Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1583 (10.7.1923)
- Date
- 1923-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EMlMMLNcNWV Wien: Zum Abholen in c(er Expedition, II.,'Taborstr.1-3, oder in einerVerschleisatelle (Trafik) monaÜ. K 28.000 Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 28.000 Tsche c h o-S1 owa k ei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon.Dinar40. Polen:Mon. Mk.25.000.D eu t s ch 1 an d: Mon.Mark25.000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 WW- Naohxahlnnjen "99 J»i PrdwrhBhungoa Vorbehalten Nr. 1583 Wien. Dienstag, 10. 8«Ii 1923 rscficicho-Slowaktiftr tschech. K 1.- Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, U., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44*0-38,43-3*19, ab6Uhrabas.l9-483,16-301 Tel-Adr.;,Morgenzeitung41 Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Zahrgang Entscheidende Lage. ~y, Nieir, 10. Sttlt. Die viel und oft mtcMMgte Entscheidung in dem Verhältnis Englands zu bet von Frankreich betriebenen diplomatischen Obstruktion soll in dieser Woche fallen. Das am 25. Mai gebildete Kabinett Baldwin hat sich reichlich Zeit gelassen, eine UelbereinstinnMMg der links und rechts gerichteten Konservativen hevbeizusühren, so viel Zeit, das; mittlerweile aus dem Kontinent nnkorrigier^baver Schaden angerichtet weichen konnte. Die Nutznießer dieser ZcmderpoMk sind die Chauvinisten Frankreichs und Deutschlands, die Zug um Zug zusammenwirken, um noch vor der Verständigung, ob sie nun aus gewaltsamen Wege oder durch friedliche Einwirkung erzielt wird, . vollzogene Tatsachen zu schaffen, aus denen sich politischer und materieller Gewinst ziehen läßt. Nun hat das englische Kabinett gestern eine neuerliche Beratung der Reparattonssrage vorgenommen und der Premierminister soll morgen, wie versichert vnrd, eine wichtige Erklärung im Unterhaus abgeben. Ob dies zutrisft, ist freilich noch sehr die Frage, denn im Laufe der letzten zrvei Monate hat es so viele unerfüllte Zusagen und Vertröstungen gegeben, daß der Pessimismus jedenfalls gerechtfertigt ist. Es muß freilich hervovgehobeu werden, daß die Lage der englischen Regierung eine sehr heMe ist. Es wird immer , wieder von Frankreich die Frage des Prestiges geflissentlich in den Vordergrund geschoben. Die französische Regierung will nicht davon abgehen,, daß Deutschland die Einstellung des passiven' Widerstandes in aller Form proklamieren urüffe und daß erst dann sicher die Räumung des Ruhrgeibietes und ge-, .sprochen werden könne.' Wf. - bloß die Regierung Pomcares festgelegt, sondern auch der Präsident der Repubulik, Herr Millerand, der am Sonntag wieder in einer Rede vor einein Kriegerdenkmal das aus dem Kriege so' unheilvoll bekannte Wort „bis ans Ende" ausgenommen hat. Diese Erklärung des Präsidenten ist eine neuerliche Ermutigung an die Unversöhnlichen zu beiden Seiten des Rheins, und cs ist sicher damit zu rechnen, daß Herr Ludendorff, heute der Herr der deutschen Politik, demnächst in die Tonart Millerands einstimmen wird. Das Echo dieser Reden sind dann die Salven der französischen Militärposten im RllhrgMet und die Brückenspvongnngen drr Hakenkreuzler. Es muß also das Ziel der englischen Politik sein, Frankwich davon zu überzeugen, daß es ans eigener Kraft nicht imstande sei, die Kapitulation Deutschlands zu erzwingen; diese allerdings sehr schwere Notlvendigkeit zeigt sich heute in einemetwas günstigeren Licht, da sich in Belgien Zeichen der Müdigkeit bemerkbar machen. Es wäre fteilich ein schwerer Fehler, wollte man übersehen, daß auf Seite Englands die Rücksicht auf den Fortbestand der Entente die entscheidende Rolle spielt. Dieses Bündnis ist in solche Bedrängnis geraten, daß man von ihm heute nur noch sagen kann, cs besteht noch. Eine faktische Lösung des Verhältnisses aber würde zu Verwicklungen führen, die sich vor allem am Leib Deutschlands, wie des mitteleuropäischen Systems überhaupt, - sehr schwer ■ fühlbar machen würden. Wer die europäischen Dinge besitzen in diesem Bündnis mir sekundäre Stelle; die - Hauptsachen bleichen die Fragen des fernen und des nahen Ostens, ein Ppöblenrko'mplex, der die Großmächte inuner wieder zusammenftihrt. Airs diesem Gebiet sind England und Frankreich viel weiter und nicht bloß ,mit ihrem Prestige engagiert, und es ist klar, daß hier