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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-01 · Heft 1574 (1.7.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1574 (1.7.1923)
Date
1923-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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I '''“’1 /; '• ' ■• -.‘«fis".><.y:<XYWXtfWy'Wß'S'?"•'';, “' /‘vV*' ' OL Ä5J! Mm, Sonntag /*??": V' .-—-:—“— Ae RatlonalMenfrage in Sowjetrußandland. / Auf dem letzten Kongreß der Komnmmftkschen Partei Rußlands wrrrde die Errichtung eines sogenannten höheren Nationalilätenparlamentsbeschlossen, das die Vertretung der einzelnen Nationalitäten in Sowjetmßland bilden soll. Die Zusammensetzung dieses Parlaments in der/Form, wie sie vom Kongreß zum Beschluß erhoben wurde,, hat einen starken Protest von seilen des ukrainischen Hauptkomnnsiärs Rakowski hervorgerufen, der auf dem Kongreß im Namen sämtlicher Delegierten aus der Ukraine erklärte, die dem Kongresse vorgeschlagene Zusammensetzung des Nationalitätenparlaments entspreche in keiner Weise der wirklichen Verteilung der Nationalitäten im russischen Reiche. Das Naftonalitätenparlament, das der Kongreß trotz des Protestes Rakowski beschlossen hat, wird nämlich aus 75 Prozent Großrussen und nur 2 5 P'r o z e n t a l l e r anderen Nationalitäten bestehen, während in Wirklichkeit, wie Rakowski darlegte, die nicht großrussischen Nationalitäten 6 0 Prozent der Gesamtbevölkerung Rußlands bilden. So werden — führte Rakowski aus — die Großrussen weiter ihre russifikatorische Politik betreiben und die übrigen Nationalitäten Rußlands beherrschen können. Zugleich mit der Schaffung des Nationalitätenpavlaments sollen die Nationalkommissariate, darunter auch das jüdische Kommissariat, a u f g e lö st werden. Dieses hat, wie rngn weiß, eine Tätigkeit entfaltet, welche von.blindem Haß gegen jede Entfaltung eines jüdischen Eigenlebens diktiert ist. r»derstrase svr Sabotageakte. Paris, 30. Juni. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Wie „Petit Parisien" ans Mainz meldet, wurden vom dortigen Kriegsgericht sieben deutsche Saboteure, Sasse, Maurer, Gruber» Hahne, Schneider, Dreier und V eh zum Tode verurteilt. Sie und ihre Mitangeklagten Laut und Köbler waren angellagt, einer Rechtsorganisatioin anzngchvren, die sich zur Verübung von Sabotageakten gebildet hatte. Die Verurteilten sollen in Bodenheim ein Stück einer Schiene in eine Weiche gestellt haben, um den Schnellzug Wiesbaden-Straßburg zum Entgleisen zu bringen, ferner haben nach der Anklage Sasse und Dreier eine Telephonzelle sabotiert. BenmHenswert ist, daß die Angeklagten «Nf Grund einer Anzeige von vier Mitgliedern ihrer eigene« Organisation verhaftet wurden. Die Angeklagten verantworteten sich mit Unkenntnis der Ziele ihrer Organisation. Die Verteidiger, die in französischer Sprache plaidierten, verlangten mit Rücksicht auf den verderbliche« Eftnsluß der Kreise, denen die Angeklagten angehörten, mildernde Umstände. Das Gericht sAlte außer den sieben Todesurteilen eines (über Laut) auf lebdus lau glichen und eines (gegen Köbler) auf fünfjährigen Kerker. Protest der Reichsregierung. Berlin, 80. Juni. Nach Eingang der. Meldungen über die Mainzer TodeSrrrteUe hat die ReichAregievung sofort die erforderlichen Schritte znr AuMarung des Tatbestandes und zum Schutze des Lebens der BerurtMen emgÄeitet. C , 1 $uft 1928 ' ©etantV ~" -' --"■■■-iii--i - -; 1 '* 1 '«■■■■< v . Der HochverrMworeß stgen Kchet. Paris, 30. Juni. <Del. >dv>r ,Wenior MorgenMnug^.) Jutzet gab heute «ine'lÄ^eve 'GMär^ch' Wer' die von ihm vo>, foWe Politik ob. Ererklärte, daß ihnvor allem d rei LÄn-! der inieresitzert hätten: England, Jtal-re-n -und die! Schweiz. England, der Massenherrschast