Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1557 (14.6.1923)
- Date
- 1923-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzeitung._ &. 'qmtrraagr Irr ertrag der Mllerbundauleihe — 5 Mlionen 240 Milliarden Kronen. afr 1557 Wien, Don-nersüag «r. IM Sir Samuel in Sicherheit. Jerusalem, 16. Juni. (Reuter.) Oberkommissär Sir Herbert Samuel befindet sich in Sicherheit und wird heute ln Haifa erwartet. Einer der bei dem Ueberfall verwundeten Gendarmen ist gestorben, wodurch sich die Zahl der Toten auf vier erhöht. Sie nächste VSNerbundratrfeffion. Genf, 19. fJkmv. Die nächste Session >des Bölkevbmtdvates wich am 29. Juni in Gens unter 'dem Vorsitz des italieiischen Vertreters Salan-dra ihren Anfang nchmen. Re Rutzrfrage. Englands Haltung. London, 16. Juni. Außenminister Eurzon legte heute vormittags im Kabinettsrat die Haltung der Alliierten gegenüber den Schlwievigjkeiten der Frage der Ruhrbosetzung dar. Es wird der Ansicht Ausdruck gegÄben, daß heute noch keine Entscheidung werde getroffen werden. Der diplomatische Meinungsaustausch könne noch einige Tage in Anspruch nehmen und eirre ErAaramg Wer die britische Politik könne wegen der notwendigen weiteren Informationen nicht vor Anfang der nächsten Woche echökgen. Eine offiziöse Regievungsuote erklärt, es sei nicht von Frankreich verlangt worden, daß es seine Politik ändere. Die britische Regierung mache, wie verlautet, alle Anstrengungen, um die Uebereinstimanung der Ansichten über di« Vorgan'gAveise der Mierten sicherzustellen. Italien will an der Lösung Mitarbeiten. Rom, 13. Juni. Jim „Popolo d'Ftalia" sowie in einem offiziösen Artikel der „Triwmw" wird ausgeführt, England und Italien hätten das Recht, in der Ruhrfrage mrtzureden. England -reklamiere jetzt dieses Recht gegen die französische Politik des schlechten Gewissens und politischen Ziele. Auch Italien müsse deshalb aus seiner Neutralität heraustreten und gleich Eng-and fordern/ in die Ruhrfrage Ein-' blick zu nchmen und im Interesse der Gefamtwirtfchaft Europas mitzureden. Belgien über das deutsche Memorandum. Brüssel, 16. Juni. -Davas.) In der Kammer erklärte der Minister des Aeußern Jaspar, Deutschland müsse alles -viedergutmachen. Wir können, ffagte der Minister, gegenüber einem Gegner schlechten Willens an die Leiden, die wir durchmachen mußten, nicht vergessen. Wir haben Deutschland bisher nicht dazu'gebracht, daß es die Notwendigkeiten von Reparationen anerkenne. Indem wir das Ruhrgebiet besetzten, haben wir das einzige Mittel angewendet, das auf Deutschland wirken kann. Wir werden das Ruhr gebt et erst verlassen, bis die Reparationen gezahlt sind. Die Ruhrbesetzung ist bloß ein Mittel, Deutschland zum Zahle» zu bringen, aber nicht ein Mittel der militärischen Verteidigung. Wir wiederholen: Wir werden mit Deutschland verhandeln, sobald es den Widerstand ausgegeben haben wird. Wir werden trachten, eine Annäherung zwischen den, Großmächten herbeizuführen. Das zweite Memorandum Deutschlands ist unannehmbar. Indes ist es wünschenswert, daß eine Kollektivnote an Deutschland gerichtet werde. Wenn wir dies zustande bringeil, werden wir die Einheitsfront wieder hergestellt haben, ohne die die Reparationsfrage nicht gelöst werden wird. ' Die internationale Friedensgesellschast diskutiert die Ruhrfrage. London, 19. Juni. Auf der in der Londoner Gnidhall gestern «ajbgchaltenen Jahresversammlung der internationalen Friedensgesellschaft bildete die Ruhrfrage das Hauptthema der Erörterungen. Es wurde nachdrücklich für die Schaffung eines internationalen Tribunals zur Regelung der Differenzen Mischen Frankreich und Deutschland eingetreten. Lord Pau no or nannte die Ruhr frage eine Weltfrage. Der'Arbeiterführer Heuderson erklärt, wenn die Reparationsfrcrge nicht durch Verhandlungen gelöst werden Eöronc, fo müsse sie durch ein Schiedsgericht geregelt werden. