Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1562 (19.6.1923)
- Date
- 1923-06-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M 1662 Wien, Dienstag 1 : " .. ■——1—:— - Die Numerus clausus-Frage. Warschau, 18. Juw. (Tel.^ d.„Wr. Morgenzeitung".) Wie bereits gemeldet wurde, hat die Bildungskommission des Sejm seinerzeit beschlossen, ihre Entscheidung über die Vau den Nationaldemokraten beantragte Einführung des Numerus clausus an den Hochschulen zu verschieben, bis die Regierung ihre Stellung zu dieser Frage präzisiert haben würde. Nun ist von den Rechtsparteien und den auf 'chr antisem-rtifches Programm eingefchtvoremn Ovganisaüonen eine große Propaganda für die Einführung des Numerus clausus entfaltet worden. Inzwischen haben die oPpWionellen Linksparteien, anscheinend um auch ihr Schärfstem zur Agitation für den Numerus clausus bei- Zutwgen, der Regierung vorgeworsen, sie beabsichtige den Numerus clausus um den Preis' einer Unterstützung durch den Jüdischen Klub fallen zu lassen. Diese Verdächtigung" hat es nun dazu gebracht, daß die Regierung ihre Entscheidung beschleunigt. Bereits in der Dienstagfitzung der Bildungskommission des Sejm wird die Numerus clausus- Frage wieder auf die Tagesordnung kommen. In politischen Kreisen versichert man, daß wcchl bisher ein Beschluß der Witos-Regiovung noch nicht gefaßt wurde, daß aber zu erwarten sei, die Regierung werde einen Beschluß der Bildungskommifsion, der mit der Mehrheit der Regierungspavteien und der nationalen Arboitspartei gefaßt werden dürfte, gncheißen. Der Reserentenantvag in der Brldungskommisiion hat folgenden Wortlaut: „Dem Artikel 85 des Gesetzes vom 13. Juli 1920 über die Hochschulen ist folgender Satz hinzuzuftigen: In den weltlichen Fakultäten der polnischen Hochschulen muß bei tter Aufnahme von Studenten und freien Hörern in jeder Fakultät außer den allgemeinen Bedingungen,' die im Gesetz vorgesehen sind, unter den Kandidaten der betreffenden Fakultät ein entsprechendes Zahlen Verhältnis bezüglich der nationalen, religiösen und sprachlichen Mind erheiten in Polen beachtet -werden." Dem Referentenantvag steht ein Antrag des nationaldemokratrschen Hetzpfaffen Lutoflawski gegenüber, der drvÄt ausfpricht, daß die Zahl der Studenten und freien Höver nicht" das Prozentverhaltnis der Minderheiten überschreiten darf. Im Grunde aber sind beide Formulierungen identisch, der Referentenantrag ist nur elastischer. Der ermordete Balachowitsch. Wie I. C. B. aus Warschau meldet, ist der einem Attentat eüegene Balachowitsch nicht der weißvussische Bandenführer Bulak Balachowitsch, sondern dessen Bruder, der Pogromist Joses Balachowits ch. -er Warschauer Stadttat «nd die Mische« Schulen. Aus Warschau meldet I. C. B.: In der letzten Sitzung des Warschauer Stadtvates stellten die Vertreter der jüdischen Genreindesraktion den Antrag, daß der Stadtrat eine monatliche Subvention für Schulen mit jüdischer und hebräischer UnterrichtSspra ch e bestimme. Die Vorschläge der jüdischen Gemeinde- «äte tpnvden ab gelernt. Rumänien. Auslandsreise des Ruauzmiulfterr. Bukarest, 18. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg?) Finanzminister Vintila Bratianu wird am 20. d. ins Ausland reisen, um einige zwischen Rumänien und der: Ententemächten schwebende Finanzftagen zu ordnen. In Paris wird er zunächst eine endgültige Regelung der Reparationsfrage anstreben. In London wird Bratianu die Frage der Entschädigung für die durch den rumänischen Ruckzug im Jahre 1916 erfolgte Zerstörung der Petroleumquellen aufwerfen, während er in Rom ein Einverständnis bezüglich der Konsolidierung der Schatzscheille zu erzielen trachten wird. Der Finanzminister, in dessen Begleitung sich auch der rumänische Delegierte in der Reparationskommisiion und andere höhere Finanzbeamte befinden, wird seine Reise auch dazu benützen, eine größere Anleihe für Rumänien einzuleiten, die es dem Staate ermöglichen soll, seinen Verpflichtungen der Industrie gegenüber nachzukommen. Palästina. Der Staatsrat «nd die Araber. Jerusalem, 16. Juni. (I. C. B.) Der Jerusalemer I. C. B.