Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1567 (24.6.1923)
- Date
- 1923-06-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mett, ©owtfeö Tschechoslowakei. 8a HlckvürevMrer «es« Hochverrat vor 8erW. Prag, 23. Jmn. Web der ,Mr. Mvvgengerttmg".) Der erste Preßprozeß nach dem »eu« Gesetz yum Schutz der RepMA findet Montag vor dem Betzdkstzevicht in Brüx gegen den rmtiimoHoMW'chev Abgeordneten Knirsch olls veranÄvorMchen Redakteur des ,/Lag" statt. Die Anklage wird wegen eines LoitavAeLs, den Knirsch anläßlich der Ermordung Rafchins veröffentlichte, echoben und lautet aus Hochverrat und Aufreizung zur Störung der öffentlichen Ruhe. Das Gesetz zum Schutz der Republik sicht für dieses Verbrechen eine Strafe von sechs Woche» Arvestur.d 3000 Kronen GMtrafe vor. Lamm verliert sei« Mandat. Prag, 23. Juni. (Del. d. Mr. MorgerizeirunH*.) Heute vormittags fand die BerhanÄllmg des Wahlgerichtes über den vom Präsidium des Myeoänetenhcmfts erngebrachten Antrag auf Aberkennung des Mandats des Abgeordneten Dr. Mors Baeran statt. Nach Erstattung des Referats seitens des Rates des Verwaltungsgerichtshofes Dr. Wlaffak zog sicher Gerichtshof zurück und traf die Entscheidung, daß Abgeordneter Dr. Baeran des Mtaudats verlustig eErt wind. 6i« GendarmerieoWer ermordet. Wie wir vor einigen Tagen meldeten, wurde auf «neu englischen Gendarmerieofsizier in Palästina ein Attentat verübt. Wie I. C. B. mitteilt, wurde der Betreffende — es handelt sich nicht um den Kommandanten, sondern den Zahlmeister der britischen Gendrmerie in Palästina, Kapitän S w a n —, als er nachts in einem Automobil nach Jaffa fuhr, auf der Straße von Banditen aus dem Hinteichalt erschossen. Tie sofort eingeleitete Untersuchung ergab, daß der Mord von sechs Räubern ausgeführt wurde, deren Versteck sich in der Nähe von Lredd befand. Die Verfolgung der Täter wurde ausgenommen. Diese Mordtat sowie den Ueberfall auf die Eskorte- Sir Herbert Samuels nimmt die Londoner antizionistische „Daily M a i l" zum Anlaß eines heftigen Angriffs gegen die englische Regierung wegen ihrer Palästina-Politik. Das Blatt behauptet, es sei nicht zu verwundern, daß die Araber die Regierungs- Politik boykottieren, denn sie wehren sich nur gegen die ,privilegierte Stellung" der jüdischen Einwanderer in Palästina. Die Araber wollen ihr Land selbst regieren und nicht die zweite Geige spielen. Der Weg zum Frieden im Lande sei nur durch den Verzicht auf das Programm , der nattonalen Heimstätte zu erreichen. - ' Wirtschaftsbeziehungen zwischen Palästina «nd Rußland. Tie allgemeine Föderation der jüdischen Arbeiter in Palästina hat der Sowjetregierung mitgeteilt, daß die jüdischen Arbeiter in Palästina an der russischen landwirtschaftlichen Ausstellung teilnehmen wollen. Eine Beteiligung kommt irr Betracht für die landwirtschaftliche ,Kwuzoch", für die städtischen Genossenschaften, für dm Krmsumverein „Hamaschwir", für die Arbeiterbank und das Bureau der öffentlichen Arbeiten. Durch die Beteiligung sollen die Handelsbeziehungen zwischen Palästina und Rußland erleichtert karikatur, so mit dem von der Mvdstub" mck der „Judensau" verknüpft. lieber diese GrnNdchemen ist die Judenkarikatur im allgemeinen bis heute nicht hinausgekommen. Sie haben sich freilich im neunzehnten Jahchrrädert durch ein Ereignis, das für das Verhältnis der Juden zur Amwell bedeutsam wurde, nämlich die Emanzipation, variiert. Aber im wesentlichen ist doch mehr Baöiation der alten Themen als Erfindung neuer Themen bemerkbar. Wie schon früher bemerkt wurde, sst der heute firr die Judenkarikatur charakteristische Mische Typ in der Men Judenkavikatur noch nicht zu finden. Er taucht