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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-06 · Heft 1579 (6.7.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1579 (6.7.1923)
Date
1923-07-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ne.- sm WiK, astetet MÄeMWMqs. 6. ZnN 192S Seite S Die deutschen Hakenkreuzler. Fortgesetzte Mftungm. Berlin,- 5. Juli. (Tel.-Kvmp.) Ueber die Rüstungen Pole«. -er neue Fkrtanzminifter. BeM«, 6. IM. ,L)stexpreß" meldet aus Warschau: Durch die Krise im, FimmUMMisterium -ist in polnisch-politischen Kreisen eine verstärke Urrvnlhe «in Eüsche-inuuig getreten, um so mehr als Grabski «sich in einem von der Presse veröffentlichten Schreiben an »den Ministerpräsidenten Witos nrit Enischiederchert gegen die erhobenen Vorwürfe gewchvt hat und auch in der Presse Verteidiger findet. Diese Unruhe hat Witos durch die unverzügliche Ernennung Lindes niedeMMugen versucht. Der neue FinauzmiMster, >der bereits an dem Mimster- M teilnahm, entstammt «der österwichischen Beamtenschaft^und ist als Organisator der polnischen Postsparkasse nach österreichischem Mutter bekannt geworden. Hubert Linde, bisher Direktor dies polnischen Postsparkassenamtes, zahlt zu den bedeutendsten ginanzfachleuten der polnischen Republik. In den Warschauer Flnanzkwisen, hofft man, daß es ihm gelingen wird, die zerrütteten Valutavischen Verhältnisse-Polens zu reformieren. In den nächsten Tagen wird er dem Sejm das Expose über seine Fiuanzrefovmen verlegen. In den Kreisen der christlichen Demokraten (Dubanowicz- Gruppe) wurde die Ernemmmig Lindes zum Finanz-minister unsympathisch aufg-euommen, 'da Linde vor mehreren Jahren der Polnischen Bolkspartei angchörte. Wie in gut unterrichteten Kreisen verlautet, .soll in den nächsten Tagen ein engerer Finanzrat, dem Vertreter der Mchrheitsparteien angehören sollen, gebildet werden, wodurch die Kompetenzen des Fmanzm misters eingeschränkt wären. Slombiorki und dar MMe Zchulwrsen. Warschau, 5. Juli. (Tel. der ,MZr. Morgenztg.") In einem Interview mit einem Mtaribeiter des „Moment erklärte Unterrichtsminister Glornbinski, daß die Regierung dem Anträge des Mischen Klubs auf Unterstützung der Mischen Schulen aus Staatsmitteln keine Folge leisten werde, da die polnische Regierung lediglich verpflichtet sei, die polnischen Kultuvanstalten zu unter- Mtzen. Die Regierung wird auf keinen Fall mit Staatsmitteln die Verbreitung einer fremden Kultur fördern. Auf der einen Seite wird der Numerus olauftrs emgeführt, auf der anderen Seite, dagegen verweigert der 'Unterrichtsmmister die Erfüllung jener Forderungen, zu. denen Polen im Sinne des MindeHertsvertvages verpflichtet ist. PUs«dski5 KonfiM mit Kriegsminister * Szchchül. Warschmr, 5. Juli. (Del. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Marschall Pilsudski hat bereits seine Stelle als Vorsitzender d^ engeren Kriegsrates medergelegt. In der letzten Sitzung dieser Körperschaft kam es zu einem schweren Konflikt zwischen Marschall Pilsudski und dän gegenwärtigen Kriegsrninifter Szeptycki, in dessen nationalistischer Putschorgamsationen berichtet der sozialdemokratische ParlamLntsdierP: Im Aschaffenbmrger Bezirk 'würden von nationalsozialistischen Verbänden regelrechte Mobilmachungsvorbereitungen getroffen. Die Organisatoren feien fast durchwegs frühere Offiziere. Ihre Tätigkeit greife auf preußisches und hessisches Gebiet über und finde ihre Krönung in großen Uebungen, zu denen der abgelegene bayrische' Spessart das Manövergelande abgebe und die sich unter der wohlwollenden Unterstützung der Beamtenschaft abspielen. In Stettin und den übrigen pommerfchen Städten habe sich schon seit längerer Zeit ein Bund der Heimatfreunde"- gebildet, dessen Mtglieder ausschließlich frühere KriegsfreiNnllige und Angehörige der pommevschen Orgeisch seien. Auch heute noch