wegen, Italien, dÄ' Vatikaus wegen mW Sch-Weiz deshalb, <weÄ unter Crispi die Rede von einem deutschen Durchmarsch durch die-Schweiz gv-' Wesen se i. ' - - „Mit ihren verschiedenen Sprachen, 'ihren Bu-ttdeSkantonen und ihren ' alten politischen Einrichtungen ist die Schwerz ein interessantes Land für olle diejenigen, die sich nrii' Politik beschäftigen. In Frankreich war man besonders wegen der Zensur während des 'Krieges längst über die Schweiz unterrichtet. Ich habe Gelegenheit gehabt, mich mit Gundesräten, besonders mit' Hoffmtmn und Schnltheß, zu nntschalten und insolge^ der Uebereinstimmung der GesWe'und Sympathien haben diese sonst so 'verschlossenen Staatsmänwe.r es zu viwtröulichen Mitteilungen kommen lassen." Judet sagte weiter aus, daß die politischen Gefühle -der Schweiz immer erst nach deren Nationalgefühl konimen. Es hätten Memüngsverschteidenhevten zwischen Frankreich und der Schweiz bestanden. Frankreich habe aber ein Interesse an einer starken und geeinigten Schweiz gehabt. Durch Artikel im ,Melair" habe er sich bestrebt, -diesem Zustand abzühelsen, wofiir man ihm in der Schweiz zu Dank Verpflichtet sei. Er habe sich 'im 'besonderen für die VerteidiAngsmöglichkoit' der' Schweiz interessiert. Die Schweiz, der es an schwerer Artillerie -fehlte, habe sich an Frankreich' gewandt,' um diese zu erhalten. Deutschland sei aber Frankreich ' zuvorgekom- -m e n. Im Jahre 1917 HNbe er den Plan gefaßt, eine' Zeitschrift „Cowspondence Franco-Süisse" zu'-gründen. Dieser Plan sei auch von Briand und dem früheren französischen Botschafter in Dem unterstützt worden. . Nach diesen Erklärungen schluchzt JNdet heftig. Er habe in der Schweiz keinen wahren Freund gekannt. Judet beschworden Gerichtspräsidenten, doch dafür zu -danken, daß" er (Judet) doch' genügend Kraft besessen habe, einen schweren Irrtum' zureparieren und die französische Justiz vor einem Schandfleck zu' schützen. Daraus wurde -die Verhandlung mrtevbrochen. M aller Wett. Du isbu-r-g. 30. Juchi. .Bei der. Ausfahrt qlms belgischen Ärliaubcirzuges ist in einem WaWon ' desselben eine'' -Bombe explodiert. Der' Waggon wurde voWämig tzeisitört. Neun Personen wurden-g et vitet und 25 verletzt.- - ', Budapest,, 30. Juni. Nach den vom-.„Poster Aohd" heute.veröffentlichten Deuerungszahlen für. -den Monat Juni , hat die' Teuerung ^'gegenüber dem Vormonate uin 63,1' Pw'zent' z-ugenommen.' . ' - Graz, 30. Juni. -Nach dem vorläuftigen- Ergebnis der letzten DoltszähAnig werden in Steiermark 4A.Ä17- -männliche und 491.^ weibliche.-Pevsonen, gezäW, ...... Elberfeld, 30. Juni-. Mm 27: d.'si>rchr ein von Wedd au kommennder französischer Provia-nWg 'in' En GüterM hinein. Der Materialschaden ist groß. Ob Personen zu Schaiden . gekommen -sind. sit noch nicht.-feftgestellt. Köln, 60. Juni. Heulte nM-ags.bvach in dem historischen städtischen Stapelhaus, in dessen oberen IRäuimen das Museum für Naturkunde unbergebracht ist, aus -noch n-nbBcm-ii'tiw -Ursache ein großer Brand aus. Der -größte -Teil des Museums ist vemichtet. D^ Schaden-ist Mßerord«nKich ^wß. - k Schuhe! Der PaMrirs. Der Papstbrief iür französischen Senat. Paris, 29. Juni. (Havas.) Im S e nat kamen bei der Beratung über die Mhrkredite verschiedene Senatoren auf das päpstliche Ha-ttdschroibett zu. sprechen. Der Radikale Francois Al b er t stellte air den Ministerpräsidenten Poincare die Frage, welche Haltung er gegenüber der katholischen Weißen Internationale einnehmen werde. Poincare ^erwiderte,' er kenne nur Frankreich und die Republik. Einige klerikale Delegierte betonten, daß sie die Ruhrpolitik Frankreichs unterstützen. Der Radikale Galtet drückte fein Bedauern darüber aus, daß er für die Kredite der französischen Botschaft beim Vatikan