Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1581 (8.7.1923)
- Date
- 1923-07-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ftc. fBBfi Wiener Morgenzeitung. 8. Juli 1923 Gerte L Seipel in SrimOodea. BmldeSkMizkr Dr. Seipel und Vizekanzler Dr. Frank halben sich heute zur Feier des letzten StoNnLmrchfchLtges für das Wasserkraftwerk Erlausboden begeben. An der Feier nimmt s^d; l^uevMWllMLr Dr. Z ä m m e r m a n teil. Polen. Re polnische Regierung und die Jude«. ikutzerungen des Premierministers Witos und des Außenministers Seyda. Premierminister Witos widerlegte aufs entschiedenste die in einer der amerikanisch-jüdischen Zeitungen veröffentlichte Nachricht, er hätte den jüdischen Schmnttgliodern unkorrektes' Verhalten gegenüber der Regierung vorgeworfen und hatte sie beschuldigt, daß sie jede Zusammenarbeit mit der Regierung vermeiden und ihre Tätigkeit den Staatsmteressen nicht unterovdnen wollen: „Diese MrtteiKlngen",erMLte der Pvemrevminister, „enthalten kein wahres Wort. Ich habe nie ähnliches gesagt. Im Gegenteil, ich betone, daß die Regierung, an deren Spitze ich stehe, ebenso wie die früheren polnischen Regierungen, die jüdische Bevölkerung gerecht behandelt. Die Regierung ch>fft, daß die jüdische Bevölkerung in Polen jtdj' bemühen werde, ihre Beziehungen zur polnischen Bevölkerung immer friedlicher zu gestalten." Der Premierminister erklärte ferner, es wundere ihn, daß gegen die heutige Regierung Vorwürfe erhoben werden, und ihr nationÄ-er Chauvinismus unterschoben wird. Die Stellung der nationalen Minderheiten im Lande ist durch die Bestimmungen der Verfassung geregelt und die Regierung wird nach h^fen Bestimmungen handln; sie erwartet aber seitens der jüdischen Minderheit Pflichterfüllung gegenüber dem Lande. Auf die Frage des I. C. B.-Vertreters, welche Stellung die Regierung rn der Numerus clausus- Frage einnehme, enthielt sich Pwrmernninster Witos jeder meritorischen Aeußerung. Er sagte nur, daß diese Frage sich augenblicklich in den Händen des polnischen Sejms befinde und als weniger aktuell betrachtet werden könne, da die Behandlung des Gesetzentwurfes im Schn sich verzögert hat. * Der Minister des Aeußern Seyda erklärte, das neue polnische Kabinett bestehe aus Nation a lp o l e n, nicht aber, aus Chauvinisten und Antisemiten. Auf die Frage des I. C. B.-Bertveters, wie sich die polnische Regierung zu den internationalen Verpflichtungen Polens gegenüber den nationalen Minderheiten stelle, antwortete Herr M. Seyda: ,/Die polnische Gesellschaft hat bekanntlich den sogenannten Minderhertstraktat vom 26. Juni 1919 um. günstig ausgenommen, weil sie in chm ein Mißtrauen gewisser Krerse gegenüber Polen und seiner Absicht, seine traditionelle liberale Politik fortzusetzen, erblickt hat. Unabhängig davon hat Polen in seiner Verfassung den nationalen, . sprachlichen und konfessionellen Minderheiten eine Reihe von Rechten gewährt, die sie sogar in Landern mit. hochentwickelter Freiheit und demokratischer Staatsordnung nicht genießen. Die Gewährung die- Schuhel egg! ser Rechte entstammt den historischen Tendenzen der polnischen Politik. Die polnische Verfassung erfüllt die oben erwähnten nationalen Verpflichtungen voll und ganz." Was die Tätigkeit des Auswärtigen Amtes anbetrifft, so bemerkte der Minister: „Die Juden, die polnische Staatsbürger sind, hatten mehrfach die Möglichkeit, sich zu überzeugen, daß die polnischen Behörden ihnen wirksamen Rechtsschutz gewähren. Ich denke vor allem an die Versuche gewisser,europäischer Länder, die polnische Inden auswersen. Eine