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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-15 · Heft 1588 (15.7.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1588 (15.7.1923)
Date
1923-07-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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m. im Wev, Sonntag Wiener Morgenzettun^ Sekte l Briefe aus der Kriegszeit. «eerfeldes Kamvs gegen die patriotische« FAschungen. Eilt halbes Ia.hr vor dem groben Zuiamnm:bruch vichtÄe Haupimanu v. Beerfel-Le die drei rachftehenden <cctt der ,Mager Presse" zum erstenmal vevÄffentlicfytcn') Bviefe an den damaligen deutschen Kronprinzen, an den Prinzen Heinrich von Preußen, den Bruder des Kaisers, mJb an Kaiser Wilhelm. Man wird diese Doknm-cnte der Gewissensnot eines -anfr-echteu 'Mannes, dem seine Verfolger nichts anderes verwerfen konnten als seinen nnerlschntieMchen Wahrheit smut. heute, wo seine BorMÄsetzungen sich erfüllt haben, nicht ohne tiche Anteilnahme leiser«. Der gewesene Haupt-mann des GeneväÜstabes v. B-cerfelde war zn einer Zeit, als dies im kaiserlichen DeutWand säst so gefährlich war wie in >der heutigen RepnbM. ein tätiger Pazifist. An den deutschen Kronprinzen. Berilin, DortnAmderstvahe 16, den 16. Mär>z 1918. Eure kaiserliche Hoheit! Eurer raiserlichcn Hoheit untevbveite ich -allevuniertänigst anliegerd die 'Abschrift -em-es Briefes, den ich an Seine Majestät den Kaiser gerichtet habe, weil ich es nicht Mehr vvit ansehcn konnte, daß DeutM-aud blindlings seinem Untergang zU'getrie'ben wird. Den Brieif an Eurer kaiseMchen Hoheit Vater habe ich Ms dem Empfinden geschrieben, daß es schließlich in einer Zeit wie der heutigen P s licht eines Menschen und Deutschen werden kann, sich für seine innersten Klarheiten «und sein Vaterland in jeder Weise ganz einzuifetzm, mag daraus si'rr ihn werden, was will. Es ist gar wicht zu sagen, was im Volke und auch unter Hochgeistellten immer mehr über den Krieg, seine Entstehung und seine Aussichten vertraulich geäußert wird. Das geschieht put großen Teil nicht aus Kleinmütigkeit oder mangelnder Baterilandsliebe, sondern aus tietfer Treue, starkem Wahrheitssmn und reifer Erlkvnn'tuis der weltpolitischen und menschheitlichen Zusammerchänge und Ziele dieses mrerhörten Ringens. Noch keinen jedoch fand ich, der den Mut besaß, solche Bedenken Mid Erkenntnisse durchschlagender Art an maßgebender Stelle offen zur Sprache zu bringen. Unser, in Violen Zugen wundervolles VoW ist zu einer merkwürdigen BedientenihaftigAeit erzogen, die ihm in Mlserer Zeit geradezu zun: Verhängnis geworden ist; es entbchvt jeder Zivilcourage. Schließlich meinen es doch alle unsere leitenden Stellen im Grunde gut' mit Deutischllcmd und wollen ihr Bestes für feine MMche Zukunft tun. Aber in der Wahl der Mttel, dies zu erreichen, gchen wir ebenso fchl, wie in der Klarheit über die Ziele. Da muH rücksichtslose Aufklärung oinsetzen^ weil die Fühlung zur Wirklichkeit und zum Volke fehlt; geht es doch um alles. Ich beschwöre Eure kaiserliche Hoheit, einigen, wiMch im Erleben der Zeit sichenden und die Welt kennenden Persönlichksiier«, die ich nennen könnte, einmal gründlich Gehör schenken zu wollen. Eure kaiserliche Hoheit werden erschüttert sein über die Eröffnungen, die sie machen werden. Es stcht ja für unser Vaterland zu viel auf dem Spiel, auch «für Eurer Hoheit gesamte Familie. Und, wahrhaftig, es ist nicht umnäMch, das schwerste Unglück noch zu wenden, wenn an den maßgebenden Stellen« jetzt noch die notwendigen Erkenntnisse duvchdringen und die Konsequenzen daraus gezogen werden; Diese liegen aus den innersten Gebielon des menschlichen und Bölkerlebens überhaupl. Die Zeit ist vorbei, in der -Völkerschicksale