erst am Ende des siebzehnten Jahrhunderts ans und wurde dann allmählich zur feststehenden Formel. Sein Angelpunkt ist die jMsche' Nase (es darf nicht vergessen werden, daß die Nasenform für jedes Porträt charakteristisch ist und daß gerade bei der Nase die geringste zeichnerische Uobertveibung einen lächerlichen Eindruck Hervorrufen muß, weshaLb denn auch die gebogene Nase sozusagen das HauPtbeMgungsseld der antifüdffchen Typenkarikatur wurde). Die anderen Attribute der neuen JudenkaMatur, O-Beine, Plattfüße, dicke Unterlippe, sind noch jüngeren Datums, sie treten erst am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in die Erscheinung. Interessant ist, daß sich die Karikatur zur Charakterisierung der Juden nie des jüdischen Auges, beziehungsweise des jüdischen Micks bemächtigt Hai. Ein guter Beobachter kann selbst beim Fehlen aller caweren jüdischen Merkmale aus Tausenden von Menschen einen Juden an seinem Auge erkennen. Freilich erfordert die Charakterisierung dieses „GenemtioneMicks", Wie ich ihn nennen mochte, künstlerische Vertiefung. Und diese macht ja nicht das Wesen der Karikatur aus. Die Judenkavikatnr als soziologisches Phänomen ist in dem im Verlag Albert Langen in München erschienenen Buche von Eduard Fuchs „Die Jude» in der Karikatur" mit einigen guten Strichen (neben manchem Falschgesehenen) behandelt und reiches Mld- ' material gibt über die Bedeutung dieses Themas Ausschluß. Es ist wertvolles Ergänzungsmatertäl für historische Studien. Wien. Sieakried Schmitz. Wieners Movgenzeituns. sowie engere Beziehungen der palästinensischen mit den russi-. scheu Genossenschaften; insbesondere mit dem Zentrosojuz, angebahnt werden. (I. C. B.) Das Ruthenberg-Unternehmen. Der Jerusalemer I. C. B.-Vertreter erführt: Die mtt einem Aufwand von 100.000 engllschen Pfund errichtete elektrische Station in Jaffa ist bereits fertig gestellt und kann jederzeit -ihre Tätigkeit beginnen. Die Eröffnung wird lediglich durch Umstände formeller Natur verzögert. Line Filiale der Anglo Palestine Comp, in Te!-Awiw. In Tel-Awiw wird eine Filiale der Anglo Palestinö Comp, eröffnet. Die Filiale wird sich mit der Durchführung aller ordnungsmäßigen Bankoperationen befassen. (I. C. B.) Rundschau. Der gahrertag der Srmordaag Rathenaus. Die Wirkungen der Tat. London, 23. Juni. (Del. d. ,Mr. Movgenherking".) Im „Daily Telegraph" schreibt ein konservativer englischer Politiker: Die Mörder Rathenaus wüßten nicht, daß sie durch ihr abscheuliches Verbrechen die Uhr der deutschen Staatskmvst wm ein Erhebliches zurückgedreht haben, und daß sie einen wohlüberlegten ^lan zum Scheiter« brachten, rasch mit Frmckveich zu eurem Nrsgjleich zu kommen. Ms Dr. Rathenau Au ßenminister wurde, war er zwar der grotzmdustrielle Kapitän, aber noch ein 'NoMttg in der Technik der internationalen Politik. Nachdem er einmal die Ueberzougung gewonnen hatte, daß der Schwerpmckt der poKtischm Lage in Paris war und daher nicht durch die bureaukvattsche Tradition der Wilhelmstvahe gehemmt werden konnte, nahm er die Ausgabe in Mgriff, stets Kanäle firr den deutsch-französischen Meinnngsaustausch offen zu hüten. Diese Arbeit ist zum Abschluß gebracht worden durch die deutsch nationalen Mörder. Die Unterhaltungen zwischen Paris und Berlin, die so aussichtsreich waren, hörten vollständig aus. Besuch bei der Mutter. Berlin, 23. Juni. (Wolfs.) Heute mittags fuhren der Reichspräsident, der Reichskanzler, der Reichsminister des Innern sowie der ReiiWuMttster des Aentzern vor der Billa Rachenau vor, wo sie von der Mutter Walter Rathenans empfangen wurden. Frau Rathenan übergab das Haus als Teil der W äl t e r R a t h e n a u-S t i stung mit