Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1572 (29.6.1923)
- Date
- 1923-06-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ms ■' »^‘FP •« ■■'•*>, .nfiWRfi'iSW' ' M. WV-_ Men, Freitag_ fcfo&x foO. 3Öte stndja übeMcmpt nicht der Anschauung des. FviedensvertvageL, -atz wir 8ie RechMmchfollgLdes aalten- OcherMch-UnWvn! strck; aber sicher -ist, daß die österveichifche kchaEW Hetze «AVer einem Inländer kemeAwogs SböchtKMüMlgovm des l «. k. Aevars ist. WAwstev Kienböck verwies ^in seiner Antwort darmf, daß ausdrücklich dyn einer Entsichsidimg des FmanzmÄvijstervuims im.Einvernehmen mit den beteiligten Ministerien gesprochen wird, so daß also die Entscheidung nicht allein dem Finauzwrnister überlassen Vbevbt. Bezüglich der Länder bank können gegenwärtig keine MtteiLmgen Wer die Besteuerung der Erträgmsie des Vorjahres gemacht werden, weil erst jetzt die Frist für die Mnbvinguug des Bekenntnisses abläust. Das NuanMiuistevmm werde sicherlich nichts unterlassen, damit eine entsprechende Steuer zur Vorschroibung ^bracht werde. Was die Anglobank betrifft, so erfolgte im vorigen Sommer die im Gesetz vorgesehene Abgabe in Form der Kompensierung einer Verwaltungsschuld. Bei der Msttmmung «wurden die Bestimmungen der «Vorlage mit geringen Veränderungen angenommen und die Sitzung geschlossen. Die nächste Sitzung wird im schriftlichen Wege eindemsen tverden. Ne Steueratten kastiglionis. I« Innsbruck aufgefunden. In der gestrigen Sitzung des Finanz- und Budgetausschusses gab der Frnauznnnister Dr. Kienbö ck in Ergänzung seiner Mitteilungen über den Steuerfall Cast i g l i o n i bekannt, daß der verrußte Teil des Steueraktes aus Bersehen mit einem anderen Akt nach Innsbruck gesandt wurde und vorgestern., einem anderen Akt beigepackt, wieder zurückgekommen ist. Dadurch ist Nargsstellt, daß von einem Diebstahl keine Rede lein fomt, daß es sich vielmehr nur nur ein Versehen gehandelt hat. Die SpirWllen und die Regierung. Ein amtliches Communique teilt mit: In der letzten Zeit brachten die Tagesblätter wiederholt Nachrichten über den augeMchen Betrieb von Spielkafmos und Spielbanken in einzänen Orten des Bundesgebietes, wobei der Anschein erweckt werden konnte, als ob die Bundesregierung derartige mit'den Bestimmungen des geltenden Strafgesetzes im Widerspruch sichende Unternchnmugen dulden ivürde. Demgegenüber wird sestgestelll, daß die Bundesregierung sekbstvevstaMich gegen Unteruehmuugen, deren Betrieb gegen klare Bestimmungen des Strafgesetzes verstößt, mit aller Energie Vorgehen wird. In diesem Sinne wurden bereits am 16. März und am 9. Ium 1923 anläßlich auftauchenver konkreter Nachrichten über die Errichtung von Spielbanken die in Betracht kommenden Landesregierungen angewiesen. (Wann werben Nachrichten für SBfcttt* * Wfot&ifye8uH& 29. Juni 1928 , die< BundesMievnng „konkret-?" Md was hat die Regie- .mehr gewesen. Anm. d- Rött.) AuMche HureaurSume als Privatwohuungeu. Da das Bu-ndeSministerium für Handel und Verkehr in der letzten Zeit die in Pvibatgebäuden untergebvachten Behörden, Aemter und Anstalten in staatliche Gelbäude verlegt, konnte, wie eine Regiemngskorvespondenz mitteilt, eine größere Anzahl von Lokalitäten für private Zwecke fvvigegeben und dem Wohnungsamte zugeführt werdend Ferner werden durch Zusammenlegung der Zentralstellen in einigen bisher von Aemtevn besetzten Gebäuden Räume für gewerbliche und industxielle Zwecke frei. Endlich wurden, soweit es möglich war, in staatlichen Gebäuden Wohnungen für wohnungsbedürstige Bundesangestellte geschaffen, unter anderen im Schönbrunner Schloß mch im Augartenpalais. (Im Augartenpalais residiert bekanntlich um billigen Zins der „wohnungsbedürftige Bundesangestellte" GeneraVommissär