Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1562 (19.6.1923)
- Date
- 1923-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980643--15133-3001932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wiener Morgenzeituns. 19. Juni 1923 vir. IM Ae Lage in Bulgarien. Besserung der Anßenberichnnge«. Die Position her neuen Regierung ist innerlich dadurch einigermaßen gefestigt, daß mit dem stalle des ' agrarischen Parieioberhauptes Stambuliiski dem Widerstand der Bauern die organisatorische Kraft genommen ist. Nach außen hat sich die Lage dadurch geklärt, daß die Regierung Z ü n k o w durch die Erklärung, den -Friedensvertrag vonNeuilly einzuhalten, die beabsichtigte Demarche der kleinenEntente abwenden konnte. Dazu kommt, daß Ru m änie n aus dynastischen Gründen und Nlit Rücksicht auf die soziale Sicherheit des rumänischen Staates die neue bulgarische Regierung a n e rk an-nt'hat. In der großen Entente hat die neue Aera in Bulgarien einen sicheren Freund in Italien. Nun hat auch Ministerpräsident Poincare in einem nach Sofia gerichteten Telegramm die friedlichen Absichten der neuen Regierung anerkannt und erklärt, er gebe mit Vergnügen jeder Politik seine Unterstützung, welche friedliche Intentionen habe; den Beweis für seine friedlichen Intentionen werde Bulgarien geben können, wenn es seine internationalen Verpflichtungen achte. Die weitere Entwicklung der Lage in Bulgarien hängt nunmehr vor allem davon ab, ob die neue Regierung imstande ist, ein trägfähiges parlamentarisches Regime zu bilden. Der Termin der Neuwahlen. Sofia, 18. Juni. Die neue Regierung hat einige Gesetze Stambuliiskis für u n g ü l t i g erklärt, darunter jenes über die Arbeitspflicht. In allen Gemeinden, in denen die Bauernpartei die Mehrheit hatte, wurden die Gemeindevertretungen, aufgelöst und Regierungskommissäre ernannt, die zumeist aus den Kreisen der Reserveoffiziere entnommen wurden. Die neue Regierung beabsichtigt, in der zweiten Hälfte des Monats September die Neuwahlen in das Sobranje vorzunehmen. Nene Gesandte. Graz, 18. Juni. Die „Tagespost" meldet.aus Bel» r ad: Die Sofioter Regierung hat an Stelle Lj utSanowS, der abberufen worden war, den Urnversitätsprofeffor M i s ch a j k o w zum Gesandten in B e lgrad und an Stelle Daskalows den Universitäts- Professor Michajdschew zum Gesandten in Prag ernannt. Die Beisetzung Stambuliiskis. Einer Nieldung der „Breme" zufolge ist Stambuliiski auf Anordnung des Kriegsministers Bulkow Freitag mittags im Dorfe Metren begraben worden. Keine militärische Intervention der kleinen Entente. Belgrad, 18/ Juni. (Tschecho^slowaHches Preßhurecm.) In der heutigen Sitzung der Äupschtma wurden die Ereignisse in Bulgarien in lebhafter Weise besprochen. P r ibieevic, der Landwirt Jovauovie und der' Volksparteiler Su snit kritisierten in scharfen Worten die Haltung des Außenministeriums, die ein allzu großes Schenken zeige. Sie forderten eine militärische Interv e n tio u und fragten, wie sich die BeEndeten in dieser Angelegenheit Verhalten. Minister des Aeußern Nincie bezeichnet« den Standpunkt der T s ch e ch o - S l o w a k e i und Rumäniens als korrekt und wies entschieden das Verlangen nach einer militärischen Intervention ab, da hierzu kein Grund vorhanden sei. Bezüglich Mazedoniens erklärte er, daß es zmn Königreiche S. H. S. gehöre, das wohl Kraft genug habe, sich zu erhalten. Eine Intervention werde nur dann stattfinden, wenn auf bulgarischem Boden mit Zuftlmmmig der bulgarischen Regierung Komitatschibänden organisiert und nach Jugoslawien geschickt ivürden. Der Minister ivies den Gedanken eines Präventivkrieges zurück und forderte die Bevölkerung zur Ruhe auf. Die Regierung werde ihre bisherige friedliebende Politik fortsetzen. Seite 2 