-KorwspondeM erfährt über die Gründe des Rücktrittes der nichtjüdischen Mitglieder des neu-eingesetzten AMsory Council: Nachdem die Ernennung der christlichen und mohammedanischen Mitglieder des neuere Advisory Council erfolgt war, stellten diese unter dem Drucke der arabischen Exekutive die Forde rung auf, daß, die Regierung eine offizielle Bekanntmachung veröffentliche, in welcher festgestellt werden soll, die neue beratende Körperschaft habe nichts mit der Verfassung des Landes gemein, die von der arabischen Bevölkerung abgelehnt wird. Gleichzeitig gaben die arabischen Mitglieder des Advisory Council zu verstehen, daß sie so lange nicht an den Sitzungen teilnehmen werden, als dieser ihrer Forderung nicht cut* sprachen wird. Bald darauf wurde in einer Sitzung der Mitglieder der arabischen Exekutive mit beit Mitgliedern des Advisory Council beschlossen, dem Oberkommissär die R ü ck 1 r i t t s g e s u ch e zu überreichen. _Wiener Moe-eZtzettung._ Eine ans London datierte Havas Meldung lautet: D.en Blättern wird aus Jaffa gemeldet: Der arabisch- . palästinensische Kongreßhat den englisch-arabischen Vertrag über Palästina iu seiner jetzigen Form einmütig abgelehnt. (Es handelt sich hier bloß um das bekannte arabische Komitee, welches offenbar mit dem Inhalt des Abkommens mit den arabischen Hedfchasdynastien nicht zufrieden ist. Der Wortlaut der französischen Havasmeldung, die von einem englisch-arabischen Vertrag über Palästina spricht, ist einigermaßen irreführend.) Der Ueberfall auf Herbert Samuel. London, 16. Juni. (I. C. B.) Das Reutersche Bureau teilt mit: Wie aus den aus Palästina eingetroffenen offiziellen Berichten hervorgcht, bestehen keinerlei Gründe für die Annahme, daß der Ueberfall auf die Begleitmannschaft Sir Herbert Scmmels irgendwelche politische Hintergründe habe. Der Ueberfall wurde in einer wilden Gegend in der Nähe der asyrischen Grenze verübt, wo, wie feit langer Zeit bekamit ist, b e d u i n i s ch e Räuberbanden ihr Unwesen treWen. Die Ernte in de» jüdischen Kolonien. Dank den rechtzeitigen ausreichenden Regenfällen halben die jüdischen Kolonien in Galiläa in diesem Jahr eine der besten Getreideernten seit vielen Jahren zu Verzeichnen. Regelmäßiger Automobildienst zwischen Haisä und Bagdad. Der Bewuter Korrespondent der ,Kinnes" meldet, daß ein regelmäßiger Automolbiltdienst zwischen Haifa und Bagdad ausgenommen wird. Der Berkkehr soll einmal wöchentlich stattstnden. Des weiteren wurden von der Postverwaltung in Bagdad mit der Naivn Transport Corporation ein Mummen für fünf Jahre getroffen, einmal' wöchentlich die Post von Bagdad binnen 60 Stunden per Auto zu den Postschissen nach Port-Said zu bringen: Mit dieser neuen Verbindung ist ein weiterer bedeutender Schritt zur Beschleunigung des Verkehrs getan. (Zur Illustration des Unterschiedes diene, daß vor dem Kriege für die kürzere Strecke Damaskus—Bagdad mit einer Dauer der Karawanenreise von 28 Tagen gerechnet werden mußte. Uebevgang des Bnei-Brak-Bodens in jüdische Hände. Äm 2. Mai wurde im Grundbuch der Befitzüibergang von mehr als. IM Dunvm .Boden, vermerkt,, den die Hageutah-Gesellschaft von der arabischen Gesellschaft AMtar erstanden hat. Es ist dies ein Teil des Bnei-Brak-Bodens, gegen 5 Kilometer von Jaffa, auf dem Wege nach Petach-TAwah. Ein großer Teil dieser auch historisch aus der I o s u a - P e r >i o d e und der Hagadah bekannten Gebietes, ist an die Bait Benachalah- Gruppe verkauft worden, die dort eine moderne Gartenstadt zu errichten