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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-10 · Heft 1583 (10.7.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1583 (10.7.1923)
Date
1923-07-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wrerr, Dienstag Wiener MorgenzeiLuns. 10. Juli 1923 Nr. lS8a Wie wir berichteten, begann gestern in Riga eme Konferenz der Außenminister der baltischen Staaten. Der „Pester Aohd" setzt den Zweck der Beratungen wie folgt auseinander: . Es handelt sich in der Hauptsache um die Entscheidung kr Frage, was unter dem Begriff eines Ra«-« staatenbund.es zn verstehen sei und welcher Zweck bie Liga zusammensühren soll. Als Alt-ftakt für die Konferenz kann die jüngste Rede des litauischen Außenministers in Sejm gelten. Es wurde demonstrativ bewnt, das anzustrebende Ziel sei ein Bund Eftlands, Lettlands, Litauens und Finnlands. Zweifellos bedeutete die Aeußeruug einen Wink an die Adreffe )es frankophilen estnischen Außenministers, mit seinem Mn einer Einbeziehung 'Polens auf der Konferenz zucückzuhalten. Zur Diskussion stehen vier nrögliche Arten eines baltischen Bmrdes. Erstens käme eine Vereinigung in dem oon Litauen verlangten Ausmaße in Betracht, zweitens die Einbeziehung Polens, drittens die Einbeziehung Polens und der skandinavischen Staaten, viertens die Zulassung Polens, Deutschlands, Rußlands und Skandinaviens. Die neuartige vierte Idee wird in den Besprechungen zu Riga ebenfalls erörtert werden; sie ist aber zu großzügig und diplomatisch noch zu wenig vorbereitet, um als eine Saat, die vielleicht einmal Früchte tragen kann, gewertet zu werden. Der baltische Bund der vierten Art soll die Anrainer der Ostsee in einer Art Völkerbund im kleinen zusammenifichren, um dergestalt den Frieden zu sichern und das Mißtrauen Rußlands und Deutschlands zu beseitigen. Sobald einmal die beiden letztgenannten Großmächte in dmr Völkerbund ausgenommen seien, soll dann der baltische Bund als geschlossene Gruppe, ähnlich der kleinen Entente, in der Liga austreten. Der Plan dürfte nicht nur in Frankreich, sondern in England Bedenken auslösen. Die französische Politik erstrebt bekanntlich einen baltischen Bund unter Polens Führung, um,Deutschland und Rußland voneinander zu trennen, England wünscht keine Ausbreitung des französischen Einflusses an der Ostsee, kann aber kaum die Entstehung einer geeinigten Vormacht in den baltischen Gewässern ohne Besorgnis dulden. Gegen die sofortige Bildung eines Bundes unter Führung Polens dürften sich nicht nur Litauer:, sondern auch Finnland zu Wehr setzen. Der finnische Exminister Holsti, der polenfrenndlich gesinnt ist, steht in Helsingfors ziemlich isoliert da: Die Resultate der Rigaer Konferenz dürften aller Wahrscheinlichkeit nach ziemlich bescheiden sein. Man wird neuerlich die gleichen wirtschaftlichen Interessen Estlands, Lettland, Litauens und Finnland konstatieren, die immer näher zu einer großen Zollunion führen dürften. Der estnische Außenminister hat kürzlich zu Kowno eine ziemlich weitgeAnde Konvention abgeschlossen. Zwischen Lettland und Estland bestehen schon großzügige Abmachungen. Estland.steht auch mit Finnland und Schweden auf sehr gutem Fuße. Auf den verschied'sntlichen Wirtschaftskonferenzrn wurde der Zusammenschluß der Randstaaten im engeren Sinne schon weitgehend vorbereitet. In den außenpolitiMn Belangen kommt mar: über den störenden Faktor des litauischpolnischer: Konflikts nicht hinweg.'" Da beide Teile von einer Nachgiebigkeit nichts wissen wollen, bleibt nur eine vermittelnde Tätigkeit Estlands und Lettlands .