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß das nette Angebot Deutschlands die britische Regierung veranlassen werde, sich keinen Forderungen anzuMiehen, die die volle Kapitulation Deutschlands vor der Einleitung von VevhaMmlgen verlangten. Die Berichterstattung -er Agenee Havas. Das Londoner AuÄvürtige Amt hat den von der Ageuce Havas gestern verbreiteten Meldungen über ein Eingehen Englands auf . die fmnzösischen Pläne ein energisches Dementi entgegengesetzt und dem französischen Botschafter in London mitgeteilt, -daß die in der ftanzüsiischon Pveffe Wer die Montag abgehaltenen Beratungen des engrlischen Kabinetts erschienen Berichte reine Erfindung seien. Es sei keinerlei die Politik Großbritanniens betreffende endgültige E n ts ch e i d u n g getvvffen worden und alle I n f o r m at i o n e n A b er Forde r u n g e u, die die britische Regierung sormulieve, seien unbegründet. Der zweite Tag der Agrmdebatte im Nattonalrat war wieder erfüllt von wüstem Gezänk« der Christlichsozialen und Sozialdemokraten. Es setzte grobe Beschimpfungen mtib zeitweise schien es, als ob sich die Schreier von rechts und links buchstäblich in die Haare fahren wollten. Sachlich stand die Debatte auf einem sehr niedrigen Niveau, da es das Bestreben der Parteien war, sich billige Schlager für die bevorstehende Wahlkampagne zu schaffen. Die Wechselnde wurde durch - eine Erklärung des Finangimnisters Dr. Kienböck unterbrochen, der nähere Mitteilui.gen über 'den Gesamtertrag und die Bedingungen der Bölkerbundanleihe machte. Der Ghristlichsoziale Geisler bezichtigte den sotzialdemoikratischen Bauernfnhrer Viehauser, daß er seinen Einleger, einen Halbidioten, vor seinen Schlitten spanne und sich von ihm zur Bqhn führen lasse. Der Ehrisülichsoziale G r über verlangte für die Bauern eine praktische Bildung, aber man Müsse sich hüten, auf dem Lande ein geistiges Proletariat heran,zuzichen; seine Partei wolle nicht, daß die Leute so viel lesen, daß sie darüber das Arbeiten vergessen. Mg. Eidersch polemisiert gegen die vom Minister Buchinger angeführten Ziffern über das Verhältnis zwischen Getreide- Md Brotpreis. Es sei ganz falsch, die Kurse des Brotgetreides mit dem Brotlpreis zu vergleichen, da für den Broterzeuger nicht der Getreidepreis, sondern der Mehrpreis maßgebend ist. Dem Ackerbanminister war eine Zeitlang — so bemerkte Eldersch die Brotpreiserhöhung unangenehm, iveil er die Genfer Mion dadurch nicht schädigen wollte, darum hat er uns das Anbot der Lieferung von billigem 'Mehl aus alten Beständen der Kriegsigetreideanstalt gemacht. Das Mehl war aber nach dem Gutachten der staatlichen Unterfuchunigsstelle minderwertig und für den menschlichen Genuß nicht geeignet. Eines ist sicher, daß wir von den Sukzession sst a a t e n das Getreide unter allen Unnstänten billiger bekommen, als von den österreichischen Produzenten. Wenn Mg. Haneis gesagt hat, man höre, daß die Hammerbrotitverke einen preistreiberischen Einfluß ausüben, so tveisen wir das als Verleumdung zurück. Abg. N i e d r i st forderte die SoiMdemokvaten auf, ihre guten Ratschläge für die Landwirtschaft der Gemeinde Wien zukommen zu lassen, deren landwirtschaftliche Betriebe licht gut wirtschaften. Abg. Viehauser stellte gegenüber den Anwürfen des Abg. Geisler fest, daß er sich von seinem hMidiotischen Einleger