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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-29 · Heft 1572 (29.6.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1572 (29.6.1923)
Date
1923-06-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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WWWN r . Men, Freitag ." Zur Frage der Kolonisierung Palästinas. Von Julian Sil-erbufch, Czernowitz. Im nachfolgenden soll dieses Thema keineswegs erschöpfend behandelt werden. Dazu reicht der Rahmen eines Zeitungsartikels bei weitem nicht aus. Was uns aber zur Stellungnahme zwingt, sind die Anschauungen, dieTrietsch besonders in seinem letzten Artikel „Vorzeichen einer neuen Entwicklung"*) vertritt und die darin gipfeln, daß in nächster Zeit eine radikale Aenderung in den Methoden der jüdischen Ansiedlung in Palästtna zu erwarten sei. Wir wissen nicht, ob eine Erörterung im Rahmen des Palästtna-Wirtschaftsrates in Berlin eine solche Nenorierftierung bewirken kann. Möglich! Wenn aber diese Neuorientierung zu den Schlußfolgerungen zwingt, wie sie Trietsch in dem früher genannten Artikel gezogen hat, dann muß sie aufs schärfste 'bekämpft werdend Vor allem: Wir wissen Trietsch Dank hiefür, daß er es ist, der seit vielen Jahren einen unablässigen Kampf gegen die Verkleinerer der jüdischen Heimstätte führt, gegen die offiziellen und inoffiziellen Personen, fiir welche Palästina nur eine , Teillösung des Juden-i Problems bedeutet. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, ist es weniger wichtig —, um Einzelheiten aus den letzten Artikeln über die Fassungskraft Palästinas nur zu streifen —, ob Aegypten als Beispiel für die Fassungslrast Palästinas herangezogen werden kann oder ob die Allotmentsiedlung in England wirklich der Gradmesser für die Fassungsmöglichkeit Palästinas ist. Es ist ferner vorderhand gleichgültig, ob zwanzig Millionen Menschen auf einem Zehntel des jetzigen' Mandatsgebietes angesiedelt werden können oder ob für die Ansiedlung des ganzen jüdischen Volkes das Mandatsgebiet in seiner vollen Ausdehnung notwendig ist. Die Bedeutung der Trietschschen Ausführungen liegen ja auch weniger in dieser zahle n m ä ß i g e n Fixierung der Kapazität des Landes als in der konsequenten Betonung der Tatsache, daß große Teile des jüdischen Volkes in Palästina Platz haben und dort ein organisches Gemeinwesen bilden können, eine Tatsache, die nicht oft genug wiederholt werden kann. Um so gefährlicher sind aber die Anschauungen, die Trietsch in dem oben Merten Artikel vertritt und die im Interesse der Klarheit, die in. den Methoden der Ansiedlung herrschen muß, richtiggestellt werden, müssen. Trietsch behauptet, daß bei einer modernen Wirtschaftsweise keine Nation mehr o$ 10 Prozent von im Hauptberuf landwirtschaftlich tätigen Personen notwendig bat und daß 30 Prozent der Bevölkerung in den verschiedensten Formen der nicht landwirtschaftlichen Evwerbszweige untergebvacht werden können. Es ist nröglich, daß dieser Prozentsatz ausreicht, wenn er genügend Menschen umfaßt, die den größten' Teil des Landes faktisch bearbeiten urch weM-vor allem kein anderes Volk den BÄenÄßF sfteitrg macht. Wie' aber, w?nn die. jüdische, landwirtschgftftcheHevMeruyA nur vier' Prozent des Bödens in Palästina in Besitz hat, wenn also fast das ganze Land.sich in den Händen von Angehörigen eines anderen. Volles befindet? Wenn die Araber den Boden bearbeiten und wenn das Land irr seiner großen Ausdehnung arabisch ist, kann man dann noch von einer gürrsttMn Entwicklung sprechen, wo die Einwanderung fast ausschließlich eine städtische ist? Und ist es dann erstrebenswert, wenn die Kolonisation Palästinas auch weiterhin ausschließlich in dieser Richtung fortgesetzt wird und wenn so der zahlenmäßige Unter>chiä zwischen