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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-17 · Heft 1560 (17.6.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1560 (17.6.1923)
Date
1923-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HnzetammnerKlOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,IUTaborstr.1-3, »der in einer Verschleisstelle [Trafik) monatl. K 28.000 GKt Postversand für Wien n. Deaterr. monatl. K 28.000 Fs ehe ch o-S.l owak e i: Won. K17. Ungarn: Mon, C6C0. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.l5.000.Deutschland: Won.Mark 15.000. Fr ank r., Belgien: Monatl Frcs. 8 Pf* Nachzahlungen iei Preiserhöhungen Vorbehalten lener l’sdi(Kliox8twwatt«l I tschech. Kl.— Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 90 Lei bezw. Lewa, Schweiz und das übrige - Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3. i Telephone: 44-0-38,44-3*19, ab 6Ührabds.l9-483,16-301 Tel-Adr.:, Morgenzeitung" Wien Oösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Rr. 1560 Wie». Sonntag 17. Funi 1823 i. FaHrgmg Cr hat es gezeigt. -7. Wien, 17. Juni. Er hat es gezeigt, nämlich der Herr Waber. Ein pwßdeutscher Abgeordneter hat am Freitag im Nattoiralrat seinen berechtigten' Stolz auf die Leistungen Wabers im Kampf gegen die Juden nicht verbeißen lönnen und hat den Sozialdemokraten, die ja in punkto Antisemitismus ebenfalls Erkleckliches zu vollbringen visiert, zugerufen: „Unser Parteigenosse Waber hat geleigt, daß er weiß, wie man gegen die Juden vorgeht." Dieses Lob bezieht sich auf die Tätigkeit Wabers als Minister des Innern. Im Interesse der Wahrheit vollen wir das, was dieser Großdeutsche von dem Mi- «nster zu rühmen wußte, bestätigen. Waber hat mit seinem bekannten-Pauschalerlaß alle Juden, welcher Herkunst immer, in Bausch und Bogen für unwürdig erklärt, österreichische Bundesbürger zu werden. Sein Lobredner hat ihm insoferne keinen guten Dienst erviesen, als er durch seinen Ausruf einen sehr wesentlichen Beitrag zur Naturgeschichte des deutschen Parteinannes als Beamten geliefert hat. Man kann setzt, ivenn man von diesem Minister spricht, nicht allein die Mitteilungen abgewiesener jüdischer Bürgerrechtsiverber, sondern die Rede seines Parteigenossen zitieren, der seine Freude darüber nicht unterdrücken kann, daß dieser Waber als Minister, als ein auf Verfassung und Gesetz vereidigter Minister, Verfassung, Gesetz uno Eid in den Papierkorb wirst, wenn er mit Juden zu tun hat. Er ist doch ein ganzer Kerl! Heil ihm! Der verstorbene Minister Dr. v. Korber — man muß um Verzeihung bitten, daß man diesen Namen in einem Atem mit Waber ausspricht -— hat einmal in einem Erlass gesagt: „Mehr als der Mann aus dem Volk, der ein Gesetz Übertritt, schädigt den ^taat und' die Rechtsordnung der Beamte, der das Gesetz listig auslegt." Man hat seit geraumer Zeit in Oesterreich die Gelegenheit^ wahrzunehmen, wie tief dieses Wort Korbers ist und wie sehr das Rechtsempfinden gesunken ist. So sehr, daß die OpttonspraM Wabers heute schon fast vergessen ist, daß sich über die Optionsentscheidungen des Verwaltungsgerichtshofes in den vielen Fällen firdischer Beschwerden niemand mehr aufregt, und daß die Hakenkreuzurteile der Gerichte, die die Hakenkreuzler so milde, die Juden aber so strenge anfassen, unbeachtet bleiben und dem nächsten Gericht fiir seine Rechtsprechung bereits als das in Oesterreich so beliebte Präjudiz dienen. In allen diesen Fällen mag der Buchstabe des Gesetzes dein Urteil als Stütze dienen, und es wäre sicherlich Ungerecht, den österreichischen Richterstand durch Verallgemeinerung zu kränken. Aber in den Fällen, die sich in den letzten Monaten häufen, liegt tatsächlich eine listige Auslegung des Gesetzes vor, und sie fällt nicht den Bürgern zur Last, sondern denen, die durch ihren Eid zur Wahrung der Gesetze berufen sind. Das liegt im Zuge der Zeit. In den Sommerfrischen heben die arisch-biederen Gemeinderäte die Freizügigkeit der Juden auf, wohlverstanden, der jüdischen Bundesbürger, und es kräht kein Hahn danach. Die Juden stehen außerhalb des Gesetzes, und daß dies zu einem Charakteristikum des öffentlichen Lebens in der Republik geworden ist, läßt sich