nnr deshalb ans einem ganz leichten Schlitten zur Bahn führen ließ,' weil et ein schweres Fußleiden habe. Der Mann war früher bei einem sehr religiösen Bauern und hat dort beinahe verhungern müssen. Er hat dort vor lauter Hunger das Wachs von den Kirchenstühlen und Gras gegessen. Als nun der Sozialdemokrat Wittevn>igg Zwischenrufe machte, kam es zu einem arge» Skandal. Mg. Geisler rief: .Mitternigg ist für mich Luft, er soll sich erst rernwaschen!" Schi egl und Witternigg und auf der anderen Seite die Mg. Geisler und Neuhofen gerieten in einen lebhaften Wortwechsel. Es setzte Beschimpfungen von beiden Seiten, der President versuchte Wiede chM vergMich, die Ruhe wieder herzustellen. Mg. Hol gl rief: ,/Die BovdächtigMg muß Geisler anfklären!" Der Krawall in: Saale schwoll immer mehr-an, und fast schien es, als ob die streitenden Gruppen handgemein werten wollten. Erst als sich einige besonnene Abgeordnete ins Mittel legten, trat Ruhe ein. Der Großdentsche Dr. Urs in nahm hierauf schmunzelnd die von dom SoHiMomotraten M ö r a Witz am Vortage in die Debatte hmeingotragrne -antisemitische? Note auf, er begrüßte es, daß Morawitz dagegen Stellung genommen habe, daß ein Teil des Grundbesitzes in J ud euhände gekommen sei, und gab seiner Freude Ausdruck, daß Morawitz aus seiner Jude n Gegnerschaft kein Hehl mache. Er erwarte nur, daß die Sozialdemokraten Wort halten und - i h reu Anti f e m i t i s m u s i ■* die Tat um setzen werten und daß sie nicht, wie in St. Pölten, so viele Juden eiübÜMrn und, wie vor einem Jahre, f ii n f j ü bisch e A e r z t e anstelleu. Die restliche Debatte wurde mit 'tatsächlichen Berichtigungen und der Erörterung über die Gutsbesitze des Kriegsbeschädigtenfouds ausgefüllt. Fincvltzminister Dr. Kienböck ergänzte seine in der saimstägigen Presselonferenz gemachten MittMMgen über die VMevbundanleihe durch folgende Einzelheiten: " . Abftaue« des oberschlesifchen Generalstreiks. Berlin, 13. Juni. Wie die „Morgenpost" wölbet flaut der Streik in Oberschlesien ab. Ueber die Hälfte der Belegschaften der Waggon-Hauptwerkstätte und der Eisenbahn- Lokomotivwerkstätte haben gestern d i e A r b e i t wieder a u f g e n o m w e n. Die Huluschinski-Werke nnd die Oberschlesische Eisenindustrie fordern die Arbeiterschaft durch Anschlag zur Arbeitsaufnahme auf. Andemsalls wird Mit Entlassung gedroht. ~ ' Die Bölkerbnndanlrihe ist in folgenden Abschnitten gesichert: Die österreichische Tranche beträgt 2,807.700 Pfund, die 13 Mittioiten Dollar in Pfund umgerechnet, Belgien 294.100 Pfund, die Tschecho- Slowakei 3,676.000 Pfund, Frankreich 2,069.000 Pfund. Holland 250.000 Pfund, Italien 1,905.000 Pfund, die Schweiz 972.700 Pfund, Schweden 760.000 Pfund, Bereinigte Staaten von Amerika 6,400.000 Pfund, Großbritannien 14,002.000 Pfund, zusammen Nennwert 3 2,6 2 3.6 0 0 Pfund. Bezüglich des Zinsfußes gilt, daß die Richtschnur eingehalten werden mußte und eingehalten wurde, die von dem österreichischen Kontrollkomitee aufgestellt- und genehmigt worden ist. Dresse Richtschnur ging dahin, daß die effektive Verzinsung durchschnittlich 7,75 Prozent betragen hatte. Die nominellen Zinsen betragen in Errgland, Holland, Schweiz und Schweden 6 Prozent. Mit Rücksicht auf diese niedrigen nominellen Zinsen ist natürlich der B egebungskurs niedrig. Er beträgt 80 v. H. In den Bereinigten Staaten ist die rrominette Verzinsung 7 Prozent, der Begebungskurs 90. in Oesterreich der nonrinelle Zinsfuß 7 Prozent, der Begebungskurs 9 3. respektive für die Konvertierungen 91 gewesen. In Frankreich dürfte der nomirrelle Zinsfuß wahrscheinlich 