Wien, Dienstag mffch-soziale Wertabstuftmg ein Kriterium bilden darf. Tatsächlich ist auch, wie die seitherige Entwicklung erkennen läßt, die soeben angedeutee Gefahr durchaus nicht aktuell. Daher können wir sogleich zu den positiven Grundsätzen übergehen, deren Befolgung die wirtschaftliche Interessengemeinschaft zwischen Arabern und Intern befestigen, mrd gewährleisten soll. Diese Grundsätze lauter. Verwurzelung rm Lande, Bereicherung des Wirtschaftslebens, genremsiame Mion. Die Verwurzelung im Laude ist für den Juden, der nicht aus Zufall, sondern als Heinckchreuder nach Palästina kommt, eine Selbstverständlichkeit. Er kann sich da,her nicht auf jene leicht begründ-, und leicht verlegbaren Erwerbszweige beschranken, wie sie der Europäer gemeinhin an den großen Handelsplätzen des Orients zu bestreiten pflegt, sondern muß Fuß fassen im Innern der Wirtschaft, in der Produktion selbst, durch Erwerb von Grund und Boden zu laiwwirffchaftlicher Nützung, durch Errichtung von gewerblichen Betrie-bsanlagen. Die Inden müssen zeigen, daß es ihnen nicht um Angenblicksgewinue, sondern um ihre ganze wirtschaftliche Zukunft, um die enge Verbindung ihres ökonomischen Interesses mit dem des Landes zu 'tun ist. Man wird dann ganz anders zu ihnen Stellung.nehmen, inan wird mit ihnen rechnen müssen. Zuerst vielleicht in der - Wahrung der produktiven Interessen des Landes — etwa in . der Zollpolitik — wird der Oberbegriff deS Palästinensers ’ die jüdische und die avabffche Kategorie in sich Vereinen. Die Verwurzelung im Lande ist eine Forderung, die firr uns über aller Debatte steht. Ihr dient der Bodemvwerb des Jüdischen Natronalfonds, die Tätigkeit unserer Banken und « Genossenschaften die Durchführung unseres Palästina-Budgets, die Aufbauibestvebungen unserer Arbeiterschaft, die vielgestaltige Privatinitiative, der finanzielle Kraftaufwand des Keren Hajeffod. Die Bereicherung des Wirtschaftslebens in Palästina durch Einbürgerung neuer rationeller Methoden in der ' Landwirtschaft, neuer Zweige von Handel und Industrie, durch Erschließung der mineralischen Bodenschätze, durch Verwerfung der Wasserkräfte, durch Verbesserung des Verkehrswesens, durch Ausbau des Geld- und Kreditverkchts, : durch Vermehrung des Kapitals und der geschulten Arbeitskräfte im Lande, dies« Stärkung der palästinensischen Volkswirtschaft ergibt sich ohne weiteres aus der bereits besprochenen Verwurzelung. Von einsichtsvoller arabischer - Seite wird dieser günstige Zusammenhang längst erkannt, , und wenn gerade diese Kreffe bisweilen Verstimmung und? Enttäuschung uns gegenüber zeigten, dann nur deshalb, weil - unsere Initiative leider biswellen länger auf sich warten \ ließ, als man erst angenommen hatte und als es im In-; teresse der schnell fortschreitenden Entwicklung des Landes,! das der Kvpiwlsfuüdiemng bedurfte, gut war. Me Bodenständigkeit im Lande, die Ergänzung und - Erweiterung seines Wirtschaftslebens nach zahlreichen ] Richtungen bringt unsere Siedlung in engste Berührung i mit den arabischen Wirtschaftskveisen, und es bedarf des; feinen Taktgefühls sowohl als auch der wohlerwogenen Ab-; Wägung, um das Zusammenwirken, wie es von selbst sich; herausbilden wird, in befriedigende Formen zu bringen. Gemischte jüdisch-arabische Unternehmungen werden vielfach sich in der Entwicklung der nächsten Jahre schon deshalb ergeben, weil der Lösung zahlreicher Aufgaben weder. das arabische noch das jüdische Kapital isoliert gewachsen sein wird. Je mchr Privatwirffchaftliche Interessenverbin-' düngen eingegangen werden, um so deutlicher offenbart sich ' dann die volkswirtschaftliche Interessengemeinschaft der beiden Völker, die gleichberechtigt in einem Lande beisammenwohnen. Die ökononrische Betrachtung der Wege, die zu