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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-17 · Heft 1560 (17.6.1923) · p. Seite 13

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1560 (17.6.1923)
Date
1923-06-17
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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mm t, I f i' I tot.±560 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung. 17. Juni 1923 Seite IT Der Traum einer jungen Anden. Es ist Abend. Ich liege im Zelt und blinzle durch den Spalt in die Nacht. Leuchtkäfer fliegen und Sterne funkeln. Eintönig zirpen die Grillen. Immer mehr Leuchtkäfer kommen. Die Sterne scheinen herunterzuschweben. Es ist ein großes Durcheinander leuchtender Funken. .Immer schneller tanzen sie um das Zelt. Das Zirpen wird stärker. Plötzlich braust es laut auf und ein goldener Strähl reißt das Zelt mit. Es fliegt mit mir durch die Luft; weit, wett weg. An einer einsamen Stelle im Walde beginne ich wieder zu sehen. Ein Häuschen, ganz aus Kristall, stcht vor mir; zwei Adler sitzen am Giebel, als wären sie Plbst von Kristall, nur die Schnäbel zucken neugierig bald nach link, bald nach rechts. Ich trete ein. Auf einem goldenen Block steht eine goldene Taffe. Leichter Rauch steigt auf und verflüchtigt sich. Da liegt ein WürfÄ darauf, auf jeder Seite ein farbiger Kreis. Es zückt in meiner Faust und ich muß nach ihm greifen. Errrollt auf meiner Handfläche und fällt auf die Taffe. Hitä> «tÖ dem Klange des Goldes verschwimmt alles um mich her. Verschwimmt und nimmt wieder feste Formen an: eine große Steppe» tausende Schafe. Wilde Mustangs stehen an den Pflock gekoppelt und ein Cowboy galoppiert in kühnen Sätzen um ferne Herde. WÄd schwingt er den Lasso und übermütig feuert er ans einem langläufigen Revolver Schüsse in Äel Luft. Es kommen noch junge Männer. Alle in breitem Hut, mit Schoffellhosru, faMge Tücher um den Hals und große Revolvertaschen «t der Seite. Mit einem Satz springen sie «ff die Pferde und galoppieren Los. Meine Wangen glühen, meine Hände zittern. Ich will mA. Ich springe hi«. Sie äber schär mich fremd an uttb fragen mich, was ich «.der Fremdling — hier wolle. Ich kan» nichts antworten. Meine Zunge ist wie gelähmt und das Bild verschwindet. Ich stche wieder vor dem Zauberwürfel. Nnd würfle , @0tte§ 18M> GM. Menschen in Pelzfleidern, mit herdorstchendeu Backenknochen eilen auf hundebejspannten Schlitten tföec das Eis zmn Strand; sie besteigen Kajaks aus lederähnß$er Haut und Walfischiktochchr. Im Boot liegt die Harpune und eine Schwimmblase an langem Lederriemen. Eisbären klettern auf treibercke Schollen und Seehunde stecken ihre Nüstern atmend aus demWasser. Am Horizont steht int Scheine des Nordlichts ein schwarzer Dampfer. Die Pelzmänner such gerade dabei, «trat Wal abäffpecken. Ein Koloß, auf deut sie herumgeh en. Ich will hin, mir das Äffchen. Sie sehen mich an — den Fremdling — und das Bild eNWwindet. Ich bktt fölfebet vor dem Würfel, Und wieder rollt er Über die goldene Taffe. Grauer Sand und schwarze Männer, bunt bemalte, umgeben mich. Kegelförmige Zelte sind da, aus Stroh. Die Männer sind nackt und werfen mit Bumerangs nach Vogelschwärmen. Um den Hals tragen 'sie Ketten aus Perlen und Glasrollen. Sie werfen mit vollen Händen Gold in den Fluß, um den erzürnten Gott zu beschwichtigen. Im Hintergrund weiden Zebuherden. Ueber einem Feuer brodeln Töpfe. Eilt Haufen Männer.steht um eine Grube und starrt hinein. Es scheint eine Schlange darin zu sein. Ich dränge mich vor. Me sehen mich an — den Fremdling .. . Und wieder muß ich würfeln. Lärm avttb Geschrei empfängt mich. Gelbe bestickte