gestimmt habe, und erklärte, er werde für die Ruhrkvedite mit der ausdrücklichen Bemerkung stimmen, daß er die Haltung der Regierung billige. Redner protestierte mit Entrüstung dagegen, daß die gerechte Sache Frankreichs s o m i ß v e r st a n d e n werde. Frankreich verlangt Aufklärungen vom Vatikan. Nom, 30. Juni. (T6l. der „Wr. Morgenzeitung".). Der französische. Boischaft-er beim Dat-i-k-an, Jonn a rt, hat aus Paris den Auftr-ag erhal-t-eu, im Namen der fr-anzöissichen Regierung vom Ka rdi n-alst aatssekretä-r Gaspariüber die Tragweite und den beabsichÄ'gjten Zweck des Papstbriefes Einzechriten über die Reparationssrage zu erlangen. Der,'K-ardmaPa-atss-elr-etä-r hat daraufhin ein-e E rläuterung geg-cben, die jedoch die fr-anzössiche Regierung noch nicht zu befriedig-eu. scheint, weshaO sie diese neuerliche diplomatische Vorstellung unternahm, die besonders in kaithol'ischen Kreisen Roms leibhaftes Aussehen erregt. Lion. KsLirLsorKLnisÄtron Brigittenaii Morgen Montag den 2. Juli findet in der Toynbee- Halle, XX., Denisgasse 33, um 1fzS Uhr abends eir\e statt Tagesordnung: Die Bedeiatung undNotwondlgkeit der jüdischen Volksschule Referenten : Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Horowiizv Herr Gemeinderat Dr.Leop.Plaschkes und Herr Löbel Taubes na Juden und Jüdinnen, erscheinet In Nassen I iommeroRkasiön! Regenmäntel . K 125.000 Hjn>nnn « Leinenwaren, Waschwaren WfllBH Urll Stoffe, Wäsche, sehr billig II., TaborstraBe 48 Telephon-47-1-79 Eh gros En detail Fritz Mauthner. In fsmom Wohnort, Meersbnraam Bodensee, ist Fritz Mcmchner, 74Wrig, nach langer Krankheit gestmÄen. Mt dem Namen Fritz Mauthner ist die ErkemltNistheovle der Sprache eng verknüpft. Seine „Beiträge zur Kritik der Sprache", drei starke Bände, grenzen das Wesen der Sprache gegenüber der zünftigen Sprachwissenschaft philosophisch ab; sie ist, wie Mauthner selbst sagt, „gerade wegen der Unsicherheit der Wortkonturen für den Dichter das feinste Werkzeug der Kunst, für den Philosophen aber ein erbärmliches Werkzeug der Welterkenntnis, eben tveil die ferne Wirklichkeit mit den groben Zangen der Sprache nicht zu fassen ist." Dieser geistvolle Skeptizismus aber wäre billig, hätte das kritilsch-sprachwissenschastliche Werk Mauthners nicht auch — zum ersten Male — die soziolo gis che Funktion der Sprache in meisterhafter Form ausgsbaut. Ihm ist Volkssprache das Sensorium-commune eines Volkes, und ihre natürliche Schönheit, ihre Eigenheit bildet die „gemeins-ame Seelensituation" zwischen den Kulturvölkern. Aus diesen Grundgedanken entstand das dreibändige „W ört erbuch der P hilos o phie", an dem Mauthner noch auf seinem Krankenbette arbeitete, ein unvergängliches Lebenswerk, das, von der Sprachge-. schichte ausgehend, die Geschichte der -wissenschaftlichen Begriffe feststellt' und nach Mauthners eigenem. Wort „ohne Absicht die Einheit der Seelensituation bei den Kulturvölkern erklärt und vielleicht fördert". Mauthners Feststellung, daß Volkssprache und Volkssinn in airtmonrischer Wechselbeziehung stehen, ist der . große Schlag» den er der zünftigen. Sprachforschung und ihrer schon durch die Arbeiten von Johannes Schmidt arg erschüttertert Fabel von eurem gemeinsauren Stamntbaum der sogenannten arischen Sprachen, von den Spvachenverwandtschaften u. dgl. versetzte. Diese Zusanrmerihänge zwischen, den von Wundt sorgfältig dlsparieiten Be-!