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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-24 · Heft 1567 (24.6.1923) · p. Seite 14

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1567 (24.6.1923)
Date
1923-06-24
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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OrSe 14 Wien, bomcktg Wiener Morgenzettung. Nr. 18V 24. Jwm 1923 Stand und Probleme der Wiener jüdischen Zugendbeweguug. Von Men. Jehona-han Sperber. Ich weiß, 'daß ihr schon über diesen Titel mitleidigverständnislos lächelrr werdet. Probleine? Laborieren wir an dergleichen? tvcrdet ihr sagen, wir sind schon längst aus öen Kinderschuhen einer hyperintellektuellen Jugendbewegung heraus. Wir dreschen keine Phrasen, wozu Fragen, wir sind weit darüber hinaus! Doch im Ernst: Ich kann diese .pseudo-ironisch-überlegenen Antiproblematiker, die übrigens jetzt in großer Zahl in den Leitungen sitzen, nicht ganz ernst nehmen. Ich wende mich nur an Merrschen, für die es noch Fragen, gibt und die noch, beweglich genug sind, um einer tatsächlichen Erörterungdieser Fragen nicht auszuweichen; nur sie werden sich nicht verletzt 'stichlen, nur sie werden Polemik ertragen können. Und Polemik ist vorderhand Ziel meines Schreibens, denn ich bin weit entfernt von Optimismen, wie sie zuin Beispiel in dem Bericht des Jügeichreferenten hervortraten. Mich überraschen weder Zahlen (die, nebenbei bemerkt, ganz und gar nicht imposant sind) noch Arbeitsberichte, aus denen zwar unzweifelhaft der gute Wille und die tätige Regsamkeit des Referenten hervorgehen, aus denen aber ebenso und ganz fatal der Mangel an einer gefesteten, geklärten und wirklich liefen Ideologie in der Jugend ersichtlich wird! Man erlaube mir doch die Frage: Seit wann wird eine Bewegung mit ausschließlich technischen Mirteln betrieben? .Es fehlt der Geist! Das heißt: die Begeisterung, der Glaube an die Bewegung, das Wissen vonr Judentum, das man durch ein zu gestaltendes Erleben gewinnen kann, durchaus aber nicht so, daß man etwa aus Meyers Lexikon Mische Geschichte lernt. (Ich habe einen darauf hinzielenden Vorschlag eines Führers gehört! Und der war bei tveitem nicht der Unwissendste!) Zweifellos stellt in den Jugendbewegungen aller Nationen das nationale Moment eine der wichtigsten Komponenten dar. Ist nun das nationale Moment — allgemein gesprochen — für jede Jugendbewegung von großer Bedeutung, so gilt dies aus vielen Gründen ganz besonders und im weitesten Sinne für die jüdische Jugend. So spie-lte bei Entstehung der Blau-Weiß- und der Schomer-Bowegung der Mische Renaissance-Nationalismus als bewegendes Moment eine ungleich größere Rolle als manches, das dann in den Vordergrund getreten ist, wie z. B. Romantik, Jugeud-Rcvolutionarismus und ähnliches. Die Parole, gegeben aus der Erkenntnis, daß man schon so weit vom wirklichen, Judentum entfernt sei, lautete: Vertiefen wir uns in jüdisches Wesen, in jüdisches Loben; lernen wir die hebräische Sprache als die Sprache von Bibel und Propheten und als die Sprache, die die unsere sein soll in unserem Lande! — Das war zugleich unbedingtes Bekenntnis zum Hckraismus als der radikalsten jüdi-sch-Eulturellen Bestrebung! Es ivar von vornherein verständlich und zu erwarten, daß der Juda:fierungsweg des mittel- und westeuropäischen Teiles der Mischen Jugend ein schwieriger und länigerivährender sein werde. Daß die Hebraisierung nun hier in Wien recht mißlungen ist, ist längst kein Geheimnis und keine Frage. Doch wozu viel sprechen? Hier sei einfach folgendes Faktum mitgeteilt: Bei der von einem unserer größten Bunde veranstalteten Purimfeier wurden Bühnenspiele