Mäntel wandeln die Marktgasse hinuttter. Häuser und Hüttelt Will spitz anfgerollten' Voluten bilden die Straße. Feilschend trippeln zarte Dämchen auf Holzpantoffeln mit Doppelabsätzen von Bude zu Bude. Ent prächtiger Dolch hängt dort. Es müssen Edelsteine sein, mit denelt er besetzt ist. Ich will hin; aber sie sehen mich an, beit Fremdling, da entschwindet das schöne Bild. Nnd wieder würfle ich, ungeduldig. Da sehe ich mich in einem anmutigen Dorf. Ganz heimlich mutet es mich an. Junge Burschen ziehen die Straße herultter nnd singen ein deutsches Lied. Sie sind ganz abgebrannt und scheinert eilte Wanderung gemacht zlt haben. An der Laute tragen sie schwarz-rot-goldene Bänder. Ich trete zu ihnelt und will sie fragen. Sie lächeln herablassend über — den Fremdling. Aber der Würfel .tjatte noch eine sechste Seite. Und als' ich die warf, da wuchsen Palmen aus der Erde und saubere kleine Häuser. Kräftige Männer gingen in den Straßen, leuchtende Orangenhaine begrenzten den Horizont und alles war freudig und voll Zuversicht, wie wenn sie jede Stunde etwas besonders Schönes erwarten würden. Was kann, es nur gewesen sein, das diese Menschen so froh machte? Ich wagte nicht, zu fragen, aus Furcht, als Fremdling angesehen zu werden und das sschöne Bild verlieren zlt müffelt. 'Da blitzte es plötzlich über meine Augen Nltd ich — erwachte. Die Sonne schien hell ins Zelt. I. b. B. Wettbewerb zur Ausschmückung einer Wischen Jugendheimes. Dem Wunsche vieler Jugendlichen entsprechend, wird 'der Dermin für die Einsendung der Arbeiten bis 20. August 1923 verlängert. Es können sich alle Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr daran beteiligen. ■ . Gruppe 1 Zeichnungen, Gruppe 2 Malereien, Gruppe 3 Plastiken, Gruppe 4 Laubsäge- und andere Holzarbeiten. — i. Preis: Herzls Tagebücher. II. Preis : Jüdische Geschichte von Srüh. III. Preis: Plakette Gordons. außerdem 1V Trostpreise. Die Arbeitelt sind dem Sekretariat des Jugendreferaies, 2. Bez., Taborstraße 59, zu übergeben. Ein vont Jngendverband eingesetztes Poeisri chtevkoll-egium wird über die Anerkennung der Preise entscheiden. — Die Arbeiten bleiben im Besitze 'des Jugendreferates. Talmud und Naturwissenschaft. Bon Dr. Ansbacher. Es ist «in weitverbreiteter Irrtum, als seien die Tailmudweisen dem Studium der Wissenschaften abhold gewesen, oder es bestehe gar ein Widerspruch zilvischen den Ansichten jener Männer und den Ergebnissen der Wissenschaft. Wer aber eines tieferen Einblicks in jene Geistesschätze fähig -ist, wird sich überzeugen, daß jene Gefftesfürsten nicht nur auf dem Gebiet der religiösen Vorschriften leuchtende Größen vorstellten, sonde-m auch auf allen Gebieten des Wissens auf der Höhe der Zeit standen, mit allem auf dm einzelnen Wissms- Kveiyw Bekannten wohl vertWt Wareri, ja oft sogar mit ihrem weitschauenden Mick vovanseilten, und von späteren En'tdeckungm deutliche Ahnungen hatten. So ist man in neuerer Zeit zur Erkenntnis gelangt, daß die Fortpflanzung'des Schalls' von Ort zu Ort vermittelst so-, genannter Schallwellen vor sich gehe, indem Aetherschwingungen den Schall in wellenförmigen Limen an unser Ohr dringen lassen. Schm wir zum Beispiel von fern einen gefällten Baum zur Erde stürzen, so nehmen wir das Bild des fallenden Baumes bei großer Ertfernung einige Sekunden früher wahr, als den dadurch entstehenden Schlag. Oder bei einem entfernten Gewitter entsteht zwischen der Wahrnchmung des Blitzes und der des Donners bekanntlich eine längere Pause. Die Ursache ist, daß die Eindrücke des Auges uns durch Lichtwellen, die 'des Ohrs durch Schallwellm zngesnhrt werden, letztere aber langsamer vorwärts schreiten