Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1564 (21.6.1923)
- Date
- 1923-06-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ftfte 8 Wien. Donnerstag / Wiener Morgenzeltung. 31. Juni 1923 Nr. 1564 kruShrung. Me Lebensmittelmärtte. Im Kleinhandel der Großmarkthalle stellte sich aestern Rindfleisch etwas billiger. Die besten Sorten von Rindfleisch ermäßigten sich nur um 1000 K., die minderen Sorten um 2000 K. pro Kilogramm. Im Großhandel wurde auch Kalbfleisch um 2000 K. pro Kilogramm billiger. Die Zufuhren waren nicht günstig, per Bahn sind nur zwei Waggons eingelangt. Auf den Grünwarenmärkten ist das Angebot an Gartnerware infolge des anhaltend kalten Wetters zurückgegangeu. Immerhin reicht eS <m Gemüse im Verein mit den ausländischen Zufuhren noch immer zur Deckung deS Bedarfes. Trotzdem wurden die Preise für Gurren und Grundsalat hinaufgesetzt. Ein Nagel Salat (30 Stück) kostete im Großhandel 6000 bis 10.000 K., für besonders schöne Ware wurden auch 12.000 K. verlangt. Dar Angebot in Butter und Eiern ist reichlich. Bühne und Kunst. SchnmtzkritU. Die Genossenschaft der bildenden Künstler hat für den Entwurf eines Denkmals zur Erinnerung an die Auslandshilfe ein Preisausschreiben erlassen. Bon den 75 eingelaufenen Entwürfen — sie sind jetzt im Künstlerhause ausgestellt — hat die Jury, welcher Professor Hellmer, Peter Behrens, Franz Barwig, Viktor Stauffer und Prof. Siegfried Theisz angehören, den ersten Preis dem Architekten Ernst Lichtblau zuerkannt. Der Künstler hat — und das ist selbstverständlich sein gutes Recht — seinem Entwurf eine Erläuterung beigesügl, in der er angibt, er denke sich seinen Entwurf am Seitentrakt der Kapuzinerkirche ausgeführt, unter anderem deshalb, weil der verlorene Krieg, der die Auslandshilfe nowendig gemacht hat, :ine Frucht der Politik der Habsburgischen Dynastie war, deren Angehörige in der Kapuzinergruft begraben sind. Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob die von dem Schöpfer dieses Entwurfes angeführten Gründe es notwendig machen, unbedingt an der Kapuzinerkirche ein Denkmal zur Erinnerung an die Auslandshilfe anzubringen. Nach mancher Ansicht wäre die Hofburg der bessere Platz. Das alles aber kann für die künstlerische Beurteilung eines Werkes nicht maßgebend sein. Die Jury hatte die Entwürfe, nicht die ihnen beigegebene Erläuterung zu prüfen. Das hat sie nach ihrem künstlerischen Ermessen und Gewissen auch getan. Es ist daher geradezu schmachvoll,' wenn nun die Erläuterung, die dem prämiierten Entwurf beigegeben war, Anlaß dazu gibt, daß Herr Benedikt jun., der Erbe einer zu nnem — allerdings zweifelhaften — Weltruf gelangten journalistischen Tradition, in seinen! Blatte durch seine Handlanger rnter und über dem Strich die Jury und den von ihnen prämiierten Künstler beschimpfen läßt. Die Knnstkrittk ln Wien sieht ohnedies auf keiner allzu achtunggebietenden Stufe; wenn sie durch solche Niedrigkeiten noch bereichert wird, so muß sie, dank Benedikt und seinen Unterläufeln, den letzten Rest von Achtung verlieren. Es ist natürlich possierlich, wenn der Herr Chef in dem seinem öligen Pathos vorgehaltenen Abendblatt die bei seinen Kreaturen bestellten Beschimpfungen von ser höheren Warte des Leitartikels aus zu glorifizieren versucht. Er spricht mit den abgestandenen Phrasen aus der väterlichen Erbschaft von „monarchistischer Belleität", von einem „polemischen Monument" und von „Heiligung einer Grabstätte". Und das geschieht in dem Blatt, wo Dichter und Künstler, wenn ne für Dienstbarkeit gegen die „Interessen" des Blattes (das Wort hat bekanntlich mehrere Bedeutungen) nicht zu haben waren, im Leben totgeschwiegen wurden und im Tode wahrhaftig keine „Heiligung" zu erfahren hatten. S. S. Die kommende Opernsaison in New-Aork. Wie uns aus New-Z)ork berichtet wird, hat der Impresario des Metropolitan-Opera House Gaeti-Casazza bereits das Novitätenprogramm der kommenden Saison veröffentlicht. Es ist interessant zu bemerken, daß die Leitung der Metropolitan-Oper auch jetzt noch nicht den Mut aufbringt, in New-Aork das ganze deutsche Opernrepertoire, das vor dem Kriege gespielt wurde, auf den Spielplan zu stellen. Von Wagner werden für die nächste Saison nur die „Meistersinger" und „Siegftied" versprochen. Zu einer Gesamtaufführung des „Ring" kann sich die Leitung der Metropolitan-Oper nicht entschließen, obwohl , in der letzten Saison das in New-Bork gastierende deutsche Opernensemble mit seiner durchaus nicht erstklasiigen Ringaufführung großen Zulauf und Erfolg hatte. Sonst fehlt auf dem Programmm der Metropolitan-Oper für die neue Saison wie stets , ein amerikanisches Opernwerk, da es eben so etwas noch immer nicht gibt. Als Novitäten verspricht das Programm Flotows „Martha", welche fett Carusos Tod in New-Aork nicht mehr aufgeführt wurde, ferner „Fedora" mit Frau Jeritza in der Hauptrolle und MaseagniS „Freund Fritz". In dieser Oper ist schon vor etwa 30 Jahren die berühmte Sängerin Emma Calve durchgefallen. Ob Mascagni diesmal mit diesem Werke mehr Erfolg haben wird, ist ftaglich. Ueberdies verspricht das Programm eine Neuinszenierung von „Carmen" sowie von „Boris Godunow" mit Schaljapin. welcher in der zuletzt genannten Oper im Vorjahre einen ungeheuren Triumph in New-Vork erlangte. Während die Metropolitan-Oper zur deutschen Musik nicht leicht Mut findet, hat die Wagner-Opern-GeseUchast, die schon in der verflossenen Saison ausschließlich deutsche Musik gab, für die kommende Saison eine Erweiterung ihres Programms angekündigt. Sir wird abermals, und zwar diesmal vom 25. Dezember bis zum 2. Februar im Manhattan- Operahoulse und in. der Lexington-Oper gastieren. Zur Aufführung sollen außer sämtlichen Wagner-Opern Mo za rt-Festspiele gelangen, bei denen die „Entführung aus dem Serail" „Die Zauberflöte" und „Don Juan" (die letztgenannte Oper wurde in New-Aork schon 23 Jahre nicht gegeben seit Marcella Sembnch dort gastierte) die Hauptattraktionen bilden sollen. Der Manager des Gastspieles ist Herr Dalberg, als Dirigenten wurden Eduard Merkel, Ernst K n o ch und für einige Abende Josef Stransky gewonnen. Leo B l e ch wird in dieser Saison .nish* nach New-Aork kommen. DU Völkerbund Anleihe bietet Steuerfreiheit für V erausserungfs « gewinne aus Effekten- und Valutenverkäufen im Ausmasse des Zeidmunga« bezw. Konverherungsbetragea Mne Gesamtausgabe von Brenners Werken. Der palästinensische S t y b e l - Verlag läßt jetzt eine Gesamtausgabe der Werke des verstorbenen hebräischen Dichters J.C.Brenner in neun Bänden erscheinen. Zeder Band umfaßt zirka 20 Druckbogen, der letzte Band wird Brenner-Briefe enthalten. Die ersten zwei Bände sind bereits in Druck gelegt worden. Eine verlorene Operuxarlikur. Von einem besonderen Mißgeschick wurde der «Tondichter Egon WelleSz betroffen. Ein mittelloser Kopist, der eigentlich ersatzpflichtig ist, hat zwanzig Seiten einer handschriftlichen.Opernpartitur WelleSz' verloren. Wo und wie sie abhanden gekommen ist, ist noch nicht recht klar. Für den Künstler ist der Verlust unersetzlich. Das Manuskript ist gegen Belohnung Sei der „Universal-Edition" im