noch durch Schwert-gewalt endgültig entschieden werden können. Im Grunde sind ja alle Völker wie auch alle Menschen auf friedliche u:tib gütliche Verstand igu ng angelegt und fahren am -besten dabei. Man hat sich nur zu wenig gekannt und verstanden, stand sich zu »nißtraulisch gegenüber, rüsiei-e dan>ern!d und baute Völkerischicksale auf rei-n äußere Machtfaktoren auf, was ja arrgesichts der heutigen Kriegsmittel allein schon« ein Wahnsinn ist. Die Menscheirunltbürdiglkei-t dieses Sichveruichtens empfindet man mit der Länge des Krieges draußen an der Front 'woch tiefer als in der Ho:n:-at. Etwas davon aber ist jedem: Menschen, der überhaupt nachdenkt und entpfiudet, aufgegangen. Wir schreiten doch auch vorwärts in der Entwicklung. Unmöglich kann es der Sinn der Geschichte sein, daß Kultur mühsam aufgo'baut wird, um sie aus irrigen Gründen dann wie wahnsinnig zu vernichten. Wenn Mch heute Vielleicht die Menschen und Völker noch nicht so weit sind, daß sie ganz brüderlich für einander empfinden können und ihre Verfchie-dmheiten ihnen noch nicht ein Antrieb zur fruchtbaren Ergänzung sind, so ahnen wir ldoch alle schon etwas -davon und feiöcu um so mehr unter diesem hoffnungslosen Ringen, als wir empfinden, daß damit ja nie eine wirkliche Lösung all der Mensthheitsnot geschaffen iverden kaum. Sollte dann aber so viel edelstes Glut im kotzten Grunde doch umsonst geflossen sein, so unsagbare Leihen an Körper und Seele fruchtlos bleiben?! Haben -wir als bes.eelte Menschen nicht die Verpflichtung, die Dinge von innen heraus zu betrachten und zu lösen zu versuchen? Ich lege Eurer kaiserlichen Hoheit noch . drei Bricfabschviften -bei, die in denselben Richtung sich bemühten. Im Falle Exzellenz Ludendo rff war der einzige sichtbare Erfolg der, daß ich auf Grund lügenhafter, jetzt zur Artzeige gebrachter Angaben des Chefs der Nachrichtenabteilung fson Stabes, Kostumes, Jtlanieautc, Seagowns et Sourrures ST&lefon <55073, Slb 1. Mugust gelangen Original 3?ariser^Modelle zur Vorführung Das Darlehen. Aus dem Jüdischer des Abr. Reisen. Der größte Markttag in Kleinenke ist „Ulas". Das Städtchen wartet auf „Mas" mit schlagendem Herzen und mit großen Hoffnungen. „Mas" sagen die Klemenker Kräuter und Händler ist „Gottes Segen", gäbe es nicht „Mas", wäre Klemenke schon lange nicht mehr Klemenke, Amerika würde noch die restlichen Paar Inden von dort ausgenommen haben. Zn „Utas" braucht man aber „Material". Die Krämer nrüssen Ware haben und die Karlfleute — Geld. Ohne dieses „Material" ist „Mas" auch gleich Null. lind Chaim, der Getreidehändler, geht umfjeu wie rot. . Dis zu „Mas" sind im ganzen noch drei Tage und er hat noch feine Kopeke, um sein Magazin öffnen zu können. lind auf dein Marktplatz drehen sich die Getreidehändler mit verschobenen Mützen, mit dicken Zigarren oder Pfeifen rin Milnde ititb mit Stöcken in der Hand herum und disputieren eifrig über den koinmenden Jahrmarkt. „In drei Tagen \m diese Zeit!" ruft einer. „Pst!" ruft ein ztoeiter in Ekstase. „Irr drei Tagen um diese Zoit wird schoir der Markt übervoll sein. Kleinigkeit! „Mas!" Und Chainl wird blaß. Er nröchte gerne zu Gott beterk, er inöge an diesem Tage regiren, schneien mrd Stürme wüten lassen, daß kein toller Hund auf den Markt komme. Chaim weiß aber, daß „Ulcrs" kein „furchtsamer Junge" ist. „Mas" fürchtet sich mcht vor dem größten Unwetter — „Mas" bleibt - „Mas". Und Chaim glotzt mit darr Augen herum: „Ein Genrrlath Chessd"*) wo bekommt man ein „Gemilath Chefed?" Einen Fnnfundtzlvanziger ioemgstens .. Er geht viele mit sonren Bitten an. Aber alle antworten lnit ettuem iromschen Lächeln: „Verrückt!? Vor einem Jahrmarkt - Geld!" Und Chainl fürchtet, daß er wirklich verrückt