beabsichtigt. Die jüdischen Arbeiter in Haifa. Nach einer am 15. Mai von der jüdischen Avbei-terorganffation in Haifa durchgesührten Zählung galb es an diesem Tage in Haifa "1-668 jüldtsche Arbeiter, davon 155 Familienväter, albgeschen von den 120 neu eingewanderten Arbeitern, die sich an diesem Tage noch im Jmmigrantenheim befanden. Architekt A. Berlin hat die Pläne für den Bau des Arbeiterheims in Haifa bereits vollendet. Das Baukomitee hat beschlossen, in diesem Jahre vorerst einen Flügel zu erbauen mit Räumen für die hauptsächlichsten Arbeitergrünldungen in Haifa und einem 500 Personen fassenden Bersammlungssaal. - . Minister Severiug gegen de« deutschen Hochschulautisemitismur. Das im Juli vorigen Jahres erlassene Verbot der nachv Marburg einberufenen Tagung der antisemitischen Studentenverbände beschäftigte die letzte Sitzung des preußischen Landtages. Wie der amtliche preußische Press edienst mitterlt, beantwortete der Minister des Innern Severiug eine diesbezügliche Anfrage der Deutschnationalen unter anderem wie folgt: „Der für Ende Juli 1922 in Marburg geplante Dtudenieiitag sollte den Bestrebungen folgen, die darauf ausgehen, die jüdischen Studierende n von den' Stndenlenvertretungen an dm d e u t s ch ö st e r r e i ch i s ch e n und sudetendeutschen Hochschulen auszufchließm, und die auch hinsichtlich der Zulassting von auslandsdeutschen Studierenden zu den reichsdeutschen EinzelstndLMeuschaften den Grundsatz vertraten, daß auch 'hier das deutscharische Prinzip zur Anwendung gelangen sollte. Bei dieser Sachlage war zu erivarten, daß auf dem Studententag antisemitische Tendenzen in den Beratungen eine wesentliche Rolle spielen würden. In dieser Zeit, wenige Wochen nach der insbesondere ans antis-mitische Treibereien zurückzuführenden Ermordung des Mnisters- Rathena u, bedeutete eine Studententagnng mit einem derartigen Verhandlnngsgegenstand eine schwere Gefährdung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung." Die Zahrerkonserenz der englischen Zionisten. Aus . London wird uns berichtet: Am 10. und 11. d. fand die Jahreskonferenz derenglischenziönistischen Föderation statt, an der' 120 Delegierte aus allen englischen Städten, darunter 22 Frauen, teilnahinen. Unter den Begrüßungen ist diejenige des Präsidenten der Gemeinde von Manchester, Herrn Nathan L a.s k i, beinerkenstvert, welcher erklärte, er bringe der zionistischen Bewegung feilte vollständigste Sympathie entgegen. Den englischen Juden ob- 19. Juni 1923 Seite 3 liege in erster Reihe die Pflicht, das Palästina-Werk cch Inden und als Engländer zu unterstützen. Redner sei vonf Board of Deputies. zur Verhandlung in Ange- ' egenheit der J e w i s h A g e n c h bestinimt und werde mit allen.Kräften dahin wirken, daß eine einheitliche Front in bezug auf Palästina geschaffen werde. Dem Geschäftsbericht ist zu entnehmen, daß die Zahl -rer der Föderation, augeschlossenen .Vereine und Körperschaften auf 182 gestiegen ist. Die belgische MlnlfteMse. London, 18. Juni. (Wolfs.) ,Morning Post" berichtet aus Brüssel, die wirkliche Ursache der belgischen Mnister- 1ri.se sei der Gesetzentwurf betreffend.die Einberufung zu!>en Fahnen während der Besetzung des Ruhvgebietes und des Rhern'laudes für die Dauer von 14 statt 10 Monaten. Die Diskusfiou Wer die Einstellung der passiven Widerstandes. London, 18. Juni. (Wolff.) Der Pariser Berichterstatter der „Times" schreibt, die französische Regierung 'wünsche, gemeinsam mit der belgischen' Regierung aus den Teil des britischen Memorandums zu antworten, der die Frage des passiv.ein Widerstandes im Ruhrgebiet behandelt. Vorgestern habe die belgische Regierung einen Entwurf der von Poineare vorges ch l a g e n e n N o t e erhalten. Die Absendumg der Note nach England lverde sich infolge der belgischen