einer jüdisch-arabischen Verständigung führen, zeigt uns ein Tatsachenmaterial, dessen zweckmäßig« Verwertung unsere einzige politische Aufgabe^ den Ausbau der Heimstätte, wesentlich erleichtern kann. Weder soll man dir Araber ignorieren noch ihnen nachlaufen. Die politische Klugheit aber und der Wille zum Frieden und der Wunsch nach einem glücklichen Palästina, einem Lande vorbildlich guten Zusammenlebens der Menschen ohne Unterschied des Maudens und der Raffe, sie gebieten uns, die Möglichkeiten zu einer Verständigung unbefangen wahrzunehmen, die für beide Teile ebenso ehrenvoll wie förderlich ist. Sesterreich. Sie BSlterbundanleihe. Die holländische Tranche überzeichnet. Tie Subskription auf die holländische Tranche der österreichischen Anleihe wurde am 15. d. abgeschlossen, nachdem b edeutende Ueberzeichnungen stattgefunden hatten. Am 16. notierte die Anleihe mehr als vier Punkte über dem Emissionskurs. Die Gemeinde Wien und die Völkerbundanleihe. Der Finanzausschuß des Gemeinderates beschloß gestern, laß sich die Gemeinde Wien mit einer Zeichnung im Betrage von 600 Millionen Kronen an der Völkerbundanleihe beteiligt. Regierung «nd vnnderangestellte. Schärfere Kampfmittel. Tie vollständig unzulänglichen Angebote der Regierung in bezug auf die Gehaltsregulierung der öffentlichen Angestellten zwingen den Reichsverband der öffentlichen Angestellten, wie er in einem Pressecommunique mitteilt, zu,schärferen Kampfmitteln üb er zu gehen. Nachdem bereits eine am Samstag abgehaltene' Sitzung des Hauptäusschusses des Reichsverbandes, bei der sämtliche Fachgewerkschaften ' und die Delegierten s ä m 1 l i ch e r. B u n d e s l ä.n d e r - v e r 1 re ten waren, über' die weitere Taktik' Beschlüsse' gefaßt' Habens wird eine am Donnerstag den 21. d. um halb 4 Uhr nachmittags in der Volkshalle des Neuen Wiener Rathauses stattfindende neuerliche Massenversammlung, der Bundesangestellten die endgültigen Beschlüsse über die Art der weiteren Führung des Kampfes fassen. Diese Versammlung wird von den Bundesangestellten allein abgehalten, die Gemeindeangestellten werden gleichfalls in den nächsten Tagen bezirksweise Demonstrationsv ersammlungen abhalten. Die Bundesangestellten werden auf diesem Wege aufgefordert, ausnahmslos" zu dieser Massenversammlung zu erscheinen. Seipel» Besuch i« Warschau verschöbe«. Warschau, 18. Juni. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Der Besuch des österreichischen Bundeskanzlers Seipel in Warschau, welcher für den 29. Juni festgesetzt war, wurde, wie die Blätter melden, auf den SePtember verschoben. Als Grund hierfür geben die Blätter die Abhaltung des österreichischen Katholikentages in Wien am 8. Juli an, Lei dem der Kanzler als Haupt der Christlichsozialen Partei und als katholischer Geistlicher anwesend sein müsse. 2er neue Sowsetbertteter. Der bevollmächtigte Vertreter der ukrainischen sozialistischen Räterepublik Michailow Lewiekij ist auch zum bevollmächtigten Vertreter der russischen sozialistischen föderativen Sowjetrepublik bestellt worden und hat heute dem BundesM'imster für Aeußeves Dr. Grünbevger sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Im Anschluß daran wurde Herr Lewiekij in Begleitung des Sekretärs Bogomolvw vom Bundeskanzler Dr. Seipel empfangen. 