6,6 Prozent sein, der Begebungsknrs 93. Der durchschnittliche effektive Zinsfuß von 7,75 Prozent ist somit erreicht. Es kommen nun außer der: Zinsen gewiß noch S p e s e n hinzu, welche in den einzelnen Ländern nicht gleich hoch sind, K o m m i s s i o n s g e b ü h r e n. welche 1,6 bis 3 Prozent betragen, in den Vereinigten Staaten 4 Prozent. Das Haus kann versichert sein, daß wir das G ü u st i g jt e erreicht haben, was sich auf den Kapitalsmärkterl jetzt erreichen ließ. Was nun den nutzbaren Erlös der Anleihe anbelangt, so will ich den: Hause folgende Ziffern vorlegen: In Goldkronen ausgedrückt ergibt das dwminale der Völkerbundanleihe einen Gesamtbetrag von 7 45,414.000 Goldkronen. Effektiv wird der Erlös nach teu Daten, die wir besitzen, 6 0 6,2 81.0 0 0 Goldkronen sein. Es gelangen nunmehr aus dem Erll'ötse der Völkevömidanleiihe die divers e n S ch n >l d e n zur R ü ck z a h >l u n a, welche wir in sorgender Höhe gemacht haben: Der eurZsche Kredit von 2,26 Millionen Pfund samt 6 Prozent Zinscu, der französische Staatsvorischuß von 260.000 Pfund samt 6' Prozent Zinsen, 'das frantzöfische Relignat von 66,000.000 Franken, das italienische von 68,000.000 Lire, da» Ischecho-slsmakisä-e von 600,000.000 tschech. K., dann die kurz,fristi-ge Anle ihe von 8,600.000 Pfund, die wir im Februar ausgenommen hoben. Dann kommt die österreichische AnleHe, sowohl die Baukeutranche wie die PMikuinstranche von 10,7 Millionen Dollar, welche am 1. Juni d. I. fällig gswosen ist. Diese Beträge sann den Zinsen machen zusammen rund 2 8 7,0 0 0.0 0 0 G o l dkrönen aus. Wenn Sie von den 606,V1.000 Galdlroucn diese 287,000.000 Goldkronen Mrahieren, so kmnmen Sio;u einem nutzbaren Erlös von 318,221.000 Goldkronen. Dazu treten mm noch die zwei Betrüge, die wir von der Schweiz vollkommen sicher zuMisagt' bekommen haben, von 20,000.000 Goldkronen und jener Betrag, den wir von Spanien mit großer Bestinimtheit erwarte» können. Wenn Sie diesen Schweizer mrid den spanischen Betrag in der Höhe von 46,000.000 GoMwnen zu den 316M.000 Goldkronen dazuoddieren, gelangen Sie zu einem Betrag von insgesamt 3 64-221.000 Goldkronen. In Pap'icrkronen ausgedrnckt ergibt das zusammen 5 B i l I i o n e u 2 40 M i llta rde n. Der Minister.otxruittc zum Schlüsse allen an dem Zustandekonunen des Werkes beteiligten Staaten, Staatsmännern und Finanzleuten. Während die Mchrcheit diesen Teil der Rede mit Beifall anfnahm, begleiteten die Sozialdemokraten die Nennung einzelner jüdisch klingender Namen mit-höhnischen ZwischenrIlsen, wie z. B.: „Das sind lauter Juden!", ,^Uchn, wo bist du?", „Die Böllerbu ndan-leihe mit Hilfe der Juden>!" nftv. Abg. Knnschak replizierte: ,/Das sind Verlegenheits- Witze der blamierten Europäer!" Ein Antrag des Abg. Seitz, über die Erklärung des Ministers die Debatte zu eröffnen, wurde "abgelehnt, und schließlich die Budgetkapitel „Land- und Forstwirtschaft" und „Ernährung" angenommen. Abg. P a rt i k berichtete hierauf über das Kapitel „Handel" nnd Mg. Dr. Anger er über das Kapitel „Verkehrswesen". Nächste Sitzung: Heute um 11 Uhr vovmittags. ßachin wird «kcht verfolgt. Paris, 13. Juni. Der Untersuchungsrichter hat entschieden, daß kein Anlaß z»ir V e r f o l g u n g des Deputierten C ach in und der übrigtzn, ein« kommunistischen Verschwörung Beschulditen, sowie des der Anstiftung zu einem Attentat angeklagten deutschen Abgeordnete» Höllein vorliege, da die vorgebrächten Tatsachen ungenügend seien. Lelmenyiraren, Waischwaren, | Stoffe, Wäsche — sehr billig H i Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-78 En groi Rn detail