Dr.' Zimmer man, in «Schönbrunn der „wohnungsbedürstige Bundesangestellte" Dr. W. e i s k i r ch n e r und verschiedentlich hakenkreuzlerisch angehauchte „Wohnungsproletarie^, und das Ministerium für Handel und Verkehr hat ganz schöne Wohnraume für die „gewerblichen und industriellen Zwecke" der nationalsozialistischen PavtelleitMlg zur Verfügung gestellt. So sieht in Wirklichkeit die Tätigkeit des Handelsministeriums aus, soweit sie aus Abhilfe gegen die WohnunOnot gerichtet ist.) Mische Sozialdemokraten. Die Direktion der städtischen Elektrizitätswerke, Wien, schreibt in der Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines die Stelle eines Werksleiters bei der BraunkohlenEerg'bau-GewerkschasL Zilliugdorf aus. Bewerber haben die deutsche Nationalität nachzuweisen. Bei der Stadtgemeinde G r.a z ist die Stelle des Stadtbaudirektors zur Besetzung ausgeschrieben. Nachzuweisen ist die deutsche Stammeszugehörigkeit. Anderes verlangt Herr Riehl auch nicht. Sesterreichischer Katholikentag. Die Bevatttngen des a I l g e m e i n e n v st e r r e i ch ifcheu Katholikentages wurden gestern vormittags nrit einer Leitungskonferentz der österreichischen Landeskatholikenorganisationen eröffnet, zu der jede Diözese zehn Delegierte entsendet hatte und in der der GenerMivektor des katholischen Volksbundes Fried über die Gmndzüge zur Schaffung einer Reichsorganifation berichtete. Nachmittags fand im Sophiensaal eine große Del e g i e r t e n v e r s a m ml u n g aller Di ö z e s e n (L ä n d' e r) statt. Volksbunddirektor O e l z e l t (St.-Pölten) berichtete über die Organisation der österreichischen Katholiken, wobei dr folgendes^ O rg-a^nnfa-' tionsprog ramm aufstellte: 1. Zpsämmenijiasstmg aller katholischen Kräfte, BMne, Intelligenz, Pvesst, Unternchmuugen und Eiurrchtgngen zu einem einhMichen Vorgehen. Aus dieser Zusammenfassung soll sich ein o r g a n i» sches Gefüge ergeben. 2 Leistung von Aufklärungsarbeit und Mrderüng der geistigen Entwicklung besonders durch Erziehung der«Fugend und durch Blldung des Volkes. 3. Die Katholikenvrganisation muß es als Hauptaufgabe betrachten, die katholische Presse mit allen zur BerfÜMmg stehenden Mitteln zu unterstützen und zrr fördern. 4. Die katholische Lebensauffassung soll die Lebensführung in Familie und Gesellschaft ganz dnrchdringen. 5. Schließlich muß dem katholischen Bolle durch Gründung und Förderung sozialer und wirtschaftlicher Wohlfahvtseinrichtungen geholfen ^werden. — Die katholischen Vereine brauchen im Kampf eine einheitliche Leitung. Ter Zusammenschluß der Organisationen wird auch zur Intensivierung des Deveinslebens beitragen. Zwei Gefahren müssen als Extveine vermieden werden: Atomisierung der katholischen Organisation in ungezählte, voneinander völlig getrennte Vereine und eine zu straffe theoretische, die. praktischen Verhältnisse übersehende Zentralisation. 2er Rongreb der BSlkerbundttgen beendet. Besprechung des Repaimtionsproblemes. In -der gestrigen VoumitLagssttzung vesevievte der Delegierte Leyton über die wirtschaftNichen Fragen. Sein Referat gjiipfobte in «dem Gedanken des sukzessiven Abbaues der durch den Krieg hervorgerusenen wirtschaftlichen Schranken, bvsondors zwischen den dem MWerbunde angchörenven Staaten. Er verwies auch an Hand des Beispieles der Sanierung Oesterreichs auf die bedeutende Rolle die dem Völkerbund bei einer finanziellen Wiederherstellung Europas zukommen könne. Die Schlußsitzung war Politischen Fragen gewidnret. Ueiber das R'eParationZProblem referierte im Namen der politischen Komimisslion Colonel D a v i s, zu dessen Referat der belgische Delegierte eimiye vorbelhalWiche Zusätze machte. Mr. Hennessh (Frankreich) stellte