenpl>attiq, da hörte ich einen Juden mit dem Schiffer „plattdLtsch suakeu". Er sprach es ausgeMichnet, so gut wie gewisse Wiener Juden die Aelpilev-Mrrndcrrt. Und der' lentbuuger Schiffer tat auch genau dasselbe, was ein stewischer Bauer getan hätte: er lächelte geringschätzig und knurrte zwei Worte (reines Hochdeutsch) zur Antwort. Wofür er von dom entzückten Juden mit drei mächtigen Zigarren belohnt wurde und beide Teile höchlich befriedigt waren. Daß wir den Aubiederungsvevsuch mit «kritischen Augen folgten, störte die all- . gemeine Harmonie nicht -im mindesten. Es gibt äben überall unyomLMche Menschen. K. M. Dar Berliner Shinesenreftnnrlmt. Exotische Gaststätten an der Spree. Zierlrn ist durch die MarLontwertmrg in einem Grade international geworden, wie es London oder New-York schon seit Jahrzenten sind. Ms vor vier Jahren die ersten exotischen Gesichter in der Frredrichsstraße oder anr Kurfürstendämm auftauchten, blieben zunächst die Menschen stehen und wunderten sich über den neuen Einschlag, den das Straßenbild durch sie bekam. Würden sich die Äaqtsbüvger Amerikas oder der europäischen Länder in ihren Physiognomischen Grundzügen stärker vom Deutschen unterscheiden, so bekäme man erst den richtigen, Begriff von dem Umfang der Durchsetzung Berlins mit ausländischen Gestalten. Aber da es eine intevnationale Mode gibt, die die Keklerduug nach einem für alle zivilisierten Rassen Mtigen Schema regdlt und da das Profil der Deutschen sich vom Gesichtstyp eines modernen Russen oder eines Engländers nicht aus den ersten Blick unterscheidet, tauchen im Straßenleben Berlins viele Angehörige fremder Nationen als deutsche Staatsbürger unter. In dieser Beziehung sind die Angehörigen exotischer Rassen, wie Japaner, Chinesen, Inder nnd Neger schlechter daran. Sie können ihre Herkunft wfedjt leugnen, auch wenn sie sich kleidungsmäßig der enropäi- scheu Konvention unterordnen. Aus der Straße, in Waren- Wiener Morgenzertung. 15. Juli 1923 Seite t Der Mord In der Gesandtschaft. Häusern, inr Theater und in den Restaurants — überall erkennt man sie auf den ersten Blick. Es ist verständlich, wenn sie im Gewoge der fremden Großstadt nach eine^r Insel verlangen, ans der sie ungestört unter sich sein können. Sie haben die zeitweise Absonderung vom berlinischen Europäertnm um so nötiger, als der Unterschied zwischen ihren Lebensgewohnheiten und den unsrigen weit größer ist als der zwischen Osteuropäern und Westeuropäern. Der Unternehmungsgeist eines klugen Chinesen hat vor einiger Zeit, den Bedürfnissen seiner Landsleute Rechnung tragend, eine Lokalität geschaffen, wo sich die Angehörigen der gelben Rasse «ein Rendezvous geben können. Der Europäer, der einen Blick in dieses exotische Etablissement wirft, findet, die chinesische Kolonie an abendländisch gedeckten Tischen beieinander. Die Ausstattung «der Räume des Tientsin-Restaurants ist übrigens um keinen Grad exotischer als die zahlreichen Berliner Cafes mit ihren stilistischen Gewagtheiten. Es scheint sogar, als habe der chinesische Restaurateur in der Kantstraße die gelben Vorhänge nnd die stoffumspannten Ampeln von seinem deutschen Vorgänger übernommen. Ist das nicht der Fall, so darf dieses Lokal, das vernmtlich «den ostasiatischen Geischmack repräsentiert, als Beweis dafür gelten, daß die Chmesisierung des kaffeehausmäßigen deutschen Ausstattungsstiles schon recht weit vorgeschritten ist. Dieses Chinesenrestanrant ist eine Gaststätte ohne