Reihe von Regierungsposten, die sich mit der Emigration beschäftigen, sind nnt Personen besetzt, die mit den Bedürfnissen der jüdischen Emigranten besonders vertraut sind. Ich konstatiere mit Befriedigung, daß die jüdische Presse in den Vereinigten Staaten und rn Kanada diese Tatsachen günstig beurteilt hat. Derselben Sorge um die polnischen Bürger, gleich welcher Abstanummg oder Konfession sie auch sein mögen, entstammt auch der bereits verwirklichte Beschluß der polnischen Regierung, ein Konsulat in Jerusalem zu gründen. Es ist eines der ersten ausländischen Konsulate, welches im Palästina der Nachkriegszeit gegründet wurde." Zum Schluß erklärte Mrmster Seyda, daß er in der Beziehung der amertkamsch-jüdifchen Presse zu Polen eine gewisse Aenderung zum Guten beobachtet habe. ,^Fch möchte aber", sagte der Minister, „ausdrücklich vor einer gewissen Ueb ertreibung bei der Beurteilung der polnischen Politik warnen. Es handelt sich darum, daß man gegenüber Polen oft die offenkimdige Tatsache vergcht, daß die Polen in ihrem Lande ebenso Herren sein wollen wie die Amerikaner - (aus Nationalität). in -Amerika. Sobald man im Auslande diese Tatsache - begriffen haben wird, wird der ganze Umfang - der jüdisch-polnischen Beziehungen günstig beeinflußt werden." Der Warschauer „Moment" veröffentlicht die Antworten des Ministerpräsidenten Witos, die er seinerzeit auf die Fragen der europäischen Redaktion des ,Ihe, Iewifl) Morning Journal" erteilt hat. In dieser Antwort wirst er den Mitgliedern des Jüdischen Kttrbs vor, daß ste. „Nicht immer die richtigen Wege, zur Verständigung , amt dem Molke und der Regierung-suchen, statt ihre Forderungen Mud Wünsche würdig und m legaler Form im Einklang mit den Gesetzen und der Souveränität des Staates vorzubringen, versuchen sie, durch ihr Austreten die Aufmerksamkeit des- Auslandes auf sich zu ziehen und Polen zu verleumden." In dem oben wiedevgegebenen Gespräch dementiert Witos, diese Aeußerung jemals gemacht zu haben. Witos und Seyda versuchen, die amerikanische Mische Oe-ffentkchkeit über die polursch-judischen Beziehungen — allerdings von ihr-pm Standpunkt aus — zu informieren. Für joden Fall einpftehlt es'sich, die Gegenäutzevung des Jüdischen Klubs abznwarten. KSnksbesuche in Warschau. Warschau, 7. Juli. (Set. b". „Wr. Moraenzi«.") Den hiesigen Müttern zufolge wird in den ersten Septembertagen der König von Belgien in Warschau cmtief-fen. Diesem Besuch sei ebenso wie der RM des Marfchalls-Foch und. des Königs Ferdinand nach Polen politische Bedeutung beiMnessen. Nach Belgrader Meldungen beabsichtigte auch König Alexander vonJugo skawien, sich während des Sommers nach Warschau zu begeben. Konferenz der baltischen Staaten. Warschau, 7. Juli. (Tel. d. „Wr. MorgenzertiMg".) Montag beginnt m Riga eine Konferenz der Mlßenmmifter der baltischen Staaten. Für Polen wird Außenminister Dr. S e j d a ander Besprechung, die handelspolitischen Fragen gelten soll, teilnehmen. Ungarn. Besitz vo» Kraftt — kein strafbares Zsliit. Budapest, 7. IM. (Tel. der ,Mener Morgenzertung".) Der Unteosuchu-ngsrichter hat neun Personen, die unt-w dvm Verdacht der TeÄn-chmerischast ar.