Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1564 (21.6.1923)
- Date
- 1923-06-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Morr, Donnerstag Wiener Morgenzeitung. 21. IM 1928 Seite U/ Nr. 1L64 Ungarn. Putsche der ungarischen Skythen? Budapest 20. Juni. Me,MrdaPesti^. Hirlap" meldet, pflegt die Polizei seit zwei Tagen insgeheim Nachforfihungen in Angelegenheit eims angeblich geplanten l e g itimist ischen Putsch es. Mehrere Personen, die beschuldigt werden, daß sie im Zusammenhang mit dem Putsch die Regierung stürzen wollten, seien verhaftet worden. Einige von ihnen machten belastende Anssagen gegen den Führer des ungarischen Faszistenlagers Samens Havadh sowie gegen mehrere führende Mitglieder der Fried r ich-P artet und einen ehemaligen höheren Pöltzeibeamten. Die verhafteten vierzehn jungen Leute feien zumeist auch an den verf ch iede nen Gewalttaten der letzten Jahre beteiligt gewesen. lieber diese Affäre wird noch folgendes begannt: Die Rcchevchierabteilung des Ministeriums des Innern erhielt in der jüngsten Zeit von verschiedenen Seiten Informatiken, wonach in einem Osener MrtAhaus am Attilaring eine g-e h e i m e Gesellschaft Zusammenkünfte abhalte, in denen darüber beraten werde, wie der Sturz der Regierung Bethlen herbeigesiihrt werden könnte. Polizei, die geftorn unerwartet im Lokal erschien, brachte eine große Anzahl der angetroffenen Gäste zur Oberstadthanptmaunschast, darunter einige junge Leute, die im Zusammenhang mit den in letzter Zeit' vorgefallenen EMssen oft genannt wurden, sowie einige Personen, die seinerzeit unter dem Verdacht der Verübung des Bombe nattentats im Elifa'bethstädter Kasino verhaftet worden waren. Unter den Verhafteten befinden sich der Chanipionfchwimmer Zoltan Halmay, der Intimus des gewesenen Ministerpräsidenten Stephan Friedrich, der Klubdirektor der Friedrichs-Partei Johann Pot, dessen Bruder Desider Pot, der Begründer der ungarischen Faszistenpartei ist, ein Major S z u h a, ein gewesener Polizerbeamter und Oberleutnant S o o s. Die Polizei nahm noch im Laufe der Nacht Hausdurchsuchungen in den Wohnungen der Verhafteten vor und fand in der Wohunng des Majors Szuha ein Namensverzeichnis, das zweihundert Personen aufzählt. Gegen die Träger dieser Namen wurde sofort ein Haftbefehl erlassen und es gelang, heute ungefähr hundert Personen der Polizei einzuliefern. Zoltan Halmay tvurde heute wieder freigelafsen. Er erklärte, daß ein Spitalsarzt namens Szemere bei der Polizei schon vor zwei Monaten sie angezeigt und verraten habe, daß ein „Petösi-Bataillon", welches von den Mitgliedern des aus Wunsch der Entente-KontroMommistion aufgelösten „S t. Stephan-Bundes" gebildet worden ist, eine monarchistische Umwälzung durchzuführen beabsichtige. Ein zweiter Putschversuch. Unabhängig von der legitimistischen Verschwörung wurde heute auch eine andere VerschwörergeseWschast in polizeiliche Verwahrung genommen. Diese besteht aus 16 jungen Leuten, durchwegs Erwachenden Magyaren, welche zum engsten politischen Anhang Hejjas und Pronays gehören. Sie tvollten, wie die Polizei halboffiziell mitteilt, die Regierung Bethlen stürzen. Die 'Sechzehn sind berüchtigte P ogro misten, die teils auch in dem w e st u n g a r i f ch e n Aufstande eine Rolle gespielt haben, übrigens auch wegen ihrer nächtlichen Radanszenen in den Gassen Budapests einige dutzendmal beanständet worden sind. Die Führer dieser Gruppe waren — die Polizei verschweigt ängstlich die bekannten Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt Heilte Donnerstag den 21. Juni 1923, präzise 8 Uhr abends, im Cafe Fetzet,' II., Praterstrasse Dr. OTflTO ABELE| WienerjüdiSGliePÄßiiSchen von einst. (Jüdische Gestalten aus dem alten Wien) Gäste willkommen! Namen Gömbös, Pr önays, Hejjas — drei Kov a e s, und zwar Theodor, Arpad und Ernst. Sie hatten unter