Damen, oder nur mit vereinzelten Damen, die in dieser Berliner Filiale vom Reich der Mitte das Europäertum vertreten. Man bemerkt hier zweierlei : daß es Chinesinnen so gut wie gar nicht in Berlin gibt (sonst säßen sie bestimmt hier) und daß das männliche Geischlecht vom Jang-tse-kiang fast ausnahmslos junge, bartlose Gestalten mit Jntellektualprofil an die Spree geschickt hat. Sie sitzen in größeren Gruppen an den langen Tischen, trinken Bier öder Wein und lasten sich von deutschen Kellnern bedienen. Die Speisekarte ist ein zweisprachiges Kuriosum. Links blühen die hektographischen chinesische^ Lettern, unenträtselbar für den Normaldeutschen und rechts steht alles noch einmal in allgemein verständlicher deutscher Sprache. Die achtundzwanzig Gerichte, die da auf gewöhnlichen Konzeptpapier verewigt stehen, könnten auch die Speisekarte einer deutschen. Bierquelle zieren. Vom Schweinebraten bis zum Rinderragout und vom Rührei bis zum Gurkensalat sind so ziemlich alle deutschen Nationalgerichte vorhanden. Selbst das urdeutsche Eisbein ist vertreten. Erft bei näherem Sttrdmm enthüllt die Spestekarte Sonderdinge .wie Chicken-ChoPs-sury, Gurri-Huhir oder Glal. Der obligatorische Reis ist in einigen Variationen da. Aber die Speisen werden in Schüsseln gerecht und beim Servieren klappern die. Kellner nicht mit Messer und Gabel, sondern . mtt Alpaka-Stäbchen. Auf allen Tischen stehen seltsame Gewürzbehälter. Der freundliche Wirt aus Tientsin enthüllte mir das Geheimnis seiner Speisekarte. Er deutete mit der Hand nach der Küche, in der zwei chinesische Köche in weißen Kitteln und einige Berliner Abwaschfrauen hantierten. Sämtliche Gerichte werden nach, ostasiatischer Manier znbereitet und mit chinesischen^ Gewirken. versehen. .Wes wird ragoutmäßig tranchiert, i sei es nnp Filet, Schmorbraten oder' Huhn.. Auch das urdeutsche' Eishein wird ■ nationalchinesisch Dekliniert und er-, lebt als Bvatmgevicht eine seltsame Verwandlung. Dieses metamorphosierte Eisbein wird als einziges Gericht unzerschmtten serviert. Aber die Chinesen essen es trotzdem nicht mit Messer nnd Gabel. Sie zerkleinern es erst und bedienen sich dann der obligatorilschen Stäbchen, die sie tvie dünne Kneifzangen zwischen dem zweiten und dritten Finger halten. Sie leeren mit viel Geschick die Schüsseln bis zum letzten Rest, und wenn sie Sauce übrig bchalten, nchmen sie die Schüssel an die Lippen. Für das Tientsinrestaurant sind jetzt eine Anzahl chinesischer Gemüse aus Ostasien unterwegs. Auch die Weine, Liköre und Tees sind orginal chinesischer Herkunft. Aber eine Umstellung der gesamten Speisekarte auf chinesische Verhältnisse ist unnröglich, weil viele Lebensmittel die weite Reise nicht vertragen würden. Die deutschen Kellner im Tientsin-Restaurant werden von der chinesischen Küche verpflegt und sie sind recht zufrieden damit. Sie haben im letzten Vierteljahr erheblich an Körpergewicht zugenommen. Die Herren der chinesischen Gesandtschaft sind ständige Gäste dieses exotischen Restaurants. Viele Japaner zählen ebenfalls zum Stammpublikum. Aber das Einvernehmen zwischen diesen beiden benachbarten Nationen scheint nicht sehr groß zu sein; die Japaner sitzen in einem abgeschlossenen Raum für sich. Auch Inder und Amerikaner nehmen an den langen Tafeln Platz. Die Inder erscheinen gewöhnlich erst nach zchn Uhr abends, wenn die Chinesen mit dem Essen fertig sind. Sie häben ein großes Ausdehnungsbedürfrris, das sich in den Stunden des