Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-07-06 · Heft 1579 (6.7.1923) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1579 (6.7.1923)
Date
1923-07-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980660--15318-3002134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite S Men, Freitag Wiener Morgenzeilung. 6. Juli 1923 Nr. 187S Raffe md Kultur. Von Philipp Hoffmann. Em bedeutender Wbevaler Politiker Ungarns, Staatssekretär Dr. Elemer H an tos, befaßte sich vor kurzem in einem Wiener Blatte mit der Frage, in -welcher Weise der Einfluß der Rassen auf die Eittstchung einer Kultur, wirkt. Der Begriff einer „mitteleuropäischen Kultus, den er hevausarbeiteL, beleuchtet vielleicht mehr, als es dem Autor lieb fein mag, das innere Problem, welches seinen Weg in vorhinein besiimnrt. Dieses Problem ist kein leichteres, als die gang unlösbar scheinende Frage, wie die eigenartige nattonale Prägung der Geistespwdukte eines Volkes sich eickürven läßt, das selbst für ihre Erzeugung niemals richttmggebmd werden komte. Aus den Praktischen Fall angewandt: wie ist eine ungarische Kultur aus deutscher Quelle und mit jüdischer Arbeit möglich? Die Schwierigkeit ist offenLundig. Da die ungarische Rasse in der geistigen Entwicklung Ungarns nicht richtunggebend war, nach entweder die Existenz eines eigenartigen geistigen Lebens geleugnet oder aber ein Mittel gesunden weÄ»en, durch welches der Rasse gegeben wird, was sie fordert, und durch welches der Wahrheit zugestanden wird, was sie als ExisLenzminimunr benötigt. Auch hier stellt sich rechtzeitig das Wort ein. Herr Hantos nennt es „Rassenseel^ und versteht darunter den Inbegriff van sprachlichen, wirtschaftlichen, geographischen, religiösen usw. Einflüssen, die eine geistige Entwicklung bestimmen. Nachdem aber derartige Einflüsse über die Äan- Lesgrenzen hinaus in wenig not-Werter Form bestehen bleiben, entstehen naturgemäß Begriffsbildungen, wie die einer „mitteleuropäischen Kultur". Man ist geneigt, dem obskuren Begriff einer „Rassewseele" und der in ihr enthaltenen Erschleichung sekundärer, äußerer Umstände zur Stützung des unhaltbaren Rassenbegriffes mit dem größten Mißtrauen zu begegnen. Und dennoch enthält er eine richtige Erkenntnis. Die ' sprachlichen, geschichtlichen, wirtfchaDgeographischen usw. Einflüsse genügen in der Tat, einer Kultur eine lokale Färbung zu geben. Der Mißbrauch, der mit dem auf alles Mögliche und Unmögliche angewandten Begriffe der Kultur gemeinhin getrieben wird, hat eben die unrichtige Einschätzung derartiger lokaler Eigentüml-iW>rten einer und derselben Kultur zur Ursache. Kultur wird nämlich durch derartige AeußeMchkeiten allein nicht geschaffen. Wenn man von englischer, französischer, deutscher KiÄtur spricht, hebt man bloß lokale Verschiedenheiten hervor, aus die der beyriMche Jnhcllt des irreführenden Wortes „Rassenseele" durchaus anwendbar ist. Es gibt lewer in Europa wesentlich weniger — und zwar qualitativ und quantitativ Wender — Kultur, als man sich das vorzustellen Pflegt. Und deshalb steckt in dem Schritt, eine mitteleuroparsch^ Kultur anzuinehmen, ein richtiger Fortschritt. Allerdings kein werter. Man darf Unter Kultur nicht immer eine fertige Atasse von Kulturgütern verstehen, sondern mutz vielmehr die' Richtung der geistigen Entwicklung, einer Menschengemeinschaft in ihr sehen, welche niemals abgeschlossen ist, solange noch dieser Entwicklung eine, lebende . Gruppe dienstbar ist. Wenn man den Begriff so saßt, muß man ' erkennen, .daß die sogenannte „Kulturwelt", das heißt die Gesamtheit der christlichen Völker eine einzige Kultur hat, trotz aller und noch so mannigfacher lokaler' Färbungen der Kulturgüter. Unter diesem Aspekt aber erscheint auch der Begriff einer mitteleuropäischen, ja einer europäischen