übrig. Das ganze Problem aber birgt zweifellos den Keim SU großen Konzeptionen in sich. Sefterreii Theorie lwd Praxis im Marxismus. Eine Gesellschaft amerikanischer Politiker und Weltreisender weilte längere Zeit in Sowjetrußlmrd. um vor: der: dortigen Zuständen ein richtiges Bild zu erhalten. Nach Berlin zurück- ' gekehrt, gaben die Herren Dr. Geome Earl R a r g u e I Und Christian Lynch dem Mitarbeiter der „American News" Gelegenheit zu einer längeren Unterredung über ihre Reiseeindrncke. Die' Fahrt näch Moskau' legte unser Bahnzug auf die M>M:te pünktlich zurück. Durch weite Felder ging die Fahrt. Jeder Zollbreit Boden ist bebaut, die Herden, sind ergänzt, überall sieht man, daß die Landwirtschaft aus den Ersaihvungen der Hungerperiode ihre Lehren gezogen hat. Die Landwirtschaft des nordwestlichen Rußlands arbeitet unermüdlich an dem Wiederaufbau ihres Landes. In den Hungerdistrikten der Wolga fällt der Mangel an Vieh, Pferden und Hunden auf. Alles ist gegessen worden. Im Norden dagegen blüht die Viehzucht, aus der die anderen Gebiete Ersatz für ihre Hnngerverkuste erhalten sollen. Das Zentrum des jüdischen Rußlands ist Minsks Hier herrscht auch die größte Unzufriedenheit über die russische Regierung, weil die jüdische Bevölkerung dem Kleinhandel ergeben ist, den die Regierung durch drückende Steuern schwer bedrängt. Diese Oppositionsstvmmung, die hier unter 200.000 Menschen, darunter 65 Prozent Juden, wurzelt, haben wir in gleicher Schärfe in keinem anderen Distrikt Rußlands gefunden. In Moskau wohnten wir in dein sogenannten „Gasthause", das die Regierung für fremde Besucher unterhält. Für diese Gastfreundschaft zahlte jeder sieben Dollar den Tag. Sonst hatten wir keine Unterstützung seitens der Regierung. Das Gasthaus ist das pompös eingerichtete Palms eines ftiiheren Zuckernragnattz^. Das Straßenbilid Moskaus überrascht. Jeder ist gut gekleidet, geht seine eigenen Wege und kümmert sich nicht um die anderen. .Der Grundsatz „alle Menschen sind gleich", hat auch im Sowjetl-mde keine Bedeutung. Hier gibt es Dienstboten und Besitzende. Alle Russen, vom höchsten Boaniten bis herunter zum kleinsten Muschik sind ehrlich davon überzeugt, daß Rußland das einzige unbesiegte Land des Weltkrieges. ist, die Alliierten dagegen die-Verlierer sind, besonders die Verlierer aller Versuche, die Sowjetregierung durch militärische Expeditionen zu stürzen. Die Interventtonen haben furchtbare Schemen angerichtet und Rußland beanspruucht für sich das Recht aus Wiedergutmachung dieser Verheerungen. Das polittsche .Hauptziel der Regierung ist. die Unterstützung der Bauern zu gewinnen T r o tz k y erklärte in einen: Gespräch mit Senator Brookh a r d, die Revolution sei hauptsächlich aus dom . Lager der Industriearbeiter hervorgegangen. Jetzt müsse man den Bauer gewinnen, der das Rückgrat des Landes bilde. Die Intellektuelle:: und der Mittelstand stehen in Opposition gegen die Regierung.. Trotzky sagte über die Intellektuellen: „Wir können nur den Intellektuellen trauen, die wir selbst herairgezogen haben." Diese Ausbildung wird eifrig betrieben. In allen Orten stehen Denkmäler von Karl Marx. Die Marxschen Grundsätze werden in jeder Schule, jeden: Versammlungslokal, jedem Bauernhaus gelehrt. In den Kinderstuben der Waisenhäuser, s'ntd altarähnllche Bauten angebracht mit den Bildnissen von Marx, Lenin und Trotzky. Bemerkenswert ist, daß die Russen versuchen, alles so zu drehen, daß es sich den Marxschen Grundsätzen anpaßt, statt diese Grundsätze auszuarLe'lten und Praktisch anwendbar zu machen. Kommunismus besteht eigentlich nur hinsichtlich der Austeilung des Landbesitzes. Der Bauer ist aber mit einer ländlichen Kommune mcht zufrieden, er will Besitzer sein und wissen, daß der Boden, den er im Schweiße seines Angesichts kultiviert, ihn: gehört und ihn: auch der