Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1557 (14.6.1923)
- Date
- 1923-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980638--15080-3001874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 Wen, Donnerstag Wiener Morgenzeitrrng. 14. Jkmi 1923 n*mmmmw"r vrr.i« Am dm Ruhrgeblrt. Ausdehnung des Belagerungszustandes. Essen, 13. Juni. Die Franzosen haben nunmehr nutzer über Dortmund und Recklinghausen auch über Wanne, Herne und Hochst den verschärften Belagerungszustand verhängt. Jeder Personenverkehr zwischen 9 Uhr abends und 5 Uhr früh ist strengstens untersagt. In vielen Fällen werden schlimme Mißhandlungen von Personen gemeldet, die abends nach 9 Uhr auf der Straße angetrosfen wurden. In Recklinghausen wurde tvegen des Mordes Ln einer französischen Schildwache der Straßenbahnverkehr während der Nacht untersagt. Der Verkehr mit dem nichtbesetzten Deutschland wurde unterbrochen. Die Leiter der Kriminal- und der Verwaltungspolizei sind verhaftet worden. Der Stadt wurde eine Geldstrafe auferlegt. Ein deutscher Passant ist heute nachts von einer Schildwache erschossen worden. Auf einen französischen Offizier wucke aus einem Hause ein R".vclverfchuß abgegeben. Einstellung des Personenverkehres zwischen dem Rheinlande und Deutschland. Koblenz, 13. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung") Der Oberkommisiär für das Rheinland hat die Einstellung des gesamten Personenverkehres zwischen dem altbesetzten Gebiet und den Rheinr-anden aus die Dauer eines Monats ungeordnet. Ein Todesurteil wegen Sabotage, Memz, 13. Juni. Das Kriegsgericht hat einen Ingenieur der Badischen A n i l i n f a b r i k, der bei einem Sabotageversuch ertappt und bei dem Explosivstoffe gefunden worden waren, zum Tode verurteilt. Der Verurteilte hat die Tatsachen eingestanden. „Reichsvehrblost Roßbachs Berlin, 13. Juni. Der vorwärts" macht aufsehenerregende Mitteilungen über eine Roßbach-Organisation innerhalb der Reichswehr, die am Freitag in Magdeburg bei der Verhaftung von dreißig Deutschvölkischen ausgedeckt worden sei und den Namen ^Reichswehrblock Roßbach" trage. Me Zentrale 8er Organisation ist nach den Mitteilungen des „Vorwärts" Magdeburg und zwar für das gesamte Reichsgebiet, mit Ausnahme von Bayern, wo die Verbindung zwischen Reichswehr und Putschisten so eng ist, daß es einer besonderen Organisation zu ihrer Pflege kaum bedarf. Die Organisation wird von Roßbach persönlich geleitet, auch nach seiner Verhaftung. Aus d'em Untersuchungsgefängnis des Reichsgerichtes in Leipzig ergehen nach wie vor die Befehle Roßbachs. In einem dieser Befehle heißt es: Der Feind steht nicht nur am Rhein und unweit Münster, er steht auch in Berlin. Der „Reichswehrblock Roßbach" hat Verbindung mit fast allm Garnisonen der Reichswehr. Besonders kompromittierend ist die Veröffentlichung der Organisation einer Fehme. In dem Ausruf zur Gründung derselben an die Gruppenführer heißt es, die Leute, die die Fehme bilden, dürfen nur aus zuveMMgsten und im Waffengebrauch vollständig ausgebilideten Elementen ausgesucht werden und stehen unter dem Befehl der Leitung. Die Ausgabe der Fehme ist es, der Leitung verdächtig Erscheinende zu beobachten, Verräter und Politisch miliebige Personen zu beseitigen. Der „Vorwärts" veröffentlicht zum Beweis seiner Mitteilungen das ausführliche Statut der Organisation, die von Roßbach als Chef unterzeichnet ist. Das Matt verlangt zum Schluß eine Besprechung dieser Vorfälle im Reichstag und fordert von der Regierung daschärfste Eingreifen gegen die deutschvölkischen Umtriebe. Ser Hochverrat der Hakeakreuzler. München, 13. Juni. In der heutigen Verhandlung oes Prozesses Fu chs-Machhaus machte Zeuge Kautt e r Mitteilungen über seine Zusammenkünfte mit Fuchs und Machhaus. Er habe aus seinen