Kultur überhaupt als zu eng. Streng genommen ist die Richtung der geistigen Entwicklung der „KulturMenschhert" eindeutig bestimmt, wenn man den Hedonismus ihrer Lebensanschauung, den dogmatischen Matevialisrnus ihrer Anerkenntnis und die technisch-formale Richtung ihrer Mssenschast hevvorhebt. Dies sind die wesentlichen Merkmale einer Kultur, deren Grenzen nicht mit den Umrissen Europas zusammenfallen. Die Kultur aller christlichen Völker ist eine einzige Kultur. Will man sie der.Kürze halber „christliche .Kultur" nennen, so mutz man bedenken, daß sie mit Religion ebensowenig zu tun hat wie mit Rasse, und daß „christlich" hier bloß ein Sammelnamen für 'die Gesamtheit der Völker ist, welche einen einheitliche geistigen Entwicklungsgang zeigen. Im frühen Mittelalter war die Einheit der Kirche für diese Entwicklung zweifellos von Bedeutung: in ihren Grundtendenzen jedoch ist sie eine geradlinige Fortfichrung der griechisch-rönns chen Kultur. Die Völker, welche Europa in der VWerwanderungszsit besiedelten, übernahmen diese Tendenzen und formten nach ihnen auch die neucmfgenommem Religion, die ursprünglich etwas ganz anderes werden wollte. Wo bleibt hierbei die Rasse mrd ihre „Seele"? Wem man unter Kultur eine Richtung, eine Tendenz und nicht willkürlich abbegvenzte Mästen vor: fertigen Kulturgütern versteht, kommt man zu der Ueberzeugung, daß an der in Frage stehenden .Kultur der christlichen Völker eine sehr große Anzahl von Rasten und Völkern mrtschuf, ohne daß es einer gelungen wäre, dominierend zu werden. In Ungarn wurde die letzte Eniwicklungsphase dm: christlichen Kultur durch die Juden vermittelt. Also zweifellos wieder ein Grund gegen die vielfach an genommenen Beziehungen zwischen Rasse und Kultur, und wieder eine Quelle von Konflikten. Verschiedene Völker können sehr wohl Träger derselben Kultur sein, aber verschiedene Kulturtendenzen lassen sich niemals verschmelzen Aber gerade das wurde und wird vom Assimilationsjudentum in Ungarn und anderswo versucht. Den Miß erfolg muß auch der Blinde sehen. Die Locktöne, welche anläßlich des Wiener Kathoder-KMel hevab wiedeveRwurlan dvS Hajmasker. «Heime Rüstungen Horthy-singarns. Wie wir erfahren, ist es vor einigen Tagen der interalliierten Militär-Kontrollkomnnston in Budapest gelungen, in den Wäldern bei Hajmasker, wo sich früher der große Artillerieschießplatz befand, große Mengen versteckter Munition und Kriegsmaterials zu eruieren. Es handelt sich um einen Riesen st apelpl atz von verschiedenstem Kriegsmaterial dev ungarischen Nationalarmee. Von Hayinasker aus wurden auch. dieBudapester Terrorbanden der Erwachenden mit Ckrasit und anderen Explosivstoffen versorgt. Die Menge des in den Wäldern bei Haynrasker aufgesundenen Kriegsmaterials betrögt einige hundert Tonnen. Es ist 'bereits erwiesen, daß dieses Lager mit Wissen und Unterstützung der ungarischen Regierung angelegt worden war, ja von. dieser sogar beschützt wurde. HonvedMmrstr Belieska, der vor einigen Tagen zurücktrat, war der Hvnpwrganisator dieser geheimen Munitionslager und ließ auch mit Wissen der Regierung die Lager militärisch bewachen. Sein Rückttitt dürfte daher auch mit 'der Auffindung dieser Lager durch die interalliierte Demission in Verbindung zu bringen sein. Die ungarischen Blätter diirfen laut leittem. strengen Auftrag der Regierung nichts über diese Affaire bringen und Graf Bethlen hat die Ententeregierungen gebeten, aus der Affaire keine Staatsaktion zu machen. Er versprach, die ausgefundenen Munitionsmengen samt dem Kriegsmaterial an die alliierten Behörden auszuliefern. Damit die Lage des jetzigen Kabinetts nicht erschwert werde, hat die große Entente -von einer diplomatischen Mtiou bis jetzt abgesehen, während die kleine Entente nur die Entwicklung der innerpolitischertt