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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-17 · Heft 1560 (17.6.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1560 (17.6.1923)
Date
1923-06-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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, Sekte 2 ' Wien, Sonntag Araberfrage «ad Zionismus. Die Probleme des Zionistenkongresses. LV. Bon Prof. Artur Freuds)? Die englische Araberpoliük hat letztens Aeiißerun- 'gen gezeitigt, welche vonr zionistischen Standpunkt die größte Aufnierksamkeit erfordern. In gewissen englischpolitischen Kreisen besteht die Neigung, Englands Verpflichtungen in den arabischen Ländern zu verringern , und es wird mit Rücksicht auf die starken Lasten deS englischen Steuerzahlers vielfach geradezu die Liquidierung dieser Politik gefordert. England ist bekanntlich während, des Krieges Huffein, dem Scherifen von Hed- -schas, gegenüber, bestimmte Verpflichtungen eingegangen, welche eine Kompensation fiir dessen Teilnahme ,<mt Kriege auf der Seite der Alliierten bilden sollten. ^Hussein ist in der Folge stark durch englische Geldnüttel 'unterstützt worden, dessen Sohn Faisul wurde im Irak ^Mesopotamien), welches formell englisches Mandatsgebiet ist, als Herrscher eingesetzt, während der zweite. Sohn Abdallah die Regentschaft über Transfordanien erhielt, das der Jurisdiktion des Hohen Kommissärs svon Palästina unterstellt wurde. Es ist eine Frage für sich, ob die Erwartungen, die England an diese seine Politik-knüpfte, eingetroffen sind. Ein Mitglied der britisch-arabischen Mssion, Dr. P. W. Harryson, hat 'in der „Atlantic Monthly" eingestanden, daß die Ziele, die England mit der Unterstützung des Scherifen von 'Mekka und besten Erhebung zum König von Hedschas sverfolgt hat, trotz der dafür ausgegobenen außerordentlichen Summen nicht erreicht worden sind, und „nur die Torheit seines militärischen Befehlshabers" habe ,hier einen Erfolg erwarten wollen. Die Verhältnisse im -vorderen Orient haben namentlich infolge des Eingreifens der Kemalisten eine andere Wendung genommen, und trotz der Absetzung des früheren Sultans ist ^Hussein, der Beherrscher der Heiligen Stätten, weit davon entfernt, von den Mohammedanern als Kalif anerkannt zu werden, obgleich nach muselmanischer Anschauung niemand Kalif sein kann, der nicht über den i'H^schas herrscht uiw die Heiligen Stätten bewacht. Es wird sogar behauptet, daß Hussein in Indien in Hohem Grade verhaßt ist, sich auch in Arabien keines Ansehens erfreut, daß sein Thron unsicher ist, und sein 'Gegner Jbn Saud in Zentralarabien einen ungleich größeren Einfluß besitze. Mer, wie dem auch sein mag, es ist Tatsache, daß die gegenwärtige Tendenz der englischen Politik dahin geht, unter Beibehaltung des englischen Protektorats möglichst rasch die arabische Unabhängigkeit zu schaffen und sich hierbei aus die Hussein- Dynastien zu stützen. u Bor einigen Wochen hat die englische Regierung in beiden Häusern des Parlaments Erklärungen abgegeben, welche die Politik in Mesopotamien betreffen. In Bagdad wurde, wie man sich erinnert, eine englffche Kundgebung erlassen, die sich auf den am 10. Oktober '1922 zwischen England und Faisul auf 20 Jahre geschlossenen Bündnisvertrag bezieht, und in dem erklärt wird, daß die. Regierung Mesopotamiens seither derartige Schritte auf dem Wege einer unabhängigen Entwicklung gemacht habe, daß sie in der Lage sei,' die Verantwortung für eine selbständige Verwaltung zu übernehmen. Der Vertrag solle also in dem Augenblick ablaufen, als Mesopotamien Mitglied des Völkerbundes sei, spätestens aber vier Jahre nach der Ratifizierung des Friedensvertrages mit der Türkei. Bald darauf ist die Tatsache eines britischen Vertrages mit dem Hedschas bekannt geworden, welcher dessen Unabhängigkeit vor-, sieht und die Grundlinien für eine Föderation der drei arabischen Staaten zeichnet, und gleichzeitig eine Proklamation der palästinensischen Regierung,, welche.ihr Einverständnis mit der Errichtung einer selbständigen, konsütutionellen