Besprechungen mit diesen den Eindruck «gehabt, daß beide damit rechneten, daß Fredwilligensormationm nur durch Betrug zu gewinnen seien. Von einer Bekämpfung des Bolschewismus sei wohl gesprochen worden, aber als Grund für die Mion sei sie nicht genannt worden. Als letzter Hauptzeuge tm Prozesse wurde Regierungsbaumeister a. D. Schäfer einvernommen, der angab, er sei Vorsitzender des Bundes Treu-Oberland gewesen. In München habe ihm Hauptmann Brendsl mitgeteA, daß auf Veranlassung von Machhaus eine Art Mobilmachung der vaterländischen Verbände betrieben worden sei. Zeuge schildert sodann, wie er mit Fuchs und Machhaus bekannt geworden und durch eine Aeußerung, die Machhaus gemacht habe, stutzig geworden sei; Machhaüs habe erklärt, für eine Gesundung der deutschen Verhältnisse dürfe kein Tropfen bayrischen Blutes vergossen werden. Aus dieser Aeußerung habe Schäfer geschloffen, daß Machhaus vielleicht Absichten verfolge, die nicht im gesamten deutschen Interesse lägen. Ar eotdlieos «Mehr in den BSIkerbrmd. Wie aus Argentinien gemeldet.wird, hat der argentinische Staatspräsident dem Parlament -einen Antrag aus Wiedereintritt Argentiniens in den Völkerbund vopgelegt, welcher alle Aussichten hat, angenommen zu weiden. Deik Anlaß zmn Wredevanschluß Argentiniens an den Völkerbund scheinen die Ergebnisse des vor kurzem abgehalienen panamerikanischen Kongresses zu ■ sein, welche Argentinien nicht befriedigt haben, da dieses Die Atzung des zionistischen Aktionskomitees Ae gewsth Agency. - In der Freiwgvovmittagfitzrrng wurde die politische Debatte fortgesetzt, an der sich wiederum fast die meisten Mitglieder des A. C. beteiligten. Herr Ros off, der erst am Freitag früh Mr Sitzung eintveffen konnte, ergänzte die Ausführungen Ussischkins aus der ersten Sitzung durch einen Bericht über die Lage und Stimmung in Palästina. In der Fveitagnachmittagssitzung legte Grünbäum im Namen der Kommission die Resolution in der Frage der Jewish Agency vor, die wiederum zu einer regen Debatte führte, so daß die Abstimmung aus Sonntag verschoben werden mußte. In dieser Sitzung wurde sodann in der Frage der Jewish Agency die folgende Resolution angenommen: „Nach Anhörung der Berichte der Exekutive und der Erklärungen des Vorsitzenden der Exekutive, stellt das A. C. als Richtlinie, für alle Verhandlungen, die in der Zeit b's jmn Zionistenkc-ngreß mit Vertretern nichtzionistischer jüdischer Kreise über ihre Beteiligung an der Leitung des Palästina-Aufbauwerkes geführt werden, den Grundsatz aus, daß die leitende Körperschaft der Jewish Agency vor einer Vertretungskörperschaft des jüdischen Volkes verantwortlich sein muß." „Das A. C. beschließt, aus seiner Mitte fünf Mitglieder zu wählen, welche zusammen mit Vertretern drr Exekutive «ine Kommission zum Studium aller mit der Frage der Jewish Agency und anderen organisatorischen Fragen zusammenhängenden Probleme bilden sollen. Die Kommission soll unverzüglich nach der Sitzung des A. C. zusammentreten; das Resultat ihrer Beratungen soll der Exekutive und den Mitgliedern des A. C. mitgeteilt werden und als Material zur Prüfung der Frage der Jewish Agency bis zum Kongreß dienen." In die Kommisiion wurden gewählt die Herren: Doktor Barth, Dr. Hantke, Dr. Jacobson, DAir. Katznelson und Rubaschow. Sodann wurden die von der politischen Kommisiion unterbreiteten Resolutionen mit geringen Aenderungen in folgender Fassung angenommen: „Angesichts der bedeutsamen Entwicklungen im näheren Orient, welche zur Bildung arabischer Staatseiner Liga der amerikanischen Staaten unter Vorherrschaft der nordamerikanischen Union ablehnend gegenüber steht. Der Argentinische Staatspräsident begründet seine Botschaft an das Parlament damit, daß. Argentinien, welches ein unabhängiges Dasein führe, und im Sinne der