Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1580 (7.7.1923)
- Date
- 1923-07-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1690 Men, Samstag Wiener Morgenzeitnng. 7. Juli 1923 Seite 8 gestrigen Tages gnsarnmengetretenen Ministerrate nnterboeiLet. Die Entscheidung, ob eure Verschärfung oder ein Anstzebender passiven Resistenz p gewärtigen sein wird, wird Morgen mittags gefällt werden. Lee Handelsvertrag mit Stallen. . Rom, 6. IM. Das in der ,Mzzetta Ufficiale" veröffentlichte königliche Dekret, wodurch der Mischen Italien und Oesterreich abgeschlossene Handels-- und Schiffahrtsvortvag urtb der Ertrag über .die wivtschafflichen Beziehungen der Grenzgchiete in Kraft gesetzt werden, hat folgenden Wortlaut: ,Ms Uve gesetzlichen Regelung treten der Handels- und Schifffahrtslvevtrog und das GrenzMommen, die in Rom am 28. April 1923 zwischen dem Königreiche Italien und der RepuMÄ Oesterreich abgeschlossen worden sind, mit WirksamLeitsbsgMn acht Lage nach Austausch der Ratifikait.i-onsurkunde n vollstärödig und im vollem Umfange in Kraft. Dieses Dekret wird dem Parlamente Vovgslegt werde«, um in ein Gesetz umyewandelt zu werden.", Die Ratifikation wird wahrschomlich morgen oder übermorgen erfolgen. Pole«. Pilsudrki und Szevtyrki. Berlin, 6. JÄli. Ans Warschau wird gemeldet: Gestern früh hat hier ein unblutiges Duell Mischen dem jetzigen Kriegsminister Grafen Szeptyeki und dem früheren Staatschef Marschall Pilsudski stattgefundeu. Ersterer hatte sich beleidigt gefühlt durch einen.äußerst scharfen Angriff Pilsudskis in der jüngsten Sitzung des Obersten Kriegsrates und den Mrrschclll gefordert. Schon dieser iu der neueren Geschichte wohl einzig dastehende Vorgang zeigt von der bedrohlich'schwülen Luft, die gegenwärtig über Polen lagert. Den wetteren Beweis dafirr erbrachte die mehr als leidenschaftliche Rede, die gestern abends Pilsudski ans dem Hm zu Ehren gegebenen Abschieds-bankett als Generalstabschef gehalten hat. PiksilHAi rechnete dam it seinen politischen Gegnern ab, die imbÄnngt als Sturmwarnung ausgefaßt werden muß. Das Leitmotiv seiner Rede drückte Msudski m dem «Satze Ms: ,Hch habe mich von der Führung der polnischen Armee zurückgezogen, weil ich als ehrlicher Soldat diese Verbrechevbcmde nicht stützen darf. Vor einem Jahrhundert beschloß der große polnische Armeeficher Poniatowski sein Heldenleben im Schlamme der Elster, und dies wurde zum Symbol für Polen. Der Vcllksfühver mnß erst im Schlamm versinken .und sich uni diesem Schlamm volltrmken, mn in Polens Augen Gnade zu finden." Tfcttb weiter: „Die wurmende Geschichte hätte Recht gehabt, mir Ms Gesicht zu spucken, wenn ich mich herbeigelassen hätte, mit ekelhaften Pygmäen, wie es meine Gegner sind, zusammenzuarbeiten." Pilsudskis Anklage erreichte den Höhepunkt, als er seimn Widersachern funkelnden Auges den Vorwurf „seelischen Unflats" entgegenschleuderte.. Es ist wirklich ein. schwerer Dag" für Polen gewesen, wie „Rszecs-PoKzpglita" bemerkt, da Pilsudski zeigte, daß er nichts weniger als zu den politisch Toten zu zählen ist. Ae baltische Konferenz. Warschau, 6. Juli. Am 9. d. beginnt in Riga die Konferenz der Außenminister Polens und der Baltischen Staaten. Ungar«. Sie Rnttoualversammlimg. Budapest, 6. Juli. (Ung. Del.-Korv.