« den Verschwörungen der Brüder Kovacs vechüftet worden sind, aus sreieN Fuß gesetzt. Diese neun Personen hatten in ihren Wohnungen ET-raf-it verborgen. Der Untersuchungsrichter nahm die Veraniüvortmng der Irchastierten, daß sie mcht wußten, was die Plakate beinhalten, als stichhalltvg an, elbeuso die Vevantdvortung emes anderen, daß er das Gkrastt als b u r g e nläwd.ischer Ausständiger von einer amtlichen Stelle erhalten hatte. Nachdem das-Halten von SprengmNtM lein Delikt bildet (?), mußten dre erwähnten Personen steige« lassen werden. Die übrigen acht,, darunter die drei Bruder Ko da cs, Weiden auch weiterhin m Untersuchungsha-st, nach, dem es erwiesen ist, daß sie mehrere Politiker, sowie das rumänische Kömgspaar, ermorden wollten. Litauen. Re jüdische Fraktion kür dar neue Litauen. Kowno, 4. IM. (I. C. B.) An der ^Spitze des neuen lriamschen Ka-binetrs steht der - - -.unparteiische Galwanowski. Sernem Takle und seinem politischen Verständnis ist dre Ernennung des Präsidenten des indischen Nationalrates, Doktor Rosenbauim, Mm M-mster für Mische Mgel-egenhetten.zu verdanken. MnrsteypMideM Galwanowski gab in der Svjmsitzung vom 30. Iirm eine Erklärung ab, M welcher dann die emMlnen. Parteien Stellnug nahmen. Die Vertreter der Deutschen und Polen erWarten sich bereit, M -di« Regierung zu stimmen, da diese sich auf den Boden der Mmo«. ritätsrechte gestellt hat. Dr. Rob-rn-sohn, der Dertreier der indischen Fraktion, gab seiner Zufriedenheit über die Ernennung Dr. Rosenbcmms zum indischen sNrnister Ausdruck und sprach die Hoslst.ung ans, die m der letzten Zeit zMschen der Regierung und den Juden zutage. getretenen Mewungsver- Wedepherten werden sich .nicht wiederholen. Der SeiM hat der neeren Regierung m-nlsttmmig das Vertrauen ausgchprvcheri. temmerokkasionl Regenmäntel . K 125.1 Leinenwaren, Waschwaren Stoffe, Wäsche, sehr billig iSchiffmann II., Taborstraße 48 Telephon En gros Eh detail Herzl-Kuttm. Bon Otto Abeles. Freut sie dich', Bruder vw danials. diese Mcchrlich Wachsende Herzl-Bevchrung? Ist drr's recht, daß turnt am Hevzl-Dag das verdammt abg-egrifsrne Wort voni Leib, der Mrfiel, und vom Gerst, der weiterltzht, mrt aMhMch gesteigertmt Schwung durch hundert Auffätze, GedenVfsiern, Kanzelrederr schleift, siehst du wirklich ohne fatale Gedanken den Zug der Gvabgänger, die jährlich anfchwellenden Vrerrrreihen der ,/Schekelzahler", von Standarten überragt? . Ist ihr Wille, ihre LebensfühvMig, chre Opftvbereitschast angemessen dem Bilde,, deit hier der Saal, dort der Gvabzug bretet, sind sie wirklich alle versanmtelt rn s e i u: m Geiste, die hier horchen, dort am Grabstein defilieren? In einer schönen Kongreßrede verglich Herzl Sjett Zionismus — seimn Kongveßzionismus — mit einem jungen Ba-iinre, der neuerdings einen Jahresring angesetzt habe. Der Herzl-Kultus scheint mir mit den Jahresringen noch anderes anzuschen: Schimntel und Staub. Auch Gewohnheitskult kamt anschwellen, kann sich ausblähen. Und der erst recht. Das Idol verschwindet -hinter Wölken, zieht sich ans Unbehagen hinter schleunigst geballten Dunst zurück und unten drängelt sich die Meng; ststlich Gestimmter, die bloß zugegen sind und sich in nichts von den anderen rrnterscheiden, die daheim blieben. ’ * Anno 1915, als 'die nach Wien gefluchteten Kriegsopfer am^Her^Grabe waren,' hatte ich einen starken Eindruck. Sie kamen'familienweise. Schon 'beim Hinansfahrenhatte ich sie «ach Döbling -wandern gesehen, tüchtig ausschreitend, weil sie in der Straßenbahn keinen Platz fanden .öder kein überzähliges Fahrgeld besaßen. In den ersten Mil-rmten «ach erfolgtem Zeichen znm Abmarsch gab es noch NW Ochmmg.