der landwirtschaftlichen und nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung noch mehr vergrößert wird? ' Nach den Daten, die Trietsch in feinem „Palästina- Handbuch*^) gibt, ist die Verteilung der judffchen Bevölkerung in Palästina die folgende: Von den hunderttausend Juden, die mit Ende 1921 in Palästina gewohnt haben, befanden sich in fünf Stiwten, und zwar in Jerusalem, Jaffa, Haifa, Safed und - Liberias, 91.000 Juden. Also 91 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung in Palästina wohnten in fünf Städten und nur 9 Prozent außerhalb derselben. Gibt es noch ein anderes Land, das eine so unmögliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung in Stadt und Land aufweist? Ist in dieser Hinsicht -Palästina nicht viel ärger daran als jedes andere Land im Galuth? Nimmt man die amtlichen Regievungsziffern, die mit Ende 1922 veröffentlicht wurden,. so wohnen von einer jüdischen Bevölkerung von 83.794 Seelen 67.766 in den fünf früher genannten Städten, somit noch immer mehr als 80 Prozent. Mr zweifeln daher, ob unter diesem Gesichtspunkte die städtische Kolonisation, wenn sie auch billig u.nd leicht ist, die einzig erstrebenswerte Form ist, und ob es nicht wünschenswert wäre, den schwereren Weg zu gehen, der aber die jüdische. Zukunft Palästinas verbürgt. Denkt man nämlich werter daran, was sich ergeben müßte, wenn wir, in der Richtung des vorläufig kleinsten Widerstandes kolonisierend, dieses krasse Mißverhältnis zwischen der städtischen und landwirtschaftlichen Bevölkerung noch mehr vergrößern, so eÄennt man, daß sich in Palästina die Verhältnisse, wie sie sich zu *) „Wiener Morgenzei-tiung" von 7. Juni 1*963. ** Trietsch, „Pa'-Mina-Handln-ck". 5. Auflage. V-W Wiener; ~ 29. IM 1923 _ M» ‘ M mgarifche Cchandjustiz. Seheime Srsauisatioye». gebe« den Richter» Ikrettiven. - »Me« so« demissioniere«. Budapest, 28. Juni. (Tel. ü. ,Mr. Moygenzeitu^.) Die heutige Sitzung der IrationakversämMiung brachte stürmische Szenen, die zur. mehrmaligen Unterbrechung der Sitzung fiihrten. Als oppositioneller Redner zur JndeMntätsdöbatte ergriff der Füster der sozialdemokvafischen Fraktion Julius Peidl das Wort und stellte zunächst fest, daß tzwischen der Regierung und den Legitimrsten ein Bündnis geschloffen worden sei, welches zur Stveichuiig des Prozesses gegen die Teilnehmer des Karl-Putsches geführt hat. Diese Eintracht dev Regierung mit den Legitimsten sei nicht geeignet, das Vertrauen des Auslandes für die Person des Mnisterpräsrdenten zu festigen. Auf der einen Seite läßt die Regierung Prozesse streichen, auf der anderen läßt sie Bluimteile fällen. Unter ungeheurem Lärm, nach zweimaliger Unterbrechung der Sitzrmg, erklärte der Redner, daß er keinen Gmnd habe, seinen Ton über die ungarischen Richter zu mÄdern. Die ungarischen Gerichte fällen Schandurteile. (Ungeheurer Lärm. Zwischenriffe lncks: „Er spricht die Wahrheit! Man muß endlich sagen, daß die Richter niederträchtig find!) Wegen der riesigen Aufregung unterbricht der Vorsitzende Huszar abermals die Sitzung. . Wbg. Peidl fährt dann in seiner Rede fort und zitiert Arttkel des nationalisttschen Schrffstellers Szabo, in wÄchen erklärt wird, daß er in gewissen Gib, welcher sie von allen übrigen GidrMeM hebt, auch vom Amtseid, sie abw WichtzMy der, Vorschriften der geheimen Bereinigung unterwirft. Dieser geheime Eid ist die Erklärung für die grundverschiedenen Urteile, deren Ausmaß immer von der politischen Auffassung, gesellschaftlichen Stellung nnd Religion des Angeklagten/-- nie aber vom Ergebnis des Gerichtsverfahrens abhängt. Redner bespricht sodann die schon öfters erörterte Unterredung mit dom Präsidenten Masaryk über gewisse GrerHberichtlgungen zugunsten Ungarns und sagt, Pflicht derR eg ierung wä r e, abzudanken, um die