Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1578 (5.7.1923)
- Date
- 1923-07-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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/ mt. 1578 ' ffiiert, $nMüt'' *"■ 'WrMv' MKsMeWik«?'^-' ■»Wr^' 5. Juli 1923 Seile 3 Die Wiener Berschwöm. Das MrLernest in der Piaristengasse. — Reue Verhaftungen. - Sberleutnant Lechner. Es ist nunmehr kein Zweifel mehr möglich, daß der ch im Nenle-ngbacher Walde ans Politischen Motiven verübt wurde. Dr. Riehl, der Führer'der NationalsoziaMen, läßt durch eine parlamentarische Korrespondenz mitteilen, daß er am Dienstag nachmittags eine UnterrÄ>ung mit dem Polizeipräsidenten Dr. Sch oder hatte, bei welcher er den Wunsch äußerte, es möge ehestens Licht in dve Affäre gebracht werden. Da diese Mitteilung van Dr. Riehl herrührt, läßt sie sich auf ihre Nichtigkeit iricht prüfen. Natürlich bestreitet Dr. Riehl energisch, daß seine Partei mit dem Morde etwas zu tun hatte. Er wiederholt die Behauptung, daß Novosat „schon vor langer Zeit aus der Partei ausgeschlossen worden sei". Diese lange Zeit bsgimnt, wie aus den Berichten der Polizei hervorgeht, am 1. Juni. Der Ausschluß wäre also, vorausgesetzt, daß dies überhaupt wahr ist, vierzehn Tage vor dem >Mord geschehen. Und es wäre immerhin möglich, daß es sich um einen formellen M gehandelt hat, zu dem Zwecke, für die Partei rechtzeitig ein AM zu konstruieren. Die Partei hat erwiesenermaßen von dem Mord gewußt. Denn <vM 30. Juni, dem Tag, an dem die Leiche Kargers aufgefunden worden war, ist Novosat von dem nationalsozialistischen Ordnergruppenkommando vorgeladen worden, um sich, wie es in dem Befehl heißt, wegen Totschlages an einem Kameraden zu verantworten. Die Untersuchung hatrmn auszuklären, welchen Zweck diese Vorladung hatte und ob sie zu einer Aussprache geführt hat. Es ist ferner bekannt, daß im Nachlaß des ermordeten Karger ein Zettel gefunden wurde, auf welchem der Adressat vor R. N. (Rudolf Novosat) gewarnt wird, der einen Anschlag auf ihn im Sinne habe. Die Absicht des Novosat war also a u ch a n d e r e n Personen bekannt. Wie wir bereits berichteten, hat die Sicherhnkbehörde im Verlauf der Untersuchung gegen Novosat den Bestand von mindestens zwei Terrororganisationen aufgedeckt. Die eine heißt Gruppe Novosat, die zweite nennt sich nach dem jüngst von den Franzosen wegen Sprengung einer Brücke im Ruhrland Hingerichteten Nationalsozialisten und katholischen Eonleurstudertten S ch l a g e t e r, der bekanntlich von zwei seiner Hakenkreuz-Hreunde aus der Roßbach-Gruppe an die Franzosen denunziert worden ist. Die beiden Terrororganisationen waren, wie der Fund im Piaristenkonvikt beweist, mit Waffen, Giften und Chemikalien gut ausgerüstet. Der Waffenfund ist in drei Zimmern der Wohnung einer Frau Dr. M a s ch k e im Piavistenheim gemacht worden. In dieser Wohnung wären fett etwa einem Jahre drei junge, aus Deutschland eingetvoffene Offiziere untergebracht. Sie, .wurden Dienstag verhaftet. Es sind dies ein Kapitänleutnant Krüger, ein Hauptmann Ludwig Wulf und ein Oberleutnant M i s o v a y. Man fand in der Wohnung Mannlichevgewehve, Mauserpistolen, Handgranaten sowie eine Menge Munition, Ekrasit, andere Sprengstoffe und Gifte. In derselben Wohnung 'waren im vorigen Jahre die beiden Mörder Crzbergers auf ihrer Flucht nach Budapest und der berüchtigte Kapitän Till essen versteckt, der sowohl bei der Vorbereitung des ErA-vger-Mordes wie des R at h e n a u - M o r d e s aktiv beteiligt war. Es sind Anhaltspunkte dafür'vorhanden, daß diese Leute, welche über riesige Geldmittel verfügten, an der Vorbereitung eines provokativen Attentates gegen Bundeskanzler Dr. Seipel arbeiteten.