Wert seiner Arbeit erhalten bleibt. Die Regierung scheint den Bauern in dieser Frage Entgegenkommen zu zeigen. Keiner glaubt an die Möglichkeit eines Umsturzes, und deshalb hält man es für das beste, mitzuarbeiten und mitzuhelfen. Die Bauern können irach Moskau kommen und ihre Wünsche Vorträgen. Petrograd ist eine ruinierte Stadt. Es ist fraglich, ob sie je wieder die alte Größe erreichen wird. Petrograd zeigt mehr als jede andere russische Stadt die Folgen des Umsturzes. Die Leider: des Mittolftaitdes sind furchtbar. Bon den zwei Millionen Einwohnern sind nur noch 600.000 übrig geblieben, von denen über 60 Prozent arbeitslos sind. Ohne die „Ara" wären sie längst verhungert. Kiew hat den Hunger nicht verspürt, dafür aber desto mehr durch Invasionen und Kämpfe gelitten. Es erhält wenig Hilfe vom Auslände. Innerhalb 18 Monaten hat Kiew 19 Regierungswechsels durchgemacht. Jetzt scheint man mit der ukra.inhs ch en S o w j e t r eg ieru n g zufrieden zu sein. Der Leiter der Regierung ist ' ein stämmiger Bauernsohn, der' aber in der Stadt an: Ladentisch gearbeitet hat. Er bemüht sich besonders' um die Entwicklung des Schulwesens. Die Kinder lernen Rufi sich, Deutsch und Französisch, aber kein Englisch. Odessa ist eine tote Stadt an: Rande des Hungerdistvikts. In denn großen Hafen lagen nur zwei Schisse. Die Industrie ist tot, die Arbeiter haben keinen Verdienst. Odessa wird erst wieder auserstehen, wenn der Handel der Welt mit Rußland neu aufunr— die Sozialdemokraten and die Reform der Jandesbahaen. Der Vorstand des Verbandes der sozialdemokratischen Abgeordneten hat sich Montag mit der Regierungsvorlage über die Bildung eines. Wirlschaftskörpers „Oesterreichische Bundesbahnen" beschäftigt. Der Vorstand hat die Vertreter des Verbandes im Unterausschuß beauftragt, folgende Erklärung abzugeben: Der Verband der sozialdemokratischen Abgeordneten hält es nur daun sür moglich, die Regierungsvorlage noch vor den Sommcrferien des Nationälrates zu verabschieden, wenn 1. auch das Besoldungsgesetz der Bund es angestellte u, und zwar im Einvernehmen mit dem von den Organisationen, und Personalvertretungen der Bundesangestellten eingesetzten Achterkomitee, noch vor den Sommerferien des Nationalrates abgeändert wird, und wenn 2. die vom Finanzministerium beabsichtigte Kürzung der Bemessungsgrundlage der Provisionen (einschließlich der sogenannten Gnadengäben) für Hilssbedienstete der Bundesbahnen unterbleibt und die Durchrechnung und Auszahlung für diese Provisionisten und Gnadengabler schleunigst angeovdnet wird. Unter diesen Voraussetzungen ist der Verband der sozialdemokratischen Abgeordneten bereit, in die Behandlung der Regierungsvorlage über die Bildung eines Wirischastskörpers „Oesterreichische Bundesbahnen" einzutreten, muß aber, -unbeschadet ariderer, aus ZweckmäßiAeitsgründen erforderlicher Abänderungsanträge, unbedingt auf folgende Abänderungen der Regierungsvorlage bestehen: 1. Die Bestimmung des § 4, Z. 2, der Regierungsvorlage, gemäß der das bestehende Dienstverhältnis der Bundesbähnaugestellten am 3V. Juni 1924 außer Kraft tritt und die BundcLbähncmgestellten sodann den Bestimmungen des a. b. Gi-'B. über dem Lohnvertrag unterworfen -werden, wenn -nicht bis zum 30. Juni 1924 eine Neuregelung des Dienstverhältnisses' vorgenonundn wird, ist zu' streiche::.' - 2. Die Vertreter des Personals in der Derwältungskonunission der Bundesbahnen müssen von: Zentralausschnß der Personalvertreü::^ nach dem Verhältniswahlrecht gewählt werden. ' Re Rrmahlen irr de« Wiener Gemeinderat. Die Funktionsdauer des gegenwärtigen Gemeinderat-Z läuft im Vkai des Jahres 1924 ab. Da nun die Parteien sich geeinigt haben, im Oktober dieses Jahres die Neuwahlen