aufgoführt, die zu Verfassern — erratet mal, wen? — hatten: Hans Sachs und Andreas Gryph-ius! Es wäre falsch, die Schuld, die schon in der Möglichkeit eines solchen Vorkommnisses liegt, dem Bunde oder den einzelnen Führern in die Schuhe zu schicken. Es muß dies nur als Produkt eines ganz unglaublichen Mangels an Jüdischkoit angesehen werden, der noch größer geworden ist als früher; aber tvsder der bereits konstituierte Verband noch der Jugendreferent haben irgendwie dazu Stellung genommen/ vbwo'hl es ihnen doch kaum unbekannt gv'blicken sein dürfte. . Es sei deutlich ^Lrausgvsagt: Diese Wege führen e!her ins ,cheiligc Deutsche Reich" — ein Wort, welches in den von unseren Leuten mit Begeisterung gesungenen Liedern gar oft vorkommt — als nach Erez Israel. Noch zwei Tatsachen: 1. Auf dem vorn Jugendvevband letztens veranstalteten Zenitralausslng hielten es gewisse Gruppen für richtig,' deutsch - nationale Lieder chauvinistischen Genres erschallen zu lassen. Den jüdifch-erzicherischen Wert solchen Singens mag man sich Vörstetten- 2. Bei den Gastspielen der Wilnaer Truppe war westliche Jugend überhaupt nicht zu sehen! Sie haben nicht verstauen und sind deshalb nicht gekommen? Das ist nicht wahr! Sie waren einfach uninteressiert an Mischer Kunst. „ Ihr Führer, zieht ihr. es nicht' vor, einmal darüber nachzndcnken, ob das Mische Jugendbewegung ist? Und glaubt ihr nicht auch, daß die mißlungene Hebraisierung durchaus nicht auf Konto der Lehrer zy setzen ist und Hohl einen etwas tieferen Grund haben muß? Uüd merkt ihr noch immer nicht, wie unmöglich euer ■ Palästinismus ist, wenn unter seiner blau-weiß bebänderten Hülle ein unsympachifch'es-, assimilatorisches National-Parasitentum steckt? - Empört euch nicht! Ihr habt Ghetkchaft-es, wenn nicht av, so doch in euch, das ihr abwerfen müßt, und — trotz- Wettbewerb zur Ausschmückung eines Wische» Fugendheimer. Gruppe I: Zeichnungen. Gruppe II. Malereien. Gruppe HI: Plastiken. Truppe IT: Laubsägeu. andere Holzvrbeiten. Die Arbeiten sollen bis 2 0. August l. I. dem Sekretariat des Jugendrefevates, 2. Bez., Taborstraße 50, übergäben werben. Ein vom Jugiendverband bereits ernanntes PMisrichterkollegium wird über die Zuerkennnng der PvSrsc entscheiden. I. Preis: Herzls Tagebücher. II. Preis: Mische Geschichte von Grätz. Ili. Preis: Aue Sordon-PIakette. Außerdem 10 Trostpreise. dem kann vielleicht euer Wog nur der sein, daß ihr vom Juden im Kaftan zu lernen beginnt. Wenn ihr nicht jüdisch seid, tvozu seid ihr denn in jüdischen Bunden?! Gibt es nicht einen Waudevvogel, Pfadfinder usw.? Es ist gut, sich darüber klar zu werden und die Konsequenzen zu ziehen! Erst dann werden wir beginnen, einzusehen, warum bisher die Judaisierung (auf hebräischer Grundlage) mißlungen ist, dann erst werden tvir vielleicht auch Mittel finden, mit deren Hilfe sie doch gelingen w i r d! Noch immer ist die Frage der w irkl ichen Rückkehr zum Judentum die wichtigste für die Wiener Bewegung, noch immer wird durch Entscheid ungszwang eine Bewegung gereinigt! Entscheiden wir uns! Entscheidet euch! Simsou. Von Franz v. S ch o b e r. Ist es Dein Wille, Herr, daß diese Heiden Zum Knabenspott, zum Ziel des Hohns mich sparen? Daß, Dich verlästernd, ihre Frevlerscharen Sich an dem tiefgebeugten Seher weiden? Leicht trüg' ich wohl den Kelch der eig'nen Leiden, Da ich des Lebens Herrlichstes erfahren; Doch gärt der Zorn, die Zierden zu bewahren, Die Deines Priesters heil'ge Stirn umkleiden. Zu Deinem Werkzeug fühl' ich mich erlesen, Es kehrt die alte Kraft, die Schmach zu. rächen, Die länge Nacht durchbrechen Helle Blitze. Die Säulen faß' ich, ihres Tempels Stütze, Und wie die Hallen