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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-26 · Heft 1569 (26.6.1923) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1569 (26.6.1923)
Date
1923-06-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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deÄL 4 Wien, DienStätz Miene« Mo«senzettmrg. 86. IuW Id8b &CCd Ae _V „Weisen von Aon". Der Fries an der Rathenon-Billa. Bar kurzem hat der MMfche Schriftsteller Graf Meckentlow bwc einem Berliner Gericht Verrmtig ßvidermfett, daß der jüdische Philosoph Achad Haam meet der „Weffen von Zion" ist, deren angebliche Protokolle der Herausgeber der Zeitschrift ,M-us Borposten", Hauptma-mr Müller von Hausen, veröffentlicht hat. Von dem Widerruf Reventlows hat die völkische Presse L»s jitrn heutigen Tage keine Notiz genommen, was allerdings ihrer sittlichen Minderwertigkeit vollauf entspricht. Hauptmann Müller hatte in dem Buch, das die angeblichen Protokolle enthalt, auch die Vorderfront des Rathenau-Hauses in der Berliner Viktoriastraße ipMogvaphiert, deren Fries, wie er behauptet, Absichtlich Mit den Köpfen gekrönter Häupter geschmückt fei. Er ftigte rn frommem monarchösttfchen Schauder hilGt: >Mie oft mag nufer argloser Kaffer die Schwelle dieses Hauses überschritten haben, ohne zu cchntzn, welche Gefühle 'der, den er Freund nannte (das bezog sich auf den Vater des ermordeten Ministers, drn Leiter der A E. G. Emil Ratchenau), für die Zukunft des Sauses Hohenzollevu hegte!" . Wegen dieser Beleidigung seines verstorbenen Vaters hatte Reichsmrnffter Dr. Walter Rathenau den Strafantrag gestellt. Die Staatsanwaltschaft leitete jedoch erst nach feiner Ermordung das Verfahren gegen Müller von Hausen ein, nachdem sie Werst ein Einschreiten a b- Ml ehnt hatte, gegen welchen Beschluß, mit Erfolg Beschwerde beim Kannwergericht erhoben wurde. Am Samstag fand vor dem Berliner Kvimmalgericht die VerhaMung statt. Es waren nur der Angeklagte und der Rechtsanwalt der NebeMägevin Frau Rathenau Mfchienen. Dagegen hatten sämMhe Zeugen ihr Ausbleiben, ienffchuldigt. ' Trotzdem hatte 8er Vorsitzende die VerhaMung angesetzt, um die MöKichkkett zu bieten, auf gütlichem Wege dre Angelegerchett beiFulegen. Der Vorsitzende machte den Angeklagten darauf auftnerffam, daß Pwf. Raager, der Erbauer des Hauses, eidlich ansgesagt hat, daß ver Fries keine OrigmaleoMMng von ihm sei, sorödevu einem Motiv aus Venedig entnommen wäre. Unter diesen UmsWrÄen legte der Vorsitzende dom AngMagten nahe, Äurch eine unumwundene ErWrung der Familie Rachenau Genugtuung zu geben. Lange sträubte sich der Angeklagte, da er durch eine derartige EM ärung nicht ^Lek-La-me für dia Itt de ns chaßl" Machen wölbe. Der Vertreter 8er NeLeuklägeriu Frau Rathenau erklärte, daß sie gerne zu einem Friedausschlnß bereit sei. Es duafte aber nicht eine lendenlahme ErMÄung sein, zu der Hauptmarm Müller förmlich gebeten werden muß. Wenn der Angeklagte trotz der Feststellungen nicht den moralischen M«t habe, seinen Irrtum emzugestohen, müsie das Gencht entscheiden. Der Angeklagte verwahrte sich dagegen, daß ihm a<£§ alten Offizier der Mut abgefpvochen werde, worauf er von einem Beisitzer, der ebenfalls dem Qffiziersstaind angehörte, darüber belehrt wird, daß ein Offizier seiner Ehre nichts vergibt, wenn er einen Irrtum offen eingestehe. Schließlich erklärte sich der Attgeklügte bereit, eine Erklärung abMgeben, in der er alle in den Meisen von Zion" enthaltenen Vorwürfe gegen Emil Rathenau als unrichtig widerruft. Die VerhaMung wurde sodann mit Wcksicht auf die WÄglWeit einer Zurücknahme des Strafantrages vertagt. In Len Hakenkveuzschriften. befindet .sich HekamMch die Behauptung, Rathenau habe im Jahve 1906 in der „Neuen Freien Presse" geschrieben, daß dreihundert Personen, einander bekannt, die Schicksale