Musikvereinsgebäude abzugeben. An, dm Theatern. Volksoper: Heute „Hofsmanns Erzählung e n". — Morgen „Troubadour" mit Frl. Janet Larson (Leonore) und Pedro Lasuente (Manrieo) als Gäste. Im D e u t s ch e n V o l k s t h e a t e r treten nach ihrer Genesung Frl. Keller und Herr Sima morgen in Hermann Wahr» Lustspiel „Wienerinnen", da» den ersten volkstümlichen Zyklus abschließt, wieder auf. In der Renaissance-Bühne bringt das Tegernseer-Bauerntheater morgen, 8 Uhr . abends, die Premiere des „Amerika-Sepp r, Bauernposse^ mit Gelang und Tanz von Rauchenegger und Manz. In Tanz- und Gesangseinlagen statt. den Pansen finden Zither-, Gestern standen der Bankbeamte Mhelm Binder, der Chemiker Felix Kainz und derHandelsangc-st-llte Franz Nutz, alle drei Angehörige der Frontkämpfeovereirrigung, vor dem Larvdesgerichtsicat Dr. Arie. Der als, Sachverständige über die Beschaffenheit der Reiz- Aase und Stinkbomben einvernommem chemäbige Oberstleut-- nianit und Chemiker Karl Letner, der die Neiggase genau unter* sticht hatte, gab an, daß die von den Siriuswerkm. gelieferten Rsi'Mse insbesondere aus die Augen wirken., Eine schädliche Nachrvivkimg üben diese ReiMse nicht. Auch die von Kainz Hergesbellten Gase üben nur sine Reizwirkuitg im geringen Maße aus, während Stinkbomben nur die Wirkung haben, öinen unangenehmen Gestank hervorzurufen. Der Richter fand alle drei Beschuldigten im vollen Umfange der Anklage für schuldig und verurteilte die Angeklagten Kainz und Binder zu einer Woche Arrest, beding: mit einsähvigsr, Bewährungsfrist, den beveils Voübestvaften Angeklagten Nutz unbedingt zu drei Tagen Arrest. In Der Urteilsbegründung führte der Richter aus, daß sowohl die ReiMse, die geeignet sind, die Gesundhsit von Menschen zu 'oseinträchtigen, wie die Stinkbomben, endlich auch die Dturmkeulcn. die nach ihrer Beschaffenheit sogar geeignet sind, d e n T o d e i n e s Menschen herbei zu f üh ren, als Waffen anzasohen sind. Alle Gegenstände, die ihrer' Zweckbestimmung nach zum A ngr.ifs oder zur Abwehr dienen, sind nach Ansicht des Gevichtes als - Waffen anzusehen. Der BevunneMe Kainz meldete wogen Schuld und Strafe und wegen Richtigkeit die Be>vuifung antzerichtssaal. Frontkämpfer alr Waffenlkeferanten. Im März v. Iverständigte die Linzer PoltHei die Wiener PEz-sidivsttion, daß bei den früheren Linzer Heimwehren eine Menge Waffen gefunden worden seien, deren Lieferant der chemalige Wiener Obevl-euinant WiHelm Binder sei. Bei einer Hausdurchsuchung im Warenhaus Kraus u. Schober ir.« Linz wurden vier Kisten gofunden, die Flaschen mit Retzgas en» Raketen, Pechfackelln und Stinkbomben sowie «ine größere Menge von Stürmte»len enthielten, die von der Polizei als Totschläger schl'immster Sorte bezeichnet wurden. Nach Angabe der an dieser Waffengeschichte beteiligten Personen seien die Waffen vom Linker Selibstschutzverband der Kaufte nie zur Abwehr eventueller kommunistischer Unruhen durch den gewesenen Mttmöister Emil Ry-bicka bestellt worden. Zum Teil stammten die Re>i>zgase von den Wteuer Sdriuswerken, zum Teil von dem Chemiker Felix Kainz. Die Keulen hatte der Handelsangcstellte Franz Nütz geliefert. Kn LnftgefchSft mit Maschinengewehre». Die Zeiten sind schwer. Die Herren Julian Löw und Josef Bergmann müssen daher trachten, Geld aus alle mögliche Weife zu verdienen. So kamen sie eines Tages zu der Firma Maximilian Brunnlechner und boten ihr — Maschinengewehre an. Nicht mehr und nicht weniger als 1V2 Stück. De Firma Brunnlechner hat an dem Frieden in Europa und sonstwo offenbar wenig