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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-17 · Heft 1560 (17.6.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1560 (17.6.1923)
Date
1923-06-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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^.'l'^VV^VS’^.'WV’M'.- «r. 1660 Wien, Sonntag Wiener Morgenzrttnng. 17. Jkmi 1023 Seite 3 Her drohende Streik in der steirische« Metallindustrie vermieden. Graz, 16. Jum. In Angelegenheit der seit mehreren Wochen bestehenden Llchnkämpfe in der steirischen Metallindustrie hat Bürgermeister Mu ch i ts ch über Ersuchen der Arbeiterschaft die Vermittlung des Landeshauptmannes Dr. Rinteierr ang-erusen. Ans Einladung des Landeshauptmannes fanden heute den gangen.Tag über Besprechungen mit dem Verbände , der Industriellen über die formelle Vorfrage betreffend Einleitung von Verhandlungen statt. Schließlich fand der Landeshauptmann eine vo n Le iLen S e rt en angenommene Formel, nach welcher die Einstellung de x Passiven Resistenz sofort erfolgt und andererseits auch die meritorischen Verhandlungen,^: denen man sich mit allen schwebenden Fragen befassen wird, bereits morgen Sonntag vormittags beginnen. Die Vereinbarung bilde kein Präjudiz für den Fall, als die meritorischen Verhandlungen scheitern sollten. ■i Mn. Bulak-Balachowicz erschaffen? Warschau, 16. Juni. (Del. der „Wr. Morgenzeitung".) Vtalystolker MeDuiMn zufolge ist der bekannte Weißgardist General Bulak-Balachowicz auf einer Reise von Brest--Litowsk nach Biailystok erschossen worden. Einzelheiten über die Tat fehlen noch. (Balachowioz war einer 'der berüchtigtesten Militärpogrowisten, dessen Untaten währenddes Vormarsches seiner Polen attachierten Armee in Wolhynien Leben und Hube von lausenden jüdischen Familien vernichteten.) '. Sie Lemisfion Mndslir. Ans Warschau wird uns berichtet: Die Demission des ehemaligen Naatspräsidenten Piktsudski als Chef des Generallstabes und Vorsitzenden des engeren Kriegsrates, welche zugleich' mit 'dom Regierungswechsel erfolgte, hat angesichts -er Popularität Pilsudskis im Lande große Beachtung hervorgerusen. Aus einem großen Meeting, dos von ehemaligen Legionären einberufen war, und an dem Vertreter aller links orientierten Parteien teilncchmen, wurde eine Resolution angenommen, welche sich mit der politischen Situation besaßt, die durch die Bildung der neuen Sejmmehrheit geschaffen wurde, und.mit der Aufforderung schließt, durch intensiv« politische Aufklärungsarbeit solche Bedingungen zu schaffen, die die Rückkehr des Marschalls Pibsudsiki ins öffentliche Leben ermöglichen. Anscheinend um die Erregung über den Rücktritt Pi'lisudslkis zu dämpfen, berichtet die poln>ische Presse, daß PMudski die Armee nicht endgültig verlassen werde. Inzwischen ist als sein Nachfolger im Generafftab, wo sich PÄfudski bereits verabschiedet hat, der General Stanislaus Haller ernannt tvorden. Der . durch seine Tätigkeit in den ersten Jahren nach Begründung der polnischen Republik bekannte General Josef Haller, der jetzt Abgeordneter rechtester Parteffchattievung fft, ist, wie die Blätter melden, dazu auserisehen, Piffudskis Nachfolger als GeneraltruppeuinfpMor und Vorsitzender des -ugeren Kviegsvates zu werden. 