nun zusannnenbrechen, Bin ich Befreit, die Feinde sind — gewesen. FW Zage i« ZMammergut mit dem Bund jüdischer ßMgMMderer. (Fortsetzung.) Wir brechen von Unter-Ach auf und marischieren im Prächtigsten Wetter an den Mondsee. Mit "Genugtuung konnte man da. feststellen, daß den beobachtenden Augen der Buben die plötzliche Veränderung in der Flora nicht entgangen ist. .Und diejenigen unter ihnen, die die „Prüfung aus Naturkunde" bestanden hatten, werden mit Fragen bestürmt, auf die sie mitunter ' recht geschickt antworten. Auf einem überhängenden Felsen werden Blumen von besonderer Form und Farbe gesichtet und sofort ein „kühner Kletterer" beauftragt, eine Auslese davon Herunterzübringen. Er bindet aus dem Sacktuch ein Säckchen, nimmt es zwischen die Zähne und steig auf allen Vieren hinauf. Bis das.Sacktuch voll ist, will er absteigen, aber, o weh, ex findet keinen passenden Griff, um die 'letzten 15 Meter zu machen. Unten stauen sich schon Leute, die Ratschläge Hinaufrufen, der Arme ist fast ratlos, da findet er noch eine Zirbelkiefer, an der er sich langsam herunterhangelt. Unten wird er mit Halloh begrüßt und die reiche Ausbeute wird verteilt: Alpenmaßliebchen, Fettkraut, stengelloser Enzian, Akelei, violette Primeln und wieles andere. Aber jetzt heißt's antauchen; die „verlorene" Zeit wieder einbringen. Nach mehrstündigem Marsch ist der Vortrupp -k wieder erreicht. Aber, wie sicht er aus! Einige hüben infolge ' schlechten Schuhwerkes Blaffen bekommen und können so nicht weiter. Rasch ist eine fliegende Ambulanz errichtet und ein Dutzend Operationen werden vorgenommen, es wird sauber verbünden, man zicht die Reservcschuhc an, und schon geht es weiter. Sankt Gilgen in Sicht! Und der wunderschöne Sankt Wolsgangsee. An einem schattigen Bergabhang tverden einige Zelte - aufgeschlagen. und bald brodelt in den Töpfen das „Mrttagmahl". Unterdessen wird eine kleine Expedition in die Stadt geschickt, um drei Brote anfzuweiben, was nicht so ohueweiters gelingt; mit einem Feldstecher scheu wir hinunter, an den Strand von- St. Gllgelh db nicht irgendwo drei Boote abstoßen. Endlich,, nach einer Stunde, sehen wir drei kleine Striche sich langsam in der Richtung auf uns zu bewegen. Und bald sitzen wir in den Booten und mcbmt über den längs» See nach Wo'lfgang. Zwei Stunden haben wir gebraucht, aber es war sehr schön. An der steilen Wand vorbei, wo es vierhundert Nieter tief sein soll, am Lvuchtturm vorüber, der i«- ■ folge einer Landsenkuing ganz schief ist, an einer Werft vorbei, wo eben ein großer schöner Dampfer fertiggestellt wird. In Wolfgang wird Quartier gesucht und bald gefunden. Auf einem großen Gut, ein mächtiger Heuschober. Was gibt es da nicht für Sensationen! Da ist vor allem ein zwei. Tage altes Kalb, ein junges Füllen, eine Unzahl von Kühen, Ochsen, Schweinen, Ziegen, Schafen. Pferde auf nmzänmten Weiden, Geräte, Kammern und vieles andere. Ganz auf der Höhe liegt die Wirtschaft. Abends beginnen die Gletscher ringsum zu funkeln und alles wird still. Da gehen wir. hinauf, über die Wiesen und machen ein mächtiges Feuer. Die Silhouetten der großen Fichten sehen wie kauernde Riesen aus.; Und ganz ruhig wird es, fast unheimlich. Nur das Feuer knistert ein wenig. Und wie wir mit dem Essen fertig sind und zu unserem 9!achtlager zurückkehren, ist es schon viertel 111 Uhr. Ganz dunkel, nur Sterne und Schnee leuchten ein wenig in der Ferne. Wenn wir daran denken, daß wir wieder zurück müssen in die staubigen Straßen mit den vielen . Menschen und Automobilen, nach Wien zurück, da wird uns fast traurig zu Mut. Zeitig früh wird ausgestanden. Rasch an den Brunne» und ganz gewaschen. Es ist noch kühl, aber die Sonne ist schon da; und die wärmt ein wenig. Der Bauer ist schon wog. Irgendwo ist ein Fest. Da wollte er dabei sein. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft, ein frohes Lied und dann geht es weiter. An Strobl und Ischl vorbei nach Ebenste. Spät abends kommen wir an und finden kein Quartier mehr. Also: Zelte aus. Wolken ziehen sich zusammen, eine unangenehme Nacht steht uns bevor. Wir müssen uns beeilen. Die wenigen Taschenlampen brennen bald nur mehr rot, aber einige hakenkreuzgeschmückten Buben, die für unsere „Pionierarbeiten große- Interesse zeigen, helfen uns. Sie leuchten mit ihren Lampen. Sie wissen ganz genau, daß tvir Juden sind. Sie sehen ja auch den Davidsstern an unseren Wanderb'lusen. Mer unsere Disziplin, Ruhe und Ordnung imponiert ihnen. Sie geben uns bereitwilligst Auskunft über alles, was wir wissen wollen. Wo die Salinen sind und wo wir am besten frühstücken können. Kaum haben wir unser Gepäck verstaut; so geht ein fürchterlicher Platzregen nieder. Es gießt nm so vom Himmelt Aber tvir sind im Trockenen. Die Zelte sind dicht und gut (von uns selbst konstruiert und genäht) und st schlafen wir bald ein. Denn es war ein anstrengender Tag. In der früh sicht es draußen aus, als ob nichts gewesen wäre. Fast trocken; nur kalt, sehr kalt. Aber im Zelt ist es angenehm warm, ohne daß schlechte Luft darin wäre. Es kostet eine große Ueberwmdung hinan szu gehen und sich im Traunsoe zu waschen. Aber cs muß ja sein, lind bald sitzen wir wieder in einer Veranda, vor einer Tasse gut duftenden Kaffees, auf dem oben eine Andeutung von „Obers" schwimmt, die besonders km Mädchen imponiert. Dazu so viel Semmeln als jeder will. Denn der Appetit ist groß. Weiter gehts, den Traunsee entlang bis Traunkirchen. Dä steht eine Kirche auf einem Hügel mit lateinischer Inschrift, die besagt, daß das Gebäude früher eine Seeräuber- und Wegelagerechöhle war. Uns gegenüber liegt breit und massig der Traunstein, unter dem das große Motorboot, das uns nach Gmunden bringen soll, nur ganz winzig auäsieht. Lautlos durchschneidet das Boot die Wellen, nur ganz leicht hört man den Motor arbeiten. Wir steigen noch vor Gmunden aus, 'denn es ist st schön, dort zu gehen. Zaasch wird noch ein wenig geschwommen, aber der See ist eiskalt. Am Abend sehen wir uns noch Gmunden an, dann marschieren wir zum Bahnhof. Keiner spricht ein Wort, denn wir wissen, daß' es jetzt Ms ist. Daß wir wieder zurück müssen und das grösst ' schöne gemeinsame Erlebnis zu Ende geht. Wir sind ganz traurig. Sie haben sich alle brav gehalten. Besonders die Mädeln. Jetzt bereiten wir die „große Fahrt" vor. Wir gehen in die Schweiz. Da werden die meisten glauben, daß wir das Geld in Scheffeln stehen haben, aber das ist nicht st. Wer genügsam nnd abgehärtet ist, braucht nirgends viel, -ohne daß es auf Kosten der Gesundheit ginge. Und in der Beziehung sind die Eltern mit uns 'besonders zufrieden. Sehnsucht «ach Jerusalem. Von Z e d n e r (1855). O Königsstadt, gepriesen oft Von Klängen dichterischen, * Im Osten du, im Westen ich — Mein Sehnen weilt dazwischen. Denk' ich der Zier, die dir geraubt, Der Statte, die zerstöret. Nichts kann aus meinem Herzen dann Das Schmerzgefühl verwischen. — Und doch auf Adlersflügeln nröcht' Ich hin zu dir mich schwingen, Bis daß ich ineiiie Tränen könnt' Mit deiner Erde mischen; , Ergehen nröcht' ich mich in dir . Ob auch dein Ktznig ferne, Ob auch in einst würzreicher Flur Jetzt gist'ge Schlangen zischen; Mir wären deine Steine lieb Ich wollt'sie brünstig küssen, Ai ich würde deines StcmbeS Dust Wie Labetrunk erfrischen. mdSim

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