Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1574 (1.7.1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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^r - * .. ■* ■ . .••• Slx. Wft _Wien, Sonntag __ ifcittt. Da die Beteiligung Mms nicht zu den: Zweck geischicht, a>us dem GeschDsiMerr.ehmen der Vevkchrswerlbnngsgesellschwft m. b. H. Nutzon zu. ziehen, sonldevrr IMKich zur goei-gnetE Wahmchmung der Interessen des Fremdenverkehrs erfolgt, so ist bestimmt, daß ein auif die Gemeinde eniifallender Gewinn ausschließlich für Propaigandazwecke durch die G. m. b. H. zur Verüvondnng gellnngt. Die Gemeinde nimmt nunmehr in poisrtiver Form die'Tätigkeit auch ans dieisem überaus wichtigen Wstckungsgeibivt aust- Die amerltanlsche Preffe und die Juden i« Pole«. In der inzwischen eingegangenen „ElWAander Jüdischen Zeitung" hat der auch sonst unl-ieHam bekaMe Mische PuWzist Gerson Bader (dessen Vorname in manchen Leisearten auch Gustav lautet) zwei Artikel veröffentlicht, welche in der jüdischen Presse und der sonstigen Oesfentilichkeit Amerikas höchst unliclbsames Aussehen erregten. Bader bezeichnet e nämlich die Berichte der jüdischen Presse Amerikas über die Lage der Juden in Polen als Brunnenvergisturg und warf ihr J'llohMät gegen den polnischen Staat vor. Diese Artikel mußten um so mehr verdächtig erscheinen, als bekanntlich von rechtsstehender und extrem antisemitischer polnischer Seite die gleiche Argnmentatwn befolgt wird. Es ist vor allem zu konstatieren, daß die amerikarffch- Mische Presse ihre Berichte über die Lage der Juden in Polen stets mit voller Loyalität gegenüber dem polnischen Staate schreibt und nur auf die von den polnischen Parteien extrem chauvinistischer Richtung und ihrer. Presse inaugurierte Jrüdenhetze und ihre Folgen' hinweist. Die Darlegungen Baders, die sich so lasen, als wären sie geradewegs aus einem der polnischer: Hetzblätter gekommen, haben nun eine scharfe Zurückrveisung im NÄv-Aorker jüdischen Tagblatt ,>Der Tag" erführen. Dort erlklärt Rulbin Brainin, Bader träte ganz plötzlich als Verteidiger Polens auf und es sei der Verdacht gewisser Nebenabsichten nicht von der Hand zu weisen. Auch die Vereinigung Mischer Schriftsteller und PMiyisten, der I. L. Pevetz-Perein in New-Aork, hat in diese Angölegerheit emgegvisfen und eine Untersuchungskommission eingesetzt, die von Bäder AufflärMg vevlangm soll. * PWve Resistenz im Domsverkehr. Die Angestellten und Arbeiter der Donau-SchiffahrtsuntieivnehmirMgen haben beschlossen, Montag den 2. Juli >mit der passiven Resistenz einziusetzen, und in die Bewegung ist nicht nur der Pe-rsonenvertehr, sondern auch der Gütertransport einsubezichen. Die Angestellten -dar DoMu-DampWiffahrtsgesellschaft, der' Süddeutschen' Domu-DcmrpsichDahrt^esellschafi, des Bayrischen Lloyd ustd der Ungarffchen Wutz- und Seöfchiffiahrts- Wienev Morgenzeitung. {■* JVienJ, JVildpretpiarkt Jfflcxieles son Tflan JRobes, M&stu/nesjJftanteawi» •v trourrure* \^STelefon ' <553^ Tnroige Adaptierung der «escbäfMäutnt werden sämtliche Xaflerucstänac ru lief reduzierten Preisen avgegeven Mtiengesellschast führen schon feit 'Monaten einen Kampf um die Regulierung der Löhne. Die Regelung dcr Lohnfrage ist ein fchweres Problem, da bei der Donau-Dampfschiffahrt sieben Staaten in Betracht kommen und in jeden dieser Staaten die Währung wie auch dis Äebensverhältmsse vor: einander verschieden sind. Die Vertrauensmänner der Angestelltenovganisatiomn hatten bei den Unterhandlungen, die sie mit den Direktionen der Gesellschaften zu führen hatten, immer die größten Schwierigkeiten mit der ungarischen Unternehmung, deren Löhne die niedrigsten sind, ein Uebereinkommen zu schließen, selbst nach der letzten Regulierung blieben, nach dem Wert und 'der Kaufkraft der ungarischen Krone gemessen, die Bezüge unter der Lohngreuze der