Regierung in Transjordanien unter der Voraussetzung der Zustimmung des. Völkerbundes ausspricht, wobei England die Möglichkeit gewahrt bleiben müsse, die mit Bezug aus dieses Land übernommenen internationalen Verpflichtungen zu erfüllen. Der genaue Text des Abkommens mit dem König von Hedschas ist bisher nicht bekannt, doch sind die Richtlinien der englischen Politik deutlich: Es soll unter englischem Schutz eine föderative Vereinigung der drei Staaten angebahnt werden,-die nach außen hin unabhängig lverden. In diesem Zusammenhang muß darauf verwiesenwerden, daß die Stellung Englands in den in Betracht kommenden arabischen Ländern eine durchaus andere fft, als in Palästina. Während dort lediglich ein Protektorat oder em allgemeines Mandat besteht, ist Englands Stellung in Palästina von der integrierenden Bestimmung des Mandats abhängig, daß die Verwaltung, des Landes mit Rücksicht auf die Zielsetzung, die Schaffung eines jüdischnationalen Heims, zu erfolgen habe.. Gewisse, auf jüdischer Seite aufgetcluchte Befürchtungen, als ob auch für Palästina gewisse Aenderungen in politischer Hinsicht zu gewärtigen wären, erscheinen durch die letzten englischen Verlautbarungen sowie' durch die bestimmten Erklärungen der Zionistischen Exekutive widerlegt. Aber der .High Commissioner Sir Herbert Samuel hat sich veranlaßt gesehen, auch seinerseits vor den arabischen Extremisten Palästinas zu kaoitüüeren. Er hat die Annullierung der Wahlen in »en gesetzgebenden Rat unter der Begründung vollziehen lassen, daß die Araber Wahlabstinenz geübt haben, er ist zur Form des Staatsrates, des Ädvisöry Council,,zu- £vT?2 .Wiener MomelWit-iMt" tisttt 10:, IS. iinid IS: d:' _Wiener Morgenzekturig._ rückgekehrt, in welchem der jüdischen Vertretung das dritte Mandat genommen wird und hat auf solche Weise vor den arabischen Extremisten den Rückzug , angetreten, deren Abstinenzpropaganda er unter strenge Strafandrohung gestellt hatte. Die erwartete Wirkung seiner Maßnahmen scheint ausgeblieben zu sein und ein englisches Blatt meldet, daß die arabische Exekutive ihren Boykott nunmehr auch auf den Staatsrat ausdehnt. Es zeigt sich wiederum, daß die Taktik Sir Herbert Samuels, welcher die Anschauung des englischen Liberalismus auf das Milieu des palästinensischen Arabertums überträgt, von den Arabern als Schwäche ausgelegt wird und nicht geeignet ist, die von gewissen außerarabischen Kreisen verhetzten Extremisten gefügig zu machen .Es wird Aufgabe der zionistischen Politik sein, mit vollem Nachdruck eine Politik in Palästina zu fordern, welche dem Geiste des Mandats Rechnung trägt, wenngleich der Bestand des gesetzgebenden Rates oder des Advisory Council an sich izn Augenblick nicht im mindesten im jüdischen Interesse gelegen ist. Wir haben manches zu fordern unb über manche Unterlassung zu klagen und der künftige Kongreß wird in dieser Hinsicht klare Stellung nehmen müssen. Aber damit sind die Aufgaben des Zionismus in orientpolitischer Hinsicht keineswegs erschöpft. Die bevorstehende Aktivierung der arabischen Föderation rückt die Notwendigkeit des jüdisch-arabischen Interessenausgleichs wiederum in scharfes Licht. Hier kommt es nicht so sehr auf die Festlegung scharfumgrenzter Formeln an, es geht vielmehr darum, sich bewußt zu werden, daß , die Schaffung eines wirklichen, tiefgreifenden und dauernden Einvernehmens ein Lebensinteresse des Zionismus darstellt. Dieses muß bewerkstelligt werden, ganz s abgesehen von der augenblicklichen englischen Araber- Politik nud der Zukunft dieser Föderation, denn, wie ' sehr sich auch Politische Tendenzen ändern können, die l geographischen Verhältnisse bleiben stabil, und Palästina bleibt auf jeden Fall eine „Insel im arabischen Meere". Der letzte Kongreß hat in feierlicher Weise seinen Willen zur Freundschaft mit dem arabischen Brudervolk kundgetan, der bevorstehende muß diesen Willen unterstreichen. Und nicht damit allein darf es sein Bewenden haben: Die gesamte zionistische Palästina-Arbeit muß in einem Geiste erfolgen, der