dem Namen „Ku11u x elIe Gefellschaft der ungarischen nationalen Vergangenheit" eine Vereinigung hoffnungsvoller Raddaubrüder gebildet. Außer den drei Kovacs, deren Namen seinerzeit im Zusammenhänge mit der Ermordung des Klavierfabrikanten Re'ismann genannt wurde, gehörten ein gewisser Stephan Becker, der in der Landau-Affäre" eine Rolle gespielt hat, sowie mehrere Personen, die an den Machenschaften der ,^ö r i t a n n i a"-L e n t e beteiligt waren, der Organisation an. Ein lahmes Dementi. Das Ungarische DelegraPhen-KorvespondenZ-Bnrean meldet: Die Budapester Polizei hat elf Personen, zumeist Studenten und Privatbeamte, die in geheimen Konventikeln Pläne zur gewaltsamen Entfernung der Regierung, Ausrufung einer Wirtschaftsdiktatur und Beschlagnahme der landwirtschaftlichen Erzeugnisse geschmiedet hatten, in Gewahrsam genommen. Es wurde festgestellt, daß die kleine Gruppe von Schwärmern mit keiner politischen Organisation''in Verbindung stand. Die Gerüchte von einem geplanten monarchistischen Putsch haben sich als vollkommen haltlos erwiesen. Holm. Las Ministerium für Agrarreform. Warschau, 20. Juni. (Del. der „Wr. Morgenzeitung".) Wie aus gut informierter politischer Quelle versichert wird, soll das Gesetz aus Schaffung eines Ministeriums für Agrarreform noch vor dem Eintritt der Sommerserien des Sejm zum Beschluß erhoben tverden. Die Person des neuen Ministers-wivd Wohl noch im Lause des Monats Juni bestimmt sein. Ms Kandidat für diesen Posten gilt der der' Piast-Gruppe angehörende Vizepräsident des Sejm Osie cki. Annäherung zwischen den polnischen nnd jüdischen Gewerkschaften. Ans Warschau meldet das I. C. B. Die Zentrale der jüdischen Gewerkschaften hat sich an den polnischen Gewerkschaftsrat mit dom Vorschlag gelvandt, einen si ä nd igen Organisationskontakt zwischen' den beiden .Organisationen herzustellen. In dieser Ängelegenheit fand beteits eine Vorstandssitzung des polnischen Gewerkfchastsrates statt, welcher eine Delegation des Jüdischen Zentralrates beigewohnt hat. Es wurde im Prinzip beschlossen, daß ein einheitlicher Rat für alle Fackvewine obne Unterschied von Nationalität und politischer Richtung geschaffen werden soll. Es wurden bereits die ersten Schritte zur . Herstellung eines engeren -Kontaktes zwischen den polnischen und «jüdischen Gewerkschaften unternommen. Ausschließung jüdischer Schüler aus Mittelschulen. Aus Wanschau meldet I. C. B.: Die Diveiktoren der privaten polnischen Mittelschulen in Warschau haben sich solrdarl-fch verpflichtet, keine Mischen Schüler oder Schule-, rinnen in ihre Anstalten aufzunehmen. MliMna. Sir Herbert Samuel Wer die Wahle« in Palästina. London, 19. Juni. (I. C. B.) Das Kolonialminist-eriun veröffentlicht amtlich alle mit den letzten Wahlen in den gesetz. gebenden Rat Palästinas, zusammenhängenden Dokumente, da> runter auch einen diesbezüglichen Bericht des Ober, kommissärs von Palästina Sir Herbert Samuel Der Oberkomm'isiär berichtet , n. a.: „Es ist eine erhebliche Nichtbeteiligung an den Wahsen festgestellt worden, die allerdings hauptsächlich auf dst aktive Agitation der Mitglieder der Exekutive des arabischen Kongresses in Palästina zu. rückzuführen ist, nicht aber auf politische Apathie, auch nicht aus Mangel an Vertrauen für den Fall, daß wirklich Vertreter der Bevölkerung gewählt werden, keineswegs auch aus eine etwaige Ueberzeugung der Bevölkerung, daß der gesetzgebende Rat keine bessere Verwaltung oder besseren Schutz ihrer Interessen als die gegenwärtige Administration herbeiftzhren würde. Juden und Drusen haben an den Wählen in vollem Maße le-ilgenommeu. Das Verhältnis der abgegebenen Stimmen zu der Zahl der zur Teilnahme an den.Urwahlen Berechtigten war das folgende: Mohammedaner 18 Prozent, Juden 50 Prozent und Christen 6,6 Prozent. Die Agitation des arabischen Kongresses dauerte