«««, MM i^.m fwiili fiiif der Grundlage der Erkenntnis der Macht der Spräche als toten Totenwortes zu seinem Werkes über „Die Geschichte des Atheismus im Abendland e." Aber über die wissenschaftliche Wirkung hinaus beftuchteten Mauthners fundamentale Erkenntnisse vom - Wesen der Sprache auch die moderne künstlerische Sprachbehandlung. So wie er, der selbstbewußt lächelnde Kenner aller Sprachnuancen, einst in seinem . köstlichen Parodienbüchlein „Nach berühmten Mustern" die sprachliche Tonfärbung aller damals prominenten Schriftsteller wieder gab, ebenso hat - eine Generation später die ganze Schriststellerei, besonders die essayistische, den spraWePt-ischen Zug Mauthners widergespiegelt. Freilich fehlte oft die schöpferische Krönung. So hat der Stil Konstantin Brrcnner'schen Ueberschwanges, die — ich möchte sagen —gewichtige Unklarheit der Buberschen Essays, um 'nur einige zu nennen, ihre Wurzeln in M-a-uthners Spvachtheorien. -Reiner, geläuterter kehren sie eigentlich in >der Sprachbehandlung durch Gustav Landauer und Karl Kraus wieder. , Ein Wesentliches muß hervorgehoben werden, das dem Sprachfkepüzismus Mauthners Relief gibt — nur Relief, denn Mauthner ist weit über den Skeptizismus hinausgekommen: Mauthner war I o u r n ä l i st, ehe er. seine Sprachforschun-gen begann. Und daß sein Skeptizismus der Sprache, aber auch seine ihr verliehene soziale Weitung züm Werkzeug für die Schaffung einer „internationalen SeelensituMon" Berührungen mit dem Journalismus' als sprachlichem Phänomen haben, das beweisen seine Worte über die fprachsoziologische Macht der 'Presse: „Gewisse Begriffe sind gemeinsamer. Besitz geworden durch das. welturnspcmnende Netz einer Bande, die endlos Diebstahl und Entlehnung treibt. Einer Bande von ehrlichen und unehrlichen Leuten, Von genialen Erfindern uiü) gierigen Marodeurs,... einer Bande, von deren Mitgliedern.'ein jedes sein winziges .Getvepbe treibt, durch Ideen- und Worthandel sein , armes Dasein fristet, mrzig'. tutö luivg von Ideen und Worten in Nahrimgsmittel denkt, von einer Bedeutung der Sprache für soziale Zwecke . oder gar für internationale Zwecke nichts träumt und nichts ahnt, dennoch aber, ahnungslos und schlafbefangen, mitarbeitet an dem großen Werke,... an der Befreiung des Einzelnen von dem Egoismus der Völker." Diese Worte legen die wohl als unethisch erkannte, aber dom gläubigen Spvachfleptiker Mauthner, der aus' seinem Glauben an die Volkssprache jede internationale Sprache laut lachend ablehnt, doch groß erscheinende internationale Sendung der Presie dar. Etwas Naives liegt in diesem Glauben Mauthners, der sich hier mit der Sicherheit des Nachtwandlers auf einem so gefährlichen und von dem Gläubigen selbst als gefährlich erkannten Terrain bewegt. Aeberflussig darum, zu erwähnen, daß Mauthmr Jude war, aus einer kleinen böhmischen Stadt. Die. Kritik, bis zur Absurdität des Glaubens an die schöpferische Kraft des von dieser Kri-. tik untergrabenen Fundamentes geübt, das ist das Wesen des halbentjudeten Juden der zLveiien oder dritten AssimÄatl-onsgeneration. Das ist das Wesen auch der einzelnen Erscheinungen, die aus diesen Generationen stammen: des gläubigen- Journalismus, der theoretischen Revolution und ihrer Mderspiole. Aber Mauthners spmchkriüsches Werk bleibt darum doch unvergänglicher geistiger Besitzstand einer Welt, welche, um ehrlich zu weGm. .sich nur besinnen muß, daß sie in Illusionen lebt und Metaphern braucht. Sie ist auch stets-durch Illusionen und Metaphern menschlich weitergesiihrt. worden, wenn sie rein waren Kritik in chrer edelsten. Form bis an die Grenze, wü sich die Kritik .selbst aufhebt, das lvar das Werk des Mannes, der eben als kranker Greis, verschieden' ist Aber das Ziel: „Das wäre freilich, die erlösende Tat. . wenn Kritik geübt werden könnte mit dem ruhig verzweifelnden. Freitode des Denkens oder Sprechens, wen«. Kritik nicht geübt werdenmüßte mit fcheinlebendigev Worten" — dieses Ziel ist zum Glück unerfüllÄrv Denn das Wort — es war im Anfang rmd — wird an Grchtz sein. ''

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