- Der Zweck dieses Attentates ist einleuchtend. Es sollte dadurch knapp vor den Wachsen eine Verschärfung des antisozialisttschen und anttjMschen Geistes Herbeügeführt werden. An dieser Veranstaltung wirkten die beiden Organisationen „Novosat" und Schlageten mit. Karger, der zur Sturmtruppe Novosat gehörte — die dem Hauptmann Wulf unterstellt war — war aus der Gruppe ausgetreten. Da man ihm nicht tvaute, mußte er beseitigt werden..Ob Novosat den Mord aus eigenem Antrieb oder auf Befehl verübt hat, konnte bisher nicht, sichevgestellt werden. Gestern hat Rudolf Novosat ein neues Geständnis abgelegt. Nankch hat er seinen Mordplan mit dem 21jähvi- ' gen Prtvatbeamten Julius Brunner und dem Lljährigen Studenten Karl Jugendfein besprochen. Beide befinden sich Mvigens schon seit vorgestern in Haft. Gleichzeitig wurde auch der 30jährige Kaufmann Heinrich Freund (10. Bez., Fernkorngaffe 28), der Führer einer eigenen Tervovgvuppe, und sein Genosse, der 20jährige Wrlter.Bernhard (4. Bez., TheresiarpmiMsse 10), in Haft genommen. Diese beide standen in Verbindung mit dem Kapitänlentnant Alfr^dKrüger, bei dem man unter anderem zwei Eprouvetten mit einem mysteriösen Inhalt gefunden hat. Es ist eine unbedingte NotweMMit, -vor der ganzen Oeffentlichkeit zu konstatieren, daß sich dcis „großd'entsche Zentralorgan",. ' . die „Neue Freie Presse", in beit Dienst der Nationalesozialistischen Partei gestellt hat. Dieses Schandblatt -wagte es, gestern zn behaupten, es sei einwandfrei nachgewiesen, . daß die Na t r.o n ai a l iftri.f.tf; e Pa.rpe i dem Ver brechen in Mülengbach fernsteht. Ein solcher Beweis ist in keinem Punkt erbracht. Dagegen, ist nachgslvresen, daß die Mördevvevbände einheitlich organisiert waren und unter dem Kommando des Oberleutnants Lechner standen, der ein hervorragender Funktionär der Nationalsozialistischen Partei ist. Dieser Lechner ist vor etwa einem Monat aus Wien verschwunden und es hieß damals, er sei ausgewiesen worden, während die Nationalsozialistische Partei in ihrem Blatt, der „Arbeiterpresse", erklärte, er. habe einen Urlaub erhalten. Es ist noch erinnerlich, daß dieser Lechner die Felddienstübung auf dem Exlberg kommandiert hat. und ttaß er die Ordnertvuppen bei den Versammlungen in Hernals, Meidling und Favoriten befehligte. In Favoriten nrachten seine Truppen von der Waffe Gebrauch und es wurde ein fozialdemokwttscher Arbeiter erschossen. Diesem Lechner und der hinter ihm stehenden Partei macht jetzt die „Neue Freie Presse" die Mauer. Wie uns spät nachts gemeldet wird, sind im Laufe des gestrigen Tages eine Reihe von weiteren Verhaftungen von Verdächtigen vorgenommen worden. Im ganzen befinden sich jetzig 2 8 P e r s o neu im polizeilichen Gewahrsam. Unter anderen wurde ein gewisser W e n z i n g e r, ein angeblicher Kaufmann, verhaftet, der ebenfalls Kenntnis von dem Mordplan des Novosat gehabt haben soll. Alle Personen sind verdächtig, um das Verbrechen des Mörders teils vorher, teils nachher gewußt zu haben, ohne es vereitelt, beziehungsweise nachträglich zur Kenntnis der Behörde gebracht zu haben. Sie verantworten sich damit, daß sie den großsprecherischen Reden Novosats .entweder keine Bedeutung beigemessen oder daß sie sich gefürchtet hätten, es könnte sie dasselbe Schicksal treffen wie den jungen Karger. In der Wohnung Novosats wurde eine neuerliche H a u s d u x ch su chung vorgenommen. Dabei wurde ein Ring der Brigade Erhardt, ein Weiß emaillierter Ring mit einem preußischen Kreuz, das offizielle Abzeichen der Baltikumkämpfer, gefunden. Auch verschiedene Briefschäfte n, zum Teil zerrissen, wurde zutage gefördert. Diese Briese müssen erstmühsamzusaminengesetzt und geprüft werden. Nach dem