in den Nationalrat vorzunehmen, ist bekanntlich die Frage ventiliert worden, ob nicht zur selben Zeit gemeinsam mit den Nationalratswahlen auch die Wahlen in die Gemeinden und in die Bezirksvertretungen stattfinden könnten, damit die ungeheuren Wahlkosten vortingert werden. Während die Ehristlichsoziale Partei sich bereits einig ist in dieser Frage, haben bife Sozialdemokraten zu ihr noch kerne endgültige Äellung genommen. Das wird erst diese Woche aus der Wiener Konferenz stattfmden, wo die Vertrauensmänner der Gesamtpartei über diese Frage beraten -lverden. Fest steht heute nur, daß die Sozialdemokraten für die Neuwahl im Oktober ebenfalls sind, aber unentschieden ist es noch, um wie viel die Maridatszahl im Gemeinderat verkürzt werdet s o l l. Es . ist also vorläufig ganz müßig, davon zu sprechen, daß der Gemeinderat in Zukunft bestimmt um ein Viertel oder Fünftel seiner Mitglieder verkürzt lverden soll. Richtig istwie wir. aus dem Rathause erfahren, ttaß die Mandatszahl des Gemeinderates verringert werden wird. Und diese Tatsache ist für, die kleinen Minoritätsparteien von größter Bedeut:::^, da die Gefahr nahe liegt, daß auf ihrem Rücken d:e Ausgleichung ausgetragen wird. Bevor aber die Wiener Konferenz ihre Beschlüsse Nicht gefaßt hat, kann auch in dieser Richtung nichts gefolgert werden. Ser Fnlenmtiomle MittelAndskmgreß — Bern, 8. Juli. (Schweiz. Tep.-Ag.) Auf Wunsch &ci* Vertreter einiger Staaten, bei denen die Vorbereitungen für een •4 «'4 M i tteMauds k ö-LH.r.eß in Peru. und Dausanm -noch nicht genügend weit gediehen sind, und zufolge verschiedener grundsätzlicher Eingaben zu dem Entwurf der^ Statuten für >ben internationalen MittelständsbwN'd findet cm 10. -und 20. SeptoiNber in Bern eine größere Konferenz' der Delegierten der ain Kongreß vertretenen Länder zu desien V o rberatung statt. Der Kongreß selbst ist auf das Jahr 1924 verlegt worden; es halben sich bis jetzt fast alle -europäischen Staaten -dafür angemeldet. Ser nntkonaisoziaMsche Parteitag. Hitler in Wie«. Wie das „N. Wr. Mendblatt" berichtet, weilte vergangenen -Freitag der Führer der bayrischen NationalsoMistcn, Hitler, in Wien, um mit den hiesigen nationalsozialistischen Fiihrevn und einen: Vertreter der deutschen Parteigenossen auS der Tschecho-Slowakei über Parteiangelegenheite::, unter andern: über die Vorbereitungen zum Salzburger Parteitage, der an: 12., 18. und 14. August stattfinden soll, zn konferieren. Hitler, der in einem Privathause in der B riaitt en au abgestiegen war, reiste Samstag wieder ab. Budapest, 9. Juli. (Tel. der „Wiener Morge::zeitung".> Anläßlich der jüngsten B o m b e n a f f ä r e n in Budapest nahm die Regierung einen Anlauf zur Erfüllung einer Pflicht, die sie nahezu drei Jahre lang außer acht ließ, und etzte die bekanntesten Massenmörder der Horthy-Aera hinter Schloß und Riegel. Aber die plötzlich erwachte Reue hielt nicht lange an: Die notorischen Mörder wurden, wie bereits berichtet wurde, wieder ans freien Fuß gesetzt. Die öffentliche Meinung erkannte sofort, daß es sich wieder um ein Eingreifen des Reichsverwesers zugunsten seiner Schützlinge handelt. Oberstadthauptmann M a r i n o v i ch gab für dieses sonderbare Umfallen der Regierung die Erklärung, daß die berüchtigsten Judenmörder, Attila Rumbold, Ladislaus Jlly und Jesevich sowie andere, deshalb freigelassen werden mutzten, weil sie im Dienste —- jüdischer Firmelt stehen und' ihre Chefs mit ihnen außerordentlich zufrieden sind. Diese offizielle Meldung wirkte wie eine „Enthüllung", überraschte jedoch bloß die Uneingeweihten, die die Charakterschwäche gewisser Budapester „Großjudenkreise" nicht kennen.

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