übrigen Staaten. Gleichzeitig mit der Frage der Regelungen der Bezüge für Ungarn wurde auch eine Regelung der Löhne für Jugoslawien angestrebt und wurden auch Verhandlungen wegen Leistung einer einmaligen Aushilfe eingelsitet. Die Direktionen erklärten sich am 2. Juni zu Zugeständnissen bereit, lehnten es jedoch ab, die den Vertretern der Organisationen gegebenen Zusagen zu erfüllen. Das Ansuchen nach Gewährung einer einmaligen Aushilfe wurde gleichfalls a b g elehnt. Die Vertvattsnsmänner der Angestellten und Arbeiter haben mm beschlossen, vorlchiffg mit 2. Juli mit der passiven Resistenz zu beginnen und schärfere Maßnahmen einem späteren- Zeitpunkt Vorbehalten. Hinsichtlich des Personenverkehrs dürfte schon am Montag mit «einer beträchtlichen Verspätung im SchLssahrtsv-erkehr zu rechnen " ' '1. M 1923 ' ' . Gekke 5 sein, den Güterverkehr.wird die Resistenz erst in 'den nächstem Tagen empfindlich beeinflussen. An der Bewegung sind ungefähr ,5000 Angestellte und Arbeiter beteiligt, Kn Mord bei NeuleuOach. Freitag früh wurde im Haspelwalde bei Neulen gbach etre stark verpeste MänneMche auifgefnüden. Der Wirtschaftsbesitzer Josef Bauer fand in einem Göhüsch in einer Grube die Leiche eines jungen Akannes. Der Kopf war mit einer Decke,, der Körper mit Fichtenästen zugedeckt. Auf dem Kopfe wies die Leiche eine Menge Verletzungen aus, die offenbar von einem spitzen Instrument herrührer.^ Der Tote dürste nach Ausicht der Aerzte bereits längere Zeit an der Fundstelle gelegen sein. Bei der Leiche fand man eine Brieftasche, in der sich Dokumente vorfanden, auf, Grund derer der - Tote als der 19jährige Drogist Konrad Karger, Sohn des Jnger.«ieurs Paul Karger im 9. Bezirk, agnosziert werden konnte. Der junge Mann hat die elterliche Wohnung am 14. Juni verlassen und ist seither nicht mehr gesehen worden.. Es liegt zweifellos ein Mord vor. Zur Jdentitätsfestsiellung fuhr gestern vormittags Ingenieur Karger nach Nenlemgbach. Er erkannte die Leiche als die seines Sohnes. Die vorgesuitdenen Gegenstände stainme« aus der Wohnung des Ingenieurs. Daß cs sich hier mn einen Raubmord handelt, ist mit großer WahrscheinlichLeit anzunehmen, denn es wäre kaum zu glauben, daß der Mge Mann, der doch, wie er in seinem Brich sagte, nach Deutschland zu gchen hoffe, mit einem, Barbetrag von 580 Kronen ausgewogen ist. In der Nähe der Fundstelle der Leiche, zirka zwei Meter entfernt, wurde ein abgebrochener StiÄ eines Werkzeuges,. vielleicht einer Beilpicke, aus-gesunder-. Ob dies das Instrument gewesen ist, mit dem der Raubmord verübt wurdekonnte noch nicht sestgestellt werden.. zur Mischen krziehungsfrage. Vor kurzem wurde bereits an dieser Stelle über die jüdischen Volksschulen im Burgenlan'de gesprochen. Numnehr soll eine mit diesen Schulen in engem Zusammenhang stehende Frage angeschnitten werden, die über die Grenzen des Burgenlandes hinaus für das jüdische Erziehungswesen in ganz Oesterreich von unleugbarer Wichtigkeit ist. Die jüdischen VollsschÄen im Burgenlande hatten, so lange dieses Land zu Ungarn gehörte, ein eigenes Lesebuch in ungarischer und deutscher Sprache, das bis auf einige Kleinigkeiten ganz gut war. Seit der Wgliederung an Oesterreich müssen sich die Lehrer aber mit dem allgemein eingeführten Lesebuche begnügen und stoßen dabei stündlich aus den Mangel an einem jüdischen Lesebuchs in deutscher Sprache, den auch die Lehrer der jüdischen Volksschulen in Wien und Graz lebhaft empfinden. Wenn auch die // 728 Uhr abends // HI., MupsseHr.38 Heute Sonntag den 1. Juli . .. .. ... Baratoff Ajkete Mailk und des Ensembles „Jüdische Volksbühne“ Groteske in 3 Akten und Prolog von Ben Schumer // // // Leitung: Isaak Deutsch An Buch über Povver-Ldnleus.