Rückerlangung dieser Gebiete zu ermöglichen, -denn Masaryk habe von ehrlichen und gescheiten Leuten in der Regierung gesprochen, denen diese Gebietsbegünsiigungen gegeben werden könnten. Abg. Eckhardt erhebt gegen dien Abg. Vazsonyi (Demokrat) die Beschuldigung, die Angriffe gegen die ungarischen Gerichte veranlaßt zu haben, indem er den Sozialfften zugevusen habe, man müsse unter dom Schutze des Jndemnitätsvechtes die -Gerichte der Schurkerei bezichttgerr. ' - . . Unter lebhaften Rufen des ganzen Hauses erklärt Abgeordneter Vazson Y i, daß seine Ausfälle darauf zuvückzuführen seien, daß er sich als Jude verletzt gefühlt habe, weil in einem richterlichen Urteil >' Indens chaft als Klasse bezeichnet worden sei. Werw unter dem Schutz der richterlichen Immunität , geheimen Organisationen konfessionelle Aufreizung , mit Richtern und hochgestellten Staatsbeamten beisammen betrieben werde, nmiffe man die Richter unter dem Schutze war. Die Mitglieder dieser Organisationen leisten einen der Abgeordnetemmmunität zur Verantwortung Köchen, Wiederholten Malen in anderen Ländern abgespielt haben, wiederholen werden. Städte mit einer starken jüdischen Bevölkerung mitten unter einer nichtjüdischen LaM»evöllerung gibt es in Polen, in Rumänien und in. der Ukraine sehr viele. Auch in diesen Ländern gibt es Städte, wo der ganze Handel und die ganze Jndu- ' strje in jüdischen Härchen liegt. Kann man nun sagen, - daß diese Städte jüdisch find oder gar, daß das Land jüdisch ist? -Nein! Die Städte werden von den breiten Massen der cmdersnattonalen Äcmdbevöllevung als ' Fremdkörper empfunden und wir haben es im Osten wiederholt erlebt, wie gering die nationale und wirt- : schafGche Widerstandskraft dieser -städtischen, Handel ' und Industrie treibenden Bevöllerung ist. Es wundert uns, wieso ryan die beste . Lösung der - MMrfmge darin sehen kann, wenn die Wirtschaft, der ' Juden und Araber in Palästina sich gegenseitig er- : gäM.'Da die'Araber—-' so argumentiert Trietsch — in der ^Hauptsache' LaMvirtfchast treiben und ländwivt-' schaftliche Überschüsse haben, die Juden aber hohe in- - dustrielle Eignung besitzen, was liegt näher, als. daß die Juden den Markt bilden für das arabische, Getreide und dafür die Araber mit industriellen Erzeugnissen aller Art versehen? Wir glauben gerne, daß sich ein. fteundschafiliches BevhAtms zwischen Juden und Arabern wird erzielen lassen, wenn die Juden die Lücken in de ^arabischen Wirtschaft ausfüllen. Aber wie lange wird dieses gute Verhältnis bestehen? Haben wir dieses anfänglich. gute Zusammenleben zwischen den Juden und' den Wirtspöllern nicht auch in Deutschland und nicht auch in Polen gesehen, wo die einwandernden Inden die MrtschrstsKveige übernommen und entwickelt. haben, fiir die das deutsche, beziehungsweise das polnische Poll noch nicht reif waren? . And war dann «der Haß nicht um so stärker, der Kampf gegen die Juden nicht um so wilder, als die Deutschen und die Polen ansrngen, die Wirtschaftszweige W übernehmen, die von den Juden besetzt waren? Und hat es sich, nicht jedesmal in der. Geschichte immer wieder erfüllt, daß die Juden den Kürzeren «gezogen haben und daß sie von den bodenständigen MKern verdrängt wurden? Eine solche Art von Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Juden, und Arabern Halten wir für sehr gefährlich. Sie schafft vielleicht momentanen Frieden, um dann die Feindschaft um so stärker werden zu lassen. Bleiben wir nur dabei, daß Palästtna bei intensiver Wirtschaft Platz , für beide hat, für Juden und für Araber, und daß neben der gegenwärtigen arabischen Bevölkerung, die nur eine sehr schwache Tendenz zur Vermehrung zeigt, noch Millionen Juden einwandern können, die in der Landwirtschaft als im Hauptberuf ' tätig sind und die so eine geschlossene jüdische landwirtschaftliche Siedlung bilden. 