Interesse, wenn , sie ihr Geschäft dabei machen kann, und so ging sie aus den seltsamen Handel ein. Hundert Millionen zahlte sie dem Löw und dem BerMann als Anzahlung aus die Maschinengeiwchre. So weit wäre das Geschäft ziemlich glatt gegangen. Nun stellte sich fiir Lew allerdings eine kleine Schwierigkeit ein: Die Frage, woher die Maschinengewehre nehmen? Als die, Waffen am bestimmten Tage nicht geliefert wurden, ging die Firma Brunnlechner zur Polizei, denn sie brauchte — die Auftraggeber zu kennen wäre interessant — die Maschinengewehre offenbar sehr dringend. Und die Folge davon war, daß der Kaufmann Julian Löw und sein Kompagnon Josef BerMann gestern vor dent Schössensenal des Landesgerichtes standen. Nicht wegen dieses Betruges allein, denn Löw hatte außerdem noch die Rittmetsterswi-twe Jokisch-Scheuereck um einen ansehnlichen Betrag geschädigt. Löw erklärt sich nichtschuDig. Der Angeklagte erzä'hlt, daß er durch zweieinhalb Jahre bei dem Präsidenten von Nikaragua bis kurze Zeit nach dem Ausbruch der Revolution in diesem Staat als Plantagenadministrator tätig gewesen sei. Er hat sich dann auch beim Militär als Wünschelrutengänger betätigt und als Fliegervffizier in der Charge eines Oberleutnants gedient. Dann gründete er eine Aktiengesellschaft. Nach der Verhandlung des Falles J-okisch kommt die Geschichte mit den Maschinengewehren zur Sprache. Löw gab an: Diese Maschinengewehre gehören zwar dem Staat, gehören ihm aber auch wieder nicht. Tenn ihre Bestimmung war, zerstört zu werden, statt dessen wurden sie aber für Rechnung des Staates von Personen in ersten Stellungen, deren Namen aber nicht preisgegöben werden dürfen, verkauft. Er ist dann, durch Koglevich mit der Firma Brunnlechner u. Co. in Verhandlung getreten. Es war vere'nbart, daß er ein Drittel des Preises als Anzahlung erhalte und diesen Betrag zum Herausschmuggeln der Gewehre verwenden sollte. Bors: Also, wer waren die Leute, die Ihnen di« Waffen verkaufen wollten? — Angekl.: Ich fühle mich nicht befugt, die Namen zu nennen. Das Gericht kann ja Einfcht in die Akten der Polizei nehmen, da dürften die Namen drin stehen. — Vor s.: Also, wer waren die Hintermänner? — Angekl.: Es waren fünf, wie mir BerMann sagte, darunter Dr. Deutsch und M a t a ja. — Vors.: Wissen Sie, wer Dr. Deutsch ist? — Angekl.: Ich glaube, Sozialdemokrat. — B o r s.: Und Dr. Mataja? —- Angekl.: Das weiß ich n'cht. — Staatsanw.: Das ist ja ein interessantes Kompagnieverhältnis. — Vors.: Und das haben Sie geglaubt? Daß zwei Staatssekretäre mit Ihnen solche Geschäfte machen? — Angekl.: Ja, es ist auch in vielen Kaffeehäusern von anderen erzählt worden. Vors.: Warum haben Sie zu Brunnlechner gesagt, daß Sie die Maschinengewehre gesehen haben. — Angekl.: Weil Bergmann gesagt hat, daß er sie gesehen hat. — Borf.: Auch das ist schon ein Betrug. Aber Sie haben auch bei der Po-lszei gesagt, daß tu Gewehre da sind. — Der Augeklagte schweigt. Der Angeklagte gibt an, o habe in den Verkaussplav der Firma Brunnlechner Einsicht gehabt und daraus ersehen daß sich die Firma btzjm Weiterverkauf einen Gewinn von 400 Millionen gesichert hatte.: Der zweite Angeklagte, Josef Bergmann, erklärt, e» Me sich nichtschuldig. Seit anderthalb Jahren kannte e, den Löw, mit dem er verschiedene Antiquitätengeschäfte gemach» hat. Löw hat sich immer in Schweigen gehüllt, wo sich di» Maschinengewehre befnden, die beide verkaufen wollten. Löv habe sc in O f f i z i e r s e h r e n w o r t gegeben, daß sie tat» sächlich vorhanden seien. Die Verhandlung wird heute fovchesetzt.