Hochbetriebs schwer befriedigen läßt. Das Chmesenrestcmrant, inr Zentrum des Fremdenviertels gelegen, ist jedenfalls der größte exotische Rettdezvousplatz in Berlin. Die deutsche Reichshauptstadt ist an Ansländerresianrants nicht arm. Bei den meisten liegt das exotische Schwergewicht in ihrem Namen. Ihre «Speisen bilden ein deutschfremdländisches Konglomerat mit höchstens zwei, drei Nationalgerichten als Konzession für wählerische Gäste. Die Russen, die den weitaus stärksten Faktor unter den Berliner Fremden bilden, haben in den Lokalitätenteppich eine Anzahl moskowitischer Punkte gestickt, in denen sich aber auch Deutsche heinrisch fühlen, die ihre kosmopolitische Einstellung für eine Art zivilisatorische Notwendigkeit halten. Dreiser modernen Geste mitteleuropäischer Weltbürger kommen auch die amerikanischen Bars entgegen, in denen noch nicht einmal die Gäste echt sind. Auch die italienischen Weinstuben führen ihren Namen größtenteils bloß zum' Anreiz fiir Deutsche und «das türkische Cafe in Wtttenbergplotz-Nähe ist berühmt höchstens wegen seines noch einigermaßen mokkaähnlichen Mokkas; aber nicht wegen des osmanifchen Einschlags seiner Gäste, von dem nicht viel'zu spüren ist. Das gilt auch von den ungarischen Gaststätten «südlich vom Gpvttelmarkt, deren paprizierte «Küche von' Slawen und Berlinern gleichzeitig bevorzugt wird. In Ancona beginnt in kurzer Zeit ein Prozeß, auf den die römische Gesellschaft mit Spannung wartet. Ein Liebesdrama, dessen «Schauplatz Peking war, ist der Gegenstand der Verhandlung, und das Rätsel, das über der Angelegenheit ruht, reizt zu den merkwürdigsten Vermutungen. Die Marquise Armanda Durazzo, die Gattin des ehemaligen italienischen Gesandten in Peking, steht unter der Anklage, einen Mordversuch an der schönen jungen Italienerin Maria Chiocei unternommen zu haben. Das tvar anr 9. Juni 1920 im Hotel der Schlaftvagengesellschaft in Peking. Aber ist dort ivirklich ein Verbrechen geschehen? Maria Chioeci kam nach China, um dort einen Freund, den Handelsattache der italienischen Gesandtschaft Alfredo V i t r i, zu besuchen. Eines Abends fand man sie im Gang des Hotels nahe dem Zimmer, das sie bewohnte, ohnmächtig, in einer Blutlache. Zwei Tage darauf verübte der Attache Selbstmord, ohne, die geringste Erklärung für ferne Handlung zu hinterlassen. Maria Chioeci wurde bewußtlos ins amerikanische Hospital gebracht, und niemand glaubte, daß es gelingen würde, sie dem Tode zu entreißen, denn die Adern beider Hände waren tief -durchschnitten. Und doch entrann sie dem Tode. Die junge Italienerin erhob gegen die Marquise Dura z z o die Anklage, daß sie ihr nach dem Leben getrachtet habe. Die Marquise gab zwar zu, die Chiocei mit der R e i t p e i t s ch c geprügelt zu haben, wobei sie sie vielleicht auch anr Kopfe verletzt habe, leugnete aber, daß sie ihr die Adern geöffnet halbe. Zwei. Aerzte, die als Sachverständige herangezogen tvurden, stellten sich in ihrem Gutachten aus den entgegengesetzten Standpunkt. Der Professor S c a b r a unterstützte die Version der Marquise, Dr. Fibbi machte die der Maria Chiocei zu der seinen. Nun wurde Prosefs-or Pise nti aus Bologna als Obersachverständiger zu Rate gezogen, und er sagte, die Verletzungen an den Pulsadern könne die Marqnise nicht gemacht haben. Jetzt aber steigt erst recht die «Frage auf, wer denn eigentlich diese grausamen Verletzungen -der -verliebten Schönheit beigebracht haben könne. Und hier öffnet sich