8i« Antrag ans wirtschaftlichen Rnmernr klansnr. Warschau, 16. Juni. Del. der ,Mr. Morgenzeitung".) In der letzte« Sitzung der Handels- und Jnduftvi-ekommissiM des Schn beantragt« bei der Beratung der GesetzesnovÄle über die Gesellschaften mit beschränkter Haftung der Referent Abg. Rudnicki, daß diese Gesellschaften in einem speziellen Buch eine Liste der Gesellschafter führen müsserr, aus der hervorgcht, welcher. Nationalität jeder Gesellschafter angehört. Der Referent motivierte das mit stati- JViertJ. JVildprelmarkt 2, «Jflodeles jR&bes, Jt&s turne SjJflanteawc, tTeagorons et Sfourrures Telefon 65373. Ttiroigt Maprlerung aer SerchäArräume wercken rämiiiebe LsgervrrlSnae zu tief rca«zicricn Preisen avgrgeden stischen Ztvecken. Deutlicher brachte jedoch die Motivierung der Abg. Pawlowsk: vor, der sagte, durch eine solche Bestimmung solle ein Gosellschastsverhält« is zwischen Juden und Christen unmöglich gemacht werden. Die Kornmission nahn: der: Referenten-mrtvag nicht an, er dürfte aber als Miiuderheitsvotum das Plenum beschäftigen. Leligowsli in Sanzig. Berlin, 16. Juni. Der vorwärts" erftchrt von Ivohlinformierter Seite, daß der polnische Gerwral Zeligowski, der seinerzeit Wilna durch eiine militärische Mion an Polen geibracht habe, gegenwärtig in Danzig weile. Es bestehe Grund zu der Annahme, daß Ze'ligowÄhi Danzig ein ähnliches Schicksal bereiten wolle, wie seinerzeit Wilna. Ungarn. Keine Mischen Kredite ftlr Ungarn. Die Berichte Bethlens falsch. Die anrtlicher: Berichte der ungarischen Regierung über die Kredilreise des Ministerpräsidenten Grafen Bethlen nach Paris und London haben sich in der Folge samt und sonders als Schwindel erwiesen. Insbesondere bezüglich der Beschlüsse der Reparationskommission wurden die offiziellen ungarischen Meldungen als irreführend und lückenhaft erwiesen. Nunmehr ergibt es sich, daß auch die Nachrichten über die Verhandlungen Bethlejls oder Kallahs mit den Pariser Vertretern des Bankhauses Kuhn, Loeb u. Co. erlogen waren. Der Wiener I. C. B.-Vertreter erfährt von einer Felix Marburg nahestehenden.Persönlichkeit, daß alle Gerüchte :u:d Ze:tungsmeldungen über Verhandlungen des genannten Bankhauses mit der ungarischen Regierung wegen einer Anleihe an Ungarn völligausderLuftaegrissen sind. Weder der amerikanische Zweig der Famme Marburg, noch die Familie Schiff, noch das Bankhaus Kuhn, Loeb u. Co. haben je mit der ungarischen Regierung über Kredite oder ähnliche Fragen verhandelt. Alle diese Häuser verfolgen in diesem Punkte eine gut e jüdische Tradition, die heute ebenso unerschüttert ist, wie zu der Zeit, da Jakob Schiff seine denkwürdige Antwort auf das Kreditansuchen der russischen Zarenregierung gegeben hat. Sollte der ungarische Premier Graf Bethlen, wie die ungarische Telegraphenagentur mitgeteilt hat, wirklich fraget Schuhe! erzählt haben, daß er in Paris mit einem Vertreter bei Firma Kuhn, Loeb u. Co. gesprochen hat, so ist er entwedo einer Mystifikation zum Opfer gefallen, oder aber Gro Bethlen hätte mit emem Pariser Bankier gesprochen, dö irgendwie in Verbindung mit Kuhn, Loeb n. Co. steht. Ä ist ferner möälich, daß sich Graf Bethlen bei dem Parisü Bankier bemüht hat, daß ihm derselbe eine Verbindung mi dem amerikanischen Bankhaus beschaffe. Diese Versuch! hätten aber keinerlei Aussicht auf Erfolg uni alle davon abweichenden Meldungen entbehren jeder Grund läge. Mr. Marburg selbst erklärte, daß ihm von Verhanü lungen seines Hauses mit der ungarischen Regierung woge? Gewährung einer Anleihe nichts bekannt isei. Die jüdische Oeffentlichkeit nimmt diese Erklärungen, bfr für heute und für die Zukunft jede Unterstützung des Horthy schen Pogromsystems ausschließen, mit Genugtuung zur Kennt nis. Es ist jetzt nur noch eine Aeußerung des Londoner Baick Hauses Rothschild abzuwarten. Solle, der Schützling Horttzhr. Budapest, 16. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") De: ehemalige Friseurgehilse, späterer Grundbesitzer Ferdinant Dobe, über dessen aus Rache erfolgte Anzeige der Wem Händler Adolf Landau von Offizieren der ungarischer Nationalarmee verhaftet und ermordet wurde, stant heute vor dem Budapester Strafgericht unter der Anklage des 24sachen Betruges, vierfacher Unterschlagung sowie des Diebstahles, Urkundenfälschung unt Körperverketzung. Als der Vorsitzende die offizieller Daten über das Vorleben des Angeklagten verlesen wollte bat dieser das Gericht, dies nicht zu tun, weil durch V.e r < ösfentlichung seines Vorlebens sein ganzes Leber zerstört werden könnte. Das Gericht wies die Bitte ab und die Vorstrafen dieses Offiziers der Nationalarmee, der übrigens auch die Unterstützung Horthys genoß, kamen zum Vorschein. Schon im Jahre 1892 war er wegen Diebstahls zu zehn Monaten Kerker verurteilt worden.' später noch siebenmal wegen Diebstahls, dann etliche Male wegen Geldfälschung, Betrug und Urkundelnfälschung. Die Aufzählung der Vorstrafen rief große Sensation hervor, denn diese Akten waren bei der Verurteilung Dobes im Falle Landau mit Rücksicht auf die militärisch» Stellung des Gauners geheimgehalten worden. GSmbös IM ans der Regierungstzartei ans. Budapest, 16. (Del. der „Wr. WmyeiizMmg".) Wie die Abendblätter melden, erklärte Mg. JM-us G v mb>ös vor seinen Freunde::, daß er Ms der Regie rungs- "pa rtei austreten und auch die von thm^ innogchalbte Stelle eines V'igep,rä!siden>Eeu dieser Partei, uiio.de vle,ge< Als Grund dieses seit mchveven Wochen erwarteten Schrittes bezeichnet Göncküs die.Stellungnahme des Rerchslverwesers Horthh gegen seine extrem rechts orierrtierten Politiker. Mft- Gvmbös scheiden neu« Mitglieder aus der Regierungspartei und zwar die Abgeordneten Benard, Zsirkay, Eckhardt, Main, Heyedüs, Hir, Bogya^ F'ay und Kiß, alle bekannte Erwachende. Sie werden sich als neue politische Partei konstituiere« und eine r adikal-nativ-naiistisch-antisemitische Politik betreiben. Gömbvs will auch die ziemlich auseinarcker gefallene Organffation der Erwachenden Magyaren auffrffchen und wird deshalb morgen bei der LMdesversammlnutz. des Vereines der Erwachenden für die Stalle eines Präsidenten kandidieren. Die Erwachenden Magyaren stehen ebenfalls vor einer Spaltung, bezw. vor einer weiteren Schwenkung nach rechts, nachdem auch Heffas, das einflußreichste Mitglied 'der Parte:, gegen die jetzige, für ihn allzu friedliche und liberal orientierte VewinsleÄung Stellung genommen hat. Abg. Karl Wolfs, der andere intransigente Rassenschützer, tritt mit seinen Anhängern weiterhin für die ReWerung ein, nachden: chm Mntisterpräsidcnt Bethlen gedroht hat, chm die Unterstützuwg der Regierung in den kommenden städtischen- Wahlen zu ontgichen. Reue Bücher und neue Leser. Von Klara Mautner. Während des Krieges, da war das Bücherschreiben leicht. Man schrieb, ob man dabei gewesen war oder nicht, etwas über Trommelfeuer, Schützengraben, Vaterland, deutsche Treue, eisern, Unterseebootstimmungen mit oder ohne Wellengrab und Aehnliches. Da für jeden der Krieg im Mittelpunkt alles Denkens stand, da viele Tausende einen teuern Gatten, Sohn, Bruder, Freund im Felde hatten, konnte das Lesepublikum von diesen Schilderungen die chm eine neue Welt erschlossen, nicht genug bekommen. Später war die Sache auch nicht sonderlich schwer. Man schrieb ganz einfach nicht n:chr über, sondern gegen den Krieg. Die Bücher waren naturwahr, belehrend, ethisch höchstwertig und entsetzlich langweilig. Man durste das dainals nur nicht sagen. Aber, langweilig oder interessant, immerhin gab es in der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit Stoff für die Spätliteratur, ein Thema, das alle fesselte, von dem alle immer wieder und wieder hören wollten. Langsam verebbte die Kriegserzählung, langsam nahn: der Puls der Volksseele sein gewohntes Tempo an. Was nun an Neuem'und Ungewohnten kam, das war