-Bur.) In der hsntigen - Sitzung der N-atiMalversammLung wurde der Antrag, der Vechandlung über die I n d >e m n i' tat sv orlaye «die .Dringlichkeit zuzuerkennen, angenommen. Ueber einen von -mehr als 60 Abgeordneten unterbreiiteten Antrag, die Vorlage in achtstündigen Sitzungen zu beraten, wird in dvr nächsten Dienstag, den 10. ö.( statffindeniden Sitzung abgestimmtwerden. Wiederaufnahme der Berhandlangeu mit der rschäho-Slowakei. Budapest, 6. Juli. Die seinerzeit begonnenen und später unterbrochenen Verhandlungen mit ,der Dschecho-Slowakei werden demnächst wieder ausgenommen. Die ungarischen Delegierten werden am 7. d. nach Prag «Kreisen. Die abzuschließenden Vereinbarungen beziehen sich hauptsächlich Ms die Regelung der alten Forderungen und Schulden, die Herausgabe der Depots, Steuerfragen und ine Tätigkeit der privaten Versicherungsgesellschaften. Re Frage der Aufhebung der Pfandrechte. Paris, 6. Juli. Die Reparationskommission erörterte heute die Fragen, die sich Mf das der demnächst nach Ungarn zu entsendenden Kommission in Angelegenheit «der angesnchten Aufhebung des Vorzugspfandrechtes der Reparationskommiffion bezüglich der ungarischen Güter zu erteilende Mandat beziehen. Bekanntlich soll die Kommission eine Untersuchung über die finanzielle Lage des Landes austellen. In der heutigen Sitzung handelte es sich darum, die Kompetenz und die Zusammensetzung der Kommission festzusetzen. Die Reparationskommission konnte die Prüfung der verschiedenen aufgewovsenen Fragen nicht beenden, und wird wahrscheinlich erst nächsten^ Freitag ihre EuHchetdüngen treffen. , Rundschau. Ae Frage einer «eUe« Abrüstungskonferenz. Mrd durch Frankreichs Saumseligkeit verzögert. Paris, 6. Juli. Wie der „Rew-Bock HevalLd" ans Washington berichtet, werde die Regierung der Vereinigten Staaten nur sehr langsam dem japanischen Vorschlag eines neuen Dreimächteabkommens zur Durch-, führung des Fünsmächtealbkommens von Washington Folge geben. Es verlautet, daß dies ans das Ausbleiben der Ratifikation des Fünfmächteabkommens durch Frankreich zurückzufühven sei. Die zustandiige Kommiission der Pariser/ Kammer habe übrigens auf Drängen des Ministerpräsidenten beschlossen,, hmte nachmittags im . Plenum den R <vtt fi La t ionsentw u vf fiir das WaiMngton'er RiüstungsabkMmen einzubringen. Ar Streik der Berliner Metallarbeiter. 90.000 Streikende. Berlin, 6. Juli. Wie die Blätter melden, hat die Streikleitung der Metallarbeiter heute an rund 9 0.0 0 0 Arbeiter die S reikparole. au gegeben. Unter dm feiernden Betrieben befinden sich fast alle großen Unternehmungen, mit Ausnahme der A. E. G. Bis 11 Uhr vormittags waren 6O Betriebe vo n der Arbeiterschaft stillge- «ne Million-Marknote in Deutschland. Berlin, 6. Juli. Eine neue Reichsbanknote im Wertt. von einer Million Mark wird dmnnächst zur Ausgabe gelangen.' Berlin ohne Budget. Berlin, 6. Juli. Nach der neuerlichen Ablehnung des Haushaltes der Stadt Berlin durch die Stadtverordnetenversammlung hat der Magistrat beschlossen, den Ober- Präsidenten davon amtlich zu verständigen. Nach einer Information der ,/Vossischen Zeitung" wird nun for Oberpräsiderrt selbst den Steuerbedarf der «Stadt prüfen und festsetzen.