auch nach Beendigung der Wahlen fort und sie trug auch dazu bei, das; die bereits gewählten Kandidaten nach der Wahl, zurückgecrvten sind. Eine Erklärung von der Niederlegung der Mandate erhielt die Regierung von 1 mohammedanischen und 3 christlichen Mitgliedern int Samaria-Bezirk. Die arabische Presse hat auch über ändere Mandat§nivderlegungen gemeldet, jedoch erhielt die Regierung keine Kenntnis hiervon. Die Regierung erkennt ihrerseits nicht das Recht eines Kandidaten an, nach der bereits erfolgten Wahl das Mandat niederzulegen. In Samaria wurde ein Verfahren gegen gewisse Araber eingeleilet, die beschuldigt werden, einen ungesetzlichen Druck ausgeübt zu haben, um einen als Wahlmann aufgestellten Kandidaten zu veranlassen, die Annahme , der Wahl zu verweigern. Es war dies der einzige Fall, wo ein Beweis erbracht werden konnte, daß die Boykottbewegung gegen das Gsetz verstieß." Der Ueberfall auf Sir Herbert Samuel. Jerusalem, 16. Juni. (I. E. B.) Am 15. d. ist Sir Herbert Samuel wieder in Jerusalem eiu-getroffen. Aus Metulla wird mit geteilt, daß dort eine englische Kavallerieabteilung oin-get-roffen ist, um die Dörfer unter Strafe zu nehmen, aus denen die Urheber des Ueberfalles ans die Begleitmannschaft Sir Herbert Samuels stammen. Es verlautet, daß ein Dorf von der Strafexpeditton bereits n iedergebrannt worden ist. Sir Herbert Samuel 'hält seinen Plan, Ende Juni nach Lvr.don zu gehen, aufrecht und iriifft die Mitzen Vorbereitungen zu seiner Mise. Ein Attentat. Wie ,ß-aily Mail" nach einem Telegramm aus JeMsalem mitteilt, wurde der Chef der palästinensischen Gendavmicrie, ein. englischer Kapitän, durch ein Revolveratitentat getötet. Der Täter ist bisher noch nicht e.ruierr. Reiche Ernte in den jüdischen Kolonien. Infolge der rechtzeitigen Negensälle haben die. Mischen Kolonien in Galiläa in diesem Jahre eine der besten Getreideernten seit vielen Jahren zu verzeichnen. Die Kolonisten-setzen besonders große .Hoffnungen daraus,.daß ihnen die große Mühle der Jca in Haifa das besonders Mt.geratene Getreide abkausen wird. UnterhaMungeit mit der MühlenverwMung werden bereits gepflogen. (I. C. B.) » Hölderlins „Tod des kmpedokles". (Deutsches Volkstheater. — Gastspiel Wüllner.) Warum wird dieses lyrische Gedicht vpn höchstem. Gedankenschtvung den Theaterlampen ausgeliesert? In der köstlichen Einsamkeit >der Mitternacht oder in der köstlicheren einer Stunde im Walde, wenn tausend Stimmen rauschender Wipfel, summender Insekten- MMereyder Vögel den/ Alltag Niederhalten und die Seele bereit' machen, wird dieses pantheistische Gebet lebendig, dieses „trunkene Todeslied" eines UeödVmenschen, -der sich sterbend der Natur, vermählt. Aber das Rampenlicht zerfetzt das heikle,, edle Versgebilde — unendlicher Wortschwall bleibt zurück, von kostümierten Schauspielem vor bemal-wr »Leinwand mit evvogten Gesten ausgeschüttet. .1- Hölderlins ,M-od des Empedokles" (bekannittich ein hinterlgffenes Fragment) ist keine Tragödie, nicht einmal ein dramatisch bewegter Schlußakt einer solchen, sondern 'der grandiose Abgesang eines Heldenepos. Man erfährt wohl vieles über das Winken und Streben des -Einzigartigen (in der Originalausgabe wert Ehr,, als in der verwendeten Bearbeitung Scholzens, die das Werk bühnengerecht zu machen sucht). Er wandelt einsam „in Göttemche unter Blumen", tritt zeitweise unter die bedrückte, ratlose Menge, hilft ihr „'der herrliche Pilot" ans dem Wrrrsal Mid taucht wieder unter. Am klarsten schildert iKrrtras (die Stelle fehlt in der Bühnenbearbeitnng) 'das Wesen dieses Miittlers, da er eine Re>de wiedergM, die Empedokles am Marktplatz hielt: .. Was einem gebricht, ich bring' es tarn andern, und binde beseelend und wandle verjüngend die zögernde Welt und gleiche keinem und allen." Sie' hatten sich nm ihn geschartim dumpfen Gefühl, er könne sie