ivivd ... *) Zinsenloses Darlehen. „Vielleicht gehst du zu Leib Bars?" rät ihm seine Frau, die tiefem Anteil an seinen: Kummer nimmt. „Daran Hab' ich schon selbst gedacht," .antwortete Chaim in Gedanken versunken, „aber. . ." „Aber? . . wiederholt sein Weib mit fragendem Blick. Chainl will ihr antworten: „Aber ich kann nicht zu ihm gch'n, ich habe keinen Akut dazu . . .", er schämt sich jedoch vor denr Weibe und antwortet: „Hol' ihn der Teufel! Er wird mir ilicht leihen." „Versuchen kam: man es doch," redete sie ihm zu. Und Chain: berechnet, daß er in der Tat keinen anderen Ausweg hat, und Leib Bars ist doch ein reicher Jude und wohnt mit ihn: in derselben Gasse, sie sind also Nachbarn, und Geld für den Markttag braucht Leib Bärs auch nicht, er ist doch Maldhändler. „Gib mir den Samstagüberzieher heraus," sagt er zu seinem Weib in entschlossenem Ton. „Natürlich!" sagt sein Weib znstimmend, das beste Stück, das beste Stück, um hinzugehen zu „ihm". .Und Chaim stellt sich vor den halbzerbrochenen ffetuen Spiegel, der an der Wand Längt, streicht mit beiden Händen seinen Bart, schiebt die „Pajes" (Schläfenlocken) hinter die Ohren, dann nimmt er seinen Hut herunter und wischt ihn mit seinen: Aermel. „Schail nur, bin ich nicht rückwärts mit Kalk verschmiert?" „Eine Frage!" antwortete ihm sein Weib und beginnt, ihm mit beiden Handelt den Rückei: zu klopfen. „Bei mrs war einmal eine Bürste, scheint mir. Wo ist sie, ha?" „Du hast vielleicht geträumt," sagt sie, ihm weiter de:: Rücken klopfend, und fährt fort: „Nun, das heißt aber verschmiert! .. „Nu, genug schon des Klopfens," sagt Chain: wie im Zorn, „ich will schon geh'n..." Mit einem Seufzer hat er dm: Ueberzieher angelegt, und mit den Worten: „Soll „er" so leben, wie, er mir Geld leihen wird," ist er weggegMgen. & 15. Juli 1923 zwei Atonale unschuldig in Haft gehalten Wunde, bis ich zweimal und endgültig freigejprocheu wurde. Eure kaiserliche Hoheit achte ich als lieben, guten Men» schert und habe daher ein tiefes persönliches Vertrauen, das 'inir andere Worte eingibt, als ich sie sonst brauchen konnte. Haben Cure kaiserliche Hoheit nicht um meinetwillen, sondern nni .unserer kämpfenden und blutend.>n Kameraden itttö unseres standhaften Volkes willen Evbarrne-n und nehmen sich der ver. zweifelt ernste:: Lage an! Deutschland u:üßte zugrunde gehen -- daran besteht kein Zweifel — auch als militärischer Sieger, tvenn sich tu ihm ilicht -Menschen fänden, die, alles verleugnend, sich aus Liebe zu se-iner -und der Menschheit besserer Zukunft dafür einfetzen, das; der Weg erkannt und gegangen wird, der allein eine Lösung ermöglicht. Es ist der Weg der Wahrheit, der Erkenntnis und Beflsitignng unserer Fehler. Das ist nicht und nioinals Schwäche und Kleinmütigk-cit, sondem nur Größe und Stärke. Fehler haben anch die anderen. Aber' Deutschland stcht im Mittelpunkt des Meltgeschchens, eS hat auch zweist.Aos durch seine einseitige mMiärisch-bureankraiifcha Goi-stesverfassimg eilte objektive Schuld an: Kriege. Wir müssen uns aus diesem Zustande auf eine menschenwürdige und gvistige Art befreien und damit den Krieg zum Zusammenbruch bringen. Das können wir, wenn dem Volke eine ganz freiheitliche Verfassung — etwa ein stark soziachs Wolkskaiser'' tum -die es verdient hat, gegeben wird, wenn wir weiter auf alle zwangsmätzigen Gobieisabtret-nngen und Angliedrrnngeu verzichten und Belgien für geschchenes Unrecht entschädigen, über Elsaß-Lothringen aber uns mit Fvankroich verftänpigen :>m Interesse seiner Bevölkerung. Wir kommen dann ganz sicher schneller und billiger zum Frieden, als wenn wir rücksichtslos und kurzsichtig weiter teirr-e militärische Machtpolitik treiben, die alle Beteiligten miterschöpft