^ Aberje, näher man hem Wchhof kam, um so weniger diszipliniert wurde der Aufzug, und als das erste Drittel das Friedhosstor passiert hatte, geschah Unerhörtes. Man sah plötzlich die Menschen von rückwärts Vorstürzen, sich allen Bemühungen und Beschwörungen der schweißtriefenden Ordner zum Trotz Vovwärtsarbeiten, leidenschaftlich, rücksichtslos den Zug zur Seite drängend und dem Grabe znetlend. „El mole rachatnmt-1" Glutvoll, beschwörend drang es zmn Julihimmel, getragen von dem Echo einer erschütterten Gemeinde, die sich nm den teuren Stein gedrangt 'hatte.'Ich stand im Banne des Augenblickes. Heute werß ich: Es war nur ein Augenblick. Und nicht die Mhe des Meisters, des geistigen Ftrhrershatte chn gezeugt, sondern Verzweiflung rn trostloser Lage. Sie trahmen hier Zuflucht. Zn einent tmmagmären -Retter. . Bitterste Erfahrung über diesen Ernzelfall hinaus. In Oft und West Wien unsere Menschen viel ans Rührung. Gelegenheiten wahrzunehmen, bei denen sich dieses Gefühl angenehm erregen 'läßt —das ist ihr Fall. Ob bei einem Drama im Theater, beim, Dernpelgesang eines rirhmlichen Kantors, beim Gmbga-n-g am 20. Thamns oder bei der Eröffnungssitzung der Zionistenkongresse — es sind -doch nur Gradunterschiede. Rührung, um der M-Hrnng wiNen, die, Gott sells geklagt, unfruchtbar bleibt. Steht etwa das, was die Herzl-Verehrer in den Jahren des Aufbaues für Erez Israel taten, im -Verhältnis zu dieser -ergreifenden Geste des Treuschtmtres am Äöblinger Frichhof? Könnte er sich evhebeit, der Vielgeprüfte, Wetterfahrene, der es sich verbat, daß man die Lust über seinem Leichenhügel mit Gedenkreden beunvichige — könnte er sich anfrecken in seiner imvergetzlich-en Schönheit, er müßte ihnen die-Worte zurnsen, mit denen sein Vollstrecker Chaim Weigmann anklagte: „Wo aber bliebst du, jüdisches Volk?" Alles, ach,- alles' verblasst was Getoohnhoitsübmrg, geliebte Aeußrrttchkeit, Fästade wird. Und wenn sie an Nichts dächten als an sein Opferleben, und wenn sie von nichts wüßten als von Pen Martyrien der kurzen Jahre, die er ausschließlich seinem Volke lebte —- wie müßte es gedeihen, das Land, m wachem die! herrlichsten aller Pioniere sein Werk vollziehen'. Em anderes Zeichen wirkt anders auf mich ein: Erobert hat er sich r-m Wandelder Zetten alle, die chn verneinten. Kurz nach Hrrzls Tode schon durfte Max N o rdan schreiben: „Soweit das Auge reicht— kein Gegner mehr!" Eine Zeit später ließ sich erkennen, daß es nur Freunde und Lobprerser Herzls gab. Jetzt aber — Prüft nur die jüdischen Menschen um euch —, netzt ist festzustell-en, daß er in viele Bespötter, Anzweifler, Gegner, Feinds von einst > ein gekehrt ist. An keinem ist das Leben Theodor Herzls j voviibergegangen, in dessen Brust auch nur ein Fünkchen i jüdischen GefMes wirkte. Sie haben sich gewehrt, Jahve, Jahrzehnte und wrnÄen bezwungen. Viele sind reif -für unser Werk. Sie wissen es nicht, daß Herzl in thrren wohnt. Aber zu erkennen sind sie. An Blick und Ha-ltting, am gesteigerten Verantwortilugsgefühl, am gekrästrgten Sinn für Würde, att der jungen, zaghaften, aber liebevollen AnteilMhine. Der übliche Herzl-Knlt hat sich entwertet, wie das Vereinsabzeichen im Knopfloch. Unfruchtbar, schemenhaft, ja vielfach verlogen ist er geworden. Man begehe die Jahrzert so, daß man sich in dem Entschluß festigt, bis zur nächsten' Jahrzeit' mit Tatkraft und Zähigkeit jene aufzuspüren, die noch nicht -wissen, daß des Meisters Saat in ihnen keimt. -Dann könnte es g-efchchen— es w i rP geschehen, well es vielfach schon, geschah —, daß an iten Neuen sich die Alten messen und erkennen, -wie mattherzig, wie ^kleinmütig, wie seelisch arm, wie träge, wie eigensüchtig sie ihr platter Gswohrcheitsziomsm-us gemacht hat, si-r werden in sich gehen und wieder Herzl nachleben — statt ihn unbefugt > zu feiern oder gar fein Andenken mit leerem Kult zu ver- I letzen.