Mrnisterkrise um einige -Tage verzögern. Auf die Frage, wie sich die frcmzösffche Regiemng die Einstellung des passiven Widerstandes vorstelle, antwortete Porncare, 'wie der „Times"-Kovrespondent weiter berichtet, daß die deutsche Regierung eine Verordnung veröffentlichen müsse, durch die a l l e n B e a m t e n aufgetragen wird, ihren Widerstand im besetzten Gebiet auszug-eben und mit der französischen Verwaltung zusam-menzuarbeiten. Auf die . weitere Frage, welche Form die Besetzung /des Ruhrgebietes annehmen würde, wenn das Reich seinen Widerstand. einstelle, eMärte Poincare, man würde zur u n s i ch t b a r e n B e se tz u n g z u r ü ckkehren, wie sie am 11. Jänner organisiert worden sei, als die französischen Truppen ins Ruhvgebiet gesendet wurden, um die fMuzüsisch-belgische Jngenieurkommission zu schützen, die den Auftrag hatte, mit den deutschen Industriellen in Beziehungen zu treten. . Tagesbericht. Großer Ausbruch des Aetna. Wie aus Rom gemeldet wird, ereignete sich Sonntag früh ein heftiger Ausbruch des Aetna, der um 6 Uhr 20 Min. durch E r d st ö ß e angekündigt wurde, denen ein Aschen- und Steinregen folgte. Die Bevölkerung der Ortschaften um den Vulkan verließ panikartik auf Fuhrwerken und Karren ihre Wohnstätten. Auf der Nordseite des Aetna haben sich fünf neue Krater gebildet, aus denen sich die Lava über die blühenden Kulturen ergießt. Bei Linguaglosfa nahm der Lavastrom in einer Breite von 300 Meter eine Geschwindigkeit von 250 Meter in der Stunde an. An anderen Stellen durchlief er in 12 Stunden eine Strecke' von 8 Kilometer. Die gefährdeten Ortschaften konnten rechtzeitig geräumt werden. Aus Catania sind Hilfskolonnen entsandt worden. Durch das Erdbeben, das dem Ausbruch voranging, ist auch M o n t e n e r o in Mitleidenschaft gezogen worden. Der diesmalige Aetnaausbruch überlrisst noch den sehr schweren des Jahres 1919. Aus den neuen Kratern, die sich zwischen der Montana Roffa und Montana Bianca gebildet haben, fließt der Lavastrom in zwei Richtungen: gegen Linguaglosfa und gegen die Ansiedlungen von Vasto Pessinao. .Die Pinienwaldnngen bei Castiglione stehen in Flammen. Die panische Flucht der Bevölkerung hat es mit sich gebracht, daß viele. Personen von dem fliehenden Menschenstrom zertreten und verwundet wurden. In den betroffenen Gegenden ereigneten sich furchtbare Szenen. Da der Ausbruch des Aetna bei Nacht erfolgte, wurde die Panik noch größer. Der Vulkan, welcher sich plötzlich in ein glühendes Kohlenbecken verwandelt hat, aus welchem Hon Zeit zu Zeit ein furchtbares Donnern ertönte, bot einen furchtbaren und gleichzeitig phantastischen Anblick. Da die Telephonverbindung zwischen Catania und Messina unterbrochen ist, weiß man nichts Genaues über das Schicksal der Stadt Catania selbst. ._ Die Berantwortungslose». Es ist die alte Geschichte: Wenn der Peter Zapfel silberne-Löffeln stiehlteinen Mord begehtz oder unsaubere Geschäfte macht, so hat Peter Zapsel gestohlen, gemordet und betrogen. Läßt sich Salomon Tülpenblatt dasselbe zuschulden kommen, dann'hat nicht Salomon Tulpenblatt es getan, sondern ,/der Jud". So meinen nicht nur die Christen, so meinen unbewußt, oder doch uneingestanden, mitunter auch Juden. Neben diesen Sklaven eines mißverständlichen Zusammengehörigkeitsgefühls gibt es andere, die „Modernen", die im Gegensatz. dazu jedes Verbundensein ableugnen. Sie wissen nichts von der Not des gequälten, gedemütigten, ostjüdischen Bruders, „ganz objektiv" beurteilen' sie ihren Stammesgenossen, ruhig und kühl, und aus entsprechender Entfernung. . Wohlfeile Woche! Regenmänteti . . K 125.000 @8 jliüFDIl- Lelnenwaren, Waschwaren, f "Ulvii Stoffe. Wäsche — sehrbBllig B l Schiffmann II.. Taborstraße 48 Telephon 47-1-73 En gros En detail UUWHIPÜ trwwnimniniinüniiiiiMrriviiiiiii