und doch keine .dauernd haltbaren Zustände zwischen den Völkern zu schaffen vermöchte. Dies muß und wird der letzte große Ausweg mit der Waffe sein. Wen aber in ihr alle>:n sein Herl sieht, wird dabei zwgrundr gehen. So etwas -dämmert heute in Millionen auf, und wir sollten mit der Verwirklichung dieser Erkenntnisse nicht wavien, bis unsagbar schwere und unersetzliche Opfer iveitsr ai: ein doch nie tsrreichbares Ziel gesetzt sind. Schließlich gibt es in der Welt auch höhere Werte als Länderbesitz und Waffengewalt. Das Volk wird am reichsten, glücklichsten -und längsten leiben, das das gerechteste -und tüchtigste-ist. Nicht Kleinmut gilbt mir diiese Betrachtungsweise ein, sonderu der unbedingte Glaube an unser Volk -und an die Menschheit, die zu Höherem -bestimmt ist, als sich gegenfeitig bis zum Weißbluten zu vernichten. Wenn' Deutschland in Sprache und Haltung endlich sich zu versöhnlicher Menschlichkeit ÄÄkemrt, daun wird es -bald einen gevechtm Frieden schaffen helfen und einmal größer in der Welt dastchen, als es auf irgend eine andere Weise ntöglich ist. Gehen Eure kaiserliche Hoheit einmal weinen Darlegungen nach! Darmn bitte ich von ganzem Herzen. Und fetzen sich Eure kaiserliche Hoheit, wenn -sie Stich halten, eimnal mit voller 5kvcrft dafür om. Die Sache ist wahrhaf-tig .des Einsatzes wert wie kerne andere. In Treue und allevuntertäni-gster Dankbarkeit bin ich Eurer täifevlichen Hoheit zugehöriger Hans Georg von Geerfelde Hcmptmanu a. D. kdt. zum Stellv. Genstb. * Und während er zu Leib Bärs geht, zittert ihm das Herz. Sein ganzes Leben lang, seit Leib Bärs da an der Gassenecke wohnt/ war Chaim bei ihm im ganzen zweimal. Für Chain: war der jetzige Gang keine leichte. Sache. Das Vvchcms, die hellen Zimm-er, die -großen Spregel, die feinen Möbel, und Leib Bärs selbst mit seinem langen, breiten Bart, mit dem strengen Mick der Reichen, der Reichtum, die fröhlichen, glücklichen Kmder, sogar die Magd, welche ihm seit jenem zweitenmal im Gedächtnis geblieben ist, das alles hatte ihn: Schrecken eingejagt, itttb er sagt sich selbst „wohin gehst du? bist du verrückt, geh' zurück!" U:w er bleibt oft minutenlang stehen inmitten des Weges. Nur der Gedanke, daß bald „Ulas" näht uird er kein Geld hat, um sein Magazin zu öffnen, treibt ihn immer weiter. wird mir nicht leihen, es ist alle Hoffnung umsonst . . so bereitet er sich unterwegs auf eine Absage vor, er fühlt jedoch, daß er nicht irnstande sein wird, den Mmd zu öffnen, um sein Anliegen zu äußern, wenn er sich in: voraus die Hoffnüg nimmt, und er tröstet sich: „Wenn man ihn bei gutem Humor antrifft, wird er leihen. Warum sollte er sich fürchten, mir einige Rubel Wer den Markttag zu leihen? Sowie ich nur die Ware verkaufe, bekommt er sofort sein „Gemilach Chesed". Ich will ihm schwören bei Weib und Kind ... er wird glaubet: . . . und ich werde ihn: doch wirklich Zurückgaben." Dies gibt ihn: aber dennoch nicht den Mut ivieder und er sucht anderen Trost, ein aiweres Mttel, um seit: Selbstbewußsevn zu stärken. „Er ist kein schlechter Mensch . . . und dann kem:t er mich doch nicht von heute; schon zwanzig Jahre wohnen wir in derselben Gasse, in der Paraboskergasse ..." Änd Chaim erinnert sich, wie Leib Bärs vor zwei Wochen vorbeigegangen ist, und er, Chain:, ist gerade auf dem Hof gestanden und hat ihm frmndlich, wie es sich einem „G'wir"*) gegermber schickt, „guten Morgen" gesagt (er könnte schwören, sö glmibt er sich jetzt erinnern zu können, daß er ihm damals die Hand gereicht), und wie Leib Bärs ihm freuMich den Gruß erwidert hat und sogar stehen geblieben ist uW ihn wie ein alter Bekannter gefragt hat: *) Ein reicher Manu

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