- Ile llnterrednng zwischen dem Reichskanzler und dem Nunzius. Berlin, 6. Juli. Dem WolUchen Bureau gcht folgendes Communiqne über die Unterredung des Reichskanzlers mit dem aPostMschen Nnnyms zu: Nu^nzius Paselili hat im Aufträge der Kurie die «Sabotageakte im besetzten Gebiet zur Sprache gelbracht uD die Ansichten und Wünsche des Heiligen «Stuhles Angehend dargele-gt. In Mer Erwiderung hat der Reichskanzler daoaus hr-ngäwiesen, daß es sich u>m Vorfälle han>Ae, die aus der Erregung eines gepsiMgten Volkes und . als verMeffelte Versuche der Noüwchr zu Eären seien. Die Rerchsregieruug fei jedoch mit dem HöMgen Sürhle darin einig, daß jede verbrecherische G-eiwÄtMiwendirng zu verurteilen sei. iommerokkasion! Regenmäntel » K 125. Leinenwaren, Waschwaren Stoffe, Wäsche, sehr billig Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail Der Antrag. Huanoreske von Abrah-m Reisen. Ne-mmmn faß in seinem Junggesellenzimmer und wartete rmgeduDig auf Golde, ungeduldiger als er sonst ihres Kommens harrte, um mit ihr den Abend zu verbringen. Er hatte nämlich beschlossen, ihr LöeÄncÄ einen Antrag zu machen. Diesen Entschluß hatte er in Gedanken noch eine Woche vorher gefaßt, als ihm Golde in sehr, interessantem physischen und moralischen Lichte erschienen war.. Physisch — ihre großen schwären Augen gläHten damals von mnerer Freude und wie ihm schien, von Liebeslust; im ganzen sich sie ans, wie eine maMerte Madonna . . . MvaMsch — ihm hatte ihre Ansicht Wer einen beliebten Schriftsteller gefallen, von'den er schon das zweite Werk las rpnd der ihn geradezu entzstckte. Das Buch behandMe mm gerade PrMeme der Liebe. Golde bannte den Schriftsteller aus errckgen seiner ZMHes und sprach über ihn mi-t größtem EnMöen. Re-ummM dachte die ganze Woche an sie und es wurde ihm j eden Tag klarer, daß Golde das eirtzige Mädchen sei, das wert wäre, seine Frau zu fein. Aber ans welche Art? In der modernen Form des ZufcmmvenlÄbens in Mer Wohnung oder nach dem alten System der TvcmuM vor > dem ZivArichter (ReumcMn hatte einen bchrnnten ^ivilrrchter) —doch darWer kann man ja nach der LiebeseMärumy einig werden; die Hauptsache ist, daß die Sache Mt fest beschlossen ist. Uud obwohl Golde mit keinem emyigen Wort zu verstehen gegeben halte, daß sie gewillt sei, ihr Leben mit dem seinen zu verbinden, tva.r Neu- Mvnn doch sicher, sie werde seinen Antrag mit großer Freude a mrchmen. Er stellte sich schon vor, wie sie bläß und rot werden Md wrelleicht' gar ohnmächtig in seine Arme sinken werde. Diese Vorstellung erweckte in chm ein angieuehmes .Ge- Ml und feme UngeduD wurde noch größer. Es Mugelte. Nemnann lief hastig aus detn Zimmer, welches der Gingangstür zunächst lag, um die Türe zu öffnen, ohne daß die Wirtin es merke. Das tat er nicht etwa aus Angst' vor ihr, sondern ivoil er den Wunsch hatte, daß in einem fo erha«benen NtgenMck kein fremder Blük aus Golde Me. Es gelang ihm auch. Mt leisen Mistern zog er Golde in sein Zimmer und verschloß sofort yfä* GiM. eine ManLe^MMrtte.mit wiMiäb fcbrMrn schwamm Augen Md rhythmischen Bewegungen war ergentÄmlich berührt von diesem sonderbaren Empfang.. „Machen Sie es sich beguem, Golde. Legen Sie das Jackett ab, mit einem-Wort, «fühlen Sie sich wie znHa^ftl" In die Phrase „wie zuhause" legte Neummm einen bedeutungsvollen Ton, aber Golde verstand ihn nicht und sah erschreckt nach der Air. „Sie wollen nicht folgen?" — NeummM wurde famMäv und wollte «ihr das Jackett aWehev. „Nein, bemühen Sie sich nicht, Neumcmn, wir wollen nicht lange bleiben, sondern irgend wchsir gehen, um den Abend zu Vevbringen. " ,Möwiß wollen tofec den Abend verbringen . . Reummn lächelte freudig — ,-bevor war aber gehen,, habe ich eiM Üebermschnng für Sie .. ." ,Mw IMervctschuns^^ — GoGe sich' Hin erstaunt an ,-womA komlen Sie mW Werrchchen?" ,Momrt?" — Nemumm beveitete sich vor, Hr sein großes Geheimnis zn verraten. — MrtÄich nicht mit einem Rmg, wie es die Burschen Ms -dem BMe zu tun pflegen, ich glaube Kaum, daß Me Men solchen Ring tragen würden." ,Mas sageu Sw da, NMMM? 