Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1570 (27.6.1923)
- Date
- 1923-06-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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X. em s Merk, MWvoch Mknev Moi^nzeitMtS. 27. Juni 1923 Rv. IM setzt werden kann und daß Regienrng und Politiker und Professoren und Industrielle gemeinsam die Früchte Mischer Arbeit urch Mischen Gehirns annektieren urtd ansonsten die schmutzige Fahne des Antisemittsmus schwingen. Die jüdische Wählerschaft will und kann und wird dres alles nicht tnrlden. Reue Sttömunge» in der Cntente. L». Wie«, 27. Juni. Nicht mit Unrecht hat der neue englische Ministerpräsident vor kurzem gesagt, Errrvpa erwarte von England und 2fcmerifa, seinen wirtschaftlichen Wiedermlsbau und di« gesäurte Kulturmenschheit die Rettung dev Zivilisation. Unbeschadet der noch freundschaftlichen Beziehungen Großbritanniens zu Frankreich und Italien haben im Lause der jüngsten Zeit in der gesamten Auffassung der äußeren und inneren Politik, der Stellungnahme zu den verschiedenen europäischen und asiatischen Problemen solche Differenzen zwischen England und Frankveich sowie bis zu einem gewissen Gräde auch zu Italien Platz gegriffen, daß Großbritannien auf Grund der Interessensolidarität mrv Amerika als seinen dauernden, verläßlichen Verbündeten für die nächste Zukunft betrachten kann. Während die englischen Interessen sich mit den amarikanischen gegenüber den nicht nur in Asten, sondern auch in Amerika sich immer mehr geltend machenden japanischen Bestrebungen decken, kreuzen sie sich in Asien sowohl mit den französischen Äs auch mit den italienischen Expansionbestrebungen, die zv m Unterschiede van Europa, in Wen vielfach gegen England Hand in Hand miteinander, ja sogar mit Japan gchen. Diese Machtegruppierung sowie die Gärung innerhalb der asiatischen und afrikanischen mohammedanischen Wett, das Anwachsen des japanischen Aktivisnms, haben bisher England und Amerika zu einer Reserve gegenübr den europäischen Fragen gezwungen. Sie sind aber auch ein Hauptanlaß gewesen zur Jnaugurierung eines neuen Kurses in der Nationalitätenfrage, der sich nicht in letzter Linie auch in der Verständigung mit den Arabern äußert. Im Gegensätze znm extremen Zentralismus der französischen Politik, welche am Altäre des chauvinistischen Götzen alle wirklich demokratischen Prinzipien der Reaktion opfern, neigt England und Amerika in verschiedenen politischen Gruppen der Auffassung eines gemäßigten Föderalismus so weit zu, als er nicht zur Sprengung der Reichsemheit führt. Diese staatsrechtliche Anschauung und der Gegensatz zu allen nationalen Hevrschastsbestrebumgen, mögen sie aus germanischer Ä>er slawischer, aus romanischer oder magyarischer Seite vorherrschen, döe ja alle dettr Ziele de-r englischen PoliA nach Gleichgewicht und Frieden unter dm -europäischen Völkern cm* gesichts der sich steigernden asiatischen Gefahr widersprechen, machen ein Zusammenwirken Englands Mit Frankreich und Italien auf die Dauer nmnügttch, wenn nicht Paris und Rom ihre WettpöliiÄ' gründlich ändern.' Die jetzigen Machthaber in Frankreich — deren Herrschaft bereits gewaltig wankt — werden nicht mir immer mehr eine Beute des extremsten Nationalismus, sondern sie ermiuitigten auch — wie die letzte Reife des Mvvschall Fach und die Reffen der dm Balkan infPiFöerenden übrigen französischen lÄoneräle — direkt öder indirekt die Chauvinisten aller Nationalitäten in Mittel-, Osteuropa und am Balkan. Den Höhepunkt in der gegenseitigen Verhetzung de,r Nationalitäten führt der oberLtalienffche Imperialismus dadurch herbei, daß er m der Theorie überall vMervrrmittelnd sich gebärdet, in der PraM aber, besonders in den Balkanländern und Ungarn gegenüber, >dve Förderung der chauviimstischen Demagogie betreibt. Die ttaLienffchen Imperialisten suchen einerseits zwischen Ungarn und Rumänien sowie zwischen Rumänie« und