dieses Ziel vor Augen hat und jegliche Aehnlichkeit mit europäischen Kölonialmethoden vermissen läßt. In diesem Sinne ist Erziehungsarbeit unter den Juden Palästinas zu leisten, bei den schon im Lande Seßhaften und den Neueinwandernden die politische Neurasthenie auszumerzen, lvelche den Jischuw Vielfach befangen hält, und der Weg der Verständigung durch wirtschaftliche und kulturelle .Zusammenarbeit, durch politische Vertreter in den -arabischen Zentren, durch. Hresse -^md sonstige Aufklärung, konsequent zu hch'chreiten. Die arabische Föderation muß' für das Judentum eine Chance bilden, sich in den Werdegang des erwachenden Ostens einzufiigeu und dem arabischen Regenerationsprozeß seine wertvollen kulturellen und wirtschaftlichen Kräfte brüderlich zur Verfügung ~,\i stellen. Daß dieses Werk zu seinem Gelingen die Bereitstellung der großen Mittel fiir die Regeneration des Landes zur Voraussetzung hat, an der alle Bevölkerungsteile partizipieren werden, ist hier oft dargelegt worden. Unter solchen Aspekten bedeutet das Programm der jüdisch-arabischen Verbrüderung zu. der Forderung nach der vollsten, Wahrung der im Palästina-Mandat verbrieften jüdischen Rechte nicht nnr keinen Widerspruch, sorwern geradezu deren Ergänzung,, und der bevorstehende Karlsbader Zionistenkongreß wird die Aufgabe haben, diese Gesichtspunkte festzuhalten und in diesem Sinne seinen Willen kundzutun. Die Araber nehmen leine Mandate Kr den Staatsrat an. Das Fiasko von Herbert Samuels Araberpolitik. London, 15. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgerizeitmlg".) Der Jerusalemer Korrespondent des „D a i l y E x p r e ß" telegraphiert, daß sämtliche christlichen und mohammedanischen Mitglieder des Advisory Council, der neulich vom Oberkommissär Sir Herbert Samuel eingesetzt wurde, ihre Mandate zum Zeichen des Protestes gegen die Palästina-Politik der englischen Regierung medergelegt haben. miWKTi Die Lage im Aationairat. Die NechaMuingen über die n eu e Wahl o r .-u u ng ruhen iim Augenblick. Sie sollen erst um den 20. d. wieder au-sge.uomümen werden, wenn das. Ergelbms der Volkszählung über die wckhHer-echiigten Bundesbürger vvriliegt. Ob cs dann möglich sein wird,- die Vorlage mit der notwenldigen Raschheit in den Ausschüffen und im Plenum des Nationalrates zu veräblschielden, ist eine Frage, die heute noch keiner der maßgäbenlden Politiker ju beantworten vermag. Eine weitere äußerst schwierige und stachelige AngMjgenheii ist die Schaffung ei-r.es neuen Zolltarifes. Bekanntlich soll die Regierung bis Ende Juni-sine solche Vorlage fertig-gestellt haben. Sämtliche agrarische Körperschaften erklärten sich seinerge-ii nur unter der BeigWgunlg bereit,' an dem Zolltarif mitzuarbeiten, daß mr Anweuldungssatze nicht-nur für dieagrarischen Produkte, sondern auch fiir die B-cldarfsartM der- Land- und Forslwivtschäft - v'o'llsi'8 n-dl-'g-e' Z o Ulfre iheilt herrsche. - Sollte dies aus staatsfinanziellen Gvürden nicht möglich sein, jo müßten für die Einfuhr von-agrarischen _17. Juni 1923_Nr. 1560 Produkten aus dom Anslande Zölle in der gleichen Höhe trufgestell-t werden wie für die Bedarssartikvl der Land- und Forst-- Wirtschaft. Jyr .Landbund - hat es übrigensnicht geringes Befremden erregt, daß HandÄsminPer Dr. Schür ff kürzlich auf dem Han^lskammertag in Graz und vongesstom im -Parlament von J-ndustvietzöllen sprach. Die bisherigen Verhandlungen der Agarier m-it,den Vertretern der Industrie halben noch zu keinem greifbaren Ergebnis geführt. Im übrigen gibt cs unter den Agrariern selbst nicht geringe Differenzen und bei der Behcmdlnng des Zolltarifes dürfte manches Jnteveifiaivtel aus der agrarischen Häuslichkeit hcrauÄommen. Die Beamte« und der Index. Die Verhandlungen mit den Bundesangestellten. die vorgestern von den Vertretern der Beamtenschaft unterbrochen wurden^ sind gestern trotz des Scheiter ns des Vermittlungsversuches der. Präsidenten des Nationalrates wiederaufgenommen worden. In dieser Konferenz wurden allerdings andere, minder heikle Angelegenheiten beraten. Die