seien diese Büiudler in Kompagnien eingekeilt: Ihre Aufgabe sei, im gegebenen Slugenbliü die öffentlichen Gebäude Stettins und anderer Städte zu besetzen und die gegnerischen Führer zu verhaften. Kahr für eine nationale MvbilisHwung. München, 5. Juli. In einer BersammlUng des „Hochschiulringes deutscher Art" sprach Regierungspräfident Doktor Kahr über die Bedeutung von Versailles von 1617 bis 1919. Ein Voll gellte nur so viel, als seine Waffen und seine nationale Kraft wert seien. Rur wenn das deutsche Volk den Verlauf Pilsudski das von Szeptycki vorgelegte Organisationspwjekt zur Reform der obersten militärischen Leitung schärfstens kritisierte. Pilsudski warf Szeptycki vor, daß er die Armee in den Dienst der Nationaldernokraten stellen will. Nach Schluß der Sitzung sandte Szeptyyki zu Marschall Pilsudski zwei Sekundanten, den Generäl Stanislaw Haller und General Pogorzelski. Pilsudski chat die Forderung angenommen. Das Duell hat, wie eine uns -nachts zugekommene MÄdung besagt, heute früh stattgrfunden und verlief unblutig. . Rumänieu. MedererWnmg der Bularefter UniversttA. Bukarest, 4. Juli. <J. C. B.) Fünfhundert führende- Studenten der Bukarester Universität veröffentlichten einen in ftiMichem Ton gehaltenen Auiftuf, in dem sie «den Wunsch nach MederherstelliMg kollegialer Beziehungen zwischen -Professoren und Studenten aussprechen. Daraufhin hat die Regierung beheit des Volkes von heißer Vaterlandsliebe erfüllt sei, würden in ihm die alten Zauberkräfte der deutschen Seele lebendig werden, das Sklavenjoch abzuwersen. Das deutsche Volk müsse sich vorbereiten für den Kampf um seine Freiheit. Damm sei vor allem eine nationale Mobilmachung notwendig. Die hinterlistige Hakenkrcuzmuse. Der völkische „Deutsche Volks b o t e" in Kar I sbad veröffentlichte vor einigen Tagen folgendes Gedicht: Achtet auf den Feind im Hinterhalt, Rastlos sei zum Kampf mit ihm gerüstet l Judas Neid, den nach Zerstörung lüstet, Schändet eure blonde Lichtgestalt. Göttlich lacht in unberwelktem Blüh'n, Ewig prangend die Germanenseele. Stärke, Haß sie! Mach' sie groß und stähle Ihren Trotz zu hohem Kampfesglüh'n. Ehaos, das der Jude, euch zu ketten. Tückisch schuf, besiegt es durch das Licht! Einer Schlange, die im Kote kriecht, Raubt das Gift, das Ariertum zu retten. G u e l t a r. „Judas Neid, dennach Zerstörung lüstet", scheint dieses schöne Gedicht in die „blonde Lichtgestalt" des völkischen Blattes hineingeschmuggelt zu haben. Liest man» nämlich die Anfangsbuchstccken der einzelnen Verse von oben nach unten, so ergeben sie das häßliche pietätlose Wort „A ri s ch g e s i cht e r". Ja, ja, lieber „Volksbote": „Achte auf den Feind im Hinterhalt I" Sonst geschieht es, daß nicht die „ewig prangende Gernmnenseele", sondern der intelligentere böse Feind über deinen Reinfall „göttlich lacht in nnverwelktem Blüh'n!" schlossen, das Verfahren wegen der Ausschreitungen einzustellen und die Prüfungen im August stattfiuden zu lassen. Re Lage -er Mische« Bauern dl Betzarabien. Bukarest, 4. Juli. (Del. der „Wiener Morgenzettung".) Auf Grund der Agrarreform, die nunmehr auch in BeßarMen zur Durchführung gelangte, wurden die Großgrundbesitze unter den Bauern vorteilt. Auch den jüdischen -landwirtschaftlichen Ko-lo-msten wurde Boden zu je sechs Hektar zugewiesen. Außer den früheren- Kolonisten erhrckten auch einzelne städtische Juden Bodenanteile. Die Lage dieser Mischen Bauern hat sich insofern schlechter gestaltet,, als das Bodenzuweisungsgefetz bestimmt, daß die beteÄten Bauern Verhalten sind, die Bewirtschaftung ihres Bodens selbst zu 'besorgen und noch im Jahre der ZuteÄung in Angriff zu nehsnen. Den jüdischen Kolonisten mangelt es jedoch an den notwendigen landwrrtschcvfMchen Geräten und Behelfen. Die von: Joint bewilligten Kredite zum Ankauf von Pferden reichten nicht hin, um den Kolonisten die ungefKrte Feldarbeit zu ermöglichen. Nun hat sich der „Ort" dieser notleidenden Mischen Kolonisten angenommen. lommerokkasion! Regenmäntel . K 125.000IllgfOn Leinenwaren, Waschwaren Stoffe, Wäsche, sehr billig rSchlffmann II.. Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail Boden seiner Heimat wieder finde und die übergroße Mehr- Fritz v. Unruh. Von Fritz Loew. Ich bin mir bewußt, bei'-den «Lesern dieses Blattes ein gewisses Befremden zu erregen. Und nrit Recht werden viele fragen, was dieser Dichter — Sohn eiües preußischen Generals, ehemaliger preußischer Offizier und Zögling von Kaiser Willems Pagenchor — uns Juden wohl zu sagen habe. Sie werden, wenn sie in ihrem Gedächtnis krumm, sich die dichterische Halttmg vergMuwärtjigen, im der ihnen Unruh als Dramatiker entgegengetreten ist, oder an die Kriegstagebücher -denken, deren Vorwurf in der Entladung stärkster, seelischer Krämpfe im Angesicht höllischer Kviegsrasevei als erschütterndes Erlebnis keimt. Aber bei aller Würdigung .des dichterischen Formats, bei aller Erfülltheit von sprachlichem Reichtum dieses Genius, bei aller Begeisterung für die steilen Gedcmkentürme werden die im Bannkreise dieses Schöpfers stehenden Freunde das eine nicht gleich begreifen: lvas er uns 'Besonderes gu geben habe neben dom Genuß seiner Rhetorik, der HinauffÄhvung in eine beja« barere Welt, der Eriveckung sonniger IPerspektilven. Ganz gewiß ist Unruh deutsch, nicht iu «dem üblen Odem der BöMschtümlor, jedoch deutsch wie -keiner -der zeitgenössischen Figuranten, die sich ttn Hintergr-nnd der poMschen Bühne aufWhen. ^Jn seinem Blut kreist Erbmasse von Johann Sebastian Bach, dm man von Mutterseite her unter seinen Ahnen trifft. Von defien ernster gotischer Seele ist Unruhs^ Deutschfein voribedingt. Die Härte und Knapphe-it seines Ausdrucks, die Kautigkett seines Wortes, der Rhythmus seines Demiperammts liegen westlicher und südlicher Gangart wett fernerals etwa Goethe oder 'Hebbel, Grillparzer oder Höildevlin, selbst noch Mvegiger als dem Schwaben Schiller, dessen Memanu-entum ihn mit herberen Vorzeichen versieht, wenn er auch geisttig am helleu'iftischen 'Ideal sich orientierte. Unruh ist nicht , deutsch wie das riPräsentaitive Deiutschitum von heute, sondernwie die stillen BWdschnätzer des, 16. und 14. Jahrhimderts, deutsch als Arrrufer einer zukünftigen Deutschhett. Und wie jenen Gotikern Geradheit und GHMchk-vit der Entpftndung, Hevchaftigkett des Geüberhaupt nicht menschheitlich sein bedeutet, steht Fritz v. Unruh der Geist der Umfp'annung cw-iMMcher Bezirke, schreit aus ihm das Verlangen nach dem Bilde der Erlösung aus der fürchterlichen Enge der Herzen, aus dein Atem gegenwärtiger jWahndünste, die Deu-tMa-üd und Europa Mmelbeln. Er leidet an dev Berbamttheit des ethischen Bewußts-Siins gleich uns Juden, die zwischen den PUGern der VMerschicksale Lustware der Verblendeten sind — und darum reißt es unseren BRck an sein Wort. Unter dem rohen Gekreisch der „Gebildeten", von kriegsschnaulbenlden Magistern-, Worisch vevunMmpften Horden, die Knust, Literatur und Musik zur PwstitUierten ihrer RomanttkerpMM machen möchten .und für die Derttfchsein iin erstm und letzten Anspruch nicht Misch, überhaupt nicht nienschheitlich sein bedeutet, steht Fritz v. Unruh nahezu allein auf der Wacht der höheren Msittung. Er, dem mrs der Finsternis der europäischen Zivilisation prophetische Erfchüttevung angewandÄt hat, als das Trommelfeuer vor Verdun ihn: wie Hohngebrüll auf unser göttliches Wesen in die Seele dröhnte, hat gleich Romain Rolland das MeNschheitsgewissen wie ein heiliges Gefäß umfangen und hegt es rüder Erkenntnis seiner Sendung. Stände Fritz v. Unrach nur im Dienst gestaltender Kunst, die sich an aktuellen Stoffen ent- Kndet, so würde er keine Atmosphäre bereiten', in der zu atmen gerade wir besonderes Verlangen