'ZW verstehe ©*e heute nicht." Meumann wurde es klar, daß er nicht den richtigen Ton angeschlagen hatte und er selbst wurde verlegen. Eine Weile herrschte zwischen beiden drückende StMe. Endlich faßte Nenmann Golde bei der Hand und indem er ihr tkf in die Augen schaute, sprach er: ,;Sie sehen mich ver- Iwmfoc’tt airr. . . . ich fühle selbst, daß^ich jetzt soWevbar bin, aber — das kommt vondem stacken GeWl, das sich nicht in Worte fasten läßt." : Neu'mann faßte Mul, blickte ihr fester in die Augen und fuhr fort: Golde, ich liebe Sie . . „Das ist alles?" ■— Golde lachte hell auf — „und deshalb ein so erschreckendes Weisen?" „Es ist ein wichtiger Augenblick im Leben, GoEde" — ■ verteidigte sich Neumann. „Ja, gewiß!" — Golde lächelte noch inrmer — ,.aber Ihre Begrüßung, Ihr Gehaben hat mich erschreckt. Wahrhaftig. ich erkenne Sie nicht wieder... «Sie waren ein netter, kluger, jllnger Manu und plötzlich sind Sie geradezu dumm geworden". Golde fühlte sich freier, vielleicht auch glücklicher; sie schaute auf Nemnamt, der dumme Msdrrick in seinem .Gesicht war «noch immer da. Dennoch legte sie das Jackett ab und setzte sich auf einen Stuhl mitten im Zimmer. Neunmnn stMd in einer hilsiosen Pose chr gegenüber und sah sie cm. „Nun, was antwocken Sie mir, Golde?" Golde dachte, eine Welle nach und sagte dMn: „Ich muß Ihnen sagen . . . ich habe mir die Liebe anders ausgomcckt, das alles kommt jetzt fo unvomantisch hevcms . . . sv MMckeresstML" Neumann war beleidigt, sein Stolz erwachte in ihm. Er suchte nach etwas, um seinen Fehler gutzumacherr und seine Schwäche zu verbergen. Eine Welle schwieg er stille und begamr daun: ,Mch, es ist schon spät. Ich glaube, wir müßten schon gehen; ich iveuigsteus habe das BeWvfms zu gehen, ich sitze M lange im Zimmer." ,-Fa, konAten Sie!" — erwiderte Golde. Neumann half ihr galant ins.Jackett und loar be-. «Ähi, sie dabei nicht mit der Hand zu berühren. Golide empfand dieses Bemühen sozusagen reflexiv. ,0k sind böse?" — kokett lächelnd blickte sie ihur m die Augen. . ,-Jm GegentrÄt" — anwovtete er vieldeutig. ,-JM GogenteA^ -— wiederholte sie verwundert. — „Das heißt, Sie sirid zufrieden, daß ich ihnen nicht mein Jawort gegeben habe . . „Be-vnalhe. . Neuman-n lächelte. ,/ÄehM Sie, gchen Sie, Sie sind ein verrückter Kerl." „Nnn, wenn ich ein Verrückter bin, so kann es Sic wohl nicht berühren, wenn ich meinen Antrag, das heißt meine LiebeseMärung zurückziche. ,Me'ziehen sie zurück?" — Golde machte eia ärgerliches Gesicht „Sie haben sich ja eigentlich gar nicht erklärt . . . sagen Sie es mir noch nnmal, ich möchte es genau wissen" — mit durstigem Blick sah sie ihn au. „Fräulein, ich liebe Sie" — deklamierte er in theatm'lischenr Ton. ,ßk sind ein Zyniker!" — sagte Ge'lde kläglich — „sprechcir Sie ernst." „Ich kann jetzt nicht ernst sein ..." „Wer.ich -bin jetzt örnft" — bekannte Golde und nach einem kurzen Schweigen trat sie auf - Nenmann zu,' zog rhn in chre Arme und küßte ihn. Ms sie fovtgMgen, dutzten sie einander schon. Aber Reu-Ma-un war noch immer bemüht, seinerr Stolz nicht z» verlieren und Haltung zu betvahren ...