das werteste 'Feld für den RomaMchter. Wenn man wrEich ann-immt, daß die Marquise unschuldig ist, dann bleibt noch ein Geheimnis: Was hatte die Marquis« mit der Reitpeitsche im Hotel zu suchen? Beim RMk von Beiz. Ein Gespräch über den Bolschewismus. Gin Kaschauer Journalist -besuchte dieser Tage den in Nagymrhaly besiMichen Großrabbiner von Betz und schildert seine dort g-eiwonnenen Eindrücke wie folgt: ' Vor der Türe lebenstzesährliches Gedränge. Menschen weinen und jammern. Man hört Rufe: „O, du «lieiber Gott,' ich warte schon den drttten Tag, und -weiß Gott, -ob ich hrneinkmmnen kann." Der Hausherr, der dem Rabbi GasHremrdschast gewährt, verschafft mir den Zutritt. Im Zimmer des Rabbi sechs geschäftige Sekretäre. Aus hundert Kopsen lugen schnsüchtige Augen durch das offene Fenster. Menschen, die nicht das ersehnte Glück ha>ben, vor das Antlitz des verehrten Ra-M ffu gelangen, möchten wenigstens einiges von dom erhaschen, was -im Zimmer vortgcht. Am anderem Fenster sitzt der Rabbi. Sein langer Bart ist sorgfältig gepflegt, seine vom Losen müden Augen blicken vor sich him, sein Gesicht «weist viele Falten aus, die Stirne verrät schwere Sorgen. Der ganze Kopf, ist wie ein aus dem Rahmen getretenes Van 'Dyck-Bild. Der Generalsekretär stellt mich dem Rabbi vor, der mir mit liebenswürdigem Lächeln die Hand reicht und mich einlädt, Pbatz zu nehmen. Er fragt mich nach meinem Begchren. ,Jch «will wohl nicht politisieren," antwortete ich, „aber ich möchte doch die Ansicht des Rabbi über den russi-schen Bolschewismus hören." ,ß>h religronssemdliche Tendenz des Bolschewismus gehört heute zu den täglichen Problemen der öiffentlichen Meinung," antwortete der -RaWi-, «und ist daher gemeinhin bekannt. Leider sind auch viele hewövragenide R-Mmr-er durch die religionssÄMiche Haltung der Bolschewiken in die schwierigsten Situatiowen geraten. So auch der «weltber-ühmte, gelehrte Rabkbi von Äju«bawic, der schon an verschiedenen Orten versuchte, zur Ruhe zu kommen, aber überall verfolgt tvird. Ich will mich nicht in Prophezeiungen e-inl-ass-en. Die Zukunft liegt in der Hand der Borfchung und die wird auch über die Zukunft des Bckschswismus entscheiden." Auf die Frage, ob er viel weltliche Zei-tung-en lese, antwortete der Rabbi, daß er hierzu keine Zeit habe, denn die jüdische Wissenschaft sei so groß und tief, daß ein Menschenleben ftrr ihre Ergründung nicht ausreiche. ,Mmn hat der RaWi wohl auch keine Kenntnis davon," tvars der FournMst ein, Jbajj die Menschen «böse und schlecht sind-und immer schlechter wevden." tr£)' das weiß ich," erwiderte -der Rabbi, „und das verursacht mir viel Schmerz. Ich spreche mit sehr vielen-Men*' schon. Auch meine Sekretäre b-er-ichten mir über «bic, Vorgänge in der großen Welt, so daß ich inr allgemeinen über alles unterrichtet bin. Die Gnade liegt bei dem All-mächt-ig-en, er verzecht unsere Sünden und wir müssen hoffen, das; die Wölfe schließlich zahm werden müssen-." „Ist der Rabbi nicht der Ansicht, daß die Macht der Religion im Abn-chmen begri-ffen ist?" fragte der Journalist zu-m Schluss«. „Die Süwden der Menschen sind groß, aber nre-i-ne Beobachtamglen lehren mich, daß die Religiosität im J-udentum immer mehr anwächst und an Tiefe zunimmt. Besonders von der aus demr Weltkrieg heiurgekchrten Jugend kann festgeskellt werden, daß sie zrvr Religion ihrer Ahnen M'ückkchrt, und ich -bin voll des Glaubens, -daß die Religiosität wieder die Herrin auf Erdenwerden wird."