bisherigen Stande der Untersuchung scheint der Waffensund iw Piaristenkonvikt mit der Affäre Novosat nicht in unmittelbarem Zusammenhang zu stehen. Der verhaftete Krüger hat selbst keine eigene Dervorgruppe gebildet, sondern war nur I n st r u k t o r der anderen. Nachts wird, amtlich' verlawtbart: N o v o s a t, der auch heute längeren Verhören unterzogen wurde, blieb dabei, die Tat nicht allein, sondern in Gemeinschaft mit einer, zweiten Person verübt zu haben, ohne jedoch bestimmte . Angaben über deren Identität zu machen. Die behördlichen Erhebungen erstrecken sich nunmehr daraus, die Nich-, tigkeit dieser Aussage zu überprüfen und des allenfalls in Betracht kommenden Komplizen habhaft zu werden. Nach den: bisherigen Stande der Recherchen waren unter den Mitgliedern der sogenannten „Trutzgruppe" des' Novosat der im 4. Bezirke, Nainergasse 24, wohnhafte Privatbeamte Julius Brunner, der im 18. Bez., Anastasius Grün-Gasse 6, wohnhafte Kanzletbeamte Johann Wen-, z r n a, der im 17. Bez., Hauptstraße 14, wohnhafte Sw- - dent Anton Sauer, der im 16. Bez., DeHergasse 3, wohnhafte Student Anton Leithner, Mitwisser des Verbrechens und befinden sich sämtlich in polizeilichend Gewahrsam. Novosat stand auch in Verbindung mit den Mitgliedern einer zweiten neugegründeten rechtsradikalen Formation, die sich die Bezeichnung „Kameradschaftsbund Schlageter" zulegte. Diese Gruppe bestand ebenso wie die der Trutz» truppe" des Novosat. aus , ehemaligen Angehörigen der - ngtionäl-sozialistischen Ordnertruppe. Gründer dieses Kamrradschafts'bundes ist der 4. Bez., Ziegelofengasse 4 wohnhafte Handelsangvstellte Eduard R ö ß l e r, Kommandant ein angeblicher Heinrich Freund, der deutscher Offizier gewesen zu sein vorgibt. Freund, dessen Jdentttät nicht feststeht, hat sich eingestandermaßen mit Attentats planen gegen bekannte Persönlichketten getragen. Freund scheint nicht bloß von der Movdabsicht des Novosat gewußt, sondern ihn.auch hierin bestärkt zu haben. Rößler, Freund, und weitere 19 Mitglieder des Kameradschaftsbundes Schlageter befinden sich in Hast, schließlich wurde auch der im 8. Bez., Piaristengasse 45, wohnhafte Student Alsrod Krüger/ der mit Novosat in Verkehr gestanden war, angehalten. Bei der im Unterstandsorte. Krügers vorge< nornmenen Hausdurchsuchung wurden zwölf Jnfantenegewchre, dazu gehörige Jnfanteriemunition, nicht adjm stierte Handgranaten und einige Totschläger vorgesunden und beschlagnahmt. Eine Beteiligung Krügers an der Mordtat ist bisher nicht hervorgekommen. Die Zahl der Angehaltenen beträgt zurzeit insgesamt 28 Personen. Eine Schlageter-Feiee -ee Wiener Universität. Die völkischen und katholischen Studenten Wiens veranstalteten gestern vormittags um 9 Uhr in der Aula der Universität eine Trauerkundgebung für den von den Franzosen auf eine hakenkreuzlerische Denunziation hin erschossenen Lllbert Schlageter. Die Gedächtnisrede hielt Professor Dr. Hügel mann. Die von den Studenten der Universität veranstaltete Trauer- Versammlung war auch von den Hörern anderer Hochschulen' besucht. Insgesamt nahmen an ihr ungefähr 350 Personen teil. Die' Feier dauerte eine Stunde. Scharfe Ae ungarische Geheimbündlerei. Kritik der Fnnen- und AußeapoMk i« der ungarischen RatiomlversamAlmg. 