daraus Merten, daß dem Minister, der mit der'listigeir Auslegung des Gesetzes den Anfang machte, niemand entgegengetreten ist. Es wird in letzter Zeit in den öffentlichen Körperschaften dieses Staates sehr viel in Antisemitismus gemacht. Er ist wieder zu einem hohen Grad von Popularität gediehen, weil Wahlen kommen, und weil alle Parteien den Wert, des antijüdischen Schlagwortes aus langer Erfahrung zu schätzen wissen. Bei Großdeutschen und Christlichsozialen nimmt dies nicht wunder. Sie sind die Stützen-der Regierung, die ihnen mit dem guten Beispiel vorangeht. Aber die Sozialdemokraten raufen mit ihnen um die Palme in diesem löblichen Streit, und es ist manchmal schiver zu entscheiden, wer der Tüchtigere ist. Der Hamburger Sozialistenkongreß hat zwar in richtiger Erkenntnis der Situation den Antisemitisnrus als.ein Symptom der internationalen Reaktion be- ** zeichnet und seine Bekämpfung dem organisierten Proletariat zur Pflicht gentacht. Aber Resolutionen sind oben nur Resoluttonen, die zu nichts verpflichten^ Da die kommenden Wahlen die Mobilisierung aller moralischen Energien als angezeigt erscheinen lassen, so hält sich auch die österreichische Sozialdemokratie nicht an das, was ihr die Pflicht ihres Programms vorschreibt, sondern att das Beispiel, das ihr der Waber gezeigt hat. —- n I. Die Rüstungen der Hakentreuzler. -er „Ring Wien". „ Die Hakenkreuzler wittern Konjunktur. Ihr Münchner ZeNtrum arbeitet mit Hochdruck, um den ihrer Ansicht nach kommenden politischen Vorgängen gerüstet gegenüber zu stehen, jenen Vorgängen,, die. sie täglich und stündlich provozieren und vorbereiten. Haben sie sich bisher nur auf das Organisatorische verlegt, Mitglieder geworben und Terrorformationen gebildet, so gehen sie nun auf Grund von Beschlüssen, die auf einer in München unter Vorsitz Ludendorffs ftattgefundenen Besprechung aller Führer von vaterländischen Verbänden, Geheimbünden urw nationalsozialistischen Stürmabteil ungen gefaßt wurden, daran, eine taktische Vereinheitlichung durchzuführen. Zu diesem Zwecke werden alle einzelnen Terrorformationen ohne Unterschied der Schattierung in sogenannten vaterländischen Kampfverbanden zusammengefaßt, die territorial in „R i n g e" gegliedert sind. Zur näheren Bezeichnung wird diesen „Ringen" der Name der Hauptstadt des sie-einschließenden Gebietes bei ge fügt. Die Oberleitung dieser Organisationen führt der „Ring München", den Hitler selbst komntandiert. Zu seinem persönlichen Schutz wird ein „Stoßtrupp Hitler" am Sitze der Organisation, Mün chen, Schellingstraße 39, ausgestellt. Das^ Ehrenpräsidium diefetgegenwärtigen M in i st e r Präsident e n Dr. K n i ll i n g angeboten. Der frühere Madthauptmann der. bayrischen Heimwehren, Kühner, wurde Vorsitzender des Stadtverba n d e s M ü n ch e n. Auf L u d e n d o r f f s Geheiß wird dieses Organisattonssystem auch auf Oesterreich übertragen. Zu diesem Zwecke fand bereits vor einigen Tagen eine eingehende Besprechung der in Betracht . kommenden österreichischen Terrorführer statt. Da Ludendorff aus tattischen Gründen eine enge Zusammenarbeit zwischen den deutschen und den österreichischen Formationen wünscht, werden in die Leitung der österreichischen „Ringe" deutsche Terroristen komntandiert. Vorerst werden drei solche Ringe ausgestellt: In Wien, Salzburg und Innsbruck. Dem „Wiener Ring" wurde Oberst Bauer, dem „Salzburger Ring" Major Bischofs und dem „I n n s b r u ck e r Ring" Major P a b st zugewiesen, alle enge M it a rb eit er Ludendorffs', die von der Berliner Regierung, wegen ihrer Beteiligung am Kapp-Putsch steckbriesl i ch verfolgt werden. Diese Herrschaften sind aber nicht etwa jetzt erst nach Oesterreich gekommen: Sie wohnen schon seit Monaten unter falschem Namen in mtserem Lande, und zwar Major Bischofs, der ,;Kapp-Major", als ,,Dr. Bothmer" in der Piar i st e n g a s s e in Wien, Major P a b st als Major „Peters"'in Innsbruck, wo er bisher als Genevalstabschef des Heimwehrführers Dr. S t e i d l e fimgierte. Oberst Bauer fühlt sich in Wien so sicher, daß er sich keinen falschen Namen beilegen zu müssen glaubt. Diese Tatsachen sind aber nachweislich einem Teil der großdeutschen Abgeordneten, die mit den