2er neue jugoslawische Konsul ln Klageufurt. Wien, 18. Juni. Der Bundespräsident hat dem Bestallungsdiplome des zum Konsull des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen in Klagenfurt ernannten Tr. Basfilift P rotie das Exequatur erteilt. Beendigung der Lohnftimpfe i« der fteirischen Metallindustrie. Graz, 18. Juni. Die Betriebsrätekonferenz der Arbeiter der Grazer Metallindustrie hat heute den gestern zwischen den Vertretern der Unternehmer und der Arbeiterschaft abgeschlossenen Lohnvereinibarungen mit großer Mehrheit zngestimmt. Desgleichen wurden die Vereinbarungen von der Hauptversammlung des Bundes der Industriellen angenommen. Damit ist der Lohnkampf in der Grazer Metallindustrie beendigt. Mecho-Slowalei. Ausnahme der Ltnsenzahluugeu sür die österreichischen Vorlriegsrenten. Prag, 18. Juni. Wie die „Prager Presse" erfährt, werden die Zänseuzcchlungen für die österreichischen Vovkriegsrenten wahrscheinlich Ende Juli ausgenommen werden. Tschechische Fa»Men. Prag, 18. Juni. „Rüde pravo" mÄde-t aus Budweis, 'daß eine von tschechischen Faszisten eivberufeue Bevsamnulung hon Arbeiten gesprengt wurde,wobei einige FaszW-r, ent? waffnei und der PMzeä übergäben wurden. Ungarn. 2ie Banditen Pronay und Heiia». Führer der SrwachendeN. Budapest, 18. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung",) Der Verein der Erwachenden Magyaren beschloß in seiner gestrigen Sitzung nach dem Rücktritt der Beveinsleitung einen aus fünf Mitgliedern bestehenden Verwältungsrat einzusetzen. .Als Mitglieder' dieses BerwalküügMtes tvurden unter anderen die beikannten Mörder Ivan Hejjas und Paul Prouay gewählt. Es wurde beschlossen, die Zahl der Verwaltungsratsmitglieder auf siebelr gu erhöhen, um später auch G ö m-bü s und Eckhardt wählell zu können. . _ Pole«. «ine schwere Wirtschaftskrise. Warschau. 18. Juni. (Tschecho^'low. Pveßburean.) Tie Vorgänge aus dem DevisermlarÄ zeigen bereits uuMilstige Folgen für Jr.dlusirie und Handel, so daß von einer schweren Wirtschaftskrise in Polen gespwchvn werden kann. Es wurden bereits größere Insolvenzen äuge meldet, darunter die einer Firma mit sechs M i lkiariden. Besonders gescchrdrvhend gestaltet sich die Lage im 'Bezirk von Lodz, wo eine vollständige Stillegung der Arbeit droht. Inzwischen niirnut die Hausse der Westdovison at.i oen Poilinffchen Bövsen ihren Fortgang. Der Kurs des Dollars stieg heute auf der i'nofsizklleu Bövse auf 160.000 und ging MieMch auf 140.000 zurück. Die tschechoslowakische Kwue eröfsvete oiuff der offiziellen Börse mit 4100 und sank schließlich ms 8926. Wie die „GaZeta Warszawska" meldet, dürste uwrgen ein polnischer Gulden auf 20.000 polnische Mark zu stehen kommend ' 2ar Amnestiegesetz. Budapest, 18. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die juristische Kommission dös Sejm führte die dritte Lesung des Amnestiegesetzes durch. Dabei beantragte der jüdische Abgeordnete Hartglas, die Amnestie sblle auf alle Verbrechen, welche bis zum 20. April begangen wurden, erstreckt werden, während in der zweiten Lesung der 15. März als Termin beschlossen wurde. Der Antrag HllrWas wurde abgelehnt, doch erklärten sich die Vertreter der Majorität damit einverstanden, eventuell für den Termin des 80. M ä r z zu ■ stimmen. Der Antrag des jüdischen Abgordneten, die im Ausland befindlichen Deserteure bezüglich der Amnestie im Staatsgebiete gleichzustellen, wurde abgelehnt, dagegen der Antrag Dr. S o m m e r st e i n s, die Amnestie auf die Deserteure nichtpolmscher Nationalität, die aus dem Rayon deS Lemberger Appellationsgerichtes stammen, zu erstrecken, wenn sie sich einen Monat nach, der Publikation des Amnestiegesetzes zum Militärdienst stellen, angenommen. Ein Antrag Lieberncann-Sommerstein verlangt Ausdehnung der Amnestie auch auf die nichtpolnischen Beamten in Ostgalizien, welche nach der ukrainischen Invasion abgesetzt wurden, und ihre Wiedereinsetzung in ihre Aemter. Der Vorsitzende brachte den Antrag nicht zur Abstimmung mit der Erklärung, es müßten hier erst gewisse Unklarheiten beseitigt werden. Dieser zuletzt genannte Antrag soll' die bereits' jahrelang schwebende Frage - der nach der ukrainischen Invasion abgesetzten jüdischen Beamten in Ost^ galizien regeln.