8kne pMstinenfischr Zndnftrirbank. , Jerusalem, 27. Juni. <J. C. B.) Eim Gruppe jüdischer Industrieller in Jaffa hat der zionistischen Exekutive borge» schlagen, eine Jndustr-i ebank mit einem Kapital von 60.000 Pfund zu gründen. Die Exekutive soll die Halste des Kapiitals.zeichnen/wahrend die andere Hälfte von Privatleuten aufgebracht werden soll. Sesterreich. Sie Schweizer Lranche der BMerbmdmWe. Bern, 28. Juni. (Schweizerische Depeschenagentur.) Die Schweizer Tranche von 25 Millionen Franken der österreichischen Völkerbunvanleihe hatte vollen Erfolg und wurde stark überzeichnet. Ne Sttfhmittttttg der Aktiengesellschaften. Der Finanz- und Bllrdgetausschuß setzte gestern di« Debatte über das Fustonsgesetzstwt. Mbg.- Allina erhob dagegen Widerspruch, daß die Entscheidung über die Steueribsgünstignngen in das Ermessen des Fiinanzministerntms falle. Die Sozialdsmokraten verlangen die Einsetzung, eims Beirates zur Behandlung der Steuerbegünstiguingen. Abg. Dr. Danneberg bemerkt, daß die SoziaMürokvaten durchaus, nicht das Vertrauen zum Finanzminister 'haben, um.ihmeine so weitgehende. Vollmacht einräumen Kr können. Aus dem am 24. Juni vevöffenMchten Rechenschaftsberichte der Länderbank erficht man, daß die Endziffer der Bilanz Per 31. Dezember 1922 310 Millionen: Franken gegenüber 249 Millionen Franken Per Ende 1921/ also dem Zeitpunkte, als die LändeÄa^nk .svanzösievt wurde, betrug. Das ist eine Erhöhung um 66 Millionen Franken^ Bekanntlich wollte man uns, als das Lärcherbvnkgesetz beschlossen wurde, einreden, daß die Fränzö-fierung^ des Instituts eine Notwendigkeit sei, da es fönst unter seinen! äusiländischen Schulden zusammenbvechen müßte. Die Län-. derbank weist einen Reingewinn von 4,1 Mllionen Franken! aus. Wieviel auf das österreichische Geschäft entfällt, ersielht i man aus dem Bericht nicht; aber im Volkswirt der Zeii tuNgen konnte man lesen, daß ein Viertel davon dem osterreichischen Geschäft zugerechmt wird. Da die Länderbank! durch ihre Umwandlung m ein französisches Unternchmen! gar keine Eüweitevung ihres Geschäftsumsanges erfahren j hat, so bedsutet das, daß die ganze Fvanzjösievung Mr einen i Zweck hatte, daß der österreichische Staat weniger: Steuer bekommt, als er von Rechts wegen zu bekommen hätte. In dem Berichte steht auch der sehr inter-; essante Satz: B^anntlich lag dieser Umwandlung die An-: schannng zugrunde, das nme Unternchmen würde in Zen-! traleuvopaeinnützlichesWerkdes französischen: Einflusses bilden. Das öfterveichifche Parlament hat es also zu-wege gebracht, daß eim große österreichische Bank, die eim ganze Reihe von österreichischen Industrie-, und^ Handelsuntermhmungen beherrscht, ,>oin nützliches Werk-, zeug französischen Einflusses" wird. Dieser französische: Einfluß macht sich ja auch in Oesterreich zur Genüge: geltend. Wir verlangen von der Regierung Aufklärung: darüber, ob die Nachricht richttg ist, daß nur ein Viertels des Reingewinnes auf 'das österreichische Geschäft entfallt' und zur Versteuerung herangezogen wird und ob die Regie-, vung bei Durchfühm-ng kg Länderbankgesetzes die V ers ch i e b u n g e n n a ch F r a n k r e i ch irgendwie kontvol-! liert hat, bezichungsweffe was das Ergebnis ihrer Kontrolle ist. Wie die Banken behandelt werden, erficht man auch! daraus, daß die Ang lob auk, wie bchauptet wird, die: 10 Prozent ihres Akttvnkapitals, die sie auf Gmnd des: Anglobankgesetzes an den österreichischen Staat als Steuer! zahlen sollte, nicht gezahlt hat. Dieser Betrag von 62.500 i englischen Pfund oder etwa 20 Milliarden österveichffchen: Kronen soll gegen eine Schuld verrechnet worden sein, &i*; l>ic Analobank von dem k. u. k. Aorar zu fordern gehabt:

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