*) , Nicht viel später als ein Jcchr nach dem Tode von Popper-Ly nkens ist die erste umfassende PoPper-BiogvapPe erschienen, gleichsam als ein Vermächtnis inniger Verehrung und treuer Freundschaft von der Hand des mm auch Heimgegangenen Adolf Gelber. Wohl hat Popper in sckuer 1905 erschienen Selbstbiographie in der rührenden Schlichtheit, Geradheit und Offenheit seines Wesens die äußeren bestrmwenden Momente seines Lebenslaufes und die inneren Triebfedern seine Lebensarbeit darlegt; aber wenn Schillers Wort: „Das Individuum ist unerschöpflich," schon von dem winzigsten, unbedeutendsten Menschen gilt, wie viel mchr findet es Anwendung auf den Mann, dessen ganzes Sinnen und Schaffen dem Ziele galt, jedem Individuum ohne Unterschied zu seinem Rechte, zu seiner Daseinsfreude und zu seinem Lebensglück zu verhelfen. Gner solchen Individualität wie Popper-Lykeus voll und ganz gerecht zu werden, dürste daher selbst dem ^ulsamenarbeiten vieler Berufener kaum jemals gelingen, aber jeder Beitrag eines Berufenen — imd als solcher erweist sich Adolf Gelber schon zufolge feines langjährigen vertrauten Umgangs mit Popper — zu der Lösung dieser Aufgabe ist freudigst zu begrüßen.- Man muß auch Gelber rückhaltlos zugestehen, daß er sich der Schwierigkeit und des Ernstes seines-Unternehmens voll bewußt tvar. Es gereicht chm nur zur Ehre, daß er hinter de:: Helden seiner Darstellung bescheiden zurücktreten will. „Indem ich zur Feder greife, um Josef Popper-Lynkeus' Wesm und Mrken zu beschreiben, wird in rnir das. Bewußtsein lebendig, daß mir eigentlich doch der Beruf zu einer Iso außerordentlichen Aufgabe fehlt.' Es war eine ungeheure Welt, die er mit seinem Mssen und Denken - mit» spannte, während sich das meinige mw auf den engen Bezirk einiger Literaturen sowie da und dort eines schmalen Ausschnittes aus der geschichtlichen Entwicklung der Völker sowie ihres politischen Lebens beschränkt." Viel mchr noch als die ganz erstaunliche Weite von Poppers Arbeitsfeld fällt die Tiefe ins Gewicht, die allen Werken Uppers den charakteristischen Stenrpel aufdrückt. Das eben sichert Popper seine unvergängliche Bedeutung als Ethiker und Sozialreformer, das sichert auch seinen Dichtungen ihren bleibenden Wert, daß die Antriebe seines Schaffens aus dem tiefsten Innern seines Genmtes hervorgingen und daß aus allen seinen Werken eine Per- *) Josef Popper-Lyirkeus. Sein.Leben und sein Wirken. Von Adolf Gelber. Internationaler Verlag „Renaissance" (Erdtracht), Wien. Berlin. LeiPsia, New-)))ork. fönllchkert von seltener Wärme und Zartheit des Gefühlslebens z» «ns spricht. Popper hat wie wenige das ganze Leid des Menschenlebens tellnehm-end mitgefühlt, die ganze^ Mannigfaltigkeit des Menschenwehes mitdurchlebt, und diesem tiestnnerliche» Erlebm entsprang das heiße Bemühen, seinen Mitmenschen W helfen. So kam es, daß uns in Popper echt ethische AÄraft entgegentmtt. Wie für alle großen Geister der Weltgerichte ihre nationale Individualität als die intimste Voraussetzung ihrer, blonderen Eigenart, als die stärkste Wurzel ihrer Kraft erkannt wmck»e, so gilt dies auch für Popper bezüglich seiner Zugchörrgkeit zmn jüdischen Volke. Gelber zeigt, wie der Einfluß der Mutter, die einer jüdffchen Gelehrtenfamilie entstammte, für Popper bestinxnend wurde, wie die Ehrfurcht vor geistiger Arbeit in ihm frühzeitig erweckt wurde und wie die Atmosphäre, in der er heranwuchs, und die ersten Ersahmngen, di», er beim Eintritte ins praktische Leben eben als Jude machen mußte, seine Liebe zur Freiheit entfachten. In der Tat war Popper sein ganzes Leben hindurch beseelt von Gefühlen der Achtung in den höchsten Formen ihrer Ausbildung, insbesondere von tiefer Pietät und einem in dieser wurzelnden historischen Sinn sowie von einem Fveiheitsgefühl, das jede Art der Vergewaltigung oder der Bevormundung, (fei es auch in bestgemeintem Sinne, auf das enffchiedmste ablehnte. In einem Nachrufe auf ihn, heißt es, daß er von seiner Rasse die