fest, daß die stanzösische Vereinigung 'von allem Anfang an für die llcherweiilsung des Reparatiansproblems an den Völlerbund eingetreten sei, der berufen wäre, sine möglichst, gerechte Lösung des Problems herbeizusühren. Frankreich habe niemals etwas anderes als die Meidecherlstellu'ng seiner zerstörten Gebiete verlangt und keinen Anspruch "ans «deutschen Bo«den erholben. Gras B.e rnstorss Weutschlland) stiimmte diesem Anträge zu, weil dieser ausdrücklich beinhalte, daß das Reparationsproblenr nur unter Mitwirkung Deutschlands gelöst werden könne. Prof. B.ovel Dchlweitz), Vorsitzender der wlvtschastlichen 'Kourmission, faßte die Prinzipien zusammen, die die Lösung des' Re-. parationsprMems ermöglichen sollen: Aufrichtige Znsammenarbeit der Staaten, Intervention des VMevönnIdes, genaue Feststellung der Zahlungsfähigkeit Denüschlands, dte Inan- Wohlfeile Woche! K 135.000 Regenmäntel . . K 135.000 ■ Leinenwaren, Waschwaren, f Stoffe, Wäsche — sehr billig ■ dfarei II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail A e w-B o r k, 23. Juni. (I.E.D.) Morris R o s e n fe l d ist gefier« verfchie-e«. Aus Neiw-Iork kommt die Nckchvicht, Aaß der ,Mräuenmillionär" gestorben ist. Man hat in den letzten Jahren nicht mchr viel von ihm und.über ihn gehört. Seine NÄvse! bekanr den Wechsel des Geschmackes, der gewöhnlich nur ein Wechsel der Mode ist, arg zu fühlen. Es braucht nur einer «energisch ins Horn zu stoßen, dieser oder jener Hochberühmte sei gar kein Dichter, und alsbald riiimpsen die Grünsten die Nase und meinen achselzuckend: Mgetan! Für mich ist Morris Rosenfeld nicht abgetan, ich liebe und schätze diesen Dichter nach wie vor und es kann sich ereignet haben, daß die Schar seiner Atrhänger bei der Coüesnachricht - augenMMch gelvachsen ist . . . Was Morris R-osenseld über andere, neue osWdische Dichter echebt (von denen mancher bedeutender ist als er), ist ein erschütterndes Pathos. «Sein dunkles Lied drückt nicht nieder, es rickstet ans. Seine Mlse weint viel. Zugegeben. Aber ein anderes ist's, wenn Thevsites winmrert oder Paris schluchzt — ein anderes, wenn' der Held Achilles weint, keine geknickte Seele jammert, ein starkes Herz klagt in der Dichtung Rosenfel'ds. * ' Morris Rosenfetd ist eigei^lich kein Sohn des Ghetto. Er gehört nicht zu dem glückluheven Kreise jener Poeten, welche die. beste Zeit1 ihres Werdens und Schaffens im russisch-jüdischen Milieu lebten. Asch, Frag, Pevez, Pinski, Reiserr wurden dort zir Dichtern, wo trotz Schmutz, Hunger, Nagaika, Pogrom viel heimliche Schönheit ist und trautes Beieinaudersein. Wo die Gass' eine Seele hat. Wtzu früh mußte er in jene GHettofMale des Westens, die — wenn man sich an das Danteische Bild der Hölle hält — gegenüber der osteuropäischen Exilsenge den tieferm Höllenikreis bedenten. Wohl ist dort das nackte Leben „gesichert"; aber entsetzlich hoch und kahl sind die Kasernen des Elends, ohne ' Licht, Luft, Lied und Tanz, entsetzlich ist «das SchwiWftem der Schneider- und Kürschnerwerkstätteir. Die Familienbandv, die drüben oft eine ganze-Zeile von IuderMusem uprsaßten, mit mDxrr Greffen und lachenden Enkeln, mit einer gütigen „Babe^^ und oiniem klugen ,Deide", mit Geschwistern uwd GeschwisteMndern — die hat man im Zwischendeck nicht mitnehmen können. Die Schmeüztiegelziivilisation will Äas letzte Wnkchen Eigenart ersticken. Das Volkslied zehrt eine Zeit an mitgebrachten Erinnerungen und schwindet dahin. In diesem Milien sang' Morris Roseüfeld. Man findet also bei ihm nicht das heiMche Glück der Kellerstube wie bei Pevez oder PinE. Auch gibt es in Whitechapel oder im grausamen New-Pork keinen „Weg nach Schomenitz",. aus dem die Sterne des weiten Hmrmels den jüdischen