Stimmung unter den Beamten ist gegen einen Streik und auch gegen eine passive Resistenz. Uebrigens bestehen in der Beamtenschaft zwei Lager, die sich in der Jndexsiage in einem Gegensatz befinden, die sozialdemokratische Gruppe, die unentwegt auf der Beibehaltung des Index besteht, und die im Reichsverein organisierten Angestellten, die in der Frage des Index eine andere Stellung einnehmen und deren Forderungen von der sozialdemokratischen Gruppe nicht für aussichtsreich gehalten werden. Die Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung. Für nächste Woche ist von den Sozialdemokraten eine Reihe von Massenversammlungen der Arbeitslosen in sämtlichen Bezirken Wiens einberufen. In diesen Versammlungen soll zu der A b l e h n u n g der Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung durch die Regierung Stellung genommen werden. Gestern fand eine Sitzung der sozialdemokratischen Vertrauensmänner statt, die die Details des Vorgehens in der Arbeitslosenfrage ausgearbeitet hat. Wie es heißt, bereiten sich die Sozistdemokraten in dieser Angelegenheit auf einen scharfen parlamentarischen Kampf gegen die Regierung vor. Studienreise der Bundesbahnexverten. Die beiden Experten des Völkerbundes für' die österreichischen Bundesbahnen, Sir William A c w o r t h nud Dr. Robert Herold, haben in Begleitung eines Vertreters der Bundesbahnverwältnng eine Studienreise angetreten, «in die Verkehrsverhältnisse und die Dienstorganisatioir der österreichischen Bahnen aüs eigener Anschauung kennen zu lernen. Diese Reise führt zunächst in das Gebiet der Bahndirektion I n n s b r n'ck, dann über das Bahnnetz der Direktionen B i l l a ch und L i n z, und wird eine Woche dauern. Erst nach der Rückkehr von dieser Reise wird sich Dir Acworth die Grundlagen seines Gutachtens an den Völkerbund festsctzen. Daher sind die schon sitzt auilauchenden Meldungen über die Vorschläge, die Sir Acworth erstattet haben soll oder erstatien wird, ins besondere die Meldung über einen vom Experten des Vulkerbilndes bereits airgeregten Vcrka.il de-.- österreichijchcn Bahnen, als v e r s.r ü h (zu bezeü m m Aue interessante Ünterhausdebatte Wer die Bergebuug der Auteihe in London. Wurde Oesterreich übervortcM? London, 15. Juni. In Beantwortung einer Anfrage B e r k e l e y s, worin dieser darauf hinwies, daß den Maklern wirb anderen privilegierten Personen anläßlichder Ausgabe der österreichischen Anleihe besondere Vorteile gotvährt worden seien und daß das solide Anlagen suchende Publikmii du.rch die Spekulanten ferugehalten worden sei, w i e s Schatzsekretär. Johnson H i ck s diese - Behauptung nachdrücklichst zurück und stellte fest, daß angesichts des Erfolges der Anleihe deii meisten Zeichnern nur ein kleiner Teil auf ihre Zeichrurng zugeteilt werden konnte. In einer weiteren Anfrage bchauptete Berkeley, daß die Anleihe fast sänllich voll Spekii'laiiten aufgetwmmeir worden sei, die bloß 5 Prozen ihrer Zeichnungsbeträge erlegt rmd diesen Betrag durch Verkauf am heutigen Tage verdoppelt hätten. Johnson Hicks erwiderte, daß er nichts dergleichen bemerkt hätte. Die Bank von England und nicht die Regierung sei für die Modalitäteii der Ausgabe d e r A it* leihe verantwortlich. Die Behauptungen Berkeleys seien jedenfalls nicht richtig. RaMsay Macdo-nald fragte, ob der wahre Erfolg des Aulerhearrangemerrts darin bestehe, daß dlc. arm« österreichische Regierung lim 5 Prozent mehr zU zahlen habe als sie sonst zu zahlen hätte. Johnson Hicks erlvide'rte: Es ist imr nicht erfindlich, wieso die österreichische Regierung 6 Prozent mehr zahlt. Die Anleihe -ist von der Bank von England und den verschiedeiien Regierungen vor ihrer Ai>sgabe sorgfältig vorbereitet worden. ' Der Handelsvertrag mit Ztalken. Rom, 15. Juni. (Stefani.) Der Mnister für Industrie hat der Kammer den Gesetzentwurf betreffend .die, Genehml.qnnq des zwischen Italien und .Oesterreich äbgeschtosseum und am 28. April 1928 Unterzeichneten H anbei s v e r tr a ge s vorgelegt. i

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