leidenschaftliche Liebe zur Gerechttgkeit hatte, und sicherlich dürfen wir fcte Worte modifizieren, die der Philosoph W i n d e l b a n d äuf Spinoza mit Rücksicht auf dessen Gottrunkmheit. geprägt hat: „Hierin bewährt er auch die Abstammung von einer Nation, welche die leidenschaftliche Intensität ihres Gottesbewnßtseins durch die Jahrhunderte als den wertvollsten ihrer Schätze gehütet hatte." Auch Popper bewährt dieselbe Abstammung in seinem leidenschaftlichen Eintreten für die Rechte eines jeden Individuums und einer jeden nationalen Jndividualttät ohne Unterschied und damit für die endliche Herstellmtg eines dauernden Friedensznstandes. auf Grund fortschreitender Versittlichung der Menschheit. Ganz besonders ttef hestmdet sich Poppers Zusammenhang mit dem Judentum in der absoluten Wertschätzung des Individuums. Es Isei nur an die Worte Hermann Cohens erinnert. „Der Mensch der Ethik ist die Menschheit, die Allheit der Menschen, der Mensch der Religion ist das Individuum" und an d^n von Popper zitterten Ausspruch des Talmud: „Wer ein Leben getötet hat, hat alle Leben ge-., tötet, und wer einem Leben wohlgetan hckt, hat allm Leben wohlgetan." Gelber zeigt mit ganz besonderer Mn^xinglichkeit, wie diese absolute Wertschätzung des Individuum Poppers ganzes Denken und auch sein poettsches Schaffen beherrscht sie ist der Angelpunkt seiner ganzen Ethik, die für ihn die ernsteste, wichtigste Angelegenheit, innerste Herzenssache ist. Die Ethik hat eben das zutun, „was die Natur nicht tut, und die menschliche Gesellschaft so zu gestalten, daß sie nicht das Abbild des natürlichen Kampfes ums Dasein bleibe, sondern aus ihrem Bereich die Wildheit ausschalte, die in der Natur Gesetz sein mag". Das Individuum ist nach.Popper? Auffassung ein unteilbares Ganzes, das nur einmal so lebt, wies ist, und nie wieder, und hat das Bestreben, wie das Rechts so zu sein, wie es ist, und hat den vollsten Anspruch, in Iseinew Lebensvecht nicht verkürzt zu werden. .. das Leben ist Le« ben, ob ihm eine Nußschale an Verstand zum Aufenthaltsort: gegeben ist oder der Kopf eines Denkers, dessen Emanationen den Jahrhunderten die Richtung geben." Erste Plicht des einzelnen wie der Gesellschaft muß es daher sein, das Recht de? Schwachen anzuerkennen' und zu garantteren, Fundament de^. Staates und seiner Ordnung soll und kann und soll immer nur das Individuum selbst sein, und der Staat hat keiner anderen Msicht zu dienen, als Garant dieses Lebensrechtes zu sein. Die Achtung vor dem Individuum, das Mtgefühl mit ihm wird dann zum Maß unlseres eigenen Charakters, dem Popper eine weit größere Bedeutung und einen weit höheren Wert zuerkennt als allen noch so glänzenden Verstandeseigenschaften. Gelber weist durch feinsinnige Analysen nach, wie sich Poppers Gemütsart in seinen Dichtungen offenbart, und hebt mit Recht die Erzählung von dem Idioten hervor, der seine Menschlichkeit durch seine Httfsbereiffchast in rührender Weffo bekundet. . l ' Zeigt sich Popper in seiner wohltuenden Gemütswärme, in seiner aufrichtigen, rückhaltlolsen Achtung vor jeglicher menschlichen Eigenart, in Iseiner ttefen Gerechtigkeitsliebe als echter Sohn seines Volkes, so wird es uns ganz besonders interessieren, zu erfahren, wie er, der gerade aus diesen wahrhaft jüdischen Eigenschaften heraus sich Mr Kosmopolitismu? oder richtiger zum Pannattonalismus bekannte, zu den aktuell jüdischen Fragen Stellung nahm. Hier sind gerade die persönlichen Erimwrungen Gelbers von höchstem Werte. In einem von Gelber, mitgeteilten Gespräch über den Zionismus, sagt Popper: .. warum soll man es einem Juden verübeln, wenn er gleich (wie andere nach Selbständigkeit ringende Völler) ernpfindet? Hat die Natur für ihn ein anderes Gesetz des Gefühls geischaffen, und ist es nicht zu verstehen, wenn er; i jikfidndi i iilsaäftrisif titiMÜr 6485