der ReparationskdnsM immer nur die Rolle des Ausgleicholbjektes spielen kann. Eine Konzession im Osten, , zu der sich Frankreich versteht, bringt ihnr eine Konzession gegenüber Deutschland, und darum sind ldie Hoffnungen, dft immer wieder in der deutschen Presse in den Zerfall der Entente gesetzt werden, und die Prophezeiungen, daß er unmittelbar bevorstehe, in so starkem Widerspruch zu den Tatsachen. Auch der Fall, daß zwischen England , und Frankreich keine Einigung zustande kommt, bedeutet, keine Erleichterung für die Situation Deutschlands, das dann, seinem Feind in Paris und — München allein und geschwächt gegemtberstünde. . Mau kann-nur hoffen, daß Frankreich dem von London ans geübten Druck insoweit nachgeben tmrd, daß es. die Forderung nach einer formellen Erklärung der, deutschen Regierung fallen läßt- und sich' mit der stillschweigenden Zurückziehung aller ResistenKesehle begnügt. Irr Srientfriede gefichert. Sine Neußerung Zsmet Paschas. gation ihre Regierung über verschiedene PuMe des Berlin, 9. Juli. Wie die Blätter aus Lausanne melden, haben die Delegationen der Alliierten und die türkische Delegation der. lieber?,eugung Ausdruck gegeben, daß der Orient friede nunmehr abgeschlossen werden würde. Jsrnet Pascha habe beim Verlassen des Schloßhotels von Ouchy den Journalisten gesagt: Sie dürfen der Welt Mitteilen, daß der Friede gesichert ist. . Prinzipielle Einigung. Lausanne, 9. Juli. (Schweiz. Dep.-Ag.) Geht offizielles Commumque besagt: Die offiziösen Besprechungen, die seit Samstag stattgesünuden haben, lassen das Zustandekommen einer prinzipiellen Einigung zwischen den Delegationen der einladenden Mächte und der türkischen Delegation über die drei noch zu lösenden Fragen erwarten. Die Sachverständigen sind beauftragt worden, die vorbereiteten Texte im Sinne dieser Besprechungen abzuändern, woraus die Texte den zuständigen Ausschüssen der Konferenz werden vorgelegt werden. Wie die schweizerische Depeschenagentur erfährt, verzichten die Alliierten aus eine Erklärung der Türkei über den Zahlungsmodus. - Lausanne, 9. Juli. Die Schweizerische Depeschen- Agentur veröffentlicht über die in der Nacht vom Sonntag auf Montag zustandegekonMene Einigung : folgende Einzelheiten: Die Alliierten hüben . aus eine Erklärung' der Türkei - über.den?. Zahlu.ngsl-modus-m, der MeinWg -verzichtet,.!daß das Fchlen einer solchen Erklärung die MsiEen' a m F e fthalten an ihrer, grundsätz sichen Stellungnahme nicht hindere, wonach siedie Abänderung der von der Türkei mit ihren Gläubigern eingegangenen Verpflichtungen nur durch ein Uebereinkommen der türkischen Regierung mit den Gläubigern sür zulässig erachten. Die Alliierten behallen sich vor, eine dahingehende ErklgMng gemeinschaftlich abzugsben. Was die Frage' der Konzessionserteilung allbelangt, so hat die türkische Dele- Protokollentwurses Bericht erstattet. Infolgedessen können, noch keine' bestimmten Angaben gemacht werden. Die vorbereiteten Klauseln enthalten die Anerkennung der Konzefsionsverträge, die vor dem 29. Oktober 1914 abgeschlossen worden sind. Besondere Beftiinrnrmrgen sind über Vickers- Armstrong, die Petroleumkompagnie und die allgemeine Eisenbahn regle enthalten. Andere Bestimmungen sollen die Anpassung von Konzessionsverträgen an die neuen wirtschaftlichen Verhältnisse ermöglichen. Ebenso sind Bestimmungen über die Konzefsionsverträge in 'den von der Türkei losgetrennten Gebieten vorgesehen. v ' In der Frage der Räumung der noch von Allviertentruppen besetzten Gebietsteile der Türkei. ftttb ebenfalls Bestimmungen in den Vertragsentwurf ausgenommen. Danach soll die. Räumung sogleich nach der Ratifizierung des Vertrages durch die große Nationalversammlung erfolgen und der Mzug der Truppen innerhalb sechs Wochen d.urch- . geführt werden.- Kriegsschiffe und. Munition, die, der türkischen Regierung gehört haben, und sich in der Hand der Bosatzüngsarmee befinden, sind der Türkei zurückzugeben. Der Friodensvertrag wird erst nach Annahme durch drei Parlamente in' Rechtskraft erwachsen^ - An Rußland wird eine Einladung ergehen, sich bei der Unterzeichnung des Abkommens ' üb er die Meeren gen: vertreten M 'lassen.' Die - Antwort wird jedoch erst in einigen Tagen ernlangen. konllen. Es ist mtzunehmen-,daßdie feierliche Unters zeichnung des Friedensverirages nicht vor dem 17. ' oder dem 18. d. erfolgen kamt'.