Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-07-14 · Heft 1587 (14.7.1923) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1587 (14.7.1923)
Date
1923-07-14
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980668--15414-3002238
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

HM 8 Wien, Samstag_ Wiener Morgenzettung. 14. IM 1928_ 1587 ■anaggsgaa An Wort zur Fräse der jüdischen Zugendbewegung. Jede Bewegung innerhalb der Völkergesamtheit läßt sich auf ein starkes, umwälzendes Erlebnis zurückführeir. Je nachdem das Erlebnis politischer, sozialer oder kultureller Natur ist, ist die Bewegung eine politische, soziale oder kulturelle. Für die Bewegung an sich ist es gleichgültig, ob zuerst einem Großen das Motiv (Erlebnis) treibende Idee wurde, den sich dann die übrigen anschlossen oder ob es gleichzeitig einer gewissen Anzahl von Maschen zum Bewußtsein kam. Die Bewegung entsteht immer als Reaktion auf gewisse imhaltbare Zustände, deren Abschaffung und Erneuerung sie verlangt und durchführen will. Die jüdische Bolvegung seit Moses Heß und Pinsker, die im politischen Zionismus Sokolows ihren Niederschlag fand, -ist der Beginn jüdischer Jugendbewegung. Es ist seMvrrstündlich, daß die Jugend, gemäß ihver Rolle in der menschlichen Gesellschaft, als Avantgarde (im uichtstrategischen Sinne) den ganzen Auserstchungsprozeß im jüdischen Volke und des jüdischen Volles mitmachte und gleichzeitig oder respektive infolgedessen auf die autzerjüdischen, also allgemeinen, menschlich-europäischen Geschchnisse schärfer und — sprechen wir das letztens so verpönt gewordene Wort aus — völkisch reagierte. Aber mit der Zeit versandete vieles. Im russischen Osten, wo der gesündeste und jüdischeste Teil des Judentums sich befindet, stellte sich dem Zionismus der Sozialismus entgegen. Und es ist nicht verwun-- derlich, daß der europäisierte russische Jude, der tief in der breiren, heimatlichen Ebene wurzelt, ganz in der anarchistisch-kommunistischen Bewegung, die fa seinem Wesen entsprach, aufging. Im Westen war es die Assimilation, dir, besonders in Deutschland, sehr stark am Judentum« fraß und die die possierlichsten Homunkulusse der „deutschen Idee" erzeugte. Aber auch die jüdische Jugendbewegung um Achad-Hamn und Herzl verlor in der Trägheit der Zeit ihre Begeisterung, wurde lau und lebte von populistischen Disputen und schnsüchtigen Hoffnungen. Ich will einen, weiten Schritt machen. Es kam der Weltkrieg, eines der gewaltigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit, die russische Revolution und ihre Begleiterscheinungen. Eine neue Lust schien durch Europa zn 'wehen. Aus Moskau kam die Heilslehm der Proletarischen MolLrevolutron. Es wankt« das europäisch» Staatengebäude. Einen Augenblick schien es, als ob die kühnster politischen Hoffnungen der Jugendbewegung weit überholt würden. Im Rausch der Revolntionsjahre waren im Jdeenkomplex der jüdischen Jugendbewegung, die- Lei jeder Tenrpexaturänderuug aus politisch-sozialem Gebiete einen genauen Ausschlag yichvies und mit der Revolution Schritt gehalten hatte, zwei Gedanken aufgetaucht, dir sehr bald praktische Formen annahmen. Der eine, Erez, die uralte Sehnsucht nach Palästina, wurde verwirklicht, als Jaffa stimm Hasen der Immigration öffnete. Nach gekühltem Taumel der Nachkriegsjahre ging die Begeisterung auf Erez über, ans die Arbeit, im Lande für das Land. Mau verließ die Schulen und Werkstätten und führ hinüber. Jetzt sei der Zeitpunkt der Genläh gekommen, das Land rufe, Messias sei erschienen. Der zweite Gedanke — dem Jdeenkreise