Europas lerckerr. Diese 300 wurden in der arischen Phantasie zu 300 Juden. Als mm im Vorjahre der ObechollÄbrurmer Ghumasiallchrer Zeidler im Wiener Nattomrlvat düoft Behauptung wttderholte, erklärte die ^kone Freie Presse", Rathenan habe nie etwas Aehnlrches geschrieben. Auch diese Enthüllung Er Lüge fft von den Hakerckvouzlern verschwiegen worden. Trotzdem läßt sich nicht umgehen, daß: durch die ErWvuavg Millers von Hausen nunmehr die dritte Fälschung der Gcheimniffe der Meisen von Zchu^ nachgewiefen fft. De« tägliche HakenkreuzüVeefall. Berlin, 23. Juni. Nach einer Meldung der ,MoMgZpost" aus Münster fft dort in der Nacht zum Sonntag auf die Redaktion des sozialdenWkratischen ,Volks- Willen" ein Dynamitattentat verübt worden. Das Druckereigvbaude soll vollsiaMtz zerstört worden sein. Zu vom Attentat wird weiter berichtet: Gegen halb 4 Uhr nachts erscholl eine starke Detonation. Gleich darauf horte man aus den dem Verlagsgebäude benachbarten Häusern laute Hilferufe. Man vermutet, daß sich eine Person unter den Trümmern befinde. Der der Straße zugekehrte Teil des Gebäudes Meb ziemlich unbeschädigt, während die Druckerei und die Setzmaschimnanlage fast volfftändig zerstört wurden. Die sofort aufgenommene Fahndung nach den Tatern hat bisher kernen Erfolg gezeitigt. Nach weiteren Berichten ist die Druckerei vollständig zerstört worden, so daß das Blatt in einer anderen Druckerei aushilfsweise fertiggeftellt Norden mutz. Den Tätern, die nationalfvzialistischen Kreisen an gLcho-r^m ^oLbe n, fft man bereits auf der Spur. Rieht klagt. Am Sonntag fand eine Hakenkreuzverfammlung statt, irr welcher Riehl mtttMe, er habe gegen ein Wiener Blatt die Klage eingebvacht, weil eS behauptete, daß . die Nattonaffozittlfftische Partei von jüdischen Kapitallsten bestochen sei. Er drohte an, daß seine Partei, wenn sie BeAemnder" nicht gerichtlich fassen werde können, sich auf andere Weise Genugtuung schaffen werde. SÄbswerstäMich verlangte Riehl ein — Arttitervorgeisetz. — Riehl sprach an Stelle des Münchners Esser, der durch ,MnveffeschwiLrigkeittzn" verhindert war, seinen Wiener Freunden das Wort Hitlers auszulegen, 8ln Reparatümstzlan aus Berliner Finanz, kreise». Grundsätzliche Zustimmung der Reparatiouskommissron. Paris, 25. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Wie „Le Journal" mitteilt, hat die Reparationskommission bei der Prüfung der. Reparatwnsprojekte einiger deutscher Industrieller dem Projekte des Berliner Finanziers Paul Li iw in besondere Beachtung geschenkt. Me französischen Sachverständigen haben angeblich dem Litwinschen Reparationsplan grundsätzlich zugestimmt. Litwin schlägt vor, daß alle deutschen Unternehmungen ein Drittel ihre Aktienkapitals oder ihrer Obligationen demReicheabtreten. Dieses hätte alle diese Anteile einem international.en ReParationsk o m i t e e zu übergeben, das aus Vertretern aller Länder bestehen soll, die einer A n l e i h e a n Deutschland zu gestimmt haben. Es würde die Funktionen und Rechte einer Aktiengesellschaft erhalten und in G o l d gedeckte O b l i g a i i o n e n zu Reparationszwecken ausgeb.?.. Ein Drittel oder ein Viertel dieser Obligationen soll Deutschland zum Zwecke der Sanierung seines Notenumlaufes zur Verfügung gestellt werden. Nach der Amovtisierung der Öbliga- Amen soll Deutschland durch Austritt der fremden Mitglieder in dieser Aktiengesellschaft die Führung haben. Ratherran-Sedenkfeiern. Berlin, 25. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Aus Anlaß des Tck>estages Walter Rathenaus fand auch im A u s w ä r t i g e n A m t eine Gedenkfeier statt, der der Reichspräsident, der Außenminister Rosen b erg mit den Beamten des Außenamtes sowie Angehörige der Familie Rathenau beiwohnten. Die Gedenkrede hielt der deutsche Gesandte in Kopenhagen von M u t i u s. Wie aus München berichtet wird, veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft republikanischer Studenten eine Rathenau-Gedenkfeier, bei welcher Thomas Mann und Heinz Potthoff Ansprachen hielten. Bon der Y * i s ch e n R e g re x n u,s. ttz a-L. wn- Sb Verhandlungen wegen kinführnug des Lohninder in Dentfchland. Berlin, 25. Juni. Me die Blätter berichten, haben die Besprechungen zwischen Arbeitgebern uttb Arbeitnehmern über die Frage des wertbeständigen Lohnes insofern zu einem Ergebnis geführt, als die Schaffung eines neuen verbesserten Lebenshaltungsindex von allen beteiligten Kreisen als notwendig erkannt worden ist. Ueber die Frage, ob künftig eine automatische Anpassung der Löhne und Gehälter an den neuen Index erfolgen soll, ist bisher noch keine Entscheidung getroffen worden. Die Unternehmer sprachen die Befürchtung aus, daß die Einführung des Lohnindex eine preissteigernde Wirkung halben würde. Sollte innerhalb der Zentralarbeiisgemeinschcvst eine Einigung über die Frage nicht möglich sein, so werde, wie der „Lokalanzerger" mitteilt, der Reichsarbeitsminister entscheiden. Die Dliimenfrage in Belgien. Brüssel, 25. Juni. Die Gruppen des Parlaments treten hortte zusammen, um über die vom Mnisterprcffidenten T h e u n i s vorgeschlagene Formel eine Entscheidung zu treffen. In der Frage der Genter Universität vertritt Dheunis den Gvrmdsatz der Blämisietuttfl. Die Vorlesungen an der juristischen, der mMzinischen und der philosophischen Fakultät sowie die Sonderkurse für Kunst und Kunsthandwerk sollen in beiden Sprachen äbgehalten, die Kurse für Archäologie und Philologie sämtlich vlämistert werden. Kn folgenschweres AntomobilnngM. . Denver (Colorado), 25, Juni. (Reuter.) Ein Aniomobil, in dem sich einige Journalisten, darmter der bekannte Journalist Summer-Curtis, der den Präsidenten Harding aus seiner Wa-hlpropagandareise im Westen begleitet, befanden, stürzte in eine Schlucht. Curtis sowie der Kraftwageulenkev waren aus der Stelle tot, zwei andere Journalisten iinudbeu schwer verletzt. Präsident Harding und sevrre Gemahlin WWW Tagesbericht. Der sechzigste «ebnrtsla« UMchkkns. Am 14. August 1923 wird der zronfftijfche Führer und Vorsitzende der PalMnensischen Exeftttive bet Zionfftffcheu Organisation M. M. Ussischkin 60 Jahve alt. Me „H a o l a m" meldet, trifft man in zionistuschen Kbeffen umfaffende Vorbereitungen, uw diese Fever in wurviger Form zu begehen. Unter anderem wird die Gründung emeS besonderen natiomlen Werkes geplant, das Ussffchkms Namw tragen soll. _ Sin deutscher Staatsmann. Der frühere deutsche StaatssicheetLr, der SoMdemobM Dr. August Müllller, hat, wie hier bereits berichtet wurde, in der ,PoflischM Zeitung" eine aus Haifa datierte Mrttkefferie neue Zion" veröffentlicht, in welcher er zu einem absprechouden Urteil über den Zionismus gelaugt. Es mochte wunderlich schvmen, daß ein deutscher Staatsmann erst eine Orientveise unternehmen nurtz, um von Haifa mrs zu der für einen Sozialdemokraten etwas merkwürdigM Behauptung zu gelangen, daß sich Zionismus mit einer Betätigung im Preußischen Staatsdienst nicht vertragen könne und gegen deMich feststellbare, wenngleich nicht genannte Personen der Vorwurf mangelnden polüffchm Tattes zu erheben. Die Sache wird einigermaßen verständlicher, wenn man erfährt, daß der Herr Exstaatss-ekretär aus sanitären Gründen das Schiff nicht verlassen dürfte und über Palästina schreibt, ohne dort gewesen zu ftin. Er hat irgendwo aus der Reise oder von seinem unftviwilligen Quarantättegenossen . etliche Jnsorrnabwuen erhalten. Das genügt. Wie diese Informationen aussehen, erlsicht man aus Müllers neuesten Entdeckurgen, es gelbe in Palästina jüdische Unternehmungen, die als Genossenschaften organisiert sind. ,-Ueber ihre Erfolge oder Mißerfolge war nichts zu erscchren." Ebensowenig konnte der Staatsmann