Demokratie am Völkerbünde teilgenommen halbe, nicht isoliert bleiben, sondern mit vermitteln wolle, wo sich die Möglichkeit von internationalen Abmachungen eröffne. Argentinien hat am 4. Dezember 1920 den VMevbünd verlaßen, nachdem ein von ihm unterstützter fkandinavsicher Antrag, alle international anerkannten souveränen Staaten sollten dem Völkerbünde angehören dürfen, so daß ihre Nichtmitgliedschast nur auf ihrem eigenen Beschlüsse beruhen würde, vertagt worden war. 8u»lauds Antwort an LWtscherin. London, 16. Juni. (Teil, der ,Mr. Movgenizeitung".) Die britische Regierung stellt in ihrer Antwort auf die letzte russische Note mit Genugtuung fest, daß die Sowfetregierunig in Zukunft jede eugibarckfeindliche Propaganda unter, lasten wird. Großbritannien verpflichtet sich, den Planen, die möMcherweife von russischen Staatsangehörigen außerhalb -Rußlands geigen die Sowjetregierung geschmiedet ' Wecken könnten, keine Unterstützung angedeihen zu lassen. Die Note stellt fest, daß die Sowjet r-egierung die wichtigsten Forderungen Englands erfüllt habe, so daß der Notenwechsel als beendet angesehen' werden könne. Ae antireligiöse Propaganda in Rußland eingestellt? Wie aas Moskau in BeÄin eirgetroffen-e Meldungen besagen, wucke der bam Zentralkomitee der Kommunistischen Partei geleiteten antireligiösen Propaganda durch den Beschluß derselben Körperschaft ein Ende gemacht. Nach der politischen Seite erwies sich nämlich dieses Bekehrungswerk als recht bckeniklich, besonders seitdem der Ruf nach der Annäherung zwischen Stadt und Dorf zur Tageslesuug der Kommunistischer« Partei wiucke. Die Schließung der Gotteshäuser, die Verfolgung der Priester und das tolle Treiben der AiusAärungsapostell erwies sich als ein ernstes Hindernis einer solchen Annäherung. Bald begannen die in der Provinz wirkenden Parteiorganisationen gegen diese Agitation zu protestieren. So wendete sich beispielsweise die Witebsker Guberuialkorferenz der Partei an das Zentralkomitee, von der Agitation „in den von den Kulturzentren entlegenen Ortschaften, wo die religiösen Vorurteile noch nicht in sich überwunden wucken", cvbzusehen. Das Zentralkomiitee sah sich zuletzt bemüßigt, die Revision seir.er antireligiösen Propaganda vovzunehmen. In der diesbezüglicher« Resolution wick zugegeben, daß die in eine Farce ausgeackeitete Anfkläriungstätigkeit mit einem Mißerfolg endete, woran die mangelhafte wissenschaftliche Vorbereitung der Agitation schuld sei. Es wick der Auftrag .erteilt, die Propaganda unier freiem Himmel einzustellen und di« Ausklärungslätigkeil auf ' ernste Diskussionen über religiöse Tbemen in geschlossenen PavtvMubS m fefötättfett. Politische Resolutionen. gebilde geführt haben, die einem JusaimenMnß ai föderativer Grundlage zustrebm, hält eS das A. C. sl notwendig, neuerlich frstzustelleu, daß es die Aufgaj und der Wille des jüdischen Volkes ist, an der W red ei ausrrchtung des näheren Orients tz friedliLer Zusammenarbeit mit alle dort wohnenden Völkern tätigen Antel zu nehmen." x Das A. C. gibt der sicheren ■ Erwartung Äusdm daß bei allen Verträgen und Maßnahmen, die das G biet des näheren Orrmts betreffen, die volle Int; grität -des Palästina-Mandats garai tiert und die besondere Stellung P« lästrnas als des Landes der jüdische nationalen Heimstätte erkannt wick." „Das A. C. erwartet von der Exekutive, daß si: ( diesem wichtigen Zeitabschnitt mit besonderer Ausmer samkeit und Energie die Interessen der nationale Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina vertretr wird." „Das A. C. gibt der Erwartung Ausdruck, daß cck mit der Neuordnung im Orient zusammenhängende Maßnahmen, die die wirtschaftliche Entwicklung Pi lästinas oder die Interessen, der nationalen jüdische Heimstätte direkt oder indirekt berühren, vor ihre