der deutschen Jugendbewegung entstammend, aber teilweise von jüdischen Führern geboren — ist die neue Gemeinschaft aus kebensoesormerischer Grundlage. Eine Abkehr von jedem Parteisozialismns, die mchr oder minder kommunistische Gemeinschaft als gesundes Prinzip geistigen und wirtschaftlichen Zusammenlebens — Lei Fair Hagil' adi. Eine Erzählung für unsere Kleinen. Hebräisch von Isaak Herzberg, übersetzt von dm Geschwistern L ebenso hm 1. Die Richter. Die Geschichte, die ich euch, meine lieben Kinder, nunmehr erzählen werde, trug sich vor vielen Jahrhunderten, zur Zeit der Richter, zu. Damals faßen' noch unsere Väter in ihrem schönen und guten Lande, in Erez Israel; kurz nach dem Tode Jehoschuas, Sohn des Nun, der siegreich mit den Kanaanitern gekämpft, das Land erobert und es unter die Stämme Israels verteilt hatte. Solange Jehoschua lebte, herrschte unter den Stämmen Friede und Freundschaft: sie bearbeiteten den fruchtbaren Boden und beteten ihren Gott, den Gott Israels, an. Wer nach dem Tode Jehoschuas hörte die Einigkeit unter den Stämmen aus, jeder lebte und so rg te nur für sich, und das, meine lieben Kleinen, buchte über sie großes Unglück. . " ~ -. Die benachbarten Völker, die bei Lebzeiten Jehoschuas es nicht gewagt hatten, sich in einen Kampf' gegen die : Juden einzulassen, überfielen sie nun, als sie sahen, daß die Stämme infolge der Uneinigkeit schwach und wehrlos geworden waren, bedrängten sie, legten ihnen hohe Tribute - aus, nahmen Frauen und Kinder gefangen und verkauften sie als Mägde und Sklaven den fremden Völkern: " •' In ihrer Not riefen nun die Juden den Ewigen, ihren Gott an, und Gott der Barmherzige erhörte ihr Flehen und sandte ihnen einen Helden, der auch später ihr Richter war. Diese Richter waren es auch, die die Helden der einzelnen Stamme sammelten, mit ihnen in dm 'Kampf gegen die Feinde zogen, sie unterwarfen und so das Volk von ihren Bedrängern 'befreiten. Diese Zeit dauerte fast dreihundert Jahre und man nennt sie „ta8 Zeitalter der Richter". Mer nicht dem ganzen Volle konnte Wettbewerb zur Ausschmückung eines Mischen Jugendheimes. Gruvve I: Zeichnungen. Gruppe II. Malereien. Gruppe»!: Plastiken. Gruppe IV: LauWgeu. andere Holzarbeiten. Die Arbeiten sollen bis 20. August l. I. dem Sekretariat des Jugendveferates, 2. Bez., Taborstratze 69, übergeben werden. Ein dom Jusendverbaud bereits ernanntes Prslsrichterkollegium wird über die Zuerkennung der Preise entscheiden. I. Preis : Herzlr Tagebücher. ». Preis: Mische Geschichte von Griltz. I». Preis: 8iue Gordon-Plakette. Außerdem 10 Trostpreise. selbstverständlicher voller Wahrung der persönlichen Individualität (Eigenart) —, Unabhängigkeit gegenüber der geistigbourgeoisen Umwelt und ihren unnatürlichen und unsittlichen Begriffen und Schaffung einer eigenen, neuen Kultursphare. Wir sind somit bei der Gegenwart angelangt. Ich behaupte nun, da cs in der Galuth keine jüdische Jugendbewegung mehr gibt, ja, daß es gar lÄn nne hr geben kann. Im Momente, wo es in Erez eine jung-jüdische Arbeiterbewegung gibt, W int Sinne der Erkenntnisse der Jugendbewegung kämpst und lebt (ich. denke vor allem an'die drei Gdudiuu des Haschomer hazair), hat jede Jugendbewegung in 'brr Galuth theoretisch und faktisch ihre Existenzberechtigung verloren. Der Stand der Lage ist also ungefähr folgender: Die Chaluzbewegung ist — sowohl im Osten als auch'im Westen — eine rein praktische Angelegenheit, die sich, für den einzelnen als Folge seiner ideellen Anschäunngen ergibt. In der Gesamtheit ist die Lhaluzbewe'gung nichts anderes, als der