Landgeher in somnrernächtlicher Pracht begleiten. -p Morris Rosenfeld — wir folgen seiner Selbstbiographie und dem Vorwort von Mexander Harkevi zur Gesamtausgabe seiner Werke in jüdischer Sprache — wurde anno 1862 im russischen Städtchen Bokscha geboren, das liEch zwischen Wald und See liegt. Seine Ekterir und Großeltern waren kernige Fischerslmte. So hat Rosenfeld die Kwft geerbt, die ihm in schwersten Mten außerordenUche Zähigkeit gab. Ms zarter Knabe kam er nach Marschau und das Jahr der großen jüdischen Wanderung führte'den achtzehnjährigen Ghenmun über Holland nach London. Mt zwanzig Jahren „lan^ er im jüdischen Arbeiterviertel New-Wrks. Es sind Jahre furchtbaren Frondienstes hinter der ,Singer- und Scharer-Mafchme" der Sweat-Shops". Im Lärm dev Maschiuenräder brach sein Lied los: „... Der Sklave, der seufzt, und der Sklave, der stöhnt, der weckt in mir die Lieder, und flammend erwacht in mir ein Sang für meine armen Brüder." " Wie einst im Mai —da es noch keinen Litevatuvmarkt gab und keine Büchermache — sang er bloß für seine Ärbeitsgenvssen und sie sangen ihm's nach. Sein Biograph stellt fest, daß diese ersten Lieder nie gedruckt wurden. Als dann die später berühmt gewordenen Gedichte von der Werkstatt, von der Dräne auf dem Eisen, die Elulmelodien, die Balladen von den jüdrschen Wanderern und Rückwanderern in «Sammlungen erschiemn, fanden sie zunächst keinen Widerhall, auch nicht, als Rosenfeld wie ein Troubadour von Ort zu Ort wanderte und seine Verse vovtvug. Erst ein MMcher Zufall half ihm. Professor Wiener von der Havard-Universttät in Cambridge übertrug fein .KiederbuL" ins Englische und mm UtQaam der Prophet in fremden Landen zu gelten. Es folgten Uebertragungen von W r ch l i z k i, Maxim Gorki und anderen, die bekannte deutsche Na Dichtung der ,/Lieder des Ghetto" v on Bsrthvld Feiwel, und im Jahre 1908 schließlich die bcr-oits erwähnte Gesamtausgabe, seiner Dichtungen in jüdischer Sprache, herausgegeben Von A. M. Eval-enko zu New-Iork. Er 4var kein freier, naiver Künstler wie Walter von der Bogvlweide, Gottfried Keller oder Liliencronr Er sang nicht „wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet", sondern wie der, -welcher in der Gefangenschaft beim ersten Auflattern an die Mäbe des Käfigs gestoßen ist. Auch ist er ja ein Sohn -des Volkes der Bücher, das jahvhunderte-lang gezwmrgen lvar, «nur immer die Schrift zu. deuten und die Deutungen wieder zu deuten. Er reflektiert viel, allzu viel. Mehr als es die reine Stimmung eines Liedes verträgt. Dafür aber ist er im Bildhaften mitunter außerordentlich, so, -wenn er den Meeressturur malt oder -das Sausen der Maschinen, lind er verfügt häufig über Akkorde von übernieNschlicher Milde un«d Helle. So in dem Gedichte an stim lMutter (das, wie ich glaube, noch niemals ins Deutsche übertragen Mrrde), oder wenn er zum Bette seines Kindes tritt, -das er nur des Nachts sehen kann, oder in der Frage an das Arbeitevmädchen, das des Nachts „verdierien" geht. In manchen Liedern, aber schießt außerordentliche Kraft und Leidenschaft auf, etwa in dem Gedichte „Die Landstreicher", und ein ganzes Volk sieht man sich aufrecken und das Joch brechen, wenn Rosenfeld die „Lieder von der Armengassr also schließt: „Du Lied, das m der Gass' erschallt, du Lied voll Leid nnd Schrecken! Mich packt des Hasses wilde Gewalt, das Auge brennt, die Faust ist geballt, das Elend niederzusttecken. Zuviel der Noi, zuviel der Pein, schließt diese enge Gasse ein.". - * Er hat viel, gelitten, .der ,Ira-nennrillionär". Da ist seine Seele reich-geworden. Drum hat er's Wohl lächelnd ertragen, daß man ihn so -rasch vergaß. Nach dem Begrü>bnis wird sein Lied wieder lebendig werden. Otto AbeleS.