Inkraftsetzung gemäß 'bwt Bestimmungen di Mandats mit der Zionistischen Organisation al Jewish -Agency erörtert wecken." „Nach Anhörung der Berichte der Exekutive sowie d» Berichte aus Palästina, stellt das A. C. fest: Eine Reil berechtigter Forderumgen und Beschwer den der jüdischen Bevölkerung Palästinas, welche d» britischen Regierung uud der palästinensischein Vevwaltup durch die Zionistische Exekutive unterbreitet worden sinl haben bis jetzt keine befriedigende Erleb! g u n g gefunden. Das A. C. erneuert daher seine Ford» rung, daß die Exekutive energische Schritte unter nimmt, um bei allen in Frage kommenden Instanzen dj Regelung der erwähnten Forderungen und Bch'chwecken z erlangen." Die Sitzung dauerte bis 3 Uhr nachmittags. Mt de Beschlußfassung über die vorgÄeyten Resolutionen wo das Arbeitsprogramm des A. C. vollendet. Präsident D C h a p -r s schloß mit Dankesworten an die Evschrsnens die Tagung: mmmmmmmmmammmmmmmmmmmmmaammmmmmmmmmmmm Sie Kompetenten. Eine Nockau-Anekdote. In einer Bialystokev Zeitung erzählt der alte zionistisch Vorkämpfer Litmann Rossnthail eine töfMche Nockctt Anekdote, die wir unseren Lesern nicht vorenthaltMwollen ,Dei einer vmr Rockau einbevusenen Besprechung de alten Herzlianer," erzählt Rosenthal, „lud uns Rockau zur Fünfuhrtee in seine Wohnung, wo wir in der Gesellschaft ei« Anzahl interessanter Personen fanden, darunter auch Pro» Basch, den Vizepräföden-ten der ,^Lvga fttr Menschenrechts den Rockau für den Zionismus gewonnen hatte. Das Ge sprach kam atlf Lombroso, den? bekannten Psychiater, uni seine Bezichungen zu Rockau. Da warf Prof. Basch lächeln ein: ,Me die persöMche Bekannischaft Rockaus und Lom bvoisos begonnen hat, darüber gibt es eine sehrergötzliche Ge schichte, die muß aber Rockau selbst evzählieu." Rockau wuck nun von der neugierigen Gesellschaft bestürmt, zu erzählen und begann lächelnd: ,Mrs ich jetzt erzÄhke, geschah schon vor langer Zeit noch vor Vom ersten ZioNistenkongreß, noch bevor mich Hers zu einern treuen Juden gemacht hatte. Lombroso und it standen in sehr herzlichen brieflichen Beziehunigen, ohne jedot einander persönlich zu kennen-. Da erhielt ich eines Tages herzliche Einladung von- Lombroso, ich möge in Palermo sei» Gast sein. Ich nahm mit Vergnügen an und wurde von Loni broso und seiner Familie warm ansgenommen. Beim Mittag essen in seiner Villa sagte rnir der Ge'lehrte, einige italienisch Künstler und Gelehrte hätten den Wunsch ausgedrückt, mit kennen zu lernen. Mr -war dies sehr arrgsnehm, da es mtif sehr inter-esiievte, einige Träger der modernen italienische Literatur kennen zu lernen. Lombroso lud die Herren zir eine« Mittagessen e>>!n; unter ihnen befand sich der Chefvedakteuv dg „Corriere della Serra", der Direktor der Mailänder Svalq der Rektor der Turiner Universität und andere Golchvt» Staatsmänner, Künstler und Finanziers. Ich macht-e die Be kanntfchaft der Herren und nach dom Diner plauderten wii iim KafseeginMer. Im Gespräch kam man plötzlich auf jüdisch Psychologie, .wie aus die Iudonsrage im allgemeinen. Lom broso eniwiMte, wie gewöhnlich, in geistvoller Weiise sein« Sta-ndpuM. Einige widersprachen u-nd allmühMch wurde dii Situation sehr hitzig, zumäl jeder der Anwesenden sehr oifvii und tempemmentwoll seinen StandpuM verteMgte. In der Hitze des Gefechtes wandte ich mich an LoM broso mit folgenden Worten: . ,^Jch glaübe in der Frage kompetenter zw fein als SN da ich fefßöft Jude >bm." ,/Das beweist nichts, denn ich bin auch Jude!" — 6t kam ich von Lombroso zur Antwort. Wir waren beide, höchf überrascht, da keiner von uns gewußt hatte, daß der oritotf Jude fei. t Der Direktor der Mailänder Scala, wAcher.wähvevj der ganzen DiÄussi-on seine Meinung mit dom heißMen! liensichen Temperament' verteidigt hatte, warf Ma "