warmen Worten über den Zweck der Stiftung den Vertretern des Reiches. Der Reichspräsident dankte in einer herzlichen Ansprache und schloß mit den Worten, ,/der .Geist des Hauses möge noch in ^hrhunderten von der einzigartigen Persönlichkeit Rathenäus und seinem Wirken für das Mich Zeugnis geben und Menschenliebe möge von ihm ansstvahken". Sie Mische Slot lmeurevSischen Lft«. Beschlüsse der Exetzrttve der jüdischen Welthilsskonftreuz. Ans Berlin meldet I. C. B.: Bor der gegenwärtig hier tagenden Exekutive der jüdischen WMHiWoniserenz erstattete der Vertreter der Welchiffskonserenz in Rußland Dr. Adler einen Bericht Wer die Lage in Rußland. Unter dom Eindruck der erschütterndem Schilderungen Dr. Adlers Wer die jüdische Not in der Ukraine waren sich alle Redner darüber einig, daß die Verhältnisse einen Abbau des russischen Hiffswevkes noch lange nicht in Betracht ziehen lassen, sondern daß im GegenteÄ die Hilife für die schwer notleiderde. Judenschvst mit verstärkten Mitteln fortgesetzt werden muß. Es wurde beschllaffen» Maßnahmen zu tochsen, um die gesamte Judenheit zu einer intensiven Teilnahme an dem Rettungs- Werk für die ukrainischen Juden zu verarÄasssn. Bevorstchendr SrWmng der Welthils»- ko«ferenrbank i« Paris. Die Tagrmg der ExekMve der jüdischen WeNHAsÄoNserenz hat beschlossen, schon im Juli dieses Jahres die Bank der jüdischen WelthiLfskorfferenz zu eröffnen. Die Zentrale soll sich in Paris befinden; NickerÄssungm sollen in London und in anderen Zentren« errichtet werden. Die Bank, die den Namen Jüdische Bolksbank tragen wird, soll alle finanziellen Operationen, die mit der HWfstätigkeÄ zusammenhängen, dürcWhren. Mchüingslinder «ach Amerila. Dieser Tage ist mii dem Dampfer ,Mnolen^ der erste Transport Mischer Mchtlingswaisen aus Danzig nach Hüll abtzeyaogen, um von dort weiter irach Amer-ika gebracht zn werden. itJ. C. B.) Hamdarchsachangea im „Sailtz Herald". London, W. Juni. Htenter.) Die Polizei hat M den Bureaus des ,Mailh Heral^ ^die Oiritziinalph'o'to- Ausländer Exporteure kaufen a*n vor-beitbabtes ten erstklassiger Qualität und Ausführung bei Regmaen, Cammimäntelfabrik, Wien «, III., BeatrIxgassB 26 Tel. 585 III., Heumarkt7 _24. Jum 1923 _ MM» graph.iv des kürzlich in Cbatbam w»» Unterseebootes und die noch Wwerkauft>Qd.^Mpid!3 des Blattes und Photogratzhieu beschlaMahmt. 6eril «nd Aaldwi«. London, SZ. Juni. (Wolff.) Lord Robett^ODWUWtt, gestern abends in einer R-ede in Hitchin, er gw-ube, daß er rach der Prenuerminister in pMischen Fragen so sehr überertzv. stimmten, wie überhaupt zwei Männer übewinstimmw könnten. Baldwin sei der mutigste und der -emMchche Staatsmann, den er kennen gelernt habe., Balfeur für eine wirtschaftliche UebeMAuag der Redaratioasfrage. Paris, 23. Juni. (Del. d. ,Mr. MorgenMrng".) Der Londoner Korrespondent des ,I!«mps" teilt nrit, daß der Präsident des Bumdes der englischen Handelskammern Sir- Artur Balfour sich gegenwärtig in Paris befinde^ wo er versucht, ein Komitee von französischen Geischäftsleuten zu bilden, und zwar in AebeveÄWmnmng mit dev Entschließung der internattmlalen Handelskammern, um die Reparationsfrage vom rein geschäMchen Standpunkt ztl prüfen. 