4. Juli. (Del. der „Wiener Morgenzeidung".) In der Nationalversammlung Me heute im Laufe der In denmitätsdebatte der oppositionelle Führer Karl Rassay scharfe Kritik an der Außenpolitik der R-ogievung. Eine richtige nngarffch-e AußenpMilk hätte die Gsgenisätze zwischen denemz einen Mitgliedern der kleinen Ent ende auszunützen gehabt. Aus den jüngsten tschecho-flowakischen EMärungen ist ersichtlich, daß einer allgemeinen Verständigung nur die ungarische Regierung im Wege steht. Die Regierung müsse im Interesse der Nation von ihrem Platze weichen. Eine gute innere Politik könne es ebensowenig wie eine gute äußeve PolWk gAen, so lange der Ausbau -es Staates ina-nselhast sei. So sei die Frage des Machtkreifes des Staatsobe r h a « p t e s noch' immer nicht geregelt, insbesondere die Frage der zeitlichen Beschränkung seiner Befugnisse. Eine weitere KranNMt, an der das Land le'ide, seien die geheimen Organisationen. Er ftage, wie es mögslich sei, daß die Brüder Kovacs nnid' Genossen eine behördliche Erlaubnis zu Spendensammliungen erhalten konnten, Leute, die aus Grund ilhrer Vergangenheit unter PolizöiaWcht hätten stehen müssen. Es sei ein Irrtum, zn glauben, daß diese Berbrecheribanide von der Polizjei entlarvt worden sei. Er meid Mg. Vazsonyiseien es gewesen, die der Polizei eine Anzeige üb-er die Verschwörung eästaMt haben. Einen Dag nach ihrer Verhaftnng seien die Leute aber-wicher äns/fveien-Fuß gesetzt worden, und er und Mg. Vazsonhi mußten nochmals den Ministerpräßdenten aüffUchm und. ihn bitten, daß Nötige zu veranlassen. Der sogenannte Kulwrverein „Unsere nationale Vergangenheit" sei aber nur eine U n te r.a b t e ilu u g, ein Bataillon einer größeren geheimen Gesellschaft, die den Namen . „Blntbund dos Doppelkreuzes" u)re. Man habe die Befehle beschlagnahmt, die dieser Bund vorbereitet habe, und auch Eidesformeln,, aus denen hervorgehi, 'daß.'die Mitglieder des geheiinen Bundes einen Eid ablegeu müssen, worin sie erklären, daß sie die Befehle des geheimen Bundes mchr als als alle anderen abgelegten Eide anerkennen. Sie hätten ein Blutgerrcht errichtet, dem sich jedes Mitglied der gchennen Gesellschaft unteüoerfen mußte. Redner ftage den und den Minister des Innern, ob sie sicher seien, daß die Polizei nicht auch durch diese Wimen Gesellschaften infiziert sei und ob nicht auch einzelne Beamte den geheimen Eid geleistet haben.. Er sei dahin informiert, daß in Ungarn alle Staatsämter durch den Doppelkreuzbund und ähnliche Gesellschaften infiziert seien. Er habe Beweise dafür, daß es ein ganzes Netz von geheimen Gesellschaften gebe, so einen St. Georgs-Orden, dessen Statuten besagen, daß der Orden im äußersten Fall zu den'Muffen greifen werde, um seine Ziele zn erreichen. Mg. Fnbian (vMbcÄe Opposition) Mterpellierte unter heftigen Wildersprüchen der äußersten Rechten-den Ministerpräsildsn-ten, ob er Kenntnis davor> halbe, daß einzelne, von Mgeordueten der NationM-erjsamMllU'Ng reldiigierte Preßorgane die Attentäter in Schutz nehmen und ob er Kenntnis davon besitze, daß im Lande geheime Bünde existieren, und ob er schließlich geneigt sei, gegen diesMen eiMlschreiten sowie Beamte, die solchen Vereinen angehören, ihrer .'Stellung.• im DisziplinaMege zu entheben. ' ' ' . JnstiMinister Dr-., N'.a g ys' antwortete,' er- Hobe. .gcheu einen Staatsa-nwatt namens Dauernder iu-Zei-^'u^-.rr.'lüu gegen seinen Vorgesetzten, derr Jnsttznun-fter, Angriffe gerichtet habe, das DiAziiPliuarvevfahre-n eiuileiti.gr und ihn von "seiner Stellung suspendieren kaffen. Die Rcigier-rtt'.g wende mir der größten Energie die allgeimeine Ovdmmg sichern, doch müsse jede Agitation und dir Answiegelung der Leideilsche.se.»: un:e> bleiben. . Minister des Jrulern Ralovszfy erklärt, die endgülti^ge Boa-ntwortung der Interpellation' stche dem Ntinislrrvrösideuten zu, per'mommian nicht anwesend sei. Er fei der Allsicht, - daß cs sich um keine wichtige politische Affäre, sondern uni niederträchtige, V-erbrechen handle. tommerokkaslon KegenmäHieti . K 12S.Q0Q(J(n{'O|| w Leinemtfaiiren, WasclVwaren 8 Stoffe, Wäische, sehr BsiBlig jssxasEsas« ., TaöörsiraSs 43 Telephon 47-1-7 ' En opos? -