Bulgarien^ zu vermitteln,, andererseits aber erftreben sich Äs Gegengewicht gege n das Parfferbentum und Panhellenewtum, eine womöglich alle Gegner dieser beiden Na-tionen Umfassende. Liga aus MaMiren, Türken, Rumänen, Bulgaren und Mbanesen an. Eine solche Politik. die nur den einzigen Zweck verfolgt, Italiens Herr, fchaft über das adviatische Meer zu sichen und Italiens Einfluß am Balkan zum harschenden zu machen, kann den englischen Interessen ebenso wenig entsprechen, M das Ziel Frank, wichs nach politischer Hegemonie in gaM Europa. Die englische PoliE, welche in dev jüngsten Zeit immer mehr mit der zweitgrößten großbritannischen Partei, den eng- Mchen Sozialisten, rechnet, kann schon mit Rücksicht aus ihr Streben, mit diesen §u einer Verständigung zu. gelangen, weder die nationale noch die soziale PolM Frankreichs und Italiens fördern. Die englischen Sozialsten aber, die immer: mehr an Einfluß gewinnen, sind wcchl in ihrer Mehrheit keineswegs Marxisten, sondern suchen vielmehr ihre soziaSen Ziele aus dem Wege der Gewerkschaft und Genossenschaft und unter Fest- Haltung ihrer demokratischen Anschauungen — unter gewissen Modalitäten auch dmch Anschauungen —, unter gewissen Mo dalitäten auch' durch einen Packt mtit dev jetzigen Staatsform zu erreichen. Aus die Dauer aber werden die Führer der enMchen Arbeiterpartei, obzwar sie Realpolitiker sind, ein Bündnis mit dem Frankreich Poinoares und dem Italien Mussolinis ebensowenig vertreten, wie die wirMch Liberalen Großbritanniens. M Mörderbanden in Deutschland. Ae Rache der Hakentteniler. Wie schon Üttrg gemeldet, haben Mitglieder der Roßbach-Organisation in Mecklenburg einen ihrer Genossen ermordet. Sechs der Mörder wurden verhaftet. Zn dieser Angelegenheit liegen folgende Meldungen vor: Der Ermordete und die Mörder waren Mitglieder der in Preußen vor einigen Monaten verbotenen deutschvölkischen Freiheitspartei, die in Mecklenburg jedoch noch nicht verboten ist. Der Ermordete, Walter Cadow, ist der Feme der Roßbach-Organisation zum Opfer gefallen. Man hatte ihn im Verdacht, daß er gleichzeitig mit der Kommunistischen Partei in Verbindung stand. Die Ermordung erfolgte in der Nacht zun: 1. Juni in der Nähe von Parchim. In Kreisen eines sogenannten Rollkommandos, wie es bereits in Berlin zur Abwehr von Versammlungsstövumgen in die Erscheinung getreten ist, wurde Cadow zuerst betrunken gemacht. Dann ftchr man ihn in einem Wagen in den Wald und warf ihn Drunter, um ihn mit Knütteln zu bearbeiten und nrit den Stiefelabsätzen ins Gesicht zu treten. Der aus vielen Wurden blutende Beivußtlose wurde dann noch werter in den Wald gezerrt, wo man ihm die Kehle durchschnitt und ausserdem noch drei Kugeln in den Kops jagte. Am nächsten Tage wurde die Leiche dann im Mckicht verscharrt. Die Entdeckung des ' grauenerregenden politischen Mordes ist aus eine Anzeige zurückzuführen, die vor einigen Tagen zwei junge Leute in der Reaktion des sozialdemokratischen vorwärts" in Berlin erstatteten. Die Untersuchung wird von der Berliner politischen Polizei geführt. Auch in Perlin wurden zwei Verdächtige in Haft genommen. Die in Parchim festgenonmlemn sechs Personen gaben sich als Landarbeiter aus. Sie sind Studenten, die von dem Korps Roßbach aus einem Gut untergebracht worden waren. Ein siebenter ist flüchtig geworden. Unbequeme Mitwisser. Berlin, 26. Juni. (Tel. d. ,Mr. MorgenzeitnNtz".) Die beiden jungen Leute, die der ^Redaktion des „Vorwärts" dir erste Mitteilung von dem Movde gemacht hatten, lebten in der Aeberzeugung, daß. sie selbst als unbequeme und unzuverlässige Mitwisser beseitigt lverden sollten. Gewisse Vorkehrungen, die von höherer Stelle, innerhalb der Roßbach-Organisation -bezüglich ihrer weiteren Verwendung bereits getroffen worden waren, sprechen dmchaus im Sinne dieser Vermutung. „Widerliche Gemeinheit." Berlin, 26. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die „Dsutsche Allgemeine Zeitunä" erklärt: Der ungeheuerliche Mord im Mecklenburger Wald ist eine widerliche Gemeinheit. Wenn das die Jugend ist, die den Weg zur Freiheit bahnen will, dann sind wir rettu ngs lo s v erloren. Das ist eine Kloake, die ausgebrannt werden muß. Die „Bossische Zeitung" bringt die Meldung mit der AusVEung der E r m o r d u n g B a u r s in ANnchen sowie mit den: Bombenattentat auf die Druckerei des sozialdemokratischen ,^8olkswille" in Münster in Zusammenhang, und bemerkt, es sei die Pflicht aller wahrhaft nationalen Kreise, einer derartigen, immer weiter greifenden Verschärfung der Gegensätze entgegenzuarbeiten. Der vAikische -Kokalanzeiger" erklärt, es sei durchaus möglich, daß es sich keineswegs um einä Feme gehandelt habe; sondern um wüste Ausschreitungen Trunkener, die vermutlich nicht -weniger im Banne des Alkohols -waren als ihre Opfer. Daß die Täter mit irgend einem Führer über ihre Absichten gesprochen oder gar von einem solchen Weisungen empfangen hatten, dafür gebe der PoiHeiberlcht keinen Fingerzeig. Der Stahlhelm. Berlin, 26. Juni. (Del. d. ,Mr. Movgenzeitung".) In Eis leben kam es am Sonnttrg zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen der nationalistischen Organisation ,/Itahlhelm" und Kommunisten. Die „Stahlhelm"- Leuie hatten alle ihre Anhänger aus der Provinz geladen und die Komnmnfften eim Gegend emon stration veranstaltet. Die Polizei hatte umfangreiche Bovkchrungen getroffen. Die Beranstalttmgeu verliefen ohne Störung, spater kam es jedoch zwischen etwa hundert bewaffneten Kommunisten und einer Jugendgvuppe des „Stahlhelms" zu einem Zusammenstoß, in dem ein Kommunist erschlagen- und zwölf schwer verletzt wurden. Bon den „Stahlhelm"-Lmten wurden vier schwer verletzt. Der Polizei gelang eL, die Ruhe wieder heMstellen. Auf dem Wege zum Bürgerkrieg. Berlin, 26. Juni. (Lel.-Kmnp.) In einem lebhaftes Aussehen erregenden Leitartikel kündigt der „Vorwärts" im Anschluß an das Dynamitattentat gegen die sozialdemokratische Zeitung in Münster gründli-che hilfe der Arbeiterschaft und der Gewerkschaften gechen Politische Attentate und Morde an. In doni Artikel wird ansgeführt: Zln die ReichsvegieMng müsse die Frage gerichtet werden, was sie angesichts der Situation zu tun gedenke. Mt aller Deutlichkeit müsse gesagt werden, daß die Zurückhaltung Cunos gegenüber den Deutschnatronalen nicht länger erträglich sei. Vergeblich hätten die Sozialdemokraten auf ein scharfes Wort der Verurteilung. der Sabotageakte und Gowaltaten im besetzten Gebiete von Herr Enno gewartet. Er habe geschtviegen, allzu lange geschwiegen. Vergeblich haben wsr darauf gewartet, daß Herr Euno und die ReichsvegieMng den preußischen Minister Severing bei seiner schlveven Arbeit unterstützen würde. Herr Cuno Hat sehr vorsichtig geschwiegen, wo es seine verdammte Pflicht geioesen wäre, den Mund aufzutun. Die Arbeiterklasse, die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften würden sehr verkehrt handeln, wenn sie nicht chr Hauptaugenmerk darauf richten würden, sich selbst zu helfen. Deutschland ist nicht Italien und der deutsche Faszisnms wird sich blutige Köpfe holen. Die Arbeiterschaft müsse ungesäumt ihre Gegemnaßregolu troffen und den nötigen Mwehrkampf organisieren. Die Crmovdung Baues. Berlin, 26. Juni. Der vorwärts" meldet aus München: Die Ermordung des Studenten Karl B a u t aus Wismar, der noch im Febmar 1923 Privatseikvetär des Tsechkahäuptlings Dr. Rüge war, scheint mrnmchr aufgeklärt zu sein. Amtlich wird mitgeteilt, daß es den Nachforschungen der Münchner Polizei gelungen ist, den Mövder Freitag abeirds festzunchmen. Es handelt sich um den 24 Jahre alten, in München wohnhaften Sttrdenten der Volkswirtschaft Zwengauer. Dieser hat gestanden, daß er Baur in der Nacht zum 9. März erschossen und die Leiche übe-r die Uferböschung in die Isar geworfen hat. Ueber die näheren Umstände der Tat und ihre Beweggründe verweigert die Polizei einstweilen weitere Auskünfte. Die, Behauptung des Mörders, er halbe in N v twehr gehandelt, ist zweifellos unrichtig. Anttliche bayrische Stellen nehmen an, daß es sich um einen p o l i t i s eh e n Mord handle. .. Rathenau und Schlageter. Berlin, 25. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzoitung"-) Am Jahrestage der Ermordung Ratheu aus vevcmstalteten gestern die Potsdamer Nationalisten einen Jägertag. Die Vorfe-stlichkeit war Samstag eine Sonnwendfeier der nationalistischen Verbände. Zu Ehren Schlag eters wurde eine Eiche beflaggt, die der Hospwdiger Vogel kirchlich einsegnete. Er stellte Schlageter als Beispiel hin, wie der Kampf gegen den äußeren und den noch gefä-hrlicheren inneren Feind der echten deutschen Treue geführt werden müsse. Die Potsdamer rchuMkanischen Organisationen veranistvlteten eine Gegendemonstration. Ein Zug von etwa 5000 Manifestanten bewegte sich durch Potsdam. Mittags wurde im Potsdamer Lustgarten vor dem Schlosse eine Versammlung u»ter freiem Him-nrel abgehalten, in der für die Republik denlonstvievt -wurde. SozialdemrÄmtische und k-ommnnfftische Redner hielten Ansprachen. Währet des Umzuges kam es zu einem Zusammen st o ß Mschen den republikanischen Demonstranten und M-tionali-stlscher Jugend. Die Polizei griff ein und vechinderte ernste Z-wifchenMe. Am Sonntag fand der cmgeisagte Jägertag statt, dem viele ehemalige Militärs in Uniform der alten Armee beiwohnten. Es wurde aus dem Platz von Potsdam ein Denkmal enthüllt, welches einen Gardejägor darstellt, der eine Handgvauate wirst. Erzherzog Josef Franz bei Hitler. München, 26. Juni. (Del. d. ,Me. Movgeuzsitnng".) Am 21. Juni hat in Regens bürg eine Besprechung zwischen General L u d e n d o r f f, Adolf -Hitler und dem ungarischen Erzherzog Josef Franz, einem Sohne des „Soldatenvaters" Erzherzog Josef, smttgefunden. - SM Sesterreich. Die Borkriegrschulden. Eine Konferenz der Nachfolgestaaten. Innsbruck, 26. Juni. Gestern hat hier eine von der Reparationskomnrission Unberufene Konfeferenz der Nachfolgestaaten Oestevvoichs und Ungarns begonnen. Bekanntlich hat die Reparationskommission zu Beginn dieses Jahres die Grundsätze der A u,fteilung der österreichischen und der ungarischen staatlichen B o r k r i e g s s ch n l d e y iestaeiedt. Zweck der Innsbrucker Konferenz, an. der neben den Delegierten der Staaten auch Vertreter verschiedener ausländischer Glänbigerfchutzverbände teilnehmen, ist die BevatMy der manwiHfalttgen Fragen,, die sich bei der Dnrchsühmng der Beschlüsse der Reparationskommissron für die Regelung des Dienstes der genannten Schulden gegeniüber dem MtauNand ergeben Men. Die Investttione« aus der Anleihe. In einer Parteiversammluwg besprach der Finanzminister Dr..KienböS die Probleme des staatlichen Wiedevanfbaues und führte dabei unter anderem aus, von dem Erträgnis der Anleihe würden noch Heuer zum Ansbcür des Telephons und Telegraphen zirka 168 Milliarden urld für wertvermehrende Anlagen der. Bund e s >b a h n e n, insbesondere für deren E l e k t r isizierüng, zirka 575 Milliarden aufgewendet 'Werken. , - Der Handelsvertrag mit Frankreich. Der Handelsvertrag mit Frankreich wird, wie wir erfahren, bereits - den nächsten Mimsterrat beschäftigen, worauf dann die betreffende Vorlage von der Regierung dern Hanse un-terbreitet werden wird, das sie einem Wunsche der Regierung entsprechend den Entwurf sofort dein Ausschüsse zuweisen wird. Die Regierung hofft, den Handelsvertrag mit Frankreich noch vor Abschluss der Sommersesfion im Nationalrait zur BevalMftedung zu bringen. Dem Vernehmen nach soll auch die französische Negierung die unmittelbare Inkraftsetzung des Vertrages beschlossen haben. Dar Prognmlm der Grobdeutschen. Wie berichtet, Haben sich die Gvoßdmischen (Städte^ und der Landöund (nationale Großbauern) zusaMnenge. ' losten. Es wurde bierbei ein Programm vereinbart