erlösen, sie boten ihm die Krone an und in einem Mgenblick der Verzückung hat er sich selbst „Gott" genannt. IW HM das Gedicht an. ErNpedokles hat sie zerstört, die schöne Welt des reinen Verbnndenseins mit der Natur und^ ihren heiligen -Urkräften, zernagt von Gewissensbissen bricht er nieder: ,/Der höher denn ein sterMch Auge sah, der Blindgeschlag'ne tastet nun umher — wo seid ihr. meine Götter? Weh! laßt ihr nun wie einm Bettler mich?" Auch die Menge läßt ihn, der in sich gebeugt an der Erde kauert, der Priester flucht ihm und sie jagen den failschen Pwpheten in -die Verbannung. Ein Schüler folgt ihm. Im GekWfte -des Aetna stiM Empedokles fteiwMig, um sich mit der Natur zu vereinen. „Gebt euch der Natur, »eh sie euch nimm:!" vu.ft er den Agrigentinern zn, die reuig kamen und sich wiederum den Führer sammeln. In der Bersöhnungs- und Abschieds- - stunde entströmt seiner Brust prophetische Weisheit: Vergessen, sortwevfen, was übevkomEn und Verlbvaucht ist, nnd hebt „wie Neugebor'ne die Augen auf zur göttlichen Natur!" -Dann" — es ist die kommunistische Lehre, die .Hölderlins Empedökles seinen Landsleuten predigt, ,Mmn reicht die Hänide euch Wieder, gebt das Wput und teilt -das Gut, o, dann, ihr Lieben! Met Tat nnd Rrchm wie . treue Divskuren; jeder sei wie alle — wie auf schlanken Säulen vuh' auf vicht'gen Ordnungen das neue Lckben, und euren Bund befestige das Gesuch!" In höchstem Gluck steigt er zur Höhe und stürzt sich in die Flammen -des Aetna. -i- Herrlich ist das Geschmeide der Verse mild Schönheiten 'ohne Zahl erblühen in den Malogen. Ein Mädchen, Kind noch, liebt den aWern-derr Mann, „weiß nichts anderes,' denn ihn", und /der Dichter läßt sie bittere Weisheit sagen, -die sich z-mn Glück erst in reiferen Jahren erschließt: ,F)as, was wir find und suchen, können ioir . nicht finden. Was wir finden, sind wir nicht . . Aber ihre Gespielin, eben angekomMen ans dem heiteren Achen, kennt andere Lisbe: ,,-Kummevlos ist unser Wohlgefallön..." Herrlich die ^-erse, die dem Priester Hermokrates in den Mund gelegt sind, wenn er die Schuld des Helden erkennt, der „der Götter Gunst den Gemeinen verriet" und sich vom leeren Widerhall äfstn ließ, bis. er sich einen Gott ncwime. Herrlich die Zwiesprache des Empedökles mit' seinen: Jünger und Erben Parrsanias, den er 'belehrt, daß „nichts ist schmerzlicher, denn Leiden zu. enträtseln" nnd überaus herrlich, ergreifend. und heilig wie Bachlsche Musik sind die Reden des Jünglings und der Mädchen am Schluffe.' •S Bei der Lektüre. Und in geweihter Stunde. — Wilhelm von Scho-lz wußte, daß das Werk nicht bühnenfähiig ist und bestimmte seine Ausgabe „für -eine festliche Anfführung". ~ Da dürften über nur gefielbte 'Zuhörer Einlaß finden und die Akteure müßten zehnmal auf ihre Eignimg gesiebt sein. Ludwig Wüllner, der große Rhapsode, ist der Sprecher des Hauptparts. Man weiß, daß er nicht nröhr ist. Bei aller Verehrung: Seine Versuche ans der Biihne fallen schlecht ans. (Manchmal erinnerte ich mich an'das Debüt Leo Gl-egaks als Löhengvin. Auch er entzückte durch WoMlaut, über die Bewegungen der Gbiadm-aßen mußte man übersehen.) Wüllner formt die Worte, die Gwpedokles spricht, aber — bei den Göttern, die er so schön und so oft anruft — -den.EmpedollcS selbst formt er nicht. Eine Freude,.weil eine'Hoffnung für die Znknnst, das Mädchen Mathilde/ Dane gg er s, hervorragend Viktor .. K u t s ch e r a, . ansehnlich der Pausanins Herbert Wanieks. Sonst Schnitten die Sprecher -kleiner Rollen weit -besser ab, als.die Herren Gibiser -und Schreiber. Ein Versuch, -der zur Lektüre -des Werkes an regt. Schon dafür ist dem Deutschen VoKstheatcr zu danken. Otto A b -e l e s. II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail Regenmäntel . » K 125.000 ■ (ilamn. Leinenwaren, Wasehwaren,? WulcH Stoffe, Wäsche - sehr blllBg ■