gewissermaßen nicht literaturfähig. Denn der Dichter, der zu sagen vermöchte, was die Teuerung und die Schieberzeit, die Umschichtung und düs große, grenzenlose Elend aller Arbeitenden an uns getan haben, der es in einer Dichtung,,nicht in Tagebuchblättern urw geschriebenen Photographien zu sagen vermöchte, der ist iwch nicht geboren. So ist eigentlich eine gewisse Verlegenheitspause in der Produktion entstanden. Es fehlt ja nicht an Büchern, beileibe nicht! Man lastet dahin und dorthin, aber der große Wurf will keinem gelingen. Von den deutschen Romanen der letzten drei Jahre wird kaum einer im Gedächtnis der Leserwelt auch nur ein Jahrzehnt überdauern. Langsam gelangt jetzt auch ein neues Moment zur Gelümg: Das geänderte Lesepublikum. Früher schrieb der Normal-Romancier, der sich nicht just geflissentlich an die geistig Mmderbemittelten wendete, eigerttlich nur für den Gebildeten: für die breite, gediegene und —- kaufkräftige Schichte des Mittelstandes. Hatte ein Buch in diesen: Kreis Erfolg, dann -war es anerkannt, dann mußte „man" es gelesen haben. Die Bibliotheken schafften es an und es stand in den Bücherschränken. In den Händen der Intelligenz lag das Urteil über Wert und Bedeutung literarischer Erzeugnisse. Das loivd jetzt langsam: anders. Die große Masse der geistigen Arbeiter kann schon laiM keine Bücher mehr Laufen, hat auch keine Zeit mehr, sie zu lesen. Nicht ei-mnall die Jugerch kann Schritt halten und auf dem Laufenden bleiben. Aber eine mtdere Reihe von MicheMrufern zieht heran. Die neuen Reichen begreifen, daß zun: GeD auch geistiger Besitz gehört. Die Zeiten sind vorbei, da der Parvenü sich befcheidentlich vm: einem Bildungsisklaven das Beste uitd GMte ausüvÄ/len ließ und sich chrfurchtsvall an den schönen Einbänden streute. Der Emporkönmiling von 1623 kauft auch nicht wehr Bücher nach den: Meter. Er will sie lesen und will, daß sie ihm gefallen. Seine Söhne und Töchter verllangen schillernde, stÄhliche, amegende Bücher, Wcher, die aufvegen, fessÄn, packen, die SeelenträKüt zerstreuen. Bücher, die eägsnt-lich Filmdmmen in breiterer Ausführung find. Und diese Bücher werden prompt und pünktlich geliefert. Fingerfertige Autoren mit feiner Witterung für das Gangbare wenden sich der neuvn Kunstgattung zu,. schreiben flinke, eflatte, bunte, wild bewegte Schilideruingon, Unwahrischeinli'chkeiten, Dötekktivgelschicht'en, Bizarrerien, auch plumpe Narrheiten. Diesen Büchern gehört' die Zukunft, denn sie iverden graust. Die Stillen, die Femen, die Einfachen auf den: Gebiet der Litemtur werden niedergchchrien. Stünde Pierre Loki von den Tot'SN ausi und schrielbe seine entzückenden ,>Japonnevies d^Automne", in denen die Mmze Süße und die ganze Schnfucht der Hevbsttränme gefangen ist, von neuem — kein Mensch würde sie lesen. Denn die sie verstehen nnd würdigen könnten, hätten kein GeD, das Buch zu erwerben. Und die'das Geld besitzen, fänden es zum Sterben 'langweilig. So ist der Niedergang unserer SchönWeratur ei'geMich eine Msgemachte Sache. Das ist nicht eine einfache Folge des veÄorenen Krieges. Die Zeit :mch dem SiSbziger-Krieg hat Frankreich die reWe-r: Werke des NatuvaNsums und der SpätromantA gebracht. Was unserer Schönliteratitr den Todesstoß versetzt, ist der Wechsel des Leserkreises. Der Gebildete muß aus der Reche der Bücherkäufer trete::, das Feld bleibt den: neuen Reichen und seinem Nachwuchs überlassen. Auch in der WM des Buches' ist er zum unbeschränkten Herrn. geivorden. Wohlfeile Woche! Regenmäntel! . . K 125.000 » Leinenwaren, Waschwaren, f Stoffe, Wäsche sehr billig ■ Schiffmann II.. TaborstraSe 48 Telephon 47-t-7ß En gros En «Ml

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