Dinge abwartete, um sodann zu der Affäre von Hajmasker Stellung zu nehmen. Gestern ist in Budapest der französische Oberst Bleu eingetrosten, der als neuer Chef der interalliierten Kontrollkommission die weitere Verfolgung der Angelegenheit durchführen w:rd. Judentum ergingen, machen es doppelt notwendig, klavzulegen, daß die Wahrung der jMschen Eigenart durchaus nicht eine Erfindung der bösen „Refovmjuden" (lies: Zionisten) ist, sondern in der Natur des Mischen Entwicklungsganges liegt, der nun einmal nach seinen eigenen Gesetzen läuft. Daran werden alle Jesuiten der Welt nichts ändern können. Die Juden haben lange genug Fronarbeit geleistet. Sie wollen ein eigenes Fell) für ihre Arbeit schaffen. Daran werden die Intriganten, wo immer sie wachsen, für die Dauer nichts ändern können. Sefterreich. Las Kompromiß filier die neue Wahlordnung. Der Unterausschuß des Berfassungsansschusses hat gestern nach einer Reihe von Sitzungen seine Arbeiten über das neue Wahlgesetz beendet. Der Entwurf wird vom Berichterstatter Schönstemer dem Verfassungsausschusse, der. heute nach der Hausisitzuntz zufammentritt, vorge-legt werden. Der Entwurf enthält.im wesentlichen folgende Bestimmungen : Der neue Nationalrat wird aus 166 Abgeordneten zusamWer^esM' seim Die Wahlkreise Aeiben unverändert, mit der Ausnahme, daß Tirol in einen Wahlkreis zusantmengelegt wird; die Wahlen finden in zwei Ermittlungsverfahren statt, die im wesentlichen u-ach der Regievungsdovlage gestaltet sind. In der Frage der Wahlpflicht bleibt es bei dem geltenden -"Recht szustande, daß die Einsührung der Wahlpflicht vom Beschluß des betreffenden Landtages abhängig ist: es werden stä ndige Bürg erlisten «ingeführt, doch findet vor jeder Wahl ein vierzehntägiges Reklamations- Verfahren statt. Für die Heuer im Herbst durchznWhrenden Wahlen sind Uebergangslbestimmuntzm getrosten. Die Einteilung der 166 Mandate ans die Wahlkreise findet auf Grund des bisherigen Ergebnisses der letzten Volkszählung statt und wird im Gesetze festgelegt. Die Wahlen, deren Dermin im Einvernehmen mit dem Hauptausschmß fortgesetzt wird, werden, im Laufe des Monats Oktober stattifinden. Re passive Resistenz der Bundesbeamten und die Arbeitslose». Eine Abordnung des Reichsverbandes der Arbeitslosen unterbreitete gestern dem Wtionskomitee der in die passive Resistenz eingetretenen Bunidesbearnten. das Ansuchen, die Auszahlung der Unterhaltsbeiträge an di« Arbeitslosen von der passiven Resistenz auszuschließen. Die Verzögerung dieser Auszahlung hätte bereits zu Unruhen in Graz, Linz und St. Pölten geführt. Zur Vermeidung von Ruhestörungen in Wien wäre es daher angezeigt, bei der Auszahlung der Arbeitslosenunterstützungen den Beamten Hilfskräfte beizustellen, -was auch der Zentralverband der Beamten zugestand. Konslitt zwischen Ir. Seipel und der Gendarmerie. Die Gendarmen für die passive Resistenz. Die freie Gewerkschaft der österreichischen Bundesgendarmerie hat vor einigen Tagen an ihre Mitglieder eine Einladung zur Teilnahme an den in allen Landes- - Hauptstädten in dieser Woche stattfindenden Landes- und Vertrauensmästnerverfammlungen gerichtet» in welcher gewerkschaftliche Fragen, insbesondere die Lohnverhültmsse erörtert werden sollten. Bundeskanzler Dr. Seipel hat als Antwort auf diese Einladung ein Rundschreiben an alle Landesgendarmertekommandos erlassen, in dem er diese Einladung als „Aufruf zum Kampf" bezeichnet, die Gendarmen vor einem Anschluß an die passive Resistenz warnt und darauf aufmerksam macht, daß eine etwa geplante Verabredung oder gar Aufforderung zur Verletzung der beschwornen Pflichten ein schweres disziplinäres Vergehen bleutet, das nicht ohne Folgen bleiben könnte. Das Präsidium der Gendarmeriegewerkschaft sprach nun gestern bei Dr. Seipel