trügen. Wein es ist, als ob Gott dieses Mannes Natur, sein Feuer mrd seiner Dichtung Fanfare aufgerufen hätte, um die Gesetze der Menschheit, die auf den Daseiln der Sinaichsenbarung ausgezeichnet sind, heraus aus der Sündftut auf das Gestade der Zukunft hirÄbeM- .tragen. Diese Gesetze, die dem jüdischen Volk seine histovifche und kulturelle Berechtigung geben und seinen Gang bestimmen und an deren Erfüllung die Sehnsucht nach Zion sich wieder anrankt, bauen in Unruhs Offenbarungen die Brücke ins Gottesreich. „Die Zett wird kommen, da werden die Schwerter zu Sicheln. . ." — diese Vision unseres Propheten erwacht im „Platz" zu neuer Fovderrmg, gegründet auf ErMung unserer Wesenhett in der Liebe. Nicht jerier überirdischen Liebe, die alle Sünden auf sich lädt und in meuschenfernen Bereichen thront, son-derir die seelisch-igeistige und körperliche Hcmnonie aller Lebendigen ist. Für ihn ist Liebe die Opferflamme, in der jegliche Feindschaft und Foiudseligket schmilzt, die den Hang des Mannes unr kriegerischen Heroismus auflöst und -den Trieb zur Gewalttat bändigt. In chronr Licht ivird Revolution als eitler Trug erkannt, der oben und unten nur vertauscht und der Gelvalt einen neuen Namen gibt. Die Erlösung vorr den Idolen der Herrsucht und dem Unterdrückertum sieht er in der Verlegung unseres Bewußtseins aus der rnännlichen in die nr-enschliche Sphäre. In dftsorn Arrspmch berührt er sich mit -den jüdischen Verkündern der Menschenrechte, -deren Sinn und Ziel ethische Vervollkonunnung ist im Geiste liebender Menschheit, letztes Verstehen, Mrgestelltsein auf die göttlichen Satzungen im Beisamnrenwrchnen von Geschlechtern und Völkern. Unruh unterscheidet sich von diesen' in der Wegweisung, nicht aber im Geiste des Wegs. Unfern eigemn Aufrüttlern und Verkündern in der letzten Aera hat der ethische Wille nicht gemangelt, wohl aber der Blick, über den Kreis der Verflechtungen hinüber- und hinausKuschauen, und sie hantieren mit ökonomischen Heil- Mitteln gegen ökonomische Fiktionen. So mußte Karl Marx an der Wirklichkeit stranden, die er für das Leben hielt. Unruhs Wett baut nicht aus diese sogenannte Tatsächlichkeit, sondern auf seelischen Grund. Und darum steht er auf der Höhe der Menschheit, auf der unsere Verkünder standen, und sein prophetisches Herz trägt die Nöte aller Geschlagenen, welchen Stammes sie auch seien. Mehr noch als Schiller ist Unruh ein politischer Dichter, allein in einem höheren Belang. Während bei jenem der Angriff gegen das Tyrannenwesen den Rahmen seiner aktiven PoMk auswölbt und die Verfechtting der bürgerlichen Freiheit Impulse entband, gewahren wir bei Fritz v. Unruh die politische Forderung in einem steileren Gesichtswinkel. Auch hierin berührt er sich nrit unseren Propheten: ja, mit dem größten^ mit Ievemia-Auch er fühlte den Schlamm der Gegenwartspolittk unter seinen Füßen und entzog ihr nicht Beachtung und Stimme. Auch er verschmähte Palliative und praktische Essenzen, um etwa „aus dem Gröbsten" heranszufteuern. Nein, ihm leuchtete die göttliche Helligkeit auf das Grundübel aller politischen Versahrenheit: auf die Trennung von menschlicher und göttlicher Satzung. Europa hat schon lange das Recht aus der ewig göttlichen Sphäre verbannt und an feile Rechtsnornien verschmrdelt. Es hat heute mchr denn je das Wissen darrrm verloren, daß das Recht im Herzkern der Gerechtigkeit seine Zeugung erfahren hat und aus ihm fließend genährt werden müßte. Wer wird heute einen Propheten anhören, der auf die letzten und höchsten Dinge deutet, wenn nicht wir Juden. Wer anders kann ihm folgen als wir und alle Ausgesuchten, deren Schilttern in fürchterlicher Verantwortung die steinernen Tafeln durch die Jahchunderte tragen unter der Wut und der Verwünschung aller der Jrdischkeit verfallenen .Geister!

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