^ Rom, 9. Juli. Die „Tribuna" bezeichnet den Friedensschluß, als einen Sieg der Türkei, den sie der Uneinigkeit der Entente verdanke und vielleicht auch der Unterstützung Rußlands. Das Blatt verzeichnet weiters die Meldung, daß die Türkei auch über einen Vertrag mit Amerika und über -einen Handelsvertrag mit Polen verhandle. 8«dei freigesproche». Paris, 9. Juli. (Havas.) Das Schwurgericht hat Jude! fwigejprochen. - Die Freisprechung Judets ist mit 11 gegen 1 Stimme erfolgt. Bemsch' BermMungsaM». Paris, 9. IM. In W>espvechu,ng der Gründe für die Pariser Reise des tschecho-slowakischen Ministers des Aenß-nn, Dr. Benesch, führt das ,^Journal" nus, die Vorbereitung der Konferenz .der kleinen Entente, die Differenzen mit Polen und-der Abschluß eines Handelsvertrages zwischen Frankreich und -der Tschecho-iSlowa-kei seien.nicht die Haupturs-achen der Reise. Im Mbtelpunkte der Unterredungen stehe gewiß die wichtigste und aktuellste Frage, nämlich die durch die Besetzung des- Ruhrgebietes aufgeworfene Frage; ein Staat, dessen Bevölkerü-wg zu.einem Drittel aus Deutschen besteht, müßte durch ein Aufloben des' Imperialismus in dem großM Nachbavveiche gefähr-det werden. Das Blatt er-llä-rt jedoch, Dr. Benesch möge ernschen, daß -die Reparat-ionsfrage geradezu für die Existenz Frankreichs, entscheidend sei, daß sie sich daher für^kein Kompromiß und für keine halbe Lösung eigne. Ein geschickter Unterhändler urüsse begreifen, daß in gewissen AugenMcken die höchste Geschicklichkeit darin bestcht, sich auf die richtige Seite zu stellen./- London, 9. Juli. sWolff.) Zum Besuch des tschecho-. slowakischen Ministers des Amßevn Dr. Benesch m Paris schreibt ' der Viplomatische Berichterstatter der „Daily News": Benesch tverde wahrscheinlich morgen oder Mittwoch in London eintteffen, ttm dann nach Paris zuvnckzickchren. Er sei sicher' nicht von .Prag abgerefft, mt ungebeten die. Rolle eines - BerrnMers Mischen Frankreich und England;; zn; übernehnten, denn man' dürft Wohl daran erinnern, daß Dr. Benesch - von' der UeÄ^eugung durchdrungen sei, daß die Stabilität Europas aus dem güten Einvernehmen zwffchen Frankreich Md England beruhe, Dr. Benesch. hübe schon fMher bemerkenswerte Dienste /bei der Beilegung von Meinungsverschiedenheiten geleistet..- m deutscher Protest. Berlin, 9. Juli. (Wolfs.) Die deutschen Botschafter in London und Rom haben Weisung erhalten, bei der britischen und bei der italienischen Negierung gegen die unerträglichen Schwierigkeiten und die ernsten Gefahren Vorstellung zu erheben, die sich aus der von Frankreich und Belgien verhängten Grenzsperre zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Gebiete ergeben. Dabei wird neuerlich betont, daß durch die Unterbindung der Verkehrsmöglichkeiien die rheinischen Abgeordneten an der Ausübung ihrer verfassungsmäßigen Funktionen verhindert worden sind. Weiters wird dagegen protestiert, daß der Reichstagsabgeordnete Most aus Duisburg unter Nichtachtung seiner Immunität sogar als Geisel festgenommen worden ist. Ferner hat die Reichsregierung die genannten Botschafter angewiesen, mit allem Nachdruck die Todesurteile zur Sprache zu bringen, die am 29. Juni vom ftanzösischen Kriegsgericht in Mainz wegen angeblicher Eisenbahnsabotage gegen sieben Deuffche verhängt wurden. Weitere' geeignete Schritte sind auch an anderen Stellen unternommen worden, um die Vollstreckmm der Todesurteile zu verhüten. LeaenmgÄrawalle m Berk». Berlin, 9. Juli. (Del.-Komp.) In dem Potsdanrer Vorort'Nowawes kam es heute zu ernsten Lebensnüttelunruhen. Taufende von Männern und Frauen stüwnten aus dem Wochenmarkte die Fleffchevstände und zwangen die Inhaber, das Pfund Mersch, das 40.000 Mark kosten sollte, für 10.000 Mark cklUrgeben.^ Trotzdem die Polizei bald in Mion trat, zog die Menge weiter von Geschäft zu Geschäft und setzte die Preffe für alle Lebensmittel' bedeutend herunter. ' Sie WÄft»«g zur See. ' Paris, 9. Juli. (Havas.) Die Kammer beriet heute 'vol> mittags über den Gesetzentwurf, durch den die Zustimmung zu den Abkommen über den Stillen Ozean ausgesprochen wird. Kolonienminiister Sarraut erklärte, Amerika habe während der Verhandlungen stets sein Interesse an dem Abschluß eines Viermächteabkommens bewiesen. Der Gesetz- Mt+.tmtrf wurde mit 498 Stimmen einstiminig angenommen.