Hakenkreuzlern' sympathisieren, bekannt, und diese waren es auch, die unsere seinerzeitige Meldung von der Anwesenh eit/, des Obersten Bauer in Wien (er wohnt nach wie vor bei dem Ludendorff-Agenten Pros. Otte in der S i e v e r i n g e r st r a ß e), durch die Politische Korre-. spondenz dementteren ließen. In der Art zu dementieren müssen diese Herren vorsichtiger sein. Denn, unrichttc angewendet, b e st ä t i g t die Dementierspritze oft mehr, als sie ableugnen wollte . . Denn die Mobilisierung gerade dieser Korresporchenz weist allzu deutlich auf jene, die an der Abstreitüng einer von uns verzeichneten Tatsache interessiert sind. . ' auch die RiMsM^WWr^Wlalisten angehören, wird außer von dem Obersten B au ei. auch von dem Major Her l in g e r, einem Anführetder Frontkämpfer, geleitet. Der „Ring Innsbruck" umfaßt außer Tirol und Vorarlberg noch Sturmtrupp, bezirke B a y e r n s, so den Ergänzungsbezirk L i n d a u Bei der kürzlich in B r e g e n z stattgefundenen Bannev weihe der Vorarlberger Nationalsozialisten war di, Lindauer Abteilung mtt dem Schutz der Feier betraut - Ob' die „Schützer" einen ordnungsmäßig ausgestellte» Paß besaßen, mag Herr Frank wissen. Diese Rüstungen bezahlt der Hq.upt verband der Industriellen aus jüdr scheu Geldern. Ae bulgarische Revolution. Keine Verbindung mit Sofia. Wie StambuMski gelötet wurde. Sofia, 16, Juni. (Tel. d. „Wr. Ndorgenzeituug".) Das Feuerges-echt bei Golak, in welchem Stambuliiski und sein Bruder getötet lvurden, hat Donnerstag nachmittags stattgefimden. Der Mimsttrpräisident war von Slawowioe, wo er sich trotz aller Berschanzung unsicher fühlte, ttach Golak gekommen. Dort traf er bereits auf Truppen, die sein Automobil unter Feuer nahmen. StambuliiÄi ergab sich. Als er ttach Slawowioe transportiert wttrde, erkannten ihn seine Anhänger, die nun die Eskorte angriffen. Es entwickelte sich ein Feuerkatnpf, in dessen Verlauf Siaiubu-ltistt erschossen wurde, um seine Flucht zu verhindern. Stambuliiskis Freund S t o j a n o w wurde gefangen und gelyncht. i Stambnliiskis Familie lebt derzeit' in M ii tt ch e n, wo seine Tochter studiert. Die Leiche des Muisters soll in Slawowioe beigesetzt werden. Unterbrechung der Anslandsvervindungen. Malinow nach Zankow? B u k a r e st, 16. Juni. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung",' Obwohl seit gestern nachmittags alle direkten Nachrichtet aus Sofia fehlen, sickern doch über die Grenze einzelne Mel düngen über die Politische Entwicklung in Bulgarien durch Danach soll das Kabinett Zankow durch den Nahrungs mittelmangel in der durch die Bauern blockierten Haupt stadt in Schwierigkeiten geraten sein. Es verlautet, d« Malinow, der bisher bekanntlich in Haft war, mit de Bildung einer «euen Konzentrationsregisrung beschäftig ist und daß er die N e u w a h l e n zur Sobranje leiten Wirt Die Regierung Zankow verfügt nicht mehr über di Verbindungen nach dem Ausland. Die letzte Nachricht, d? aus Sofia kam, teilte den Tod Stambulttskis mtt. Ser diesem Zeitpunkte schweigt der Draht. Die bulgarische Regierung gegen eine mili tärische Kontrollkommission. Prag, 16. Juni. Das tschecho-floivakrsche Preßbureau meldet ans Belgra d: Seit.gestern abends ist die telegraphische Verbindung mit Sofia unterbrochen. Die Ursache dieser Störung ist nicht bekannt. Eine bulgarische Mission in London. London, 16. Juni. Wie das Reutersche Bureau erfährt, wird sich eine diplomatische Mission aus Bulgarien nach London begeben, um der britischen Regierung die 1 Politik der neuen bulgarischen Regierung ausemaMM- * taieu. Wie wir aus diplontatischen Kreisen erfahren, hat di bulgarische Regierung die Forderung der kle» n e n E n t e n t e nach Entsendung einer m i I i t ä r i s ch e - Kontrollkommisfion nach Bulgarien, die die mW tärische Lage überprüfen sollte, um feschustellen, ob dun den Umsturz-nicht der Friedensvertrog von Neuilb verletzt wurde, abgelehnt und die Ablehnung dam motiviert, daß sie sofort nach dem Umsturz bei den Regü rungen aller Signatarmächte die Erklärung abgegeben-Hab sich auf den Boden der FriedensvertväFe zu stellen u» diese Verträge auch stritte euchalteu zu vwllen.

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