Jmmigrationsstrom junger Menschen, dem an sich alles spezifisch Jugendbeweglcrische fehlt. Bleiben die diversen Jugendorganisationen, von denen nur wenige eventuell zur Jr'.gendbvwegung zählen tonnten. Man muß sie aber ablehnen, da sie der Sache nicht einmal als O rg a n i s a 1 i o n e n i n d e r G a l u t h nützlich sind. Es ist. selbstverständlich, daß aus den Organisatiounl sich viel machen ließe, wenn die Führer mit dem. nötigere Ernst imb Verständnis an der Arbeit wären. ES könnte die Vorarbeit für das hebräische Palästina geleistet werden. Und das will viel sagen. . Schupo G i n s b e r g.' der Richter Hilfe leisten, denn er war nicht mächtig genug, das ganze Volk zu vereinen, und so blieben einige Stämme in ihrem alten Zustand und waren weiter den benachbarten^ Ländern tributpflichtig. So. auch das kleine Städtchen Jawesch-Gil'ad, dessen Geschichte ich euch erzählen will. 2. Das Städtchen Jawesch-Gistad. . Ein niedliches, kleines Städtchen war JaweschMil'ad. Tief im Tat lag es, umgeben von höhen grünen Bergen und. großen, lieblichen Gärten. Ueppige ' Getreidefelder zogen in langen Reihen dahin, Wiesen, aus denen Scharen von Herden weideten, deren angenehme Stimmen im Echo, einer zarten und seinen Melodie gleich, von den Bergen widevhallten. Längs der Berge schlängelte sich in wunderbarer Schnelligkeit ein Fluß' dahin, in dessen klarem Wasser die Sonne sich in tausend Farben widerspiegelte. - Den Wiesen entlang standen Reihen von niedrigen, kleinen Häusern und Obstgärten mit Bäumen voll süßer, feiner Früchte, wie Trauben, Etrogim, Mandeln und Feigen, kurz das Land, wo Milch und Honig fließt, war dieses Städtchen. Die Bewohner Jäüvesch-Ml'ads lebten in Frieden und Eintracht, halsen sich gegenseitig, bearbeiteten ihren Boden,.Preßten ihren Wein und führten ihr Bich auf die Weide. Aber die schwere Last, ihren Feinden, den Bewohnern der benachbarten Berge, einen jährlichen Tribut zahlen zu'müssen, ließ ihnen keine. RHe. 3. Nachasch*), König der Amöniter. Nf dem Gipfel eines der hohen Berge, in der 9tähe Gil'ads, erhob sich ein Prächtiges Schloß mit einem hohen Turm in der Mitte und je einem kleineren zu beiden Seiten. Dies verlieh ihmdaS Aussehen eines Adlers mit angespreizten Fittichen und einem scharfen Schnabel, der von seiner hohen Lage aus ans das kleine, im Tale liegende ^Schlange. Es sind im ganzen einige Monate her, da mir noch die zionistische Bewegung gänzlich fern lag. Sie interessierte mich ebensowenig, wie alles was das Judentum betraf. Warm ich gestehen soll, hatte ich sogar eine gewisse Abneigung dagegen. Nun traf eL sich zufällig, daß ich einen Ausflug mft e:r.cm zionistischen Vcicin machte. Es war mt Gruppe von Mädchen und Burschen, und eS war ihr freies ungezwungenes Benehmen, das mich sofort für sie eingenommen hatte. Ich erkannte auch schon, daß hier eine schöne Geschwisterliche verkörpert war, oder besser gesagt-, das Frerrndschafisideal. Sonderbar! Ein Gefühl dev Zusammengehörigkeit, der Geborgenheit erfaßte nrich. Was war es, -das sie hier alle verband? Sicherlich die Beteiligung an eurer gsmeinsanmr Arbeit rmd ihr; Schaffensfreude — ihre Jugend und ihre Kraft, und natürlich daß sie Juden waren. Man schritt lustig vorwärts, man sang, man unterhielt sich, >es ging ganz „jung" zu. Auf der Wiese wurden Auszüge aus einem jüngsten Buch der jüdischen Literatur vorgelesen. Man diskutierte und stritt darüber, wo man einen gesunden Geist erkennen konnte. Hier hatte man sagen können -—in «enl-em ge-, sundonr Körper, ein gesunder Geist — in einem schönem Körper eine schöne Seele. Ich