8in „Relchsbaad vMischcr Kampfgewerl. schäfte«". Berlin, M. Juni. (I. C. B.) Aus der Reichskonftrenz dsutschvoWischer Arbeiterdelegierter wurde die Gründung eines „Reiichsbnn'deS völkische-r Kampsigewerk-s schäftet vollzogen. Als eines der ^Hauptziele der völkischen Gewerffchasten wurde der Kampf gegen de-n Marxist mus und gegen die Herrschaft jüdischer Führv^r in dev Arbeiterbewegung sestgestellt.' Ser tägliche HatenkreuMbersall. München, 23. Juni. (Tel. der „Wr. MortzeNze-itung".) Der stellvertretende Präs,ident der Münchner Handelskammer/ Kommerzienrat Siegmund Fvänkel, der^ sich insbesonde^ Mit den Fragen des iitternM^onälen iMb uladiowalen Ber-> kchrswesens beschäftigte, und auch .in Men bekannt ist, wurdet gestern abends, als er mit seiner Familie vom Hauptbahnhof! miit ter Trtambchn nach seiner Wohnung fuhr, van einigen' Hakenkveuzjlern noch im Wagen und danü Nach dem Aus-- steigeU beschimpft und tatlikch mißhandelt. EN bekam von einem der Täter nach dem Aussteigen au.s dem Straßenbchnwagen mit einem harten Gegenständ Schläge ans. den Kopf, die ihm blNtige Wunden verursachten. 'Unter-' dem Geleite eines Schutzmannes begab sich die FamUie nach,! ihrer Wohnung, wurde aber unterwegs und vor der Woh-, NuUg noch weiter vo-n den smügen Leu i em b« schimpft. Einer der Täter soll ftstgestM worden sein. Unfall des belgischen Mnigs. Brüssel, 23. Juni, (Havas.) Der König hat heute bei einem Gpaziierritt i>n der Umgebung von LaekeN einen Unfall eMtten. Das Pferd des Königs stürzte, wobei der König zu Fall kam und sich das Handgelenk brach. SichoMm gegen Muffoliui. Aus Rom wivd unS geschvieben: Ans Anlaß feinet. Eruennüng zmn ^renabebb^-ermeifter van Mailand hielt dortselbst Mussolini eine Rede, in welcher er an die BersaiNwckmg die Frage richtete, ob sie sich wieder im Falle der Notwendigkeit hinter ihn stellen würde, wie seinerzeit bei dem Marsch nach Rom, eine Frage, die mit allgenlein zusttmmenden Rusen beantwortet wurde. Es macht' beinahe den Eindruck, als wollte Mussolini der Oefsintlich^ keit zu fühlen geben, daß seine diktatorischen Absichten sich' nach tvie vor behaupten wollen. Denn die politische Situation in Italien eröffnet für die nächste Zukunft zumindest' die Möglichkeit gewisser Ueborrvschungen. Der faszisttsche! Unterstaatssekretär Acevbo hat in Mussolinis Austvageinen neuen Wahlgesetzentwnrs ausgsavbeitet, welcher, bevor er vor die Kammer kommt, eintet achtzehn-' gliedrigen parlamentarischen Kommission un-' ter G i o l i t t i s Vorsitz zur Prüfung vorgelegt wurde. Es^ ergaben sich bei den Beratungen starke Widerstände gegen' .den Entwurf, welcher mit dem Propovzsystem vollkontnten' bricht utid an dessen Stelle einen Schlüssel setzt, welcher der' Majorität zwei Drittel aller Kannmevsitze znspricht, wobei die Möglichkeit bestcht, daß die Mchcheit der' Kammer von einer Minorität aller Wähler gewählt lverden karm, da die Wahlen ans Grund eines offiziellen Stinnnzettels erfolgen sollen, welcher das Verzeichnis aller parlamentarischen Parteien etttltzält, wobei das ganze Reich einen Wahlkreis bildet. Gegen diesen Entwurf, welcher nichts anderes anstrebt, als die faszistische Diktatur gesetzlich zu sanktionieren, erhoben sowohl die Vertreter der Sozialisten als auch der katholischen Pop olari Protest. Schließlich wurde der Entwurf in der Kommission mit zehn gegen acht Stimmen angenommen. Das Gesehespvoftkt soll am 9. Juli m der Kammer verhandelt tverderr. Sollten sich die Popolari entschließen, zusammen mit den Sozialisten geischlossen gegen das Projekt zu stimmen, so würde dieses in der Kammer fallen. In diesem Falle stünde zu erwarten, daß Mussolinis zur Auflösung der Kammer schreiten würde. Eine Folge dieser Maßnahme wäre die Rückkehr zur absoluten Diktatur,i da sich Mussolini wohl kaum entschließen kömrte, Neuwahlen' auf Grund der bisherigen Wahlordnung auszuschreiben. Es besteht jedoch die Wiöglichkeit, daß sich Mussolini zu Verhandlungen nrit den Popolari entschliefen wird und ihr Organ „Eorriere d'Jtalia" gibt bereits zu erwägen, ob sich Mussolini tücht mit einer Dveifünftel-Mnjorität cut Stelle der Zweidrittel-Mai ontät beanüaen würde.