vor, um gegen sein Rundschreiben zu protestieren. Die Mitglieder der der Deputation erklärten,, daß trotz dieses Nundschreibens die angekündigten Versammlungen. zugunsten der passiven Re sisienz dmchgestvhrt .werben. Ir. Seipel über die Reorganisation der Bundesbahnen. In eurem dem Berliner ,Zokalanzeiger" gegebenen Interview erklärt Dr, Seipel, daß die zahlreichen Krittken, die an dem Plan der österreichischen Regierung zur Reorganisation der Bundesbahnen geübt wurden, nur beweisen, daß die Regierung einen Mittelweg zu gehen suche. Hinsichtlich des Abbaues -bemerkte der Bundeskanzler, daß es sich dabei nicht um den Abbau an sich handle, daß demgemäß keine destruktiven Absichten bei der österreichischen Regierung vorhanden sind, sondern daß die gesamte Arbeit, die sie auf Grund der Genfer Konvention und des Wiederaufbauprogvammes entfalten werde, in erster Liüie -das Ziel verfolge, -die staatliche Wirtschaft wieder auf gesunde Grundlagen zu stellen und im Zusammenhang damit auch der österreichischen Volkswirtschaft überhaupt ihre Zukunft zu gewährleisten. Am Schluffe äußerte Dr. Seipel 'den Wunsch, daß auch die handelspolitischen Verhandlungen mit dem Mutschen Reich zu einem für beide Teile gleich vorteilhaften Abschluß gelangen mögen. Bischof Waitz Wer den Monarchismus. Auf dem. kürzlich abgehaltenen Bundestag des Bundeder Oesterreich er hielt Bischof Waitz von Tirol eine Rede über die Frage, ob ein Katholik sich heutzutage Kr. die legitim-monarchistische Idee einsetzen dürfe. Dsr Kirchenfürst, bezeichnet den Katholizismus mit dem besterreichertum als eng verknüpft und erklärte, grund- ■ sätzlich müsse der Kacholik Revolution, Umsturz und Verdrängung der legitimen Autorität verureilen. Die durch solche ungerechte Mitteln geschaffene neue Gewalt, habe zwar" den Anspruch aus unseren Gehorsam, nicht aber auch, wie früher die legitime, auch den auf i n n e r e Treue.. Der österreichische und der monarchistische Gedanke an sich-fei-derzeit wie eine Frühlingsblume, die nicht vorzeitig künstlich zum Aufblühen gebracht werden dürfe, damit nicht ein Frost sie erstöre. Ungarn. Ier Staatshaushalt. Budapest, 6. Juli. Der Landesfimmzsenat hat zur Weiterführung des Staatshaushaltes die Inanspruchnahme eines Kredites von weiteren zehn Milliarden Kronen beim staatlichen Noteninstitut bewilligt. EinGrenzzwischensali. Budapest, 5. Juli. (Tel. d. ,Me. Morgenzeitung".') An der jugoflawisch-ungarischen Grenze ereignete sich heute Mchts ein bisher unaufgeklärter Zwischenfall. Ein ungarischer Grengwächter wurde durch mehrere Schüsse getötet. Die eine Kugel stammt, wie bereits festgestellt worden ist, von einem u ngarifchen Militärgewehr. Nn Pogromist. Budapest. 8. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgentzettung".) In der Nav.onalvirünnwlurig sprach heute der Führer d°r Erwachenden Magyaren, Georg Hegedüs, über die Heimen Organisationen, deren Bestand er auf das entschiedeniste bestritt. Denjenigen, sagte der Redner,- die fortwährend über christliche Detachements icebm;. möchte ich mitteilen, -daß die jüdischen Pfadfinder gerade jetzt.or- .ganffiert werden. Die Lösung der Bodensrage, meint Hegedüs, wäre arn leichtesten dadurch herbeizuführen,' wenn man die dreieinhalb Millionen Joch Boden, tvelche irri Mischen Besitz sind (?), unter die Bmiern verteilen möchte. Nie Mastthelden werden enthaftet. Budapest, 6. Juli. (Tel. d. ,M. Morgenzeitung".) Sämtliche, unter dem Verdachte der Beteiligung an dem Attentvt gegen das Cafe Klnb verhafteten Personen wurden heute auf freien Fuß gesetzt. A-ngMich ist es ihnen gelungen, ein vol-lständiges Alibi zu erbringen, welches die Polizei nicht entkräften konnte. Die Erhebnngen werden fortgesetzt, doch glaubt nran an keinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.