schämte mich Plötzlich; immer Hatte ich die Vorstellung, die Juden seien Schwächlinge und Feiglinge, aber das Bild 'das sich mir hier bot, war das der Kraft, deZ Mutes und der Schönheit. War denn hier jeder einzelne schön? ich schaute sie mir an — nein, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl und all das, was ihre Freundschaft ausmachte, ihre Kraft und Jugend, gab dem Ganzen ein Ge-, präge der Schönheit. Dich Natur und diese Jugend! Beide ergänzten sich hier. Diese Stille, dieses Sprechen und Lachen, dies alles gehörte dazu, dies alles bildete eine unvergleichliche Harmonie. Ja, cs war echte Jugend. Ich versprach, auch cinnml zu ihrem Heimabenden zu kommen und ich kam. Es fand gewöhnlich ein Vortrag statt oder ein Buch wurde gelesen und erörtert. Jeder durste hier seine Anschauungen und Ideen frei äußern und wenn sie noch so oppositionell sich verhielten. Man lvar hier nicht beschränkt, man wollte hier niemanden cffvas ausdrängen. Und doch, inuner mehr wurde ich von dein hier allgemein herrschenden Geist eingenommen; immer mehr ließ ich von allem Alten ab, was mir jetzt morsch und brüchig vorkam. Eines Tages erkannte ich, daß ich nichts mehr von meinem alten Wesen mehr besaß rmd daß ich ganz frei von jeder Haltlosigkeit war. Einmal fragte man mich, ob ich nicht ein Mitglied des Vereines werden möchte. Aber, rief ich mit Freude heraus, ich gehöre: ja schon längst zu euch! All die vergangenen Jahre, das war ein unbewußtes Suchen nach euch, und jetzt habe ich euch gesunden, und ich freue mich. Sie alle kamen mit Freude hierher, hier verbrachten sie auch die Stunden ihres Vergnügens und nicht in Kaffeehäusern usw. wie die anderen. Hier war die Stätte des Verscherckens und des Nehmens, die Stätte dev gegenseitigen Förderung, hiev entwickelten sie sich zu Menschell, Jawesch-Gil'ad hmunterschaute. Deshalb namtte man dieses Schloß „Kan-Noscharim" :t:). Eine stark befestigte hohe Mauer-umgab das Schloß und rmr ein einiger Weg führte in die Burg. Eiserne Tore versperrten den Eingang und der auf feinem Wachposten sichende Wächter schaute zuerst durch die im Turm angebrachte Lute und um bei besonders richtigen Gelegenheiten Pflegte er die Tore zu öffnen. Dies tvar das Schloß des Awoniterkonigs Nachasch. Mächtig war König Nachasch. Zahlreich mW stark sein Heer; 600 eiserne Wagon und Reiter ohne Zahl standen zu seinem Gebot. Mit diesen Pflegte Nachasch gegen die benachbarten Völker zu kämpfen. Die Bewohner Jaiwesch-Gil'ads litten besonders unter seiner Herrschaft und mußten ihm außergewöhnlich hohe Tribute zahlen. 4. Der Plötzliche Schrecken. Und es geschah einige Tage vor SuWoth, an einem der schönen Herbsttage, die sich in Erez-Jsrael durch die Wohlgerüche der reisen Früchte besonders auszeichmn und in denen der Bauer die Mahd einsammelt, rveshalb auch jener Feiertag ,Dhag-h-aastf- '**) genannt wird. > Die Bewohner Jawesch-Gillads hatten alle Hände voll zu tun: Die Männer, ans den Feldern, die Frauen zu Hause beim Geflügel und die Kinder auf den Wissen bei den Herden. Und siehe, da erdröhnt Plötzlich Posaunenschall und Pferdegetrapp erschüttert die Erde. Die Bewohner Jaitvesch-Gil'ads bemerkten einen Reiter hoch M Roß den Berg hinuntertraben. Angst erfaßt die Menge, denn sie weiß, daß er ein Gesandter des Königs ist, der eine schlechte Botschaft bringen soll. Mit zitternden Herzen mld ohtte ein Wort zu sprechen verließen sie die Arbeit und versammelten sich auf der , breiten Wiese, in der Mitte der Stadt. i}!+- (Fovtsetzmrg sichst-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.