die Zahlen über Ein- und Ausfuhr des letzten Jahres ermitteln. Daß die von chm vermißten Daten in offiziellen valästiinensischm Veröffentlichungen sowie in einer Unzcchl jüdischer Blätter bequem zugänglich sind, davon hat der Mann keine Ahnung, dessen Wernadevung des Zionismus die antisemitische Presse Deutschlands mit Bchagen nachdvuckt. Selbstverständlich fft keine einzige Behauptung in bkfcn drei Artikel« irgendwie sachlich oder wesentlich. Woher Müller den Mut zu Veröffentlichungen nahm, die sich als allerfvagwüvdigster Journalismus marifestieren, soll aus deu einleitenden Worten feines letzten AMels deutlich werden, in denen er von seinem Mosaik" spricht, mit dem sich „nicht sehr viel arvfangen" lasse. Daß er diese „von vielerlei Ziffälligkeiten abhängige" Sammlung von Urteilen zu Vevöiffentlicheu wage, solle lediglich der Uinstand entschu^igeu, ,/daß wir Dmck>sche je eigentlich nichts vom Ausland mehr wissen." Der Kontakt mü dem Auslande ist in DeutMand in der Tat sehr geschwnndmu aber jedenfalls kann man sich über palästinensische Daten in Berlin viel gründlicher informieren als aus einem Schiss voi Haifa. Der Respekt vor der Sachlichkeit >deutscher ©toat&mämici und — Sozialdemokraten hat jedenfalls durch Herrn Mütlert Sttlübnngen keine Stärkung erfahren! Das ameritanische Ferusalem. Die Mormonenstadt. In den Vereinigten Staaten gibt es einen Staat, dv innerhalb weniger Jahrzente aus einer Wildnis ein blühende! und gewerbefleißiges Territorium geworden ist. Es ist bc: Staat Utah, dessen Hauptstadt Salt Lake City dm Jerusalem der Mormonen, ist. Diese Sekte, deren religiöse! Grundsatz von der ewigen Wiederkehr Christi das Leben ihre> Mitglieder bestimmt, hat vor einem Dreivierteljahrhundert n Utah ihren Staat begründet. Als sein Gründer, Br iah an Aoung, von seiner mystisch christlichen, mit buddhistischen Ele menten vermischten Verstellungen erfüllt, auf die Suche nar! einem Platz ging, wo er sich mit seinen Anhängern niedere lassen könnte, da rief er, als er an die Stelle des heutigen Salt Lake City kam, begeistert aus: „Das ist dein Platz". Die Stadt hat in ihrer landschaftlichen Lage eine, merkwürdige Aehnlichkcit mit Jerusalem. Der schmale Fluß, der in einen dem Toten Meere ähnlichen Salzsee mündet und auch von den Mormonen Jordan genannt wurde, das Hügelbild, ein kleiner See, welcher an den Königsteich erinnert, das Gebirge auf einer Seite, die Wüste mit dem jedes Lebewesens baren See arff der anderen Seite, all das ist ein Wiederspiel der Heiligen Stadt, und so siedelte sich im Jahre 1847 die Mormonensekte dort an. Dort erbaute sie ihr Heiligtum, dort ist die Residenz ihres Hohepriesters, dort hatten sie auch ihren eigenen ,,König" oder Präsidenten, bevor sie sich den Vereinigten Staaten anschloffen. Bis heute üben sie ungehindert die Bräuche ihrer Religion aus und leben nach ihren Gesetzen. Die Pielweiberei ist bei den Mormonen von Utah, seit sie durch ein allgemeines Gesetz der Union im Jahre 1890 verboten wurde, abgeschasft. Da das Gesetz keine rückwirkende Kraft haben konnte, so gibt es von früher her noch heute 68 Familien, davon 26 allein in der Hauptstadt, in denen der Mann mehrere Frauen hat. Salt Lake City ist eine kleine, aber gut gepflegte lebhafte Stadt mit breiten Straßen. Die Häuser stehen mitten in kleinen Gartenanlagen, das ganze Städtchen macht den Eindruck ruhigen, fleißigen Lebens. Mitten in der Stadt, durch eine Steinmauer von den übrigen Gebäuden abgeteilt, steht der M o rmonentompel, dessen Bau vierzig Jahve dauerte und mehr als 4 Millionen Dollar kostete. DaS' Allerheiligste dev Mormonen darf von keinem fremden Fuß betreten werden. Nicht einmal jeder Mormone darf eintreten. Bevor er in den Tempel eingeführt wird, muß er „sich reinigen «sd rechtferti-. D$B

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