als erstere. Diese Lehre der Schallwellm war aber auch unseren Talmudistm bekannt, wie es an einer Stelle *) heißt: ,Jede r im Weltall entstehende Laut hat seine eigene Bahn, und nie können zwei Laute in einer Balhn wandeln." Oder ein anderes Beispiel: Es ist heute allgemein bekannt, daß das Sonnenlicht ans dort verschiedenen Faübm des Spektrums beftcht, wie wir es bei der Brechung der Sonnenstrahlen im Wasser, geschliffenem Glas und dergleichen, 'beim Regenbogen nnd freint Prisma so schön bewundern können. Daß auch dies dem Talmud bekannt, ersehen wir gleichfalls aus einer Stelle **), woraus sich auch die religiöse Vorschrift stützt, am Sabbatausgang dem Spender des Lichtes für dieses Hiritimllsgefchenk durch den Segensspruch bore meore haefch zu dar.öen, das heißt der erschaffen die Lichter des Feuers, nicht das Licht. Die Antveüdnng der Mehrzahl wird damit begründet, daß das Licht ans verschiedenen Lichtern bestehe. Ein nnglweideutiger Beweis, daß die Zusammensetzung des Lichtes aus den Spektralifarben den Taümndisten nicht unbekannt war. Ja selbst Erfindungen neuester Zeit finden» sich bereits bei den Talmud isten. Es wird manchen überraschen, den Blitzableiter, dieses erst 1760 von Franklin erfundene Instrument, m seinen ersten Aiffängen bereits in der talimuldischm Literatur zu sinder?. So wird (Cosefta Sabbat. Mschn. 7) empfohlen, zwischen Eier oder Küchlein ein Stück Eisen z-u leigen, um den Blitz äbzachalten. Ist dies etwas anderes als der Blitzableiter in seiner einsachstm Form? Auch das Fernglas findet sich int Talmud. So wird von Rabbi Gamliel berichtet, er habe ein „großes Rohr" gehabt, mit dem er viele Meilen weit schauen konnte. Ebenso war die Wirlkmtg des Brennglases schon unseren Weisen bekannt. So wird bereits in der Mischna (B>eza 4, 7.) also vor 1700 Jahren erwähnt, daß man Feuer erzeitgen könne, indem man die Sonnenstrahlen in einem Glase sammeln und einen leicht entKündbavm Stofs Me Stroh, Werg und dergleichen) in die Nähe bringt. Daß die Kraft des Magnetismus'Aeichfalls bekamt war, ist aus verschiedenen Stellm ersichtlich. Besonders interessant ist, )Mche Rolle dieses Naturgesetz schon in der Geschichte der Könige spielt. So winde nach der Uebevliefertmg des Midrasch Gechaste der Jüttger Elisas deshalb von ' *) Baba BÄtra 16a. ' ** Pesiachim 52. seinem Meister verstoßen und mit dem Aussatz bestraft, weil er das vom König Jerobeam cmgefert'igte Götzenbild deS Kalbes mittelst eines Magnets in der Luft frei schwebe« ließ, dadurch beim Volk, das die wunderbare Kraft des Magratismus nicht kannte, den Glauben verbreitete, es wohne diesem Götzenbild tatsächlich eine übernatürliche Kraft inne, wodurch seine abgöttische Verehrung gefördert wurde. Bei dieser hervorragenden Kenntnis der Nalurwissenschaften wird es uns auch nicht wunder nehnten, wenn« die späteren jüdischen Weifen, die aus den unerschöpflichen Quellen der schriftlichen und mündlichen Lehre forschten, stets mit allen Errungenschaften der Wissenschaften vertrant waren, oft sogar mit geradezu. prophetischem Blick Ahnungen von viel später erst bekannt gewordenen Erfindungen hatten. So erwähnt ein Talntindgelehrter des sechzehnten Jahrhunderts?) den Telegraphen, indem er in feinem Werk« (Scheloh) sagt: Teilt man eir.en Magneten in zwei Teile und bringt dieselben an ganz verschiedenen Stellen an, sei es auch noch so viele Meilen voneinander, und verbindet die beiden Hälften mit Eisen, so wird jode Bewegung, die man der einen gibt, sofort ans die andere ülbevtragen. Also deutlich der Anfang der Telegraphie. Ebenso beachtenswert ist «s, wenn wir im Kabbalahbnch des Sv>har, das sich eines Alters mehrerer Jalhchuntderte erfreut, deutlich von dem heliolzentrischen Weltsystem, wonach sich die Erde um die Sonne bewegt, lesen. Es heißt dort: ,/Jm Buche des greisen R. Hamnuna stand geschrieben: die gaitze bewohnte Erde bewegt sich gleich, einer Kugel, die einen sind unten, die anderen oben: Sie alle stehen aber aufrecht. Wenn die einen Tag haben, so haben die anderen Nacht. Auch gilbt es einen Ort, wo immer Tag ist und nur eine Weile Nacht." Staunen wir nicht, daß ein Buch aus einer Zeit, da man int allgemeinen roch keine Ahnung hatte vom kopern>ikanischen Weltsystem, da noch überall die Ansicht herrschte, die Sonne bewege sich um die Erde, daß dieses Buch sogar tot Namen eines Talmudweisen des dritten Jahrhunderts ein System nennt, das erst im siebzehnten Jahrhundert zum geistiger.- Besitz der Menschheit wurde?**) Diese Beispiele dürften wohl genügen, uns zu beweisen) daß unsere Dalmudisten nicht nur auf dem Gclbiet der religiösen und echischen Vorschriften Führer und Wegweiser waren und sein sollen, sondern auf allen Gebieten des Wissens heimisch waren. Wir folgen daher bewährten Führern, trenn wir aus dieser unerschöpsllichen Quelle des' Wissens forscher», nach dem Grundsatz:' ,^Suche darin, und suche immer wieder darin, demt alles ist'darin." (Sprüche ber Väter 5, 25.) Besonders die Jugend, die noch am meisten Zeit und Sorgenfreiheit besitzt, lasse die Gelegenheit nicht vorütbergchen, Belehrung und Erlbauung aus unserer Dhora zu schöpfen, es wird ihr später zum Vergnügen und zur Ehre gereichert, gerüstet zu sein mit Wissen, das sie unser Judentum erfassen le'hrt und auch in die Lage bringt, falschen Urteilen über dasseivbe sachlich und gewandt ent-gegenzutreten. Fabeln. ,Mtd, lvettn man fragen darf," redete der gesprächige Fink die stolzte Fichte an, ,-was für einett Zweck hast du eigentlich, wenn du hier steW? Ich muß den ganzen Tag hertvmflieger.-, mente Kleinen nähren und ihnett sonst noch das Notwendigste beibrmgen, aber du —?" ,Mi irrst," antwortete sie gelassen, „auch ich muß mclinen Samen ausstreuen und — zugrunde gehen." -n Wie blanlkes Silber glämgten die DMtlropfen im Netz der Spinne. Und die eitle Fliege widerstand dieser Lockung, nicht. Sie erkannte ihre Einfalt erst, als sie sich vergeblich iloszumachm suchte und gierige Spinnenangen sie erschreckten. In diesem Angenblick Wies 'ein Windstoß das ganze zur Erde, die es nachsichtig mit Staub und tvelkert Bläiteru vordeckte. Das alles sah ich im Wald und dachte an die Menschen. * ,Meh, wie ich mich beizähmen farnrn " schwanzwedelte der Wolf den Adler an, ,cheute und gestern hatbe ich gefastet. Der fetteste Bissen konnte mich nicht reizw und die nächste Vorfuchttng mich nicht locken." „Wenn dem wirklich so ist," entjgegnete der Adler, „so stimmt mich deine Genügsamkeit ttachdenklich. Denn ich wüßte wahrhaftig nicht, woran du dir den Magen verdorlben Haft." * Der Kreuzschnabel imtb die Ente stritten' lange nnd heftig um die Schönheit rmd Güte ihrer Mnndwevkßettge. Da keine Einigung zu erz'rÄsn war, riefen sic das Urteil des weisen Elephanten an. ,M,id nicht dumm, meine Kinder," meinte dieser, „welches von zweckmäßigen Geschöpfen schöner und besser 'ist, darüber zu streiten ist eine privilegierter Irrtum der Menschen? I. b. M *) R. Jüjafa Hurwitz, Rabbiner zu Frankfurt a. M. **) Auch findet sich eine Stelle im jernsäletn. Talmrü (Mboda, Zarah, Abschn. 3): Wexander der Große habe die Welt einer Kugel gleich geschsst